Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Bäume als Lehrer

Details

Bäume
Sabine Weyhe

Von dort kommen wir her: aus den Wäldern

Unerschütterlich bleiben sie, wo sie aus einem Samen einst entstanden und aufgewachsen sind - Bäume sind ihrer Heimat treu. Sie können Jahrtausende alt werden und ertragen an ihrem Platz jede Art von Wetter. So können Bäume unsere Lehrer sein in Geduld und Zentriertheit.
Sabine Weye hatte schon als Kind eine enge Beziehung zur Natur und zu den Bäumen. Auch heute noch macht sie gerne Ausflüge in die Haine ihrer Kindheit, spricht mit den Bäumen, tankt dort auf und erinnert sich, wie viel wir den Bäumen zu verdanken haben.

Früh am Morgen habe ich den Rucksack gepackt und bin in den Wald gegangen. Bei Sonnenaufgang war ich schon weit entfernt vom Dorf. Ich folge einem Wildbach in Richtung eines alten, vergessenen Obstgartens in der Nähe eines verlassenen Waldhofes. Der Bach, Überrest eines eiszeitlichen Urstromtales, windet sich in langen Schleifen durch sandige Waldhügel und kleine, morgenhelle Wiesen. Die Täler sind feucht, Sickerquellen strömen dem Bach zu. Die hohen Sandhügel sind Endmoränen aus der letzten Eiszeit.
Der Wald wird behutsam bewirtschaftet, es gibt hier neben Resten von Nadelholz- Monokulturen eine Fülle unterschiedlicher Baumsorten, und es gibt knorrige, alte Baumgroßeltern. Geißblatt rankt im Unterholz, es umschlingt junge Stämme und verursacht wunderlich gedrehte Hölzer. Selten trifft man andere Menschen, was die verwunschene Stimmung noch verstärkt.

Unter Bäumen

"Mein Atem ist tief und weit geworden, er verbindet mich in einem ruhigen Strom mit dem Atem des Waldes"

Nach einer Weile verstummt das Summen im Kopf. Ich komme an in der Gegenwart und fange an zu lauschen. Mein Atem ist tief und weit geworden, er verbindet mich in einem ruhigen Strom mit dem Atem des Waldes. Ich wandere in einer Welt der Wunder.
Vor vielen Jahren war ich mit meinen Kindern bachabwärts am Waldrand gesessen, und immer wieder schwammen kleine Äpfel vorbei. Das hatte uns neugierig gemacht, so sind wir auf den vergessenen Garten gestoßen. Dieser alte Garten der vergessenen Obstbäume ruft mich jetzt. Den Wald und alle seine Bäume liebe ich schon lange und habe gelernt, dieses Rufen ernst zu nehmen.
Eine Reihe kleiner, knorriger Apfelbäume zieht sich einige hundert Meter am Bach entlang, beschattet von mächtigen, allmählich absterbenden Pappeln. Die Apfelinsel der Kelten, hier kann ich sie wiederfinden. Avalon lebt hier und heute. Die Kelten, einst über ganz Europa verteilt, kannten die Zyklen der sie umgebenden Daseinsformen gut. Ihre Druiden durchliefen eine vieljährige Ausbildung in den Wäldern, die Menschen standen in regem Kontakt mit den Kräften der Natur. In der Artussage ist Avalon ein geschützter Ort der Heilung.

Begegnung mit einem Birnbaum

Ich weiß sofort, welcher Baum mich gerufen hat: ein Birnbaum, hochgewachsen, die Rinde grau von Flechten, reich übersät mit Blütenknospen eben vor dem Aufspringen. Es ist wie ein breites Lächeln, als ich auf ihn zukomme; genau in Stirnhöhe ist ein Fleckchen Moos gewachsen, so kann ich ganz komfortabel meinen Kopf gegen den Stamm lehnen und die Augen schließen.
Was jetzt kommt, ist ein magischer Moment. Ich mache mein Denken ganz still, schaffe einen weiten Raum, lade den Baum ein, eine Verbindung herzustellen. Die Antwort kommt sofort: Ein warmes Gefühl der Großzügigkeit breitet sich in mir aus, ein liebevolles Gerne-Geben, ich empfinde ein mütterliches, frauliches ich-fühle-mich-wohl-in-mir, einen inneren Reichtum, der gibt, ohne Gegengaben zu erwarten, einfach aus der Fülle heraus, so dass ich fast laut loslache! Ha, das ist ein Lebensgefühl! So in sich glücklich und vollständig sein! Die Birnbaumin - es ist definitiv ein weiblicher Baum - hat mich zu einer Zeit gerufen, in der ich genau das brauchen kann: das Gefühl, so ist das Leben, so bin ich auch, nichts hindert mich daran! Dies ist ein wunderbares, liebevolles Geschenk. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland lässt grüßen!

