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Innere und äußere Helfer

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Gesicht einer Frau im Profil
Bild: pixelio, © Matthias Balzer

Wie Schamanismus und Psychotherapie einander ähneln können

Schamanentum, das ist doch eine uralte, archaische Praktik, während Psychotherapie eher der Moderne angehört? Winfried Picard sieht einige Parallelen zwischen diesen beiden Wegen.

»Der Schamane in uns« lautet ein bekannter Buchtitel von Paul Uccusic. [1] Er wirkt vielleicht befremdlich, doch spricht er eine natürliche Fähigkeit des Menschen an, die Kraft und Kreativität des Bewusstseins für Heilungszwecke einzusetzen. Die modernen Therapiekonzepte befassen sich allesamt mit dem Gebrauch und der Effektivität des Bewusstseins, sei es um Leidenszustände des Menschen zu erklären, sei es um Methoden der Einflussnahme auf Erkrankungen zu etablieren. Die Auseinandersetzung mit Krankheit hat schon immer besondere Anstrengungen abverlangt. Das Jahrtausende alte Schamanentum, das älteste bekannte Behandlungssystem, ist der Prototyp des Heilungsengagements.

Der Schamane sucht einen Bewusstseinszustand auf, den wir heute als »Trance« bezeichnen. In dieser setzt er sich mit den Ursachen des Leidens auseinander. Seine visionäre Fähigkeit lässt ihn den Krankheitsvorgang, seine sinnhaften Bedingungen und seine Dynamik, wahrnehmen. Mit allen Mitteln versucht er, den Ursachen der Krankheit mit seiner geistigen Kraft beizukommen. Hilfsgeister werden im schamanischen Bewusstseinszustand aktiv und bieten ihr Wissen über das jeweilige Leiden und seine Behandlung an. Sie sind »Verbündete« in der Durchführung einer Heilungsabsicht. Bei entsprechendem Auftrag übernehmen sie auch konkrete Interventionen. All dies geschieht auf einer Erfahrungsebene, die die alltägliche Wirklichkeit transzendiert. Der Fachausdruck hierfür ist »Nichtalltägliche Wirklichkeit« (NAW).

Kraft der Imagination

Wenn wir an der Theorievielfalt der heutigen Psychotherapie vorbei zum Kern unseres Verständnisses von Leiden und Gesundung kommen, passiert es womöglich von selbst, phantasiereich und naiv, aber auch ganz praktisch, dass wir wie die Schamanen unser Kranksein »behandeln«. Wir geraten in eine Vorstellungswelt, die in scheinbar kindlicher Weise, manche nennen es auch »magisch«, die Auseinandersetzung mit Krankheit sinnlich erfahrbar macht. Dies geschieht mit dem Reichtum unserer Vorstellung, in der Kraft unserer Imagination und in einer Haltung des Empfangens und Vermittelns. Für eine derartige Umsetzung von Heilungsabsichten ist unser Gehirn optimal gerüstet. [2] Wir geraten, ohne uns dessen bewusst zu sein, in den schamanischen Erlebnisraum. Falls wir dies absichtlich und gezielt tun wollten, böte sich das Konzept des »Core-Schamanismus« an. Es stammt von dem amerikanischen Ethnologen Michael Harner, einem der profundesten Kenner des traditionellen Schamanismus weltweit und ist ein auch in unserer sich aufgeklärt wähnenden Kultur nützliches Handwerkszeug für die geistige Bemühung, Hilfe gegen Leiden zu schaffen. [3] Das Kernstück dieses Konzepts ist die »schamanische Reise«. Sie führt in die »Untere Welt«, wo meist die Tiergeister, die »Krafttiere«, angetroffen werden. Oder sie bringt den Trance-Reisenden in die »Obere Welt« zu menschenähnlichen Helferwesen, den »Lehrern«. [4]

Die Verbündeten aus beiden Welten sind von Mitgefühl motiviert und »kommen« zu uns, wenn der Kontakt zu ihnen entstanden ist und sie darum gebeten werden. Ein geübter schamanischer Praktiker vermag nach ritueller Einstellung problemlos den Kontakt zu seinen Geisthelfern aufzunehmen. Bisweilen kann er mit ihnen auf begrenzte Zeit verschmelzen, was seine geistige Wirksamkeit erheblich zu steigern vermag.

