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Editorial Schamanismus 7

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Bäume
Foto: Christine Höfig

Meine Freunde, die Bäume

Die brasilianische Liane Ayahuasca ist heutzutage in aller Munde (wenn auch nicht in aller Mägen). In Deutschland fällt Ayahuasca allerdings unter das Betäubungsmittelgesetz, deshalb reisen viele Deutsche in die Schweiz, um an dieser besonderen "Teezeremonie" teilzunehmen. Im Gespräch mit spirituell interessierten Menschen habe ich den Eindruck, dass viele schon mal Ayahuasca eingenommen haben, fast alle haben davon gehört, und jeder ist begeistert von dieser Lehrerpflanze.

Europäische Lehrerpflanzen

Seit Jahrhunderten ist Ayahuasca im Amazonastiefland als Lehrerpflanze bekannt. Aber was ist bei uns in Europa, haben wir denn keine einheimischen Lehrerpflanzen? Was ist mit Tollkirsche, Fliegenpilz, Bilsenkraut? Sind die nicht giftig? Ja, die sind giftig, aber nur, wenn die Dosierung zu hoch ist. Generell sollte man mit solchen Pflanzen wohl auch nicht experimentieren, wenn man sich nicht genau auskennt, sonst können solche Versuche schnell gefährlich werden. Die weisen Frauen des Mittelalters, so sagt man, verwendeten Tollkirsche und Fliegenpilz als psychoaktive Mittel. Sicher ist das nicht, denn alles, was wir über die angeblichen Hexen wissen, stammt aus den Protokollen der Inquisition, und die waren alles andere als objektiv.

Man muss aber nicht in einen Rauschzustand eintreten, um etwas von Pflanzen zu lernen.

Lieben statt wissen

Ich zum Beispiel verbringe gerne Zeit im Wald. Dort habe ich ein paar Lieblingsplätze, da kenne ich jeden Busch und jeden Strauch und weiß doch nicht die Namen dieser Pflanzen. Was die Unterscheidung all der Arten von Pflanzen, Kräutern und Bäumen angeht, bin ich ein Banause. Trotzdem freue ich mich, wann immer ich im Wald bin, meine Baumfreunde wiederzusehen. Obwohl ich nicht einmal weiß, welcher von ihnen zu den Buchen gehört und welcher zu den Eichen. Aber was sind schon Namen. Ich könnte meine Lieblings-Bäume auch "Hildetrud" und "Roswitha" nennen, vielleicht würden sie das sogar mehr schätzen, als mit all den anderen Buchen oder Eichen in einen Topf ... äh, Wald geworfen zu werden. Ich bin ja keine Heilerin, die wissen muss, welches Kraut gegen welches Leid gewachsen ist, ich bin nur eine Amateurin, eine Liebhaberin der Bäume.

So sitze ich im Wald unter Bäumen, im Moos und finde Frieden. Meine Gedanken kommen zur Ruhe, die Gefühlsstürme legen sich, hier finde ich meine innere Windstille.

Vom Baum aus gesehen

Sprechen meine Bäume mit mir? Wenn, dann nicht in Worten. Wissen sie überhaupt, dass da ein Mensch unter ihnen sitzt, oder nehmen sie nur vage wahr, dass da eines dieser großen Säugetiere sitzt? Vielleicht macht es für sie gar keinen Unterschied, ob nun ein Reh an ihnen vorbeiläuft oder ein Mensch.

Vielleicht nehmen wir uns auch zu wichtig, wenn wir glauben, Bäume würden mit uns kommunizieren und uns wahrnehmen. Ein Wesen, das viele hunderte Jahre alt ist, interessiert sich vielleicht gar nicht für Menschen. Was ich aber weiß ist, dass die Gegenwart der Bäume mich ruhiger und gelassener werden lässt. Sie lehren mich innerlich zur Ruhe zu kommen. Danke, liebe Baumfreunde! Ganz egal, ob es euch überhaupt interessiert, wenn so ein kurzlebiges, flüchtiges Wesen wie ein Mensch euch dankbar ist.

Christine Höfig, Redaktion connection Schamanismus

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Aus dem Heft Schamanismus 7

   
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