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Tradition versus Moderne

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Gotische Hütte
Foto: flickr.com, Alice Popkorn

Warum wir Europäer eine ganz besondere Art von Schamanen sind

Die alten schamanischen Traditionen unterscheiden sich grundlegend von denen der modernen Industriegesellschaft Europas. So nimmt die Begegnung der beiden Welten manchmal bizarre Züge an und führt zu vielen Missverständnissen. Eine Besinnung von uns Europärern auf das uns wirklich Eigene könnte dem abhelfen. So könnten wir die Weisheit der traditionellen Schamanen nutzen ohne Kulturdiebstahl oder naiven Import von romanisch verklärten Kulturgüter, die gar nicht zu uns passen.

Viele Europäer sehnen sich nach den spirituellen, naturbezogenen Traditionen, die sie nicht mehr haben. Bereits das führt zum ersten großen Unterschied zwischen den Gesellschaftsformen, die prägend sind für das, was wir Schamanismus nennen.
In Europa umgibt traditionelle Schamanen und alle die, die es werden wollen, ein beachtlicher Glamour. In Mexiko, Sibirien, am oberen Amazonas und bei den Navajo dagegen haben Schamanen ernste Nachwuchssorgen. Vor allem die jungen Menschen dort orientieren sich stärker an dem, was sie für den begehrten westlichen Lebensstil halten. Ihre hochfahrenden Träume ranken sich weniger um unberührte Natur und ihre Ahnen als um Internet und iPhones. Traditionelle Heilkunde und das Wissen der Schamanen erscheint ihnen oft als altmodisch.
Ein weiterer Unterschied ist, dass Europäer oft mit recht romantischen Vorstellungen an eine schamanische Ausbildung herangehen. Junge Menschen in traditionellen Gesellschaften hingegen wissen nur allzu gut, dass Schamanen ein anstrengendes Leben im Dienst der Gemeinschaft führen. Schon die Ausbildung verlangt enorme Disziplin. Das wissen sie, damit sind sie aufgewachsen. Dort gibt es heute wenige junge Leute, die Lust haben, sich die stundenlangen Gesänge der Navajo Wort für Wort zu merken. Genau das wird aber von einem Hataali (Sänger, Medizinmann) der Navajo verlangt.
Das führt dazu, dass traditionelle Gesellschaften zwar einerseits eine schamanische Tradition haben, diese aber in ihrem Land nicht mehr umfassend anerkannt und gewürdigt wird. Andererseits schätzen viele Europäer diese schamanische Tradition sehr, zumal sie nicht auf eine eigene intakte Überlieferung zurückgreifen können. Was ist also naheliegend? Genau! Traditionelle Schamanen kommen nach Europa, um hier ihr Wissen weiterzugeben.
Darüber hinaus sprießen bei uns schamanische Ausbildungen und Seminare wie Pilze aus dem Boden. Es gibt einen beachtlichen "Markt", und auch da regelt die Nachfrage das Angebot. Wie die Erfahrung zeigt, sind die echten "Exoten" die größten Kassenmagneten. Aber weshalb bieten so wenige traditionelle Schamaninnen Ausbildungen für Europäer an? Weshalb überlassen sie diese Arbeit den Europäern, die gar keine eigene Tradition mehr haben? Es gibt hier doch so viele Menschen, die bereit wären, einiges für eine "echte" Ausbildung in Kauf zu nehmen. Hier bei uns hätten die Schamanen keine Nachwuchssorgen.

"Sie wollen schamanische 'Methoden' erfahren, als ob sie ein Auto reparieren wollten." Navajo Schamane