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Birne am Baum
Foto: flickr.com, Aunt Owwee

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen "Jesus meine Zuversicht",
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Msstraun gegen den eigenen Sohn,
Der wusste genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sprosst heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Von Theodor Fontane (1819 -1898)

Ich bekomme die Erlaubnis, ein Hölzchen zu nehmen. Ein Baum ist in der Lage, eine Art Seelenklon seiner selbst herzustellen, einen Ableger seines Wesens, den er in einem besonderen Aststück unterbringt. Man kann mit diesem Hölzchen sprechen wie mit dem Großen, man kann Kontakt zu dem Baum halten. So ein Baumseelenklon bleibt mit dem Wald verbunden, ist aber ein eigenständiges Wesen. Es kann auf diese Weise in die Welt der Menschen reisen und sie besser kennenlernen. Ich nenne diese Hölzer "Seelenhölzchen". Solche Seelenhölzchen sind interessierte, begabte und äußerst hilfreiche Begleiter durch ein Menschenleben. Sie können uns beraten und erweisen sich als kreative, freundliche Gesellschaft.

Wir sind zu 99 Prozent Steinzeitmenschen

Die Menschheit hat den größten Teil ihrer Entwicklung in der Steinzeit erlebt, vielleicht zu neunundneunzig Prozent. Der "Lack der Neuzeit" ist ziemlich dünn; unsere genetisch verankerten Fähigkeiten, Bedürfnisse und Erwartungen haben ihren Ursprung in dieser Zeit, im Zusammenleben mit dem, was wir heute als "Natur" bezeichnen und von dem wir uns oft weit entfernt fühlen.
Die Menschen der Steinzeit empfanden, wie die übriggebliebenen Naturvölker der Gegenwart, alles in ihrer Umwelt als beseelt; sie nahmen Verbindung auf zu den sie umgebenden Naturkräften, um sich ihr Wohlwollen und ihre Unterstützung zu sichern. Höhlenmalereien und Funde von Kunst- und Ritualgegenständen aus dieser Zeit belegen das.
Die Neolithische Revolution (Sesshaftigkeit, Ackerbau) hat in Mitteleuropa vor etwa zehntausend Jahren das Ende der Steinzeit eingeläutet. Die weitere Ausbreitung der Menschen forderte Raum, Siedlungen entstanden in den Wäldern. Noch lange Zeit sprachen die Menschen mit Pflanzen und Tieren, empfanden alte Bäume als machtvoll und heilend, pflegten und schützten Baumhaine.

Die Haine der Germanen

Wald
Foto: Christine Höfig

So kannten die Germanen in vorchristlicher Zeit geheiligte Waldungen, die ihnen als Versammlungsorte für Beratungen, Rechtssprechung und Feste dienten. Verfolgte waren im Schutz dieser heiligen Haine sicher und galten dort als unverletzlich. Im germanischen Weltbild war die Irminsul, eine mächtige Baumsäule, als Sinnbild des Weltenbaumes das Bindeglied zwischen Himmel und Erde.
Durch den gewaltigen Raubbau des Mittelalters wurden die großen Wälder Mitteleuropas fast vollständig vernichtet. Mit der Christianisierung mussten auch die letzten alten Baumkulte weichen. Der wilde Wald und seine Bewohner galten nun als gefährlich und furchteinflößend.
Mit der Neuzeit und der Aufklärung wurde zuletzt dem Wald, ja der ganzen Natur die Seele abgesprochen. Übrig blieb der Mensch mit seinem Verstand, seinen technischen Möglichkeiten, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen und, nach einer Zeit der Euphorie und der Fehlschläge, einer zunehmenden inneren Leere.
Heute haben wir aus Wäldern Baumplantagen gemacht. Alles Leben ist in für uns nützlich oder überflüssig eingeteilt. Den Kontakt zu den Naturkräften haben wir abgebrochen.

Von den Alten lernen

Bäume bevölkern die Erde seit Millionen von Jahren. Ihre besonderen Eigenschaften ermöglichten die Entstehung einer Vielfalt von Leben. Sie haben unermessliche Zeiten überdauert und Katastrophen überstanden. Auf der Flucht vor den Eiszeiten sind sie in gewaltigen Zeiträumen gewandert.
In Zusammenarbeit mit anderen Lebensformen haben sie komplexe Strategien entwickelt, unter wechselnden Bedingungen sehr alt zu werden. Es gibt Bäume mehrere tausend Jahre alt sind - zum Beispiel Eiben werden bis zu drei tausend Jahre alt. Wir können unendlich viel von ihnen lernen.
Für einen traurigen, einsamen oder kranken Menschen kann der Kontakt zu Bäumen eine Brücke zum Leben werden: Er muss aus dem Haus, um sie aufzusuchen, er kommt in Bewegung. Bäume urteilen nicht, sie sind wunderbar aufbauend und humorvoll. Man kann sie jederzeit am gewohnten Ort finden, da sind sie zuverlässig!
Manche Bäume sind liebevolle Zuhörer. Gestellte Fragen werden oft humorvoll gespiegelt und zeigen so dem Frager, wo er steht und was er will. Nie drängen sie ihre Ratschläge auf. Sie folgen ihrem eigenen Plan der Schöpfung mit großer Selbstverständlichkeit, voller Kraft, Hingabe und Freude. Sie nehmen, was kommt: den Sturm, den Regen, die Sommerhitze, die Kühle der Nacht und auch den Tod - ohne Abwägen, ohne Bedauern. Und was auch immer geschieht, solange er lebt wird ein Baum, wenn der Frühling kommt, Knospen haben und sie dem Leben entfalten.

Baumgemeinschaft in den Rocky Mountains

"Wenn der Mensch akzeptiert, dass alles um ihn beseelt ist, und wenn er damit wieder Kontakt aufnimmt, ist Heilung auf vielen Ebenen möglich"

In den Rocky Mountains in Amerika gibt es eine Nadelbaumart, deren Stämme alle genetisch gleich sind. Sie haben ein gemeinsames Wurzelsystem, das älter als zehntausend Jahre ist. Diese Nadelbaumart hat seit Jahrtausenden keine für sie geeigneten Bedingungen mehr gehabt, sich durch Sämlinge zu reproduzieren. Die Samen reifen, fallen auf den Boden, keimen aus - und sterben ab. Also pflanzt sich der Baum durch Wurzelbrut fort: Aus den Wurzeln wachsen neue Triebe zu Bäumen heran. Das ganz Besondere an diesem Wald ist, dass es allen Bäumen gleichermaßen gut geht, obwohl das gewaltige Wurzelsystem über eine große Fläche mit sehr unterschiedlichen Bodenqualitäten verteilt ist. Man hat herausgefunden, dass durch die Wurzeln Nährstoffe von reicheren Böden des Waldes zu Bäumen auf ärmeren Böden transportiert werden, so dass alle gemeinsam von den vorhandenen Ressourcen profitieren. Das ist eine kraftvolle Vision für die menschliche Gemeinschaft!
Wenn der Mensch akzeptiert, dass alles um ihn beseelt ist, und wenn er damit wieder Kontakt aufnimmt, ist Heilung auf vielen Ebenen möglich. Es gibt keine Trennung zwischen Mensch und Natur, wir sind ein Teil der Natur. Dieses Wissen hat unsere Kultur Jahrhunderte lang verleugnet. Jetzt ist eine gute Zeit, um alte Wege wiederzuentdecken und dieses Wissen für heute anzuwenden und zu nutzen.
Wann immer wir ein Feuer entzünden oder an einem Holztisch essen, ist das auch eine Gelegenheit, den Bäumen zu danken.

Sabine Weyhe

Sabine Weyhe, geb. 1964 in Bonn, aufgewachsen in norddeutschen Wäldern. Drei Kinder. Handwerkerin, Künstlerin, Waldläuferin. Fachabitur und Hauswirtschaftsmeisterin, dann Ausbildungen in Sozialpädagogik, Maßschneiderei, Malerei, Gesang, Flötenspiel & Rhythmik. Dreijährige Ausbildung in schamanisch inspirierter Naturheilkunde bei Hildegard Fuhrberg in Hamburg. www.herzschlag-trommeln.de, www.schamanisches-netzwerk-europa.de

Heft
bestellen

Aus dem Heft Schamanismus 7

   
© Connection AG 2015