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Fliegenpilz und Tollkirsche

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Fliegenpilz
Foto: flickr.com, harald52

Psychedelische Pflanzen auf europäischem Boden

Welche Lehrerpflanzen gibt es in Deutschland? Wie gefährlich ist der Umgang mit ihnen? Warum wurde der Umgang mit diesen Pflanzen so verteufelt? Wir befragten den Ethnopharmakologen Christian Rätsch, den Autoren des viel beachteten Nachschlagewerks "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen".

Christian Rätsch, geboren 1957, studierte in Hamburg Altamerikanistik, Ethnologie und Volkskunde. Drei Jahre lang lebte er bei dem Mayavolk der Lakandonen in Chiapas, Mexiko und erlernte dort auch ihre Sprache. Seit zwanzig Jahren erforscht Rätsch schamanische Kulturen in aller Welt und deren rituellen und ethnomedizinischen Umgang mit Pflanzen.
Rätsch war Mitglied im Beirat des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS) und Ex-Präsident der Arbeitsgemeinschaft für Ethnomedizin (ARGEM). In zahlreichen Büchern schrieb er über Schamanismus, Ethnologie und psychoaktive Pflanzen. Heute lebt er als freischaffender Ethnopharmakologe, Referent und Autor in Hamburg.
Wir konnten ihn für ein telefonisches Interview gewinnen. Etwas verschlafen entschuldigte er sich, dass es am Vorabend doch recht spät geworden sei und er vielleicht etwas ruhiger als sonst wäre, und antwortete doch souverän auf unsere Fragen.

Christian Rätsch (Foto: Elfriede Liebenow)
Christian Rätsch (Foto: E. Liebenow)

In Brasilien gibt es Ayahuasca, in Nordamerika Peyote. Gibt es auch hierzulande Lehrerpflanzen?
Sicher, im Grunde sind alle Pflanzen Lehrerpflanzen. Die Pflanzen, die von Schamanen als Lehrerpflanzen bezeichnet werden, sind aber meist halluzinogene Pflanzen, die für Rituale genutzt werden.

Was gibt es da bei uns für Pflanzen?
Tollkirsche, Fliegenpilz, Bilsenkraut ...

Als Kinder haben wir alle gehört, dass Fliegenpilze giftig sind. Erst später fand ich heraus, dass sie eher halluzinogen sind. Wie kommt es, dass er als tödlich gilt?
Das liegt daran, dass man nicht wollte, dass die Leute diese Pilze pflücken und dann Visionen haben. Deswegen hat man behauptet, sie seien giftig. Dadurch ist sehr viel altes Wissen verloren gegangen.

Wer hat denn dieses Gerücht in die Welt gesetzt?
Es ist sehr schwer zu sagen, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat. Sowas entsteht meist an verschiedenen Orten.

Wie ist es denn rein rechtlich, sind diese Pflanzen nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten?
Fliegenpilz nicht, der ist frei.

Ich darf also Fliegenpilze pflücken gehen?
Ja, da gibt es kein Gesetz dagegen.

Sind diese Pflanzen nicht auch sehr gefährlich?
Wenn man weiß, wie man mit den Pflanzen umgeht, wie man sie dosieren muss, das ist doch viel besser als sie generell zu tabuisieren. Wenn man frei darüber reden kann, können die Leute sich besser informieren und es dann viel besser abschätzen, als wenn alles heimlich passiert.

Manchmal passiert es auch, wenn man Drogen nimmt, dass man auf Horrortrips geht. Wie kann man das vermeiden?
Das ist keine einfache Frage. Erstmal müsste ich wissen, was eigentlich ein Horrortrip ist. Das Wort Horrortrip wird gerne zur Abschreckung genutzt, doch es gibt keine Definition dafür. Manche Visionen erscheinen vielleicht erschreckend, da sie die Probleme der Seele auf drastische Art und Weise spiegeln.

Was kann man, bei Einhaltung der Sicherheitsvorschriften, von den Pflanzen lernen?
Man muss vor allem offen dafür sein, man muss etwas lernen wollen. Es gibt ein Sprichwort: "Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen". Es passiert nicht so mechanistisch, dass, wenn man eine bestimmte Pflanze konsumiert, man automatisch etwas dazu lernt. Sondern es kommt viel auf einen selber an, inwiefern man offen ist und inwiefern man an bestimmte Dinge denkt, über die man etwas in Erfahrung bringen möchte.

