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Von den Dionysien zur Goa-Party

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Foto: Pascal Querner

Das Wiederaufleben steinzeitlicher und antiker Kulte im modernen Europa

Seit Menschengedenken gibt es ein immer wiederkehrendes Grundmuster menschlichen Sozialverhaltens, nur in jeweils eigenem kulturellen Gewand und historischer Ausprägung: ekstatische nächtliche Tanzfeste im Freien, mit rhythmusbetonter, obertonreicher Musik, um eine gemeinsame spirituelle Erfahrung zu machen. Oft werden dabei ausgewählte psychoaktive Substanzen kollektiv konsumiert. Bei derartigen Veranstaltungen lebt der tanzende Mensch sein Grundbedürfnis nach veränderten Bewusstseinszuständen aus, nach Rausch, Ekstase, Trance.

Die archaischen Kulte und die antiken Mysterien haben sich aus dem steinzeitlichen Schamanismus entwickelt. Es ging darum, dem Menschen eigene ekstatische und mystische Erfahrungen zu ermöglichen, nicht darum, Gotteswort von Priestern vorgekaut zu bekommen.
Spätestens als die Menschen die Musik erfunden haben, wurde auch das Tanzen zu einem wichtigen Kulturgut. Als die ersten Knochenflöten vor rund 38.000 Jahren gefertigt wurden, waren die menschlichen Kulturen ganz vom Schamanismus getragen. Religionen gab es noch nicht. Religionen sind eine recht moderne Erfindung, die nur ein paar Tausend Jahre alt ist. Es waren aber die Religionen, die dem steinzeitlichen Schamanismus, der über 30.000 Jahre lang den Menschen erfolgreich durchs Leben und durch die Geschichte begleitet hat, ein blutiges und grausames Ende setzen. Aber auch darin haben die Religionen versagt, denn der Schamanismus lebt bis heute fort, vor allen bei den Völkern des Himalaja und den Stämmen des Amazonaswaldes. Wird dort der traditionelle Schamanismus gepflegt, mit Ayahuasca und anderen psychoaktiven Substanzen sowie Trancetechniken und Reisen in andere Wirklichkeiten, mit rhythmusbetonter Musik und ekstatischen Tänzen, so tauchen schamanische Elemente als Kulturphänomene in modernen Gesellschaften auf; oft ganz plötzlich und unvorhersehbar. So treten sie in der Goa-Kultur auf, deren Zentrum die Goa-Partys bilden - ein Phänomen der Tanzkultur vor allem in Europa.

»Religionen sind eine recht moderne Erfindung. Sie haben dem steinzeitlichen Schamanismus, der über 30.000 Jahre lang den Menschen erfolgreich durchs Leben und durch die Geschichte begleitet hat, ein blutiges und grausames Ende gesetzt«

Rhythmus und Bewusstsein

"Das ganze Leben über sind wir psychischen, körperlichen, biologischen und kosmischen Rhythmen ausgesetzt, die unser Dasein wesentlich bestimmen. Rhythmus und Bewusstsein sind eng miteinander verbunden. Die Veränderung der körpereigenen Rhythmen bewirkt eine Umstellung des Bewusstseins" schrieb der Psychotherapeut und Ethnologe Holger Kalweit, und in der Homerischen Hymne an Pan, den ziegenfüßigen und vor erotischer Lust strotzenden Gott des alten Griechenlands, wird poetisch von "tanzfrohen Nymphen" geschwärmt.
Im Kern des Schamanismus stehen Ekstasetechniken, die sich pharmakologischer oder non-pharmakologischer Methoden bedienen, um im Menschen einen veränderten Wachbewusstseinszustand auszulösen. Der wird dafür genutzt in andere Welten zu reisen, die Zeiten, d.h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu transzendieren, in mythische Welten und Geschehnisse eintreten zu können, zu ermöglichen den Mythos des Stammes nachzuerleben, Krankheitsursachen zu erkennen, Heil- und Zauberkräfte zu erlangen, Einsichten in die innere Struktur des Universums und des Kosmos zu erhalten, Jagdwild zu lokalisieren, psychische Probleme zu lösen und um sich eins mit der Welt erfühlen.