Die moderne Psychotherapie, insbesondere die Psychotrauma-Behandlung und die Psychosomatik bedienen sich ähnlicher Strategien, allerdings eingebettet in jeweilige theoretische Erklärungen

Die für Krankheitsbehandlung wesentlichen schamanischen Methoden sind »Extraktion« und »Seelenrückholung«. Bei der Extraktion wird der »Fremdkörper«, der Seele oder Organismus schädigt, erkannt und (meist durch Heraussaugen) entfernt. In der Seelenrückholung wird der Teil der Seele, der durch Schock oder schwere Gewalteinwirkung verloren gegangen und nicht mehr zurückgekehrt ist, in der NAW gesucht und der betroffenen Person (meist durch Einblasen) zurückgebracht. Die moderne Psychotherapie, insbesondere die Psychotrauma-Behandlung und die Psychosomatik, bedient sich ähnlicher Strategien, allerdings eingebettet in andere theoretische Erklärungen. [5] Wie dies konkret ablaufen kann, soll eine Geschichte verdeutlichen:

Der Fall Regine

Der Platz, wo sie nun in ihrem Tagtraum sitzt, liegt an einem Bach unter einer alten Weide, die schützend ihre Äste ausbreitet.

Regine (erfundener Name), 42 Jahre alt und Mutter zweier Kinder im Schulalter, leidet an einer tiefen Depression. Sie fühlt sich völlig erschöpft. Ihr Schlaf ist massiv gestört, sie grübelt, leidet an Gefühlen von Schuld und Minderwertigkeit. Sie hat Magen-, Kopf- und Rückenschmerzen. In ihrer ersten Sitzung bei Sabine (erfundener Name), einer fünfzigjährigen Psychotherapeutin, klagt sie auch über ihren Mann, der sich nicht der Bewältigung seiner Probleme stellen würde und sich gehen lasse. Er sei unzufrieden, cholerisch, selbstmitleidig und trinke zuviel Alkohol. Dauernd seien nach seiner Meinung andere an seinem Unglück schuld. In ihrer Dreifachbelastung (Haushalt, Kinder, Berufstätigkeit und Ehemann) würde sie »kaputt« gehen, sagt sie. In der nun folgenden Psychotherapie, die bei einer Sitzung pro Woche gut zwei Jahre dauern wird, kommt häufig eine vertiefte imaginative Übung zum Einsatz. Zum ersten Mal passiert dies in der dritten Sitzung. Sabine, selbst Mutter von drei Kindern und mit einem viel beschäftigten Mann verheiratet, hat schnell erkannt, dass Regine zuerst seelische Kraft zurückgewinnen muss. Sie schlägt vor, Regine solle sich entspannen und tagträumen, und zwar von einem guten, sicheren Ort in der Natur. Wie vorgeschlagen nimmt sie einige tiefe Atemzüge und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die innere Beobachtung. Sie findet sich am Lieblingsort ihrer Kindheit wieder. Es überrascht sie, wie dies von selbst passiert. Sie ist sichtlich gerührt. Der Platz, wo sie nun in ihrem Tagtraum sitzt, liegt an einem Bach unter einer alten Weide, die schützend ihre Äste ausbreitet. Sabine ermutigt sie, den Aufenthalt an diesem Ort zu genießen und Kraft zu schöpfen.

Bäume
Bild: pixelio, © Marco Korf

Über mehrere Sitzungen kommen Regines Perfektionsdruck und ihre Schuldgefühle zur Sprache. Sabine begleitet dies mit Fragen und Hinweisen zu biographischen Hintergründen, die einen einsehbaren Zusammenhang zu Regines Leiden herstellen. Vor allem wird die Überforderung, die diese schon als Kind verinnerlicht hatte, thematisiert. So musste sie ihre drei jüngeren Geschwister beaufsichtigen, um die Mutter zu entlasten, die ihrerseits offenbar überfordert war und in ihrer Frustration und Wut unberechenbare Launen hatte und sehr verletzend sein konnte. Mit ihrem Vater hatte Regine wenig Kontakt. Er war selten zu Hause und hatte sich von der Familie getrennt, als sie sieben Jahre alt war. Gefühlsfassetten aus dem Kindes- und Mädchenalter kommen Regine zu Bewusstsein. In der Hauptsache haben sie zum Inhalt, dass sie sich kaum gut genug erlebte. Die Phantasie, dass sie ihre Mutter aus dem Unglück erretten könnte und dadurch Selbstwert erfahren würde, war fixer Bestandteil ihres inneren Leistungszwangs geworden.

