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Die Globalisierung des Schamanismus

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Die Globalisierung des Schamanismus
© Ayvengo und Xunantunich fotolia.com

Aus der Isolation in die Wissensgesellschaft

Schamanen mit Laptop und Handy, die per Flugzeug zur Konferenz jetten, Indigene, die ihre eigene Homepage haben – moderne Schamanen sind längst keine verschrobenen Alten mehr, die außer ihrem Dorf nichts gesehen haben. Geseko von Lüpke über Schamanismus in Zeiten der Globalisierung

Es gibt Menschen auf diesem Planeten – seit dem Anfang unserer Geschichte – die ein eigenartiges Doppelleben führen. Sie stehen nicht nur fest auf dem Boden dieser Welt, sondern sind gleichzeitig tief in einer Anderswelt verwurzelt. Steine, Federn, Rasseln, Tanz und Imagination sind ihre Werkzeuge, Rituale und Verwirrung ihre Methode, Neubeginn, Heilung und Sinngebung ihre Aufgabe. Sie pendeln zwischen Diesseits und Jenseits, sind Wanderer zwischen den Welten, Botschafter anderer Wirklichkeiten, Zaunkönige zwischen Realität und Magie. Wir kennen sie als Schamanen, Magier, Heiler, Medizinleute, Hexen, Orakel oder Zauberer. Sie scheinen nicht mehr in unsere Welt der Satelliten, der virtuellen Datenautobahnen und Mobiltelefone zu passen. Wir verstehen sie nicht – und doch faszinieren sie uns. Warum?

»Ein Schamane ist ja ein Wesen, das die Grenzen überschreiten will – jenseits des Sichtbaren, jenseits des Hörbaren, jenseits des Riechbaren und Fühlbaren«, erklärt der mongolische Tuwa-Schamane und Schriftsteller Galsan Tschinag: »Der Schamane ist der Sprecher, er ist unser Vermittlungsmann, die Brücke vom Unsichtbaren zum Sichtbaren, vom Ohnmächtigen zum Allmächtigen, von ich zum anderen ich, von mir zu allen anderen Wesen. Wir müssen jeden Tag ein Universum neu erschaffen. Und es jeden Abend, wenn wir uns zur Ruhe legen, wieder vernichten, um am nächsten Morgen es wieder neu zu erschaffen, genau wie uns selbst.«

Die einen halten den uralten Kult für eine Quelle wertvoller Einsichten in einer von der Wissenschaft entzauberten Welt. Die anderen sehen darin Hokuspokus aus der Steinzeit, skurrile Traditionen der letzten isolierten Ureinwohner, Aberglauben aus fremden Welten. Doch was ist noch »fremd« in einer Zeit, wo selbst der Stamm der vor wenigen Jahrzehnten entdeckten Yanomami-Indianer aus dem Amazonas seine eigene Homepage hat? Wer ist noch »isoliert« in einer Welt, in der per Buchung im Reisebüro nebenan fast jeder Fleck auf dem Globus besucht werden kann?

Doch was ist noch »fremd« in einer Zeit, wo selbst der Stamm der vor wenigen Jahrzehnten entdeckten Yanomami-Indianer aus dem Amazonas seine eigene Homepage hat?

Wanderer zwischen den Welten

Schamanen heute, das sind erstaunliche Nomaden zwischen Steinzeit und Moderne: Nicht selten Ritualmeister mit E-Mail-Anschluss, Magier mit Hochschuldiplom, federgeschmückte Referenten auf internationalen Tagungen, indigene Dozenten alten Wissens für westliche Heilpraktiker und Ärzte. Und auch die schamanische Welt hat sich enorm geweitet. Vorbei die Zeit, als der heilige Berg am Horizont das Ende der bekannten Welt war und nur die Symbole auf der Trance-Trommel den Kosmos darstellten. »Heute haben auch wir den Eindruck vom blauen Heimatplaneten in uns. Das ist das Vermächtnis der modernen Schamanen! Die Zeiten eines kleinen, isolierten Territoriums und kulturell beschränkter Erfahrungsräume sind vorbei. Wir sind eine globale Kultur!«, sagt Ailo Gaup, Schamane beim letzten europäischen Nomadenvolk, den Samen im Norden Skandinaviens. »Wir müssen dieses Wunder begreifen, uns darin vertiefen, immer feinere Ebenen dieses großen Geheimnisses erkennen. Denn es ist eine Zeit des Wandels.«

Wenn die globalisierte Welt ins kleinste Dorf eindringt und die traditionellen Heiler und Schamaninnen per Linienjet die Metropolen der Welt besuchen, dann müssen die Karten neu gemischt werden – auf beiden Seiten. Dann müssen die Medizinmänner und weisen Frauen aus den indigenen Kulturen dazulernen, Traditionen aufbrechen, alt und neu zusammenbringen. Dann kann der Schamanismus aber auch nicht mehr als abstruse Exotik und magisches Gegenbild zur Moderne aus unserem Leben verdrängt werden. Dann muss der moderne Mensch, statt den Schamanen pauschal zum Scharlatan, Primitiven oder Verrückten zu erklären, über die Grenzen seines logisch-rationalen Weltbildes hinausgehen.

