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Wir müssen sowohl unsere Außen-, wie auch unsere Innenwelt verändern

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Wir müssen sowohl unsere Außen-, wie auch unsere Innenwelt verändern
© Jam pixelio.de

Spieglein, Spieglein in der Welt

Unser gesunder Menschenverstand sollte eigentlich dafür sorgen, dass wir unsere Lebensgrundlage nicht vernichten dürfen. Eigentlich. Warum tun wir es dann trotzdem?

Vor einigen Wochen erzählte mir eine Freundin von einem Streit mit ihrer Schwiegermutter. Sie wäscht seit einigen Jahren ihre Wäsche umweltschonend mit indischen Waschnüssen. Die wachsen in Indien und werden dort geerntet, abgepackt und exportiert. Zum Beispiel nach Deutschland. Dort kann man sie in Säckchen kaufen und in einem kleinen Baumwollbeutelchen in die Wäsche legen. Und dieses rein biologische Waschmittel wäscht tatsächlich sauber.

Schwiegermutter konnte oder wollte nicht glauben, dass solche Nussschalen Wäsche sauber machen können. Sofort machte sie sich Sorgen, ob ihr Sohn denn ordentlich saubere Wäsche bekommt und verlangte, dass die Schwiegertochter doch, wie jede anständige Frau, Persil verwenden solle. Auf das Argument, dass Waschnüsse vollständig biologisch abbaubar sind, erwiderte die Schwiegermutter meiner Freundin nur: »Du allein wirst die Welt auch nicht retten können!«

Recht hat sie! Wenn meine Freundin als einziger Mensch auf der Welt auf Umweltschutz achtet, wird die Welt ganz bestimmt trotz all ihrer Bemühungen untergehen. Und ganz bestimmt wird die Welt untergehen, wenn alle so denken wie besagte Schwiegermutter! Leider wandelt die Mehrheit der Menschen lieber weiter auf den bekannten, ins Verderben führenden Wegen, anstatt sich Gedanken über Alternativen zu machen.

Selbstzerstörungsmechanismus

Warum ist das eigentlich so? Jeder Mensch weiß doch heutzutage, dass wir dringend etwas für unsere Umwelt tun müssen. Dass wir aufhören müssen, Flüsse und die Luft zu vergiften, Wälder zu roden, Tier- und Pflanzenarten auszurotten, und dass wir den Klimawandel stoppen müssen, wenn wir nicht selbst zugrunde gehen wollen. In der Geschichte der Erde sind schon oft Tierarten ausgestorben. Wir Menschen werden wahrscheinlich die ersten sein, die es schaffen, sich selbst auszurotten. Gebietet uns nicht die Vernunft, alles in unserer Macht stehende zu tun, um unsere Selbstauslöschung zu verhindern? Sollten wir als verstandesbegabte Wesen nicht schlauer sein? Wie ein Buchtitel so schön sagt – der Verstand ist ein durchtriebener Schuft. Er kann auf der einen Seite anerkennen, dass es der reine Wahnsinn ist, wie wir mit unserer Natur umgehen. Auf der anderen Seite kann er auch Gründe finden, schnellen Profit machen zu dürfen, billig einzukaufen, die bequemen, ausgetretenen Pfade nicht zu verlassen. Er zieht Argumente aus dem Ärmel wie: »Ich allein kann eh nichts ausrichten«, »Die anderen sind noch viel größere Umweltsünder als ich«, »Der Klimawandel ist eine Erfindung der Lobby der Automobil-Gegner« oder »Wenn wir kein weiteres Wirtschaftswachstum produzieren, werden uns China und Indien noch überholen«. Auf den Verstand allein, so nützlich er manchmal auch sein mag, können wir uns also nicht verlassen. Worauf dann? Auf das Gefühl? Auch nicht, denn wie oft steigern wir uns in Zorn, Hass, Ärger hinein und wundern uns später, was uns da geritten hat. Zurück zu der Frage: Warum sind wir eigentlich so unvernünftig? Warum gehen wir so mit der Welt um?

Die Welt – unser Spiegel

Das Innere spiegelt sich im Äußeren wieder, sagt eine alte Spiri-Weisheit. Die Kulturanthropologin Christina Kessler erklärte mir das mal folgendermaßen: Die Außenwelt ist ein Spiegel unserer Innenwelt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich als Einzelwesen für das ganze Leid der Welt verantwortlich bin. Doch wir als Kollektiv sind dafür verantwortlich. Die Welt im Ganzen ist ein Spiegel des Zustandes der Seelen der Menschheit als Ganzes.

Wenn man sich die Welt so ansieht, kann es um unsere Seelen nicht allzu gut bestellt sein. Das meine ich natürlich nicht in einem christlichen Sinne à la »Wir werden alle zur Hölle fahren!« – unsere Höllen schaffen wir uns schon selber, hier auf Erden; wir zusammen, als Gesellschaft, aber auch jeder für sich.

Es ist nicht gut bestellt um unsere Psyche. Hier in den Industriegesellschaften sind sehr viele Menschen psychisch erkrankt – in Deutschland sind es rund 30 Prozent, die an einer diagnostizierten psychischen Störung leiden. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher, denn auch heute noch lassen viele psychisch Erkrankte sich nicht behandeln.

In den armen Ländern ist die Anzahl der Menschen in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung viel geringer. Liegt das daran, dass diese Menschen psychisch stabiler sind – vielleicht wegen ihrer traditionelleren oder natürlicheren Lebensweise? Ist es dort vielleicht einfach bisher noch weniger üblich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen? Oder können sich diese Menschen, auch dort, wo eine klare Diagnose vorliegt, die Behandlung einfach nicht leisten? Ich habe den Verdacht, dass wir dazu neigen, diese Länder und das Leben der Menschen dort zu idealisieren, vielleicht weil wir uns nach einem einfacheren Leben sehnen. Ein Entwicklungshelfer erzählte mir einmal, dass die Menschen in Südamerika tatsächlich kaum unter Depressionen leiden, dafür aber unter Aggressionen – für mich ein Zeichen, dass hier wie dort einiges im Argen liegt. Es scheint allerdings wahr zu sein, dass erst seit unserem Eingreifen in die »unzivilisierten, primitiven« Länder, die Gesellschaften und die Natur dort in so hohem, großenteils irreversiblen Maße, Schaden genommen haben.

Was fehlt also? Was haben wir selbst verloren und den vermeintlich »Primitiven« genommen?

Die Schamanen wissen es, die Weisen in den Religionen wissen es, und heute wissen es auch die Quantenphysiker und die Ökologen: Alles ist mit allem verbunden

Illusion der Trennung

Die Schamanen wissen es, die Weisen in den Religionen wissen es, und heute wissen es auch die Quantenphysiker und die Ökologen: Alles ist mit allem verbunden! Doch in unserem Alltagsbewusstsein sind wir gefangen in einer Illusion der Trennung. Wir sehen nicht, dass wir, wenn wir dem kleinsten Teil schaden, damit direkt oder indirekt auch allem anderen schaden, inklusive uns selbst. Gut–schlecht, hell–dunkel, Natur–Mensch; unser Denken ist bestimmt von Gegensatzpaaren, in die wir alles aufteilen.

Eine Lesart des Sündenfalls der Bibel besagt, dass die Menschen aus dem Paradies gefallen sind, als sie den Unterschied zwischen Gut und Böse erkannten. Da begannen sie, in Kategorien der Trennung zu denken und nicht mehr in denen der Verbundenheit. Die Trennung in einerseits Gott im Himmel, andererseits die Menschen auf der Erde, ist demnach nichts weiteres als ein Beispiel und eine Metapher für diese Illusion der Trennung – dafür, dass wir vergessen haben, dass alles, jeder Stein, jeder Grashalm, jedes Tier, ja wir selber göttlicher Natur sind. Und wenn wir vergessen haben, dass alles göttlich ist, wenn wir uns als getrennte Wesen ansehen, dann gehen wir natürlich mit den anderen und uns selbst entsprechend um.

Wir sollten uns wieder erinnern an die Verbundenheit allen Seins, an das Göttliche in allem. Wir brauchen eine neue Spiritualität! Trotzdem fordere ich keineswegs dazu auf, alles aus dem Schamanismus unreflektiert zu übernehmen. Ich lade vielmehr dazu ein, die Essenz aufzunehmen: die Verbundenheit allen Seins, die Achtung und den Respekt vor der Natur, das Wissen um das Göttliche in allem. Damit die Welt als Spiegel unseres Inneren wieder zu einem Paradies werden kann!

Christine Höfig

Christine Höfig, Jg. 77, ist redaktionelle Leiterin der connection Schamanismus Hefte, und arbeitet auch an der Redaktion von connection Spirit und connection Tantra mit. Sie arbeitet außerdem als freie Journalistin und Redakteurin für verschiedene Zeitschriften in den Bereichen Spiritualität, Esoterik und Mittelalter.

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