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Joseph Beuys

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Joseph Beuys
Joseph Beuys Collage: Puttkamer

Grenzgänger zwischen etablierter Kunstwelt und andersweltlichen Ritualen

Joseph Beuys ist bekannt für seine verwirrenden Kunstwerke, wie die berühmte Fettecke, die versehentlich von der Putzfrau der Galerie entfernt wurde. Christina Kessler über den großen Provokateur und seine Verbindung zum Schamanismus

Ein Schamane der Neuzeit war Joseph Beuys (1921–1986), »der Mann mit dem Filzhut«. Beuys war nicht nur Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Kunsttheoretiker und Pädagoge, sondern außerdem ein sozial- und kulturpolitischer Revolutionär. Er gilt weltweit als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg stürzte er während eines Einsatzes als Kampfflieger über der Krim ab, erlitt einen Schädelbasisbruch, mehrere Knochenbrüche sowie ein Absturztrauma und entging wie durch ein Wunder nur knapp dem Tod. Der schwer Verwundete wurde von Schamanen aufgefunden und gesund gepflegt: sie rieben ihn mit Talg ein und hüllten ihn in Filz. Diese Erfahrung prägte seine Kunst: Filz und Fett wurden neben Wachs und Kupfer seine zentralen Materialien. Der Hut, sein unverkennbares Markenzeichen, überdeckte die nach seinem Unfall eingesetzte Silberplatte in der Schädeldecke. Eine typische Berufung, die ihn in der Folge zum modernen Stadtschamanen werden ließ. Er selbst stellte sich in Beziehung zum Schamanismus und suchte nach einem – den Schamanen zugesprochenen – »Ausgleich aller menschlichen Erkenntniskräfte«.

Schamanismus, Alchemie, Magie...

Das künstlerische Werk stand bei Joseph Beuys stets in Wechselbeziehung zwischen Mythos und Realität. Wie kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts integrierte er längst vergangene kulturelle Traditionen und mythische Vorstellungswelten in das moderne, naturwissenschaftlich und erkenntnistheoretisch geprägte Denken der Gegenwart. Die geheimnisvolle Ausstrahlung seiner Exponate rührt nicht zuletzt daher, dass verloren geglaubte Wissensgebiete wie Schamanismus, Alchemie, Magie, Kosmologie, Animismus, Naturheilkunde und Naturmythos in sein künstlerisches Schaffen Einzug hielten und fixer Bestandteil seines Denkens und Handelns waren. Im umfangreichen Beuys'schen Œuvre begegnen wir ständig spirituellen Ritualen und schamanistischen Praktiken. Erst durch das Einbeziehen dieser Rituale wird laut Beuys ein Prozess der geistigen Erneuerung von Individuum und Gesellschaft möglich. Eine Skulptur war für Beuys mehr als eine dreidimensionale Arbeit. Vielmehr sah er sie als eine Kräftekonstellation, die sich zusammensetzt aus einem kristallinen Formprinzip und einem vermittelnden Bewegungsprinzip. Diese beiden Kräfte waren für ihn »überräumliche plastische Prinzipien« und damit in der Lage, den jeweiligen Pol in sein Gegenteil zu transformieren. Beuys setzte sich in seinem umfangreichen Werk mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie auseinander und kam zu der Erkenntnis, dass sich die Begriffe Kunst, Wissenschaft und Politik im Denken des Abendlandes jeweils als Gegensätze gegenüberstehen und dass es notwendig ist, nach einer Auflösung dieser Polarisierung zu suchen.

Die soziale Plastik

Wenn ich nirgendwo mehr Antworten finde, beginne ich zu tanzen und zu singen. Interessanterweise ist es vor allem das am meisten beschädigte meiner Heilwerkzeuge – die Stimme – das mich am weitesten trägt. Ich besinge meine Wunden, gebe meinen Fragen ein Lied, öffne mir mit den Tönen neue Räume. Und weil ich aus Bayern komme, habe ich mir das Jodeln wieder angeeignet und die schamanischen Gesänge der Alpen gefunden. Im schamanischen Tanz oder Gesang lassen sich die Türen wieder öffnen. Es ist, als ob brackigem Wasser Frischwasser zufließt oder ein fast ausgegangenes Feuer angefacht wird, damit es nährt, wärmt, transformiert. Kunst heilt, wenn sie einen authentischen, freien Ausdruck findet. Kunst ist eine Wissenschaft des Heilens. Sie versteht es, in einem rituellen Akt ganzheitlich zu transformieren. Das kreative Potenzial entdecken bedeutet, die inneren Ressourcen zu nützen, die Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. In Bildern, Klängen, Tänzen kann sich das tiefste Wesen ausdrücken und Freiheit erfahren. Wenn wir die Schöpfungskraft locken und der Kreativität im magischen Ritual Ausdruck verleihen, wenn wir in tiefster Eigenmacht unsere Wirklichkeit gestalten, dann wird das automatisch auch eine Heilarbeit sein.

Vorabdruck aus Christina Kessler: Wilder Geist, wildes Herz – Kompass in stürmischen Zeiten. Kamphausen 2011, 17,95 €

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Aus dem Heft connection Schamanismus 5

   
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