Die innere Helferin

Obwohl sie sich eingesteht, dass sie große Fortschritte gemacht hat, steht sie beinahe hilflos der Rückkehr früherer Symptome gegenüber

Sabine regt zwei entscheidende imaginative Erfahrungen an, die Regine psychischen Halt geben und Distanz zu ihrer Selbstüberforderung schaffen. So soll ein helfendes Wesen auftauchen, das Schutz gibt und den Wunsch nach Selbstbewusstsein unterstützt. In der Tat kommt eine einfühlsame und zugleich stark wirkende Frauengestalt ins innere Bild, die Regine sowohl aus einem Buch als auch aus einem Film kennt und bewundert. Es fällt ihr leicht, dieser inneren Helferin zu vertrauen. Mehrfach wird sie aufgesucht. Der Kontakt zu ihr ist zuverlässig. Nun gilt die Aufmerksamkeit der aktiven Auseinandersetzung mit den Gefühlen von Schuld, Angst und Minderwertigkeit. Sie schälen sich als destruktive, giftige und als solche nimmersatte Erlebnisformen heraus, die nicht zu einem gesunden Selbst gehören können. In der Imagination zeigen sie sich als dichte, dunkle Wolke, die Regine umgarnt und in sie einzudringen sucht. Die zu Hilfe gerufene innere Helferin gibt sich kriegerisch und zieht ein Schwert. Sie zerstückelt die dunkle Masse und entfacht ein Feuer, das diese vertreibt. Doch sie kehrt zurück und nimmt die Gestalt eines drohenden Untiers an. Unter Entfachung des Feuers aber verbrennt es. Regine erlebt dies zuerst mit Erstaunen und dann mit ein wenig Triumph. An manchen Tagen fühlt sie sich nun freier und stärker als früher. So nehmen die Konflikte mit ihrem Mann zu, da er mit ihrem wachsenden Selbstbewusstsein nicht zurecht kommt. Ihre Wünsche nach Trennung versetzen sie in den Konflikt, durch mehr Selbstständigkeit die Bindung an ihn aufgeben zu können. Ängste vor Einsamkeit und Verlorenheit überkommen sie. Obwohl sie sich eingesteht, dass sie große Fortschritte gemacht hat, steht sie beinahe hilflos der Rückkehr früherer Symptome gegenüber. Sabine spürt den Druck dieser Hilflosigkeit und sieht auch sich selbst in einer Sackgasse.

Innere Bilder

In der Supervisionsgruppe mit Kollegen bittet sie um Mithilfe für ein besseres Verständnis der weiteren Therapie. Nachdem sie das Wichtigste aus dem Leben ihrer Patientin vorgetragen hat und die Kollegen ihren Gefühlseindruck geäußert haben, suchen die Teilnehmer in einer kurzen Meditation innere Bilder auf, um mehr Klarheit über Regine zu erlangen. Eine Kollegin sieht eine verzweifelte, vor Zorn bebende junge Frau. Eine andere Kollegin beobachtet ein Rosengewächs, das abgestorben scheint, aber endlich neue Triebe bekommt. Ein Kollege begegnet einem kleinen Mädchen, das ihn überaus ernst anschaut und sich nicht traut, seine Ärmchen zu heben, obwohl es so gerne auf den Arm genommen werden will. Sabine selbst trifft Regine auf dem Platz am Bach. Erst sitzt Regine traurig da. Dann blickt sie auf und lächelt, als Sabine ihr die Hand auf die Schulter legt. Die Interpretationen dieser inneren Eindrücke geben Sabine nicht nur Mut für die weitere Behandlung, sondern verdeutlichen, was in der Therapie noch zum Thema werden soll. Nämlich die machtvolle Wut, derer sich Regine bewusst werden kann, und ihr starkes Bedürfnis, sich gehalten zu fühlen. Hiermit würde Regines Vertrauen darin gefördert, dass sich ihre Lebenskraft erneuern kann. Praktisch erscheint es sinnvoll, Regine zu ihrem Kind- und Mädchen-Selbst, dessen Not und Einsamkeit zu führen, damit sie für diese Seite ihres Wesens heilsam zu sorgen vermag.

Sabine spricht in der nächsten Sitzung die seelischen Verletzungen im Kindes- und Mädchenalter an und schlägt vor, Regine möge ihr verletztes Kind-Selbst zu ihrem guten, sicheren Ort am Bach einladen