Tanzfreude

Ja, in heidnischen Kulturen war das Tanzen Ausdruck der Lebensfreude, die von den Göttern und Göttinnen den Menschen als Grundlage ihrer Existenz verliehen wurde. Ganz und gar "tanzfroh" wurden auch die Kulte der alten Gottheiten begangen. Freude und Spiritualität schlossen sich nicht aus, sondern ergänzten sich auf harmonische Weise. Der Sinn des menschlichen Lebens ist es Freude zu erleben und glücklich zu sein. Was für eine Welt!
Auch der österreichische Schriftsteller Gustav Meyrink stimmt in diesen Chor mit ein: "Wer sich nicht freuen kann, in dem ist die Sonne gestorben, wie könnte ein solcher Licht verbreiten? ... Die Freude und das Ich sind dasselbe. Wer die Freude nicht kennt, der kennt auch sein Ich nicht. Das innerste Ich ist der Urquell der Freude, wer es nicht anbetet, der dient der Hölle... Versuch's nur, und freue dich!"
Ganz ähnlich schwärmte drei Jahrhunderte früher der wissenschaftlich gebildete Johannes Praetorius (1630-1680) in seinem Buch von des Blockes-Berges-Verrichtung (1668; Neuausgabe 1979) von der Lust und der Schönheit: "Die vornehmste und verschrieenste Nymphe unter den Geistmenschen ist Frau Venus, derer die griechischen Skribenten viel gedenken und welche sie achteten als eine Göttin der Wollust und schönen Gestalt. Es haben sie auch nicht allein die alten Heiden, Griechen und Latiner, sondern auch die Sachsen in Magdeburg verehrt".

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Foto: Pascal Querner

Ekstase

In schamanischen Kulturen wird die angeborene Fähigkeit eines jeden Menschen, die Ekstase selbst zu erfahren, gesellschaftlich gefördert. Denn die Ekstase ist eine heilsame, erkenntnisreiche und lustvolle Erfahrung. In der Ekstase erkennt man sich selbst und das Universum, die eigene Stellung in der Welt, erlebt äußerst starke Gefühle einer alles umfassenden Liebe zu sich selbst, zu allen anderen, ja zur ganzen Welt.
In unserer modernen Kultur hat die Ekstase keinen rechten Platz. Sie wird von Kirche und Gesellschaft unterdrückt, ja sogar als pathologisch betrachtet, und - vor allem - als überflüssig angesehen. In der kapitalistischen Leistungsgesellschaft hat die Ekstase keinen Raum und keine Zeit. Die Ekstase wird sogar von der Obrigkeit gefürchtet, denn sie kann aus "normal funktionierenden" Menschen soziale Aussteiger machen; schlimmer noch, Menschen die ekstatische Erfahrungen hatten, lassen sich nicht mehr kontrollieren, beherrschen und ausbeuten. Aber genauso wie es die Religionen nicht geschafft haben den Schamanismus gänzlich auszurotten, so schafft es die Leistungsgesellschaft nicht, den Trieb nach ekstatischer Erfahrung vollkommen zu unterdrücken. Die Ekstase bricht immer wieder durch, zieht immer wieder Menschen in ihren Bann und verändert das Denken nachhaltig. Der angeborene Trieb oder genetisch vererbte Wunsch nach ekstatischen Erfahrungen ist auch eine Antriebsfeder der Goa-Kultur. Krollpfeiffer 1995 wies in ihrer psychologischen Studie nach, daß der Wunsch nach ekstatischen Erfahrungen Menschen zum Konsum der "Partydroge" Ecstasy anregt und zu Besuchen von Goa-Partys führt.

Tanzkulte aus der Steinzeit

Die heutigen Goa-Partys reihen sich ein in die Liste der seit der Steinzeit bestehenden Tanzkulte. Das Tanzen an sich, sowie verschiedenste Tänze haben ihren Ursprung im Schamanismus. Es waren ursprünglich rituelle Tänze, denen Heil- und Zauberkraft zugeschrieben wurden. Dass Tanzen gezielt zur Erzeugung veränderter Bewusstseinszustände wie Trance und Ekstase eingesetzt wird, ist zu allen Zeiten in vielen Kulturen nachzuweisen (Lewis 1978).
Viele rituelle Tänze sollen den Tänzern die Erfahrung der Trance oder Ekstase ermöglichen - wie etwa die nächtlichen Tanzorgien der antiken Dionysiaka und Bacchanalien, die rasenden Tänze des Schwarms der Hekate, der Derwischtanz der Sufi-Geheimbünde, die wilden Besessenheitstänze der Voodoo- und Macumba-Kulte, die balinesischen Tempeltänze, die heilenden Kreistänze der Buschleute, Hexentänze und Walpurgisnachtrituale, Tanzwut und Tarantella... bis hin zum heutigen Pogen der Punker, dem Headbanging der Schwermetaller, dem ausgelassenen Tanzen der Technofreaks. Gustav Schenk (1958) hat deutlich gezeigt, dass die "Tanzwut" im Laufe der Kulturgeschichte immer wieder in verschiedener Gestalt auftaucht. Auch Drury (2004) sieht einen direkten geschichtlichen Zusammenhang zwischen Schamanismus, Hexenkult und der Goa-Kultur.