Traditionelle Schamanen über Europäer

Ich hatte die Gelegenheit eine ganze Reihe traditioneller Schamanen eben danach zu fragen. Es zeigte sich, dass alle Schamanen die Europäer irgendwie ganz allgemein "weniger geeignet" für eine schamanische Ausbildung fanden. Ihre freimütigen Antworten sind der freundschaftlichen Verbindung zwischen uns zu verdanken, denn eigentlich sind Schamanen sehr höfliche Menschen, die sich selten offen kritische Töne gegenüber ihren Gastgebern erlauben.
Zu "ungeduldig" seien die Europäer, meinte einer der Schamanen, der im Regenwald des oberen Amazonas seine Arbeit tut. Er selbst hat zwanzig Jahre lang die Pflanzen seines Waldes studiert, natürlich ohne ein Buch und ohne jede Notiz. Erst dann wurde ihm eine gute Ausbildung bestätigt. Europäer wollten alles immer "schnell, schnell". Am besten Wochenendkurse oder einfach halluzinogene Pflanzen einnehmen. Da war er sich sicher, und das wollte er nicht bedienen.
Zu "wichtig", seien die Europäer, meinte eine mexikanische Heilerin. Sie wollen immer bequem und gut temperiert sitzen, alles aufschreiben und alles ganz, ganz genau verstehen. Sie seien nicht geübt, in einer Gruppe zu leben und aufeinander Rücksicht zu nehmen, und sie wollen die Bedingungen diktieren. Sie erzählte laut lachend, wie sie von Europäern wohlwollend belehrt wurde, da sie nicht bereit war, deren psychologische Thesen einfach zu akzeptieren.
Zu "chinesisch" seien die Europäer. Das fand ein Schamane aus Sibirien. Sie imitieren schamlos alles, auch schamanische Traditionen, um sie dann selbst zu verkaufen. Wie die Chinesen! Europäer seien eindeutig die "besseren Indianer". Nur merken sie nicht, dass man Ahnen und Heimat nicht imitieren kann. Auch er amüsierte sich köstlich.
Zu "methodisch" und zu sehr "Techniker" seien sie, die Europäer. Das stellte ein Navajo fest. Sie wollen schamanische "Methoden" erfahren, als ob sie ein Auto reparieren wollten. Dass es ein kompletter Lebensweg des Dienens ist, das sei den Europäern viel zu anstrengend. Außerdem würden sie "Wurst" aus allem machen, lautete seine Diagnose. Bring einem Europäer etwas bei, und er wird es mit Sicherheit völlig beliebig mit Elementen aus fünf anderen Kulturen vermischen und diesen Brei als seine eigene Weisheit anbieten. Seine Bitterkeit war nicht zu übersehen.
Zu "konsumorientiert" und zu sehr "allein wie Robinson", sagte ein alter polynesischer Schamane über die Europäer. Ganz allein für sich, suchten sie hartnäckig den Knopf, auf den man drücken kann, damit endlich "alles" klappt. Sie wollen einfach alles "richtig" machen. Dass es um einen Weg mit Herz geht, das wüssten sie schon. Das zumindest behaupten Europäer gern. Aber in Wirklichkeit haben sie es nur mit den Ohren gehört, denn sie handeln nicht danach. Sie gehen den Weg der Ohren, nicht den des Herzens.

Heilige Schriften? Bücher sind "das Ende der Kraft und der Beginn von Verwaltung", sagte der Schamane von den Seychellen

Individualismus versus Gemeinschaft

Aus meiner eigenen Ausbildungserfahrung heraus weiß ich gut, wovon sie sprechen. Wir Europäer sind als Individuen sozialisiert - das Individuum hat seit den Tagen der Aufklärung in Europa einen hohen Stellenwert. Traditioneller Schamanismus lebt heute aber eher in Stammeskulturen. Dort ist Gemeinschaft der wichtigere Wert.
Wir Europäer sind analytisch sozialisiert. Wenn etwas nicht wunschgemäß klappt, dann muss man eben die Ursachen finden und es reparieren. Das ist vernünftig. Wir tüfteln einfach gern. Sogar Probleme unseres Gefühlslebens behandeln wir so: Ursache finden und beheben! Traditionelle Schamaninnen und Schamanen halten dagegen wenig von kausalen "Ursachen". Alles kann zu allem führen, und eine Lösung muss damit gar nichts zu tun haben. Für ein europäisches Hirn ist das echte Akrobatik!

Der Mythos vom "edlen Wilden"

Mir ist auch immer wieder aufgefallen, wie sehr wir Europäer bereit sind, schwärmerisch andere Kulturen zu überhöhen. Der "edle Wilde" ist ein Produkt der Romantik. Diese schöne Idee hat uns Europäer jedoch nicht behindert, als es darum ging, sich aggressiv ein Stück vom Kolonialistenkuchen zu besorgen. Aber dieses Bild wurde und wird auch heute schöngeistig gepflegt. Hier bei uns gibt es endlose Autoschlangen, dort bei den Indigenen lebt der taufrische Körper der Mutter Erde. Nachvollziehbar, dass das Sehnsüchte erzeugt. Aber das Bild stimmt einfach nicht! Die elende Armut in vielen traditionellen Gesellschaften wird oft geleugnet, ebenso wie die Tatsache, dass es in Stammesgesellschaften keine Tradition demokratischer Rechte gibt.
Das Verhältnis von uns Europäern zu unserer eigenen Kultur, zu unserem Ahnenerbe, ist sehr blass. Da ist es doch einfacher, etwas zu übernehmen, was idealisiert werden kann als "noch völlig ursprünglich". Es wird "afrikanisch" getanzt, brasilianische oder asiatische Kampfkunst geübt und fleißig buddhistisch meditiert. Dagegen spricht nichts. In diesem Kontext steht allerdings die enorme Bereitschaft von uns Europäern, schamanische Kulturen zu imitieren, besser noch, nur "mit schamanischen Elementen zu arbeiten". Wir haben ja nichts "Eigenes"! Was bleibt uns denn?
Aber irgendwann gab es diese "Kriegserklärung gegen die Ausbeutung der Lakota Spiritualität" veröffentlicht von der AIM (American Indian Movement). Diese Erklärung bezeichnete es sinngemäß als kolonialistischen Diebstahl immateriellen, kulturellen Eigentums, wenn Menschen, die keine Lakota sind, sich ihrer Traditionen bemächtigen und sie imitieren. Das wurde im Internet (von Europäern) heftig debattiert bis hin zur These, Schamanismus als solcher gehöre eben einfach allen. Eben dieses Argument nutzen auch die Kolonialisten alter Schule bei ihren Diebstählen.

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Foto: Flickr.com, Jeroen Kransen

Überlieferung muss mündlich sein

Den Schamanismus als solchen gibt es jedoch nicht. Dieses alte Menschheitserbe ist in Traditionen der einzelnen Kulturen aufgeteilt: die der Lakota, der Blackfoot, der Navajo und so weiter. Warum gewähren wir den alten Kulturen nicht dasselbe Recht wie einem Sportschuhhersteller, über den Umgang mit dem "Label" oder der jeweils besonderen, überlieferten eigenen Tradition selbst zu entscheiden? Das würde uns dann auf uns selbst und unsere eigene Kultur zurückgewerfen. Aber - ist da überhaupt was zu holen?
Europäer lieben Bücher. Es gibt eine große Anzahl schamanischer Bücher. Aber Papier ist geduldig, und wir kennen die Autoren nicht, wir erleben sie nicht im Alltag. Wir können sie nichts fragen. Es ist schwer, sie auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen.
Traditionelle Schamanen schreiben keine Lehrbücher, und das aus gutem Grund. "Was ist mit der Bibel passiert?" fragte mich einmal ein Schamane von den Seychellen. Überlieferung müsse mündlich und direkt sein, das sei in allen Traditionen weltweit so. Es sei eine Art und Weise, die Dinge im Fluss, also lebendig zu halten. Buchstaben riefen sofort Besserwisser und Interpretationen auf den Plan. Das sei das Ende der Kraft und der Beginn von Verwaltung.
In letzter Konsequenz würde das bedeuten, dass wir nur schamanisch lehrende Europäer akzeptieren dürfen, die von einer bestimmten traditionellen Gesellschaft eine ausdrückliche Erlaubnis bekommen haben, zu unterrichten. Diese Ethik wäre ein heilsamer Bruch mit unserem kolonialistischen Erbe.
Weiterhin entstünde daraus unsere Bereitschaft, nur mündlich überlieferte Traditionen als echte schamanische Kultur anzunehmen. "Bücher sind Eis. Direkte lebendige Sprache ist Wasser!", sagte einmal ein Schamane zu mir. Traditionen, die keine authentischen, lebenden Lehrenden mehr haben, weil es sie nicht mehr gibt, sind tot. Bücher sind kein Ersatz.

Europäischer Schamanismus

Damit sind wir Europäer gefordert, uns mit unserer eigenen, heutigen Kultur zu befassen. Auch wenn das nicht der schnellste Weg ist, könnte uns dies mehr zu uns selbst führen, als jede andere Kultur es vermag. Wir moderne Europäer haben keine umfassende lebendige Tradition mehr. Aber es gibt auch bei uns noch Bruchstücke, die sehr lebendig sind. Die bäuerliche Kräuterheilkunde der Alpen ist etwas ganz anderes als die pharmakologische Phytotherapie. Das Besprechen von Warzen ist in Norddeutschland immer noch sehr lebendig. Das alte Brauchtum mit anderen Augen zu sehen, auch die Landschaft unserer Heimat, Wälder, Berge und Flüsse neu zu erfahren, das ist es, was uns unseren Ahnen näher bringt. Es gibt auch heute noch unzählige regionale Vegetationsfeste, die eindeutig vorchristliche Ursprünge haben.
Wir können uns der mündlichen Überlieferung unserer Mythen, den Märchen widmen. Viele bergen schamanische Motive. Auch eine ganz unakademische Art zu singen, zu Tönen, das Jodeln oder das Juchzen, ist ein spirituelles Erbe unserer europäischen Kultur, das neu entdeckt werden will. Hier werden wir noch lebende Lehrende finden.
Aber ist das alles nicht ziemlich rückwärts gewandt? Gehört das nicht eher in ein Heimatmuseum? Diese Frage ist berechtigt. Wenn wir uns wirklich mit dem spirituellen Erbe unserer europäischen Kultur befassen, dann genügt es in der Tat nicht, einfach die verbliebenen Reste abzustauben und ein bisschen zu polieren. Uns unserer eigenen Kultur anzunähern ist ein Prozess in mehreren Schritten, der einen langen Atem erfordert.
Lehrende aus traditionellen Kulturen oder von ihnen autorisierte Lehrende können uns vermitteln, was Schamanismus überhaupt ist. Das ist eine ganz andere Art, in der Welt zu sein, die wir Europäer nicht mehr kennen. Wir müssen verstehen, worum es dabei überhaupt geht und sollten dann unsere europäischen Überzeugungen gründlich überarbeiten.

Es gibt auch heute noch unzählige regionale Vegetationsfeste, die eindeutig vorchristliche Ursprünge haben

Bergen und neu Beleben der Überreste

Dann müssen wir die lebendigen Reste unseres eigenen, spirituellen Brauchtums bergen wie einen kostbaren Schatz. Dies ist unsere ureigene Aufgabe. Damit würden wir auch den Respekt der traditionellen Schamanen gewinnen, denn sie sind sich ihrer Begrenzungen durchaus bewusst.
Danach stehen wir vor der Herausforderung, mit geschultem Blick unsere Fundstücke neu zu beleben. Alles muss in die Gegenwart hinein transponiert werden. Dabei sind traditionelle Schamanen uns keine Hilfe mehr, denn nur wir Europäer selbst sind hier die Experten. Nur so kann eine zeitgemäße, authentisch europäische, schamanische Kultur entstehen, die allen nützt.
Eine zeitgenössische Art von europäischem Schamanismus kann neue, künstlerische Impulse für unsere Kultur hervorbringen. Durch diese Inspiration kann eine ganz neue Heilkunst entstehen. Eine spirituell inspirierte, grüne Technologie kann neuen Input im Umgang mit unseren Ressourcen erhalten. Auch in der Landwirtschaft und in der Kindererziehung kann ein schamanischer Einfluss eine wertvolle Inspiration zur Entwicklung neuer Ansätze sein. Schamanismus ist eine Lebensform, ein gesellschaftliches Konzept, keine individuelle Selbsterfahrung.
Eine Breitenwirkung dieser Ideen setzt eine gesellschaftliche Debatte über verschiedene Themen voraus. Einerseits geht es um eine europäische Identität. Noch sind wir bewusstseinsmäßig im Nationalstaatentum verhaftet. Diese Auseinandersetzung braucht spirituelle Impulse, nur so wird sie die blutleeren Appelle von Politikern hinter sich lassen. Dies gilt andererseits auch für eine kritische Auseinandersetzung mit der Begrenzung unserer Ressourcen wie Bodenschätze und Wasser auf der Erde und für eine von Einsicht und Mitgefühl getragene Klimapolitik. So könnten sich Spiritualität und Politik treffen - das wäre sogar sehr "schamanisch".
Das Erbe der traditionellen Schamanen ist, so wie es ist, leider bedroht. Ebenso wie die alte Lebensform der Stammesgesellschaften, die diese Kultur hervorgebracht hat, ist dieses Wissen den Einflüssen der Moderne ausgesetzt. Dieser Clash ist unvermeidlich und verhängnisvoll, denn die Gegensätze sind unüberbrückbar.
Wenn wir nicht wollen, dass die schamanischen Traditionen bloß in Filmarchiven und Völkerkundemuseen landen, dann ist unser Einsatz notwendig. Wir Europäer können dieses uralte Erbe der Menschheit in unsere neue Zeit übersetzen, so dass sie von modern lebenden Menschen verstanden wird. Durch diese Schlangenhäutung könnte das Erbe weiter leben. Behutsam die Besonderheiten unserer eigenen Kultur würdigend, können wir eine europäische Vision schaffen, die für uns hier und heute authentisch und lebenswert ist. Frei von jedem geistigen Diebstahl können wir so unseren Beitrag zu den brennenden Fragen der heutigen modernen Welt leisten. Insofern sind wir Europäer nicht nur begriffsstutzig und begrenzt, wir sind gleichzeitig auch Hoffnungsträger. Vorausgesetzt wir nehmen diese Herausforderung an, könnten aus uns ganz besondere, europäische Schamaninnen und Schamanen werden.

Hildegard Fuhrberg

Hildegard Fuhrberg, seit 32 Jahren HP, Vorstandsmitglied "Schamanisches Netzwerk Europa e.V.", wurde in Mexiko autorisiert schamanisch auszubilden. Sie leitet schamanische Ausbildungen seit 15 Jahren. Lehraufenthalte auch in den USA/Navajo Nation und am Amazonas in Peru. www.schamanisches-netzwerk-europa.de, www.alteheilkunst.com

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Aus dem Heft Schamanismus 8

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