Wurzeln des Schamanismus

Doch um zu verstehen, was da in unsere Welt einbricht und sich dabei selbst verändert, müssen wir einen Blick auf die Wurzeln des Schamanismus werfen. Das Wort Schamane kommt aus dem Tungusisch-Mandschurischen und bedeutet wörtlich »erhitzter, erregter Mensch«. Schamanen haben die Skala der Sensibilität, des Fühlens und Wahrnehmens nach oben geöffnet – in einen Bereich, den die einen »pathologisch« und die anderen »ekstatisch« oder schlicht »außergewöhnlich« nennen. Der Schamane ist derjenige, der sich in einen veränderten Bewusstseinszustand versetzt und in die Welt hinter der Welt reist. Weil er dort jenseits des Materiellen ist, sind seine Berichte aus dieser Welt voller Metaphern über Hilfsgeister, Engel und Götter, Ahnen und Naturwesen, Ahnungen und Visionen. Es ist eine Welt des direkten, ungetrennten Naturbezugs, die sich da vor uns öffnet: eine Welt voll unmittelbarer Erfahrung, außen wie innen.

Nachdem die Wissenschaft den Begriff des Schamanen zuerst nur auf die indigene Religiosität in Sibirien und der Mongolei anwendete, wurde er nach und nach auch auf andere Kulturen ausgedehnt: die Indianervölker Nord- und Südamerikas, des subarktischen Zirkels, schließlich auch auf Asien, Australien und Afrika. Weil sich die Traditionen im Einzelnen zwar stark unterscheiden, aber sich in ihren Grundzügen ähneln, spricht man heute von einem schamanischen Weltbild, das sich regional immer einzigartig ausprägt. »Alles, was mit Ritualen zu tun hat und nicht zur konventionellen Medizin gehört, ist eigentlich Schamanismus. Man gibt all diesen Methoden verschiedene Namen, aber eigentlich ist es die ‚ursprüngliche Heilkunst'«, meint der chinesische Heiler und Feng-Shui-Meister Jes Lin. »Man beobachtet die Natur und folgt ihrem Fluss, in Menschen, Wolken, Bäumen. Das ist Schamanismus – die ursprüngliche Kultur der Naturbeobachtung und die daraus entwickelten Lebensweisen.«

Dabei ist der Schamane in den indigenen Kulturen weit mehr als nur ein Heiler. In der durch und durch belebten Natur ist er der Mittler zu den Seelen der Tiere, zu den Verstorbenen und zu jener Weltseele, die jedes Individuum umschließt. Er ist es, der der Ehrfurcht vor der großen »Mutter Erde« und dem »Vater Himmel« einen rituellen Ausdruck verleiht, der die Türe öffnet in die unsichtbaren Reiche zwischen Leben und Tod. Er ist es, der unmittelbaren Zugang hat zum heiligen Zentrum allen Seins, dem großen Fluss, der »Anima Mundi«. »Weil wir Teil davon sind, ist es unser Schicksal, uns wieder mit dieser Quelle zu verbinden, dieser lebenden Seele, dem Äther, der Essenz«, sagt Don Oscar Miro-Quesada, Schamane aus dem Hochland der peruanischen Anden. »Er wird für seine Gemeinschaft zum Botengänger, zum Tor in die spirituelle Welt, wenn sie Hilfe brauchen, den Kontakt zur eigenen Kultur oder ihren Glauben verlieren oder einfach zu wenig Erfahrung haben.«

Die Globalisierung des Schamanismus
© Elen fotolia.com

Lebensbaum und Anderswelten

In den Mythen verschiedenster indigener Traditionen taucht das Bild vom dreistöckigen Lebensbaum auf, an dem der Schamane auf- und niedersteigt: die Unterwelt der Toten, der Ahnen und der Transformation, die mittlere Welt der Menschen und sichtbaren Erscheinungen, die obere Welt der Sterne, des Mondes, der Sonne und ihren Göttinnen und Göttern. Dieser alte Mythos mag heute genauso überholt sein wie die christliche Geschichte der Schöpfung in sieben Tagen. Worauf das weltumspannende, alte Weltbild aber verweist, ist eine Wirklichkeit, die viel größer ist als das, was wir gewöhnlich »Realität« nennen. Bis heute vermittelt der Schamanismus die Einsicht, dass es mehr gibt, als wir sehen und anfassen können. Und dass wir Kraft unseres Bewusstseins die Möglichkeit haben, diese verschiedenen Ebenen des Seins zu erforschen.

