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Editorial Schamanismus 4

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Der Trend zum Schamanismus

Als ich anfing, Artikel für unsere Ausgabe Schamanismus& Ökologie zu akquirieren, zeigte sich eines sehr schnell: Das Thema brennt vielen unter den Nägeln! Ich wurde geradezu überschüttet mit guten Artikeln. Es waren so viele, dass ich einige davon gar nicht im Heft unterbringen konnte. Doch so habe ich wenigstens noch Stoff für unseren Schamanismus- Newsletter im Internet und für die kommenden vier Ausgaben pro Jahr. Ja, das Thema scheint alle brennend zu interessieren. Alle? Oder nur uns am Schamanismus Interessierte? Zum Glück nicht. Al Gores Warnungen und die vieler anderer Propheten wurden gehört, Bio-Läden gibt es inzwischen in jeder Stadt, sogar für die Supermärkte gehört es längst zum Standard, auch Bio-Produkte anzubieten.Die Global Players werben mit nachhaltiger Produktion oder Spendenaktionen für Öko-Bewegungen. McDonald's hat sein Logo von rot auf grün umgestellt und will damit »ein Bekenntnis zur Umwelt« abgeben; wie umweltfreundlich dieses Unternehmen mit seinem riesigen Umsatz an Hamburgern und anderen Fleischspeisen aber tatsächlich ist, das steht auf einem anderen Blatt. Der Trend zum »Greenwashing« – zum nur geheuchelten umweltfreundlichen Verhalten – scheint jedenfalls den zum wirklich umweltfreundlichen Verhalten fast noch zu übertreffen. Aber klar: Bio und Öko sind Trend geworden. Dabei kann ich mich noch gut erinnern, wie ich als 15-jährige für meinen »Öko-Spleen« von Mitschülern belächelt wurde. Und jetzt auf einmal bin ich Trendsetter?

Auflösung der Formen

Der Trend zur Single-Gesellschaft und zu Patchwork-Familien ist auch ein Trend zur Auflösung alter Formen, teils sogar von festen Formen überhaupt. Vielen macht das Angst. Manche flüchten sich in Formen, die nicht mehr richtig passen, nur um überhaupt eine Form zu haben. Sich den Freiheiten zu stellen, die das moderne, postmoderne Leben bietet, bleibt keinem von uns erspart, und das braucht Mut.

Der Ast, auf dem wir sitzen

Bio ist vom Nischenprodukt zur Mainstreamware geworden – und das ist gut so. Obwohl es etwas spät kommt: Seit Jahrhunderten sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen, und jetzt auf einmal fällt uns auf, dass wir ja herunterfallen, wenn er durch ist. Werden wir es überhaupt noch schaffen, den angesägten Ast zu retten? Oder ist er schon so weit beschädigt, dass er früher oder später doch durchbrechen wird, auch wenn wir jetzt mit dem Sägen aufhören? Und doch sägen wir immer noch weiter: Wir roden Regenwälder, überfischen die Weltmeere, vergiften Flüsse und rotten Tierarten aus, so als würde irgendeine »Innovation« in der Wirtschaft diese Schäden morgen oder übermorgen wie von magischer Hand wiedergutmachen können. Dabei hätte man den Glauben an Magie doch eher bei »den Primitiven« vermutet… Andererseits wird der Schamanismus bei uns »Zivilisierten « immer mehr geschätzt. Im 18. Jahrhundert galt er noch als Aberglaube oder gar Geisteskrankheit. Heute nähern sich Ethnologen und Kulturanthropologen der Religiösität der Indigenen mit Respekt, und in der Heilkunst gilt er sogar vielfach als dringend benötigte Ergänzung zur seelenlosen Schulmedizin. Es scheint, als sei auch der Schamanismus dabei, im Mainstream anzukommen. Jedenfalls haben Bücher über Schamanismus Hochkonjunktur, und der Markt schamanischer Lehrer und Heilmethoden wächst und wächst. In Großbritannien wurde soeben das Druidentum als Religion anerkannt – die Medien des Mainstream berichten über solche Ereignisse immer seltener mit der sattsam bekannten Häme, viel häufiger tun sie es sachlich oder gar wohlwollend.

Die Natur ist heilig

Die vorgegebenen Antworten der Großkirchen stellen die Menschen in Europa nicht mehr zufrieden, wie die zahlreichen Kirchenaustritte seit Jahren zeigen. Viele wenden sich asiatischen Weisheitswegen zu, andere suchen und finden ihre neue spirituelle Heimat bei den Naturreligionen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Trend zu Bio, Öko und den Naturheilweisen einerseits und dem erstarkten Interesse am Schamanismus andererseits? Ich meine ja. Der Schamanismus kommt den ökologisch Bewegten entgegen, da er selber die Natur als heilig ansieht. Für wen der Himmel Vater un die Erde Mutter ist, der wird seine Eltern nicht schänden und zerstören wollen. Wer die Verbundenheit alles Lebens spürt, der weiß, dass wir letztendlich uns selber schaden, wenn wir Anderen Schaden zufügen. Insofern liefert der Schamanismus den passenden spirituellen Hintergrund zur Öko-Bewegung. Er ist Tiefenökologie in ihrer reinsten Form.

Christine Höfig, Redaktion connection Schamanismus

   
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