"Wenn man weiß, wie man mit den halluzinogenen Pflanzen umgeht, wie man sie dosieren muss, ist das doch viel besser als sie generell zu tabuisieren"

Was hältst du von Leuten, meist sind es Jugendliche, die einfach mal aus Neugierde halluzinogene Pflanzen ausprobieren, um einen coolen Tripp zu haben?
Naja, ich kann's ja verstehen. Der Wunsch nach zeitweiser Veränderung des Bewusstseins ist uns allen angeboren. Ich sehe nichts Verkehrtes daran, wenn das jemand will. Das ist einfach eine spannende Sache für die Jugendlichen.

Bist du für deine Ansichten schon einmal angefeindet worden?
Öffentlich nicht.

Privat eher?
Nein. Und wenn, dann weiß ich nichts davon. Eben nicht öffentlich.

Wie unterscheidet sich ein Pflanzenrausch von einem normalen Drogenrausch?
(Lacht) Einen normalen Drogenrausch gibt es nicht. Der ist immer ein außergewöhnliches Erlebnis. Es ist auch von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich.
Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den Drogen. Der Alkoholrausch beginnt mit einer angenehmen Heiterkeit und endet oft in Blackout und Delirium. Opium bewirkt Glückseligkeit, geistige Klarheit und Hellsichtigkeit, der Haschischrausch ist durch eine anfägliche Euphorie und folgendem Assoziationsfluß gekennzeichnet. Nachtschattengewächse bewirken oft eine Art hypnotische Trance. Zauberpilze, LSD und Meskalin führen eher zur visionären Bewusstseinserweiterung.

Die Naturvölker glauben ja, dass man dabei Zugang zur Anderswelt erhält. Glaubst du das auch?
Das glaube ich auch. Ich denke schon, dass die Pflanzen einem helfen können, hinter die Dinge zu blicken.

Woran merkt man, dass man in die Anderswelt gelangt ist?
Das merkt man mit allen Sinnen. Weil eben alles anders ist. Die Anderswelt ist ja nicht nur anders, sie ist hier und jetzt, greifbar nahe, wie hinter einem Schleier. Und da kann man dann hin und her switchen.

Kann man nach Fliegenpilz süchtig werden?
Das ist noch nie berichtet worden. Wahrscheinlich geht das nicht.

Es gibt Bestrebungen, Marihuana zu legalisieren. Wie stehst du dazu?
Da bin ich dafür. Es ist doch besser, wenn man lernt, wie man damit umgeht, als das Kraut heimlich zu rauchen.

Und was hältst du von chemischen Drogen wie Ecstasy?
Da wird chemisch ein Molekül nachgebaut, das schon genauso in der Natur existiert. Also im Prinzip sehe ich da keinen Unterschied zu halluzinogenen Pflanzen.

Diese Pflanzen wie Fliegenpilze und Tollkirsche wurden ja früher auch von den weisen Frauen genutzt.?
Möglicherweise.

Möglicherweise?
Es gibt keine Beweise. Wenn das eine angebliche Hexe unter Folter gesteht, dann ist das kein Beweis.

Das stimmt allerdings. Glaubst du, die Pflanzen sind vor allem aus der Zeit der Hexenverfolgung so diffamiert worden?
Das hat damit zu tun, dass die Mächtigen alles, was den Menschen mehr Freiheit bringen kann, verbieten wollten. Die Pflanzen waren eine Bedrohung für die Hierarchie. Durch die Diffamierung der Pflanzen konnte man verhindern, dass die Menschen spirituelle Erfahrungen ohne die Vermittlung durch ihre Priester machen konnten.

Weil man dann die Kirche nicht mehr bräuchte?
Die "braucht" man so oder so nicht. Spirituelle Erfahrungen kann jeder machen, ob nun mit oder ohne priesterlichen Beistand.

Christine Höfig

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Aus dem Heft Schamanismus 7

   
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