Die Lösungen, die die Moderne vorgibt, haben in eine das ganze Leben bedrohende ökologische, soziale und politische Krise geführt

Schamanen waren dabei immer wie ein Pol der Ruhe im Fluss ständiger Veränderungen. Sie standen für die Überlieferung des alten Wissens und erleichterten den Umgang mit Krankheiten und Krisen, indem sie dem Leben Sinn, Rückbindung und Einordnung in eine viel größere Kosmologie gaben. Sie zeigten dem Menschen, wie er als Faden im Netz des Lebens nicht nur Opfer übermächtiger Schicksalskräfte war, sondern selbst durch Ritual und Magie zum Schöpfer seines Lebens werden konnte.

Die Methoden der traditionellen Heiler, Schamanen, Sangomas und Zauberer mögen uns heute als fremd und skurril erscheinen. Die Grundfragen der menschlichen Existenz, die sie seit Urzeiten zu beantworten suchten, sind jedoch bis heute die gleichen geblieben: Leben und Tod, Krise und Wandel, Geist und Materie, Schicksal und Schöpfung, Sinn und Suche. Die Lösungen, die die Moderne vorgibt, haben in eine das ganze Leben bedrohende ökologische, soziale und politische Krise geführt. Deshalb beginnen heute immer mehr Menschen, jene zu fragen, die das alte Wissen seit jeher hüten und bewahren. Und tatsächlich kommen von Schamanen wie dem Tuwiner Galsan Tschinag Antworten, die zu denken geben: »Der Westen lässt sich ja von einer Lebensphilosophie leiten, die alles seziert. Alles – Himmel, Erde, der Leerraum und die Dinge – alles in beide Richtungen zerschnitten. Der Westen zertrennt alles. Unsere Sichtweise ist, dass wir alles, was im Universum ist – selbst die Galaxien hinter vielen Lichtjahrmillionen – zurückholen und sagen: Das sind unsere Teile. Das All, das Universum ist für uns ein großes, rundes Ganzes. Aber belebt, beseelt und begeistert mit Leben, mit Körper und mit Geist versehen. Wir sind immer bestrebt, alle Dinge in Einheit zu sehen, nicht in Trennung.«

Moderne Physik wie auch alte Traditionen verstehen die Wirklichkeit als einen interdependenten, lebendigen Prozess

Wunder des Lebens

Fast scheint es, als könnten die Träger eines alten Wissens da an etwas erinnern, von dem wir uns immer weiter entfernt haben. Denn sie setzen dem Mythos der Moderne, der die ganze Welt zur Maschine und alles Leben zu manipulierbaren Zahnrädern erklärt hat, das Bild einer Welt entgegen, die lebt, atmet und beseelt ist: eines großen Ganzen, von dem wir Teil sind. Das sind Botschaften, die wir zwar rational nur schwer erfassen können, die aber anknüpfen an unser Fühlen und Ahnen. Und die in einer Zeit, in der die moderne Technik das planetare Gleichgewicht, das Klima und die Vielfalt des Lebens gefährdet, den Weg zu einer neuen, alten Ganzheit weisen könnten. Nicht als naturwissenschaftliche Blaupause, aber als ethischen, geistigen, vielleicht auch spirituellen Gegenentwurf, der wieder eine staunende Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens wecken kann. Der über Logik und Rationalität hinausweist und deutlich macht, dass alles moderne Wissen nur einen winzigen Ausschnitt einer viel größeren Wirklichkeit darstellt. Das mag der Grund dafür sein, dass nicht nur Bücher und Filme über das alte Wissen Hochkonjunktur haben, sondern auch Grundlagenforscher wie der Quantenphysiker und alternative Nobelpreisträger Hans-Peter Dürr genau hinhört, was Schamanen und Schamaninnen zu sagen haben: »Für unsere Zivilisation brauchen wir genau diese Leute, denn wir haben diese andere Komponente verloren, weil wir die Welt irgendwann mal zur Realität erklärt haben. Wir machen eine Welt, die von uns gedacht werden kann. Und deshalb sind wir verloren, wenn wir nicht die Rückbindung haben an das, was eigentlich das Fundament ist – dann haben wir keine Zukunftschancen.«