So spricht Sabine in der nächsten Sitzung die seelischen Verletzungen im Kindes- und Mädchenalter an und schlägt vor, Regine möge ihr verletztes Kind-Selbst zu ihrem guten, sicheren Ort am Bach einladen. Regine versteht sofort. Ihr verletztes Selbst erscheint als Mädchen, das voller Trauer und ganz schwach ist. Aber auch die innere Helferin ist da. Sie nimmt eine fürsorgliche Haltung ein und hält Regines Hand. Auch ein Schäferhund taucht auf, um die kleine Regine zu beschützen. Fürs Erste tröstet er sie und leckt ihr liebevoll das Gesicht. Die große Regine lacht, als sie Sabine davon erzählt. Sie nennt den Hund »Benno« und erklärt, sie hätte als Kind so gerne einen Hund gehabt. In den nächsten zehn Sitzungen wird die Einladung an die kleine Regine wiederholt. Die erwachsene Regine nimmt ihr Mädchen-Selbst in den Arm und hält es minutenlang. Einmal verschmelzen beide mit einander. Regine weint vor Rührung. Es dauert noch zwei Monate, bis Regine mit ihrem Kind-Selbst seine wichtigsten Gefühlszustände, die Einsamkeit, die Wut, die Trauer, die Angst, die Scham und Schuld geklärt hat. Im Alltag gelingt es Regine, sorgsamer auf ihr Befinden zu achten. Ihrem Mann gibt sie konfrontativ zu verstehen, dass sie mit ihm nur zusammen leben kann, wenn er sich aktiv dafür einsetzt, dass es auch ihm besser geht. Sie will nicht mehr Verantwortung für ihn übernehmen.

Schamanische Methoden in der Therapie

In dieser Geschichte zeigen sich musterhaft schamanische Handlungsstrategien. Von einem natürlichen Ort, der Schutz und Kraft vermittelt, gehen die Initiativen der Heilung aus. Zuerst wird eine machtvolle Helfergestalt, eine Verbündete, erworben. Sie ist eine »innere Helferin« und erweist sich dauerhaft als hilfreich und zuverlässig. [6] Sodann werden die Forderungen eines falschen Gewissens und überfordernden Verantwortungsideals als solche wahrgenommen und auf Distanz gebracht. Die Patientin bekommt ein Stück Kraft zur gesunden Selbstbestimmung zurück. Das Schamgefühl und die Versagensangst verlieren zusehends an Macht über das Selbst. Schließlich wird zur Erlebnissphäre der Kindheit Kontakt aufgenommen. Damals nämlich waren durch unerträgliche Angst (vor Ablehnung und Beziehungsverlust) vitale Erlebnisseiten ins seelische Abseits geraten. Sie waren für eine gesunde Selbstbestimmung und Selbstfürsorge verloren gegangen. In der Folge hatte sich Regines Persönlichkeit nur mit dem Grundgefühl entwickeln können, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung sei. Um dies zu kompensieren, hatte sie sich ein opfervolles Bemühtsein zugelegt, von dem das Selbstbild vollständig abhing. Es war ein fremdes und falsches Ideal. Durch die Begegnung mit dem »inneren Kind« konnte der Weg zur Zusammenführung der erwachsenen Identität mit der verlorenen Erlebniswelt aus der Kindheit beschritten werden.

Die innere Auseinandersetzung mit dem falschen Selbstideal und dessen Entmachtung ähnelt der schamanischen Extraktion, mit der ein »Eindringling« aus der betroffenen Person entfernt wird

Die innere Auseinandersetzung mit dem falschen Selbstideal und dessen Entmachtung ähnelt der schamanischen Extraktion, mit der ein »Eindringling«, ein »Fremdkörper«, der Seele und Organismus krank macht, aus der betroffenen Person entfernt wird. In der therapeutischen Fachsprache wird der Fremdkörper »Introjekt« genannt. Der Vorgang der psychischen Besetzung durch eine Traumatisierung und ihre Folgen heißt »Intrusion«. [7] Psychotherapeutisch wie schamanisch wird also wahrgenommen, dass etwas Schädliches in die Person eingedrungen ist, diese krank macht und im Dienst der Heilung entmachtet bzw. entfernt werden muss.

Die schamanische Seelenrückholung beabsichtigt grundsätzlich, dass lebensnotwendige Seelenkraft, die durch ein unerträgliches Ereignis verloren gegangen ist, der betroffenen Person zurückgebracht wird. [8] Die Ähnlichkeit zur psychotherapeutischen Bemühung ist ebenso überzeugend. Wenn möglich, soll die Patientin wieder lebendigen Kontakt zu jener Erfahrungssphäre bekommen, die wegen übergroßer Schmerzhaftigkeit und bedrohlichen Scham- oder Schuldgefühls verdrängt oder abgespalten war. [9] Dies wird fachlich meist »Dissoziation« genannt. Durch die erlebte Annäherung an die Gefühlswelt des Kindes hat in der obigen Geschichte eine Rückkehr verlustig gegangenen Seelenlebens stattgefunden.

