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War Fred Feuerstein ein Schamane?

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Nana Nauwald bei einem Ritual in der Holle-Höhle

Die Ekstasetechniken der Steinzeitmenschen

Woran glaubten die Urzeitmenschen? War ihre Religion der Schamanismus? Ist der Schamanismus überhaupt eine Religion? Jedenfalls hat der Schamanismus mit den großen Religionen viele Gemeinsamkeiten: Im einen Fall nimmt der Schamane, im anderen der Priester Kontakt zu einer Anderswelt auf, um auf die Wirklichkeit einzuwirken.

Es ist der 13. November 35.000 v.u.Z., 20.30 Uhr. In der Tiefe einer Höhle wirft das unruhig flackernde Feuer tanzende Schatten an die mit Tieren bemalten Höhlenwände. In Fellen gehüllte Menschen sitzen an Fleischknochen kauend um das Feuer herum. Ein grusliges Heulen lässt die Menschen erschrocken im Essen innehalten und noch dichter zusammenrücken. Alle Augen sind verängstigt auf einen kleinen, dünnen, alten Mann gerichtet, der aufgestanden ist. Er zieht aus seinem Fellgewand einen etwa unterarmlangen Stab hervor, der mit eingeritzten Zeichen geschmückt ist und dessen Ende einen stilisierten Löwenkopf zeigt. Der Mann beginnt, mit kleinen Schritten sich langsam zu drehen, den Stab hoch über sich erhoben. Unvermindert gruselig heult der Wintersturm durch den natürlichen Kamin in der Höhlendecke.

Auch der alte Mann beginnt, heulende Laute rhythmisch auszustoßen, sein Drehen wird immer schneller, stampfend, keuchend wiederholt er immer wieder die gleichen Laute. Der Stab schlägt im Rhythmus des Stampfens zuckend in alle Richtungen, als würde er auf unsichtbare Gegner einschlagen. Nach und nach fallen die Menschen um das Feuer in den heulenden Gesang des Alten ein. Einzelne stehen auf und stampfen hinter dem Alten um das Feuer herum. Plötzlich bleibt er stehen, hebt den Stab hoch über sein Haupt, dann beugt er sich zur Erde und schlägt mehrmals mit dem Löwenkopf auf den Boden. Alle lauschen: Stille! Der wütende Sturmgeist ist beruhigt, zurück in die Erde gebannt, aus der er entstiegen ist.

Der Sinn von Ritualen

"Rituale besitzen die Macht, eine ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen" Peter Sloterdijk

"Der Frühmensch profitiert davon, dass er zumeist fast alle Griffe kann, die er zur Selbsterhaltung braucht, während er alles, was nicht gekonnt werden kann, im Schutz von Ritualen mehr oder weniger routiniert übersteht. Nehmen Sie an, die Sintflut fällt vom Himmel auf Ihr Blätterdach, dann können Sie, wenn sich das Unwetter überhaupt überstehen lässt, es besser überstehen, wenn Sie ein Lied für den Wettergott rezitieren. Es ist nicht wichtig, dass Sie selber Wetter machen können, sondern dass Sie eine Technik kennen, bei schlechtem Wetter in Form zu bleiben; es muss in Ihrer Kompetenz liegen, auch dann etwas zu tun, wenn man ansonsten nichts tun kann. In Ritualen spüren die Menschen der Frühzeit den existenziellen Boden unter den Füßen: Rituale besitzen die Macht, eine ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen", schrieb der Philosoph Peter Sloterdijk SZ-Magazin 34/2009.

Die Begriffe "Urzeit", "Verbundenheit mit der Natur" und "Schamanismus" sind zu Sehnsuchtsträgern nach einer "heilsamen Ganzheit" geworden in unserer Zeit, in der es anscheinend kompliziert geworden ist, in Verbindung mit "Natur" zu sein. Naturerfahrung, Naturrituale, Naturkost, Naturmedizin, Naturschutz, Naturwissen..., es gab vor unserer heutigen Natur-Kultur keine Zeit, in der so viel Aufmerksamkeit auf "Natur" und ihre Erscheinungsformen gerichtet wurde, von Wissenschaft und Politik bis in den Heilkräutergarten. Während wir die natürlichen Kreisläufe mehr und mehr zerstören, beginnen wir alles über sie zu lernen und wenden uns sehnsuchtsvoll der vermeintlich so guten alten, heilen Zeit der Menschheit zu.

Wie kann Natur ein Gegenbegriff zu "Kultur" sein, wie in den begriffsklärenden Lexika behauptet wird? Kultur erwächst aus Natur. Kultur ist geformte Natur. Irgendwie müssen auch die griechischen Philosophen des Altertums etwas vom "Geist der Natur" selbst erfahren haben, hätten sie sonst "Natur" gleichgesetzt mit "Wesen" und "innerem Prinzip"? Sie müssen gewusst haben, dass alle Erscheinungen von Leben einen Geist haben, Anteil des Ur-Geistes und miteinander verbunden sind. Sie haben ganz gewiss gewusst, dass der "Geist von etwas", sein "Wesen" sich in vielfältiger Erscheinung, in vielfältiger Form, als In-Formation zeigen kann. Griechische Philosophen mit schamanischem Wissen!

Die Suche nach der inneren Natur

"Die Wirklichkeit hat unendlich viele Formen, aber sie ist keine Wesenheit. Sie ist im Wesen die Wahrheit selbst, aber sie ist keine Wesenheit", sagt die Avadhuta Gita, ein Text aus der indischen Vedanta-Tradition. Hinter dem wachsenden Anliegen, sich über vielfältige Wege mit den Kräften der äußeren Natur zu verbinden, steht nicht nur ökologisches Bewusstsein für Verantwortung, sondern auch die Sehnsucht, die eigene innere Natur zu erkennen, sich als Anteil am allumfassenden Natur-Lebensnetz zu erfahren, sich wieder bewusst mit sich selbst zu verbinden. Denn auch der Mensch ist Natur.


Eine Schamanin von heute auf dem Hohen Meißner

Befinden wir uns also in einer gesellschaftlich spirituell auf Natur bezogenen Bewegung, hin zu einer neuen Religion, der Natur-Religion? Der Begriff "Religion" wird meist von religare (lat. "rückbinden") abgeleitet. Eine Religion ist ein System von Glaubenssätzen, Überzeugungen und Praktiken, in dessen Mittelpunkt die Verehrung über-natürlicher Kräfte, Wesenheiten, Götter, oder - wie in den drei monotheistischen Religionen - eines einzigen allmächtigen Gottes steht.

Religion einst und jetzt

Die Frage nach Sinn, Herkunft und den Zusammenhängen des Lebens hat sicherlich die Menschen in allen Stadien der Menschheitsentwicklung beschäftigt und sie angeregt, ihren geistigen Vorstellungen Ausdruck zu verleihen. Felsritzungen, Felsmalereien, Statuetten zeugen weltweit davon, dass der