»Wer die Freude nicht kennt, der kennt auch sein Ich nicht. Das innerste Ich ist der Urquell der Freude« Gustav Meyrink

Trommeln und Flöten

Das steinzeitliche Orchester bestand hauptsächlich aus Rhythmusinstrumenten wie Trommeln, Knochen, Rasseln und schrillen Pfeifen und Flöten. Die Musik der Schamanen besteht meist aus kräftigen Rhythmen und schrillen Melodien. Auch die antike dionysische Musik ist durch harte, oft monotone und schnelle Rhythmen und übereinander gelagerte Obertöne charakterisiert. Die Musik des Pan war so schrill, dass sie den legendären "panischen Schrecken" auslösen konnte. Die Obertöne bohren sich ins Bewusstsein und verändern es: "Pans Musik beschwört die wilden Orte des Geistes, all das in uns, das animalisch, verrückt, unbegreiflich und unterentwickelt ist, den Urquell des Schreckens und der schöpferischen Kraft." (Aus dem Vorwort der Übersetzer Kathleen Atlass und James Redfield der englischen Ausgabe von Borgeaud 1988).
Die Kombination von starken, schnellen Rhythmen mit obertonreichen Melodien bildet das Grundrezept der ekstatischen Musik. Damit wird seit Urzeiten gezielt das ekstatische Bewusstsein geweckt. Im antiken Dionysos-Kult wurde mit Handtrommeln und hohen Flöten und Schalmeien musiziert. Genauso wie heute noch bei vielen schamanischen Ritualen wie Ayahuasca-Sitzungen, Peyote-Treffen, Heiltänzen...
Diese beiden musikalischen Elemente wurden von der Kirche verboten. Deshalb entstand der gregorianische Gesang. Bloß keine Trommeln oder Zimbeln und Flöten, keine schnellen Rhythmen und keine schrillen Obertöne! Der Klang des Dionysos wurde zur Teufelsmusik. Zimbeln galten als Symbole der Hölle, die "Harmonie der Flöten" galt als satanisch und wurde von der christlichen Kirche verbannt. Trommeln und Flöten wurden von den angeblichen Hexen bei ihren Sabbaten benutzt. Es hieß, dass diese Instrumente zu unkeuschen Tänzen erregen würden, dass die Musik zur unheimlichen Tanzwut führen würde. Es hieß, dass die von der Tanzwut erfassten von einem teuflischen Tanzdämon befallen oder besessen wurden. Es gab sogar von der (katholischen) Kirche bevollmächtigte Priester, die die von der Tanzwut Besessenen mit Teufelsbeschwörungen und Exorzismen beruhigen und heilen sollten (Lewis 1978, S. 42).

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Foto: Pascal Querner

Dionysische Tänze

Die dionysischen Tänze der Antike haben sich dennoch bis ins siebte Jahrhundert nuZ erhalten. Bei dem christlichen Konzil in Konstantinopel im Jahre 691 wurde beschlossen, diese heidnischen Kulte zu verbieten: "Ferner verbieten wir gänzlich die Tänze und Weihezeremonien von Männern und Frauen im Namen der von den Heiden lügnerisch als Götter bezeichneten Wesen nach alter Sitte... und setzen fest, dass kein Mann Weiberkleider und keine Frau Männerkleider tragen darf und dass man weder komische noch satyreske noch tragische Masken anziehen darf und dass weder diejenigen, welche die Trauben in den Keltertrögen ausquetschen, noch diejenigen, welche den in den Fässern befindlichen Wein eingießen, den Namen des verwünschten Dionysos anrufen dürfen." (zitiert nach Merkelbach 1988. S. 82)
Die heutigen Goa-Partys haben ihre kulturellen Wurzeln im archaischen Schamanismus und wirken wie eine Variation des antiken Dionysos-Kults. Die Anhänger treffen sich nachts an verabredeten Orten, irgendwo in der Walachai, nehmen meistens psychoaktive Substanzen, spielen stampfende schnelle Rhythmen und schrille Obertöne, tanzen stundenlang - mit dem Ziel der kollektiven Ekstase. Manchmal tritt sie sogar ein und verzaubert die wilden Tänzer. Und dieser Zauber ist der mächtige Attraktor. Er ist stärker als jedes bürgerliche Gesetz.

Der Text wurde dem Buch "Goa - 20 Jahre psychedelische Trance" von Tom Rom, Pascal Querner u.a. entnommen, das 2010 im schweizer Nachtschatten Verlag erschien - Großformat, HC, 273 Seiten, inkl. DVD, 39.90 €.
Im Dezember 2011 erscheint die erweiterte englische Ausgabe (320 Seiten, inkl. DVD), 49.90 €, ISBN: 978-3-03788-189-7. www.nachtschatten.ch

Christian Rätsch

Christian Rätsch, Jg. 57, Altamerikanist und Ethnopharmakologe, lebt als Autor und Referent in Hamburg. Sein Spezialgebiet ist die Erforschung des ethnomedizinischen und rituellen Gebrauchs von Pflanzen, insbesondere die kulturelle Nutzung psychoaktiver Pflanzen im Schamanismus. 1989 erschien von ihm die "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen", www.christian-raetsch.de

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Aus dem Heft Schamanismus 8

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