Das ist weniger überraschend, als es klingen mag. Die neue Biologie spricht wie der archaische Schamanismus von einer fühlenden und ‚intelligenten' Natur. Moderne Kosmologie und Schamanismus verweisen auf unsere enge ‚Verwandtschaft' mit der gesamten kosmischen Evolution. Quantenphysik und Schamanismus reden in unterschiedlichen Metaphern von einem geistigen Urgrund des Universums. Moderne Physik wie auch alte Traditionen verstehen die Wirklichkeit als einen interdependenten, lebendigen Prozess, indem sich die Welt immer wieder neu erschöpft. Beide Ansätze sprechen davon, dass im Mittelpunkt nicht mehr die Welt der Teile stehen darf, sondern die Beziehungsgefüge dazwischen. Beide Denkansätze scheitern in der Vermittlung an den Hürden der linearen Logik und sprechen in Paradoxen. Beide suchen nach Formeln, in denen alles im Universum, auch alle Gegensätze, ins Gleichgewicht kommen.

Globalisierter Schamanismus

Das alte Wissen öffnet sich – zur Welt hin, aber auch füreinander. Initiativen in Amerika und Europa, Schamanen aus allen Ländern der Welt zusammenzubringen, bedeutet in der Kulturgeschichte dieser uralten isolierten Traditionen so etwas wie eine Revolution. Plötzlich können da Sangomas aus Afrika sich austauschen mit Ritualmeisterinnen aus Sibirien und überrascht feststellen, dass nicht nur ihre Ausbildung und Initiation, sondern auch ihre Wahrnehmungen und Methoden sich oft verblüffend ähneln. Man begegnet sich mit Respekt und Neugier. Man gewinnt Selbstbewusstsein. Und man lernt voneinander, wie nie zuvor, findet die traditionelle sibirische Schamanin Nadja Stepanova, in deren Heimat das alte Wissen nach achtzig Jahren Verbot eine erstaunliche Wiedergeburt feiert. »Wir haben vieles gemeinsam. Wir brauchen nur alles zu nehmen, aus jeder Tradition, was ähnlich ist und allen gleich, müssen das zusammenfassen und das in die Welt bringen. Das ist dann Weltwissen, altes Weltwissen, wir nennen es ‚Kosmogonie'. Ich glaube, eine Einheit in Vielfalt ist das Richtige.«

Das klingt danach, als könnte sich in Zukunft so etwas entwickeln wie ein kulturübergreifender Rückgriff auf das alte Heilungswissen der Menschheit, eine Art transkultureller Schamanismus. Fraglos ist: Die uralte Tradition des Schamanismus, über Jahrtausende nur als Geheimwissen bewahrt, öffnet und verändert sich. Auch die Schamanen ändern sich. Zwar gibt es ihn immer noch, den Analphabeten, der als alter Weiser irgendwo für die spirituelle Gesundheit seines Dorfes sorgt. Viel häufiger aber sind heute schon jene schamanischen Heiler und Heilerinnen, die mit einem Bein in ihren Traditionen und mit dem anderen fest in der modernen Welt stehen. Der 60-jährige peruanische Heiler Don Oscar Miro-Quesada durchlief in seiner Jugend eine 13-jährige schamanische Ausbildung und Initiation, während er zeitgleich in den USA Psychologie studierte. Für ihn kein Widerspruch, sondern eine zeitgemäße Reaktion. »Es geht nicht um Gleichmacherei oder Hegemonie. Es geht darum, den Menschen verschiedene traditionelle Wege anzubieten für etwas, was die großen religiösen Einrichtungen heute nicht mehr bieten! Wenn wir keine Möglichkeit finden, sie auf irgendeine Weise wieder mit dem Heiligen zu verbinden, dann wird dieser Planet nicht überleben. Und dafür kenne ich keinen besseren Weg, als die Natur verehrenden Wege der schamanischen Traditionen. Dafür brauchen wir schlicht alles, was da ist!«

Geseko von Lüpke

Literatur

Geseko von Lüpke: Altes Wissen für eine neue Zeit. Gespräche mit Heilern und Schamanen des 21.Jahrhunderts. Kösel-Verlag 2008
Ailo Gaup: The shamanic zone, Three Bears-Verlag 2005
Franz-Theo Gottwald und Christian Rätsch: Schamanische Wissenschaften. Ökologie, Naturwissenschaft und Kunst. Diederichs-Verlag 1998

Dr. rer. pol. Geseko von Lüpke, Jg. 58, studierte Politologie und Ethnologie, ist renommierter Journalist in Rundfunk und Printmedien sowie Autor zahlreicher Buchpublikationen – u.a. für Themen im Bereich Kultur, Naturwissenschaft, nachhaltige Zukunftsgestaltung, ökologische Ethik, Schamanismus, Spiritualität. 2008 erschien im Kösel-Verlag »Altes Wissen für eine neue Zeit«, für das von Lüpke Schamanen aus verschiedenen Kulturen interviewte.

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