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Manngeburt, Archetypen und Kunst

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Manngeburt, Archetypen und Kunst
Foto: Stefan Wolff

Die Kunst, ein Mann zu sein

Wann ist ein Mann ein Mann? Die Frau hat sich emanzipiert, und der Mann? Der weiß heutzutage oft nicht, wo er steht. Während sich Frauen in den 70ern schon in Frauengruppen trafen, gibt es enstprechende Männergruppen, in denen Männer unter sich über's Mannsein reden können, erst seit den 90er Jahren, und noch immer sind es nicht sehr viele. Stefan Wolff schildert, wie Schwitzhütten, Archetypen und Mandalas zur Selbstfindung der Männer beitragen können

Die Männer waren die ganze Nacht mit Asche verschmiertem Gesicht und vollständig schwarz gekleidet, jeder für sich allein, fastend durch die Dunkelheit gewandert. Jetzt um 4.30 Uhr stehen sie schweigend um das Schwitzhüttenfeuer. Spannung liegt in der Luft. Lang vergrabene Gefühle kochen dampfend in ihren Bäuchen und Herzen und sehnen sich nach Ausdruck. Als würde das äußere Feuer ihr inneres Seelenfeuer spiegeln, leuchten ihre Augen, die wie glitzernde Kugeln in schwarzen Fratzen funkeln. Es fühlt sich an, als befände sich ein riesiger Vulkan kurz vorm Ausbruch. Die Stille wird nur durch das Prasseln des Schwitzhüttenfeuers durchbrochen, und doch ist es, als wisperten tausende Stimmen im Chor. Als erzählten sie von unausgesprochenen Schmerzen, von nicht gelebten Leidenschaften, von einsamen heulenden Wölfen in der Nacht.

Die Schwitzhütte

Der Bogen scheint zum Bersten gespannt. Endlich ist das Feuer soweit heruntergebrannt, dass wir die glühenden Steine mit der Mistgabel herausholen können und ins dunkle Loch der Schwitzhütte tragen. Immer noch schweigend entkleidet sich einer nach dem anderen und verschwindet kriechend im Mutterbauch von Mama Schwitzhütte. Im Kreis um das Steineloch, mehr kauernd als sitzend, erwarten wir nun die glühend roten Steinbrocken. In der Dunkelheit sieht jeder Einzelne aus, als wäre er selbst glühende Lava.

Die Tür wird geschlossen und in der stockfinsteren Enge verbreiten die roten Steingesichter ihre Hitze. Als auch noch Wasser über diese steinernen Fratzen gegossen wird, wird das leuchtende Steinmonsterlicht mit einem Schlag ausgeknipst, und eine schier unerträgliche, dampfende Hitze breitet sich aus. Der Wasserdampf nimmt einem den Atem, es ist wie ein Faustschlag in den Magen. Die Haut fühlt ich an, als würde sie jeden Moment in Fetzen vom Körper platzen. Das ist der Augenblick, wo der Pfeil vom Bogen gelassen wird und sich die Anspannung der Männer entladen darf. Ein ohrenbetäubendes Gebrüll, Geschrei, Gejammere, Gestöhne und Geächze lässt die höchstens 1,5 Meter hohe und zwei Meter breite Schwitzhütte erbeben. Zwölf Männer entlassen über Jahre angestaute Gefühle von Schmerz, Wut, Angst, Frust und Trauer. Sie brüllen ihre Unzulänglichkeiten, Wunden und Verletzungen in den stockfinsteren Raum und heizen dadurch die heißen Steine noch zusätzlich an.

Je heißer es wird, desto mehr Entladung geschieht, und so öffnet sich allmählich ein bis dahin noch nicht gekannter Raum. Gefühle von Raum- und Zeitlosigkeit machen sich breit, und immer dann, wenn es scheint als wäre es nicht mehr auszuhalten, weitet sich wieder etwas und eine neue, größere Welle der Entäußerung und Befreiung schwappt durch die Schwitzhütte und weit über sie hinaus in die Unendlichkeit. Wie Surfer auf einer gigantischen Welle reiten wir auf unseren Schwächen, Ängsten und Nöten der Vergangenheit und Gegenwart.

Eine enorme Kraft, Weite und Größe macht sich breit und lässt uns im tiefsten Inneren spüren, dass wir viel, viel mehr sind als die Summe dieser einzelnen Individuen hier in diesem Raum. Tränen verwandeln sich in Ströme der Leichtigkeit, Wutschreie werden zu Gesängen der Leidenschaft, und Geschichten von Verrat, Misshandlungen und Einsamkeit werden zur Quelle von Gemeinsamkeit und des Erlebens von großer, tiefer Verbundenheit wiedergefundener, wilder Männerherzen.

Der Morgen danach

Endlich ist es an der Zeit, die Tür dieses Brutkastens zu öffnen. Hinter dem Hügel geht gerade die Sonne auf und scheint direkt in das Loch unserer kleinen Schwitzhütte.

Direkt vor unseren Augen grasen zwei Schimmelstuten im taufrischen Morgengras. Von der neu gewonnenen Kraft zum Leben erweckt, packt einige der verzärtelten Großstadtmänner der Übermut und sie versuchen die Stuten, nackt wie sie sind und ohne Sattel und Saumzeug, zu reiten. Zwei werden nach relativ kurzer Zeit wieder abgeworfen. Einem gelingt es auf einer der Stuten, nackt wie Gott ihn schuf, der Sonne entgegenzureiten – ein Bild wie von einem Kitschmaler erschaffen.

Was hier in meiner Schilderung so abgedreht, so nach Wildwestromantik klingt, ist nichts weiter als der Versuch, nacherlebbar zu machen, wie es war. Wie es sich anfühlt, wenn Männer mit ihren männlichen Urkräften in Berührung kommen. Die beteiligten Männer waren zivilisierte, in unserer Gesellschaft etablierte Großstadtmenschen auf der Suche nach mehr Fülle, Sinn und Lebendigkeit in ihrem Leben. Ihre Suche hat sie für neun Monate in dem Seminar »Manngeburt – eine moderne Männerinitiation« zusammengeführt. Die zentralen Elemente dieser Initiation ins Mann-sein sind dabei: Visionssuche, Schwitzhütte, Naturritual und die intensive Auseinandersetzung mit den Archetypen (Urkräften) des Mannes. Dazu etwas mehr zum Begriff Archetyp und seiner Bedeutung in der Mannwerdung.

Manngeburt, Archetypen und Kunst
Foto: Stefan Wolff

Die Wucht der Archetypen

Archetypen sind Urkräfte, die in jedem Mann schlummern und nur darauf warten, zum Leben erweckt zu werden. Es sind Kräfte, die universell in jedem von uns wirken und uns auf dieser Ebene miteinander verbinden. Sind wir bewusst und konstruktiv in Kontakt mit den männlichen Archetypen, dann fließen uns Kraft, Wissen und Weisheit zu, in einem Maß, wie die meisten von uns sich das gar nicht vorstellen können. Die wesentlichen Archetypen des Mannes sind: Liebhaber, Magier, König, Krieger. Sind wir mit diesen Vieren in Kontakt und können sie im Gleichgewicht halten, dann sind wir voll und ganz in unserer männlichen Kraft. Wir können zupacken und entscheiden, zugleich sind wir mitfühlend, sanft und in tiefer Verbundenheit mit unseren Mitmenschen. Unser Geist und unser Intellekt arbeiten weitsichtig und klar, und wir sind im Herzen verbunden mit dem Großen Ganzen, das uns und die Welt trägt. Leider haben wir auf dem Weg zur zivilisierten Gesellschaft und durch Erziehung und Konditionierungen häufig den Kontakt zu dieser immer sprudelnden Archetypenkraft verloren. Was dann geschieht, ist, dass diese Kräfte dennoch in uns wirken, aber in ihrer Schattenausprägung. Sehr viel von dem Leid in unserer Welt wird durch solche Schattenkräfte verursacht. Hier ein paar Beispiele:

Es ist an der Zeit, dass wir Männer uns wieder mit den Quellen unseres Mannseins verbinden

...und ihrer Schatten

Die Umweltverschmutzung und gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten sind Schattenaspekte des Magiers. Die Finanzkrise und ihre weitreichenden, verheerenden Folgen sind das Ergebnis einer fehlgeleiteten Königskraft. Die Kriege dieser Welt, der Sadismus, der sich in Kinderpornographie, sexuellem Missbrauch und in Amokläufen junger Männer zeigt, sind die Schattenausprägung des Kriegers. Alle Arten von Süchten wie Drogensucht, Sex-, Alkohol-, Tabletten-, Spiel- und Nikotinsucht sind der sichtbar gewordene Schatten-Liebhaber.

Die Archetypen wirken nämlich in beide Richtungen, und zwar in ihrer ganzen Wucht, je nachdem, mit wie viel Bewusstsein wir sie in unser Leben integriert haben.

Ein Chirurg, der das Aggressionspotenzial des Kriegers in seine heilende Tätigkeit kanalisiert hat, wirkt damit zum Wohle der Menschheit. Dieselbe Kraft kann sich aber auch in einem Amoklauf entladen und so in kürzester Zeit viele Leben auslöschen.

Die Kraft, die dahinter steckt, ist neutral. In ihrer Wirkung aber kann sie konstruktiv oder destruktiv sein. Nur durch das Ausmaß, wie sehr ein Mann sich ihrer bewusst ist und wie weit er sie in sich integriert hat, kann er diese Kraft steuern und verantwortungsvoll damit umgehen.

Es hilft also nichts, wenn wir so tun, als gäbe es diese Kräfte nicht. Dann werden sie uns nur umso heftiger durch ihren Schattenaspekt beweisen, dass es sie sehr wohl gibt und dass sie Herrscher über uns sind und nicht umgekehrt. Das Ziel sollte allerdings sein, dass wir Herrscher über sie werden und sie in uns integrieren, damit wir sie je nach Anforderung in unseren Dienst stellen können. Es ist an der Zeit, dass wir Männer uns wieder mit den Quellen unseres Mannseins verbinden, um die Archtypen-Kräfte zu unserem Wohl und zum Wohle aller in die Welt zu tragen. Dafür sind sie nämlich da.

Sind wir bewusst und konstruktiv in Kontakt mit den männlichen Archetypen, dann fließen uns Kraft, Wissen und Weisheit zu in einem Maß, wie die meisten von uns sich das gar nicht vorstellen können

Mandala-Malen im initatischen Prozess

Ein wunderbares Medium der Integration dieser Kräfte ist die Kunst. Sie hilft uns, die schon erwähnten, manchmal enormen Energien zu kanalisieren und sie damit in eine konstruktive Richtung zu lenken. Darüber hinaus werden diese ungeformten Kräfte für uns greifbar und fassbar. In der »Manngeburt« wird mit dem von Carl Gustav Jung entwickelten Stilmittel des Mandala-Malens gearbeitet. Am Ende jedes Wochenendes malen die Teilnehmer ein Mandala zu ihrer persönlichen Erfahrung mit dem jeweiligen Archetypen. Das heißt in der Auseindersetzung mit einem Kreis, der unser perfektes inneres Selbst repräsentiert, drückt sich bildnerisch und gestalterisch der Prozess der Auseinadersetzung mit dem Archetypen aus.

Wir ziehen daraus mehrfachen Gewinn. Schon durch den Prozess des Malens geschieht ein Akt der Integration. Das, was vorher fast ausschließlich im numinosen, oftmals chaotisch ungreifbaren Raum als Empfindung oder Gefühl geahnt wurde, wird nun mit Hilfe des Kreises form- und fassbar und damit oftmals auch erst wahrnehmbar und verständlich und so überhaupt erst strukturierbar. So hilft uns die Kunst, scheinbar unvereinbare Welten zusammen zu führen: die geistig-spirituelle mit der emotionalen und der konkret materiellen Welt des Verstandes.

Heilungsbilder

Manchmal entstehen aus diesen individuellen Mandalas wahre Heilungsbilder. Wenn die Schwitzhüttenerfahrung oder jede andere Methode aus dem Initiations-Prozess den Mann so tief in Kontakt mit seiner Seele gebracht hat, dass er in Fühlung mit seinem gesunden göttlichen Seelenkern gekommen ist, dann drückt sich das auch in seinem Mandala aus. Bei der Betrachtung von so einem Gemälde wird man unmittelbar berührt und an diesen heiligen Ort des Malers mitgenommen. Gefühle wie Andacht, Stille und eine weite Herzensfreude stellen sich beim Betrachten ein. Wenn sich der Mann, der dieses Mandala aus seinem Innersten geschöpft hat, sein Bild zu Hause aufhängt und sich immer wieder kontemplierend davor setzt, wird schon allein diese Handlung Heilung in ihm bewirken.

Aus dem alten Tibet ist bekannt, dass die Menschen dort ihre »Ver-rückten« nicht in die Psychiatrie steckten, sondern sie vor Mandalas setzten und sie darin unterstützten, diese zu betrachten. In diesen Mandalas spiegelt sich eine kosmische Ordnung wider, die korrigierend und ordnend auf den Betrachter zurückwirkt. Durch sie kann sich eine innere Ordnung einstellen, die für den psychisch Kranken Heilung bewirkt.

Auf dieselbe Weise wirken die Mandalas, die in der Auseinandersetzung mit dem männlichen Archetypen aus der Tiefe des betreffenden Mannes geschöpft werden. Dabei spielt es keine Rolle, wie begabt der Mann im Zeichnen oder Malen ist. Im Gegenteil, je unverfälschter die Erfahrung (z.B. durch ablenkende Gedanken an die Technik des Malens) ausgedrückt wird, desto kraftvoller ist das Bild, völlig unabhängig vom jeweiligen Können. Hier stimme ich voll und ganz mit dem Künstlerschamanen Joseph Beuys überein, der meinte: »Jeder Mensch ist ein Künstler.«

Nicht alle Mandalas haben die Tiefe eines Heilungsbildes, denn die Initiationsprozesse durchlaufen verschiedene Stadien. Aber auch bei den so genannten »Prozessmandalas« dient das Malen der Integration der Erfahrung und einer Vertiefung des Verstehens. So kann mit Hilfe des Mandalas der zurückliegende Entwicklungsschritt deutlicher gefasst und erkannt werden, und so können auch die nächsten anstehenden Entwicklungsschritte klarer benannt werden.

Im Rahmen einer Initiation wie der Manngeburt entstehen durch die Öffnung im rituellen Raum auch immer wieder spontan wunderbare Kunstwerke, wie Gedichte, Musikstücke oder Skulpturen. Immer geschieht davor eine tiefe seelische Erfahrung im Prozess des Teilnehmers, die sich dann in dem jeweiligen Kunstwerk ausdrückt.

Auf meiner eigenen Visionssuche entstand 1994 das Gedicht »Manngeburt«.

Kunst und ritueller Raum bedingen sich nach meiner Erfahrung gegenseitig. Manchmal ist es die Kunst, die uns öffnet für die Tiefendimensionen der Seele, und umgekehrt führt uns das Ritual in Seelenräume, die dann im künstlerischen Akt ihren Ausdruck finden. Beide verhalten sich wie Geschwister, die sich auf wunderbare Weise ergänzen.

Stefan Wolff

Stefan Wolff ist Initiatischer Therapeut und Dipl. Sozialpädagoge, Buchautor (Wolfenherz – Initiatische Gedichte, Wie Phönix aus der Asche – Kraftrituale für Männer), Visionquest-Leiter und-Ausbilder. Arbeits-Schwerpunkt: Manngeburt – eine moderne Männerinitiation. www.adventure-in-yourself.de, www.manngeburt.de

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Aus dem Heft Schamanismus 6

   
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