Mehr als nur Diagnostik…

Im traditionellen Schamanismus gibt der Kranke die Behandlung seines Leidens in Auftrag. Der Schamane bzw. die Schamanin unternimmt die Heilungsarbeit für den Kranken. In der Psychotherapie leitet die Behandlerin ihren Patienten an, die Heilungsarbeit für sich selbst zu leisten. Die therapeutische Arbeit ist im Grunde genauso engagiert wie diejenige der alten Schamanen. Es braucht ebenso Wissen, Erfahrung und Einfühlung. Eine wirksame Psychotherapeutin setzt sich gedanklich und emotional mit dem Leiden ihrer Patientin auseinander. Dies ist oftmals viel, viel mehr als eine formale Diagnostik und Indikationsstellung, ganz zu schweigen von begleitender Bürokratie und Dokumentation. Psychotherapie führt mehr oder weniger zu Erfahrungen der mitfühlenden Behandlerin, in denen sich das Leiden der Patientin bisweilen spannungsvoll und schwer erträglich bis schmerzhaft widerspiegelt. Im Grunde ist dies eine normale menschliche Reaktion, die wir alle kennen. [10] Nur muss sie von der Therapeutin konzentriert gefühlt und beachtet werden, damit sie in den Dienst einer wirksamen Behandlung gestellt werden kann. Vereinfacht gesagt, übertreibt die Therapeutin die menschliche Fähigkeit der Einfühlung und setzt sich vertieft mit dem Leiden ihrer Patientin auseinander. Ein Ausdruck dafür ist auch die Bereitschaft Sabines, die Leidenssituation ihrer Patientin in der Imagination visionär zu sehen und zu verstehen. Sie versucht mit ihren Kollegen der Supervisionsgruppe Informationen aus dem Wissen unbewusster Quellen zu empfangen, die die Krankheit und den weiteren Heilungsweg offenbaren können. Frappierend ist hier die Ähnlichkeit zum schamanischen Vorgehen v.a. hinsichtlich der schamanischen Reise. Auch das Zusammenwirken von schamanischen Praktikern in einer Trommelgruppe im Dienste eines Behandlungsauftrags trägt ganz ähnliche Züge, wenn die Beteiligten im schamanischen Bewusstseinszustand das betreffende Leiden untersuchen.

Der Schamanismus ist uralt und offenbar wieder so jung, dass sich in ihm überdauerndes Wissen und unvergleichlich zähe Kraft vermuten lässt. Er entstammt nicht aufklärerischem, wissenschaftlichen Denken. Er widmet sich dem Beseeltsein alles Seienden. Vielleicht ist er hierdurch von bleibendem Wert für die Menschheit. Außer der Wissenschaftlichkeit und ihrer Begriffswelt sowie vielen zeitgemäßen Behandlungsformen unserer Psychotherapie gibt es einen entscheidenden Unterschied zum Schamanentum: Die Therapeuten kennen in ihrer Arbeit, zumindest offiziell, keine spirituellen Helferwesen. Dies mutet seltsam an, da die Patienten offenbar gut damit fahren, »innere Helfer« für sich einzusetzen. Ein weiterer Unterschied ist graduell gegeben: Je technischer und wissenschaftlich »evidenter« ein therapeutisches Verfahren verankert wird, desto weniger wird die Wirksamkeit des intuitiven und mitfühlenden Zugangs wertgeschätzt. Die »Tiefe« und »Weite« der seelischen Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft sind von jeher eine entscheidende Basis wirksamer Heilungsarbeit. Das schamanische Engagement ist in diesem Sinne eine wichtige Inspiration und wird es bleiben.

Von Winfried Picard

Literaturhinweise:

  1. Paul Uccusic: Der Schamane in uns. Goldmann 1996
  2. Gerald Hüther: Die Macht der inneren Bilder. Vandenhoeck & Ruprecht 2006
  3. Michael Harner: Der Weg des Schamanen. Ariston 1994
  4. Sandra Ingerman: Die schamanische Reise. Kreuzlingen/München 2004
  5. Winfried Picard: Schamanismus und Psychotherapie. Param-Verlag 2006
  6. Luise Reddemann: Imagination als heilsame Kraft. Klett-Cotta 2001
  7. Ulrich Sachsse (Hrg.): Traumazentrierte Psychotherapie. Schattauer 2004
  8. Sandra Ingerman: Auf der Suche nach der verlorenen Seele. Ariston 1998
  9. Beate Steiner, Klaus Krippner: Psychotraumatherapie. Schattauer 2006
  10. Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst. Hoffmann und Campe 2005

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Winfried Picard, Dr. rer. pol., Dipl.-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis, ist Fakultätsmitglied der Foundation for Shamanic Studies (FSS).


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