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Editorial Schamanismus 8

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Wurzel

Zurück zu den Wurzeln

Unter einem Schamanen stellt man sich gerne einen Menschen aus einem der Naturvölker vor. Jemand aus einem fernen Land, der, so wie sein Stamm, noch ganz in Einklang mit der Natur lebt und mit magisch anmutenden Methoden Kranke heilt. Bei uns in Europa gibt es sowas ja nicht. Oder doch?

Vor der Christianisierung herrschten auch in Europa animistische und polytheistische Weltbilder vor. Die Kelten und Germanen hatten eine Vielzahl von Göttern und eine Anderswelt mit Naturgeistern. Sie hatten Priester, Seher und Heiler - darunter oft Frauen in hohen Ämtern. Man betete in heiligen Hainen oder errichtete Kultplätze an Kraftorten. Weise Männer und Frauen kannten die Heilpflanzen und behandelten Krankheiten mit magischen Zeremonien. Eine durch und durch schamanische Gesellschaft also.
Dann kam das Christentum. Für eine Religion, die sich der Nächstenliebe verpflichtet nennt, ging es in der Missionierung ausgesprochen brutal vor. Heiden, die sich nicht bekehren lassen wollten, wurden in vielen Fällen getötet, andere durch Androhung von Gewalt zur Konvertierung gezwungen. Gleichzeitig wurden vorchristliche Glaubensrichtungen wie die keltischen und germanischen verteufelt. Heidnische Götter wurden zu Dämonen oder christlichen Heiligen. Die heilige Brigitte zum Beispiel geht auf die keltische Lichtgöttin Brigid zurück, der gehörnte, bocksfüßige Teufel entstammt dem griechischen Pan und dem keltischen Cernunnos.
Einige der alten Bräuche blieben trotz Christianisierung erhalten oder wurden in die Kirchenfeste integriert. Was, zum Beispiel, hat Christi Geburt mit einem Tannenbaum zu tun und seine Kreuzigung und Auferstehung mit einem Hasen und Eiern? Zu Beginn des Frühlings, wenn überall die Natur wieder erwacht, feierte man ein Fruchtbarkeitsfest; die rammelnden Hasen ebenso wie das Ei sind alte Fruchtbarkeitssymbole. Auch Erntedank geht auf heidnische Bräuche zurück.

Alles nur Aberglaube?

Die Missionare des Christentum erklärten alte Bauernweisheiten und Heilmethoden als Aberglaube und versuchten, die Geschichte so darzustellen, als habe erst das Christentum das Licht des Wissens nach Europa gebracht. Ich erinnere mich noch deutlich wie in meiner Schulzeit einer der Religionslehrer verächtlich sagte: "Ohne das Christentum würden wir heute vielleicht noch die Sonne anbeten." Er irrte sich: Bei den Kelten und Germanen gab es eine Vielzahl von Göttern, und die Sonne wurde als lebensspendend verehrt, aber nicht als Gott angebetet. Außerdem wäre es vielleicht nicht das Schlechteste, wenn wir die Natur, wie es unsere Vorfahren taten, immer noch als beseelt oder gar als etwas Göttliches betrachten würden. Wer die Erde als Mutter verehrt, wird sie nicht ausbeuten und zerstören, so wie es die christliche Kultur Jahrhunderte lang tat, und die folgende industrielle Kultur noch mehr.

Spirituelle Vertiefung

Enttäuscht, dass die christlichen Kirchen keineswegs eine Religion der Menschenliebe vertreten, sinken ihre Mitgliederzahlen in Deutschland seit Jahren kontinuierlich. Viele Menschen bleiben nur noch pro forma darin oder um ihre Verwandten nicht zu brüskieren. Religiöse Erfüllung sucht man heute eher woanders. Oft im Buddhismus, oft aber auch in einer Rückbesinnung auf vorchristliche religiöse Bräuche. Man trifft sich in kleinen, lose organisierten Gruppen zu den Jahreskreisfesten oder lässt sich von außereuropäischen Schamanen ermutigen, die eigenen Wurzeln zu finden. Wie viele solche Neu-Heiden es gibt, weiß keiner, denn sie sind nirgends registriert, die Gruppen sind offen und ohne klare Hierarchie. Dabei mischen sich oft Praktiken indianischer oder asiatischer Herkunft mit solchen europäischen Ursprungs, und manche Naturliebhaber oder ökologisch Aktive schließen sich an, weil ihre politischen Aktivitäten oder wirtschaftliche Einsichten nach einer spirituellen Vertiefung verlangen.
Nach den mehr als tausend Jahren der christlichen Herrschaft wird Europa sicherlich nicht vom Islam bekehrt oder unterwandert, sondern immer mehr Menschen wenden sich ihren vorchristlichen Wurzeln zu. Oft leitet sie dabei die Einsicht, dass eine vertiefte Liebe zur Natur sich nicht nur in klugen Reden äußern sollte, sondern auch in einer Alltagspraxis, und dass diese, wenn sie denn eine schamanische sein soll, nicht erst importiert werden muss.

Christine Höfig, Redaktion connection Schamanismus

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Aus dem Heft Schamanismus 8

   
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