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Die Kinder und das Natur-Defizit-Syndrom

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Die Kinder und das Natur-Defizit-Syndrom
Foto: momosu pixelio.de

Natur statt Supernanny

Draußen herumtollen, auf Bäume klettern… die meisten von uns haben gute Erinnerungen an Kindheitserlebnisse in der freien Natur und kommen auch heute noch am besten in Feld, Wald und Wiese zur Ruhe. Doch heute haben immer weniger Kinder Kontakt zur Natur. Mehr als die Hälfte der Menschen leben in Städten, und auch die Landbewohner leben überwiegend in einer auf Monokulturen reduzierten Welt, mit traurigen Folgen insbesondere auch für die Kinder

Die meisten von uns sind schon einmal auf einen Baum geklettert und haben sich in seiner Krone versteckt. Wir kennen das Sicherheitsgefühl, das sich einstellt, wenn man oben ist, und unsichtbar für alle anderen einen komfortablen Sitz gefunden hat. Auf Bäume klettern ist eine menschliche Urerfahrung; sie hat uns Hunderttausende von Jahren vor den meisten, uns gefährlichen Tieren in Sicherheit gebracht. Kinder klettern gerne auf Bäume, genauer gesagt: sie kletterten. Moderne Kinder tun das immer seltener.

Wozu auch, werden die meisten Eltern fragen, »auf Bäume klettern ist gefährlich«. Schließlich kann man ja herunterfallen. Weit unbedenklicher sind da der Fernsehsessel oder der Computerstuhl. Darauf holen sich die Kleinen schlimmstenfalls eine verkümmerte Rückenmuskulatur; aber die können sie ja in einem Fitnessstudio wieder aufbauen. Was Eltern übersehen: Die psychische und physische Herausforderung für ihre Kleinen entfällt, ebenso die Naturnähe, die Selbstbestätigung und das daraus resultierende Selbstbewusstsein, das Abarbeiten schlummernder Energien. Spielen in freier Natur statt im Kinderzimmer oder auf dem Spielplatz regt die kindliche Kreativität an, erfordert oft die Zusammenarbeit mit anderen Kindern und den Einsatz aller Sinne, schult die Aufmerksamkeit auch für Gefahren und gewährt dem Kind Autonomie, sprich: Ruhe vor den Erwachsenen. Spielen in freier Natur treibt ohne »Rotbäckchen« das Blut in die Wangen, macht Spaß. Und was, wenn ein solches Spiel gestrichen ist, gar nicht mehr stattfindet?

Dann, sagt der amerikanische Journalist Robert Louv, entsteht die Gefahr einer Nature Deficit Disorder, des Natur-Defizit-Syndroms, die Chronifizierung eines allen Eltern und Erziehern bekannten Phänomens. Es stellt sich immer dann ein, wenn Kinder längere Zeit in vier Wände gesperrt wurden: Freundliche, ausgeglichene und phantasievolle Kinder sind auf einmal wie ausgewechselt und verwandeln sich in unerträgliche Nervensägen. Aber nach einer Weile, wenn sie draußen toben, am Bach Wasser stauen oder sich im Freien mit Tieren beschäftigen durften, sind sie wieder die Alten. Nur: Kinder, die dauernd indoors gehalten werden - also die meisten Stadtkinder in Deutschland - wollen irgendwann nicht mehr raus. Diese »Stubenkinder« bezahlen die permanente Naturentfremdung nicht nur mit Übergewicht, sondern auch mit neurologischen Störungen: Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen, Überaktivität und Gewaltbereitschaft - zusammengefasst im Natur-Defizit-Syndrom.

Kinder, die dauernd indoors gehalten werden - also die meisten Stadtkinder in Deutschland - wollen irgendwann nicht mehr raus

Wenn das Band durchschnitten wird

Louv geht von der so genannten Biophilie aus, der Annahme, dass Menschen eine angeborene Freude an der Natur haben und gerne mit anderen Lebewesen der Natur in Verbindung treten. Eltern können das von ihren Kindern in aller Regel bestätigen. Die von E.O. Wilson begründete Ecopsychologie konnte sogar zeigen, dass schon die Bilder von savannenartigen Landschaften genügen, um starke positive körperliche, neurologische Reaktionen auszulösen. Louv vermutet, dass die menschliche Psyche über ein ökologisches Unterbewusstsein verfügt, ein Band, das Mensch und Natur, Mensch und Evolution untrennbar verbindet. Die Annahme liegt nahe, schließlich dürfte es in der Evolutionsgeschichte keine Beziehung geben, die fundamentaler ist als unsere Beziehung zur Natur. Wird dieses Band durch moderne Lebensweisen durchtrennt, kommt es zu psychischen Störungen. Doch mehr als das: So wie ein gestörter Kontakt zur Mutter zur sozialen Bindungsunfähigkeit führt, kommt es ohne genügende Nähe zu Mutter Erde zu einer ökologischen Bindungsunfähigkeit. Das Schicksal der Erde ist so aufgewachsenen Kindern ganz einfach egal. Woher, so fragt Louv verzweifelt, kommen dann die Umweltaktivisten der nächsten Generationen?

Virtuell gemütlich

Die Naturferne deutscher Kinder belegt der Jugendreport Natur 2010 in erschreckender Weise. Befragt wurden über 3.000 Jungen und Mädchen aus sechsten und neunten Klassen aller Schulformen in sechs Bundesländern. Die Antworten können einen lachen machen, wenn sie nicht so eindrucksvoll ahnungslos wären: Da geht die Sonne im Norden auf, kommt die H-Milch von H-Kühen, Hühner legen durchschnittlich drei Eier am Tag, manchmal aber auch sechs und mehr, die Frau des Hirsches heißt Reh, und Handys kommen aus der Sicht der meisten Schüler ohne jeden natürlichen Rohstoff aus.

Solche Naturferne liegt nahe, die Eltern machen es vor: Joggen am Trainer statt übers Feld, Fitnessstudio statt Gartenarbeit und als Höchstes der Outdor-Gefühle: statt Picknick am Fluss Grillen auf dem gemeindlich zugelassenen Grillplatz, am besten mit Wasseranschluss und Stromversorgung. Und beim abendlichen Fernsehabend krault das Kind ein Stofftier auf dem Schoß, während nebenan, auf einem zweiten Bildschirm, das virtuelle Feuer gemütlich im Dauermodus prasselt.

Die Kinder und das Natur-Defizit-Syndrom
Foto: 110stefan, pixelio.de

Erfahrungsschätze, aber kein Lehrgebäude

Was ist es, das den Schamanismus im Sinne einer Naturheilweise kennzeichnet? Zunächst lässt sich festhalten, dass er nicht auf einem Lehrgebäude basiert, so wie die Traditionelle Chinesische Medizin, oder auf einem wissenschaftlichen Fundament, so wie die klassische Naturheilkunde. Er gründet sich auf uralten Erfahrungsschätzen. Die schamanischen Heilkunde wird auf mindestens 30.000 Jahre geschätzt, aus ihr gingen Lehren wie die ayurvedische Medizin hervor.

Schamanismus arbeitet mit den Heilkräften der Natur: den Kräften der Pflanzen, der Tiere und der Steine. Hinzu kommen die Elemente »Erde, Feuer, Wasser und Luft« und die Kräfte der Himmelsrichtungen »Norden, Süden, Westen und Osten«. Als ältestes Heilungssystem der Menschheit ermöglicht der Schamanismus, die Heilkräfte der Natur und des Kosmos wahrzunehmen, zu verstehen und zu lenken, um sie zum Wohle aller Wesen einzusetzen.

In der Lebenswelt der meisten Kinder existieren Feld, Wald und Wiese, unkontrollierter Freiraum, Himmel über dem Kopf und Matsch nicht mehr

Kultureller Autismus

In der Lebenswelt der meisten Kinder existieren Feld, Wald und Wiese, unkontrollierter Freiraum, Himmel über dem Kopf und Matsch nicht mehr; und wenn, dann als gezähmte Sonntagsnachmittagskulisse, vom Spielplatz aus sichtbar oder durchs PKW-Fenster auf dem Weg ins Fitness Center oder in den Club-Urlaub. Natur erleben sie nur noch als problematisch - und wollen deshalb nichts mehr mit ihr zu tun haben. Viel zu früh werden sie mit ökologischen Zerstörungen konfrontiert und sollen Weltprobleme verdauen, obwohl sie doch erst einmal das Vertrauen in die Welt lernen müssten. Eine UNICEF-Studie zum Befinden von Mädchen und Jungen in 21 Industrieländern zeigt: Deutsche Kinder fühlen sich häufig unbehaglich und unakzeptiert, schon Sechs- bis Elfjährige haben Zukunftsängste. Dabei sehnen sich viele danach, fern der elterlichen Leine fremde Landschaften zu entdecken, im Wald unterwegs zu sein oder Tiere zu beobachten, Teil der Welt zu sein, statt ausgeschlossene Beobachter. Doch statt Regenwürmern werden ihnen Tiersendungen geboten, statt echten Abenteuern Gewaltvideos, statt Buddeln, Matschen und Baumhäusern Tischtennisverein und Jugendclub. Kulturellen Autismus nennt das Richard Louv, ohne tiefgehendes Erleben, Secondhand-Erfahrungen. Aufgewachsen sind moderne Kinder sicher eingepackt in Babyschalen, Kinderautositzen, Babysitzen vor dem Fernseher und Hochstühlen. Einer schottischen Studie zufolge sind durchschnittliche Dreijährige nur noch 20 Minuten pro Tag messbar körperlich gefordert. Die Hoffnung, dass Landkinder in Richtung Naturferne den Stadtkindern überlegen sind, konnte der Jugendreport Natur 2010 nicht nähren. Landkinder sind inzwischen ebenso gut wenn nicht besser mit elektronischen Medien ausgestattet als Stadtkinder. Rund 80 Prozent verbringen einen Großteil ihrer Zeit an Spielkonsole, Computer oder Internet.

Natürliches Ritalin

Die gute Nachricht: Das Natur-Defizit-Syndrom lässt sich rückgängig machen. Natur hilft selbst in krassen Fällen. Naturtherapie erzielt sogar Erfolge bei Kriegs-Traumatisierten. Allein der Anblick von Wäldern und Feldern kann innerhalb von fünf Minuten nachweislich Stress abbauen; um wie viel mehr der Aufenthalt dort, das Spiel, das experimentelle Toben, das Abenteuer. Nicht zwei Stunden Fußball pro Woche hilft den Kindern weiter, sondern Spielzeit mit Material, das sie sich selbst zusammensuchen, so dass Forschungsdrang und Phantasie zu quellen beginnen. Dann müssen auch weniger Antidepressiva und Psychopharmaka gegeben werden, wie mehr als 100 Studien nahe legen. Was wichtig wäre, denn die Situation ist krass: Chronische psychosomatische Beschwerden bei Jugendlichen sind beinahe schon normal. Nach Angaben der Frauenklinik Linz hat rund jedes vierte Schulkind bzw. jeder vierte Jugendliche im deutschsprachigen Raum psychische Probleme oder ist verhaltensauffällig. Allein zwischen 2005 und 2008 wurde um 2

5 Prozent mehr Ritalin gegen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom) verschrieben. Dass es auch anders geht, beweist der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther in einem Pilotprojekt. Im Sommer verbringen mehrere kleine ADHS-Patienten mehrere Wochen auf einer primitiven Schweizer Hochgebirgsalm. Fast allen geht es danach deutlich besser. Sie haben natürliche Zusammenhänge erfahren, gespürt, dass es etwas gibt, das größer ist als sie selbst, von dem sie aber Teil sind. Die freie Natur erleben ist für Richard Louv »natürliches Ritalin«.

Lange vor Hüther hatte der amerikanische Professor für Humanökologie Paul Shepard die Pleistozän-Hypothese aufgestellt. Ihr zufolge sind Kinder im Tiefsten ihrer Seele noch Urmenschen. Ihre Bedürfnisse, Sehnsüchte und Fähigkeiten seien auf ein Leben in der Wildnis ausgerichtet. 2005 gab ihm die American Medical Association Recht und befand: »Kinder werden klüger sein, besser mit anderen zurechtkommen, gesünder und glücklicher sein, wenn sie regelmäßig die Chance erhalten, ungegängelt und unstrukturiert in freier Natur zu spielen.«

Statt Regenwürmern werden ihnen Tiersendungen geboten, statt echten Abenteuern Gewaltvideos, statt Baumhäusern Tischtennisverein und Jugendclub

Obwohl Louvs Buch schon 2005 erschienen ist, wurde es bis heute (4/2011) nicht ins Deutsche übersetzt. In den USA hat es enorme Wogen geschlagen und das »Children and Nature Movement« (www.cnaturenet.org) ausgelöst. Clint Eastwood fordert Häusermakler auf, Siedlungen zu entwickeln, die Kindern einen echten Naturkontakt ermöglichen, Kongress und Senat haben den »No Child Left Inside Act« verabschiedet und das National Center of Environmental Health stellt inzwischen die Pflege von Landschaften als medizinisch-therapeutische Maßnahme dar. Wenig von dieser Begeisterung und Einsicht in die Bedeutung der freien Natur für die kindliche Entwicklung ist in Deutschland zu spüren. Ausnahme: die Waldkindergärten. »Was muss geschehen, damit sich auch abgehobene soziale Gruppen und Schichten ihrer Existenz als Naturwesen wieder bewusst werden können?«, fragt der Natursoziologe Dr. Rainer Brämer von der Universität Marburg. Denn solange Eltern mit der Naturferne ihrer Kinder einverstanden sind oder sie gar vorleben, wird sich nichts ändern.

Naturentfremdung - Fakten

  • Der Bewegungsradius von Kindern hat seit den 1970er Jahren um 90 Prozent abgenommen.
  • 1971 bewältigten 80 Prozent der Sieben- und Achtjährigen ihren Schulweg alleine, 1990 schafften das noch neun Prozent.
  • 2006 startete in den USA das erste 24-stündige Fernsehprogramm für Kinder ab sechs Monaten. Die Sendereihen heißen zum Beispiel Brainy Baby, First Impressions, So Smart oder Baby Einstein.
  • Die Befragung eines britischen Fernsehsenders unter 2.000 Kindern im Alter zwischen 8 und 12 Jahren ergab:
  • 36 Prozent der Kinder zwischen 8 und 12 Jahren spielen einmal in der Woche außer Haus.
  • Nur jedes fünfte Kind ist schon einmal auf einen Baum geklettert.
  • Jedes zehnte Kind meint, Kühe halten Winterschlaf.
  • Mehr als ein Viertel wusste nicht, was einer Biene nach einem Stich passiert.
  • 28 Prozent hatten im letzten Jahr keinen großen Spaziergang mit den Eltern unternommen.
  • Ein Fünftel hatte noch nie einen Bauernhof live erlebt.
  • Die deutschen Fakten unterscheiden sich davon nur wenig. Für deutsche Kinder gilt:
  • Nur jeder dritte Schüler im Alter zwischen 12 und 15 Jahren hatte jemals einen Käfer oder Schmetterling auf der Hand.
  • Jeder Vierte hat noch nie ein Reh in der Natur beobachtet.
  • Acht von zehn Schülern sehen es als verboten an, Käfer, Frösche oder Würmer spontan in die Hand zu nehmen. Jeder zweite Befragte geht davon aus, dass im Wald grundsätzlich keine Blumen oder Beeren gepflückt werden dürfen.
  • 11 Prozent sind der Meinung, Enten seien gelb.
  • Nur 21 Prozent kennen den Namen der Rosenfrüchte.
  • 90 Prozent halten Naturschutzgebiete für wichtig, aber nur 21 Prozent nähmen gern an Umweltschutzaktionen teil.
  • Rund 50 Prozent halten Jäger für Tiermörder.
  • 96 Prozent finden es wichtig, den Wald »sauber« zu halten (d.h. ohne »Unkraut).

Bobby Langer

BOBBY LANGER, Jg. 53, Redakteur und Vater von drei Kindern, lebt in Würzburg. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit spirituellen Themen. Er unterrichtet Meditation und Gewaltfreie Kommunikation.

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Aus dem Heft Schamanismus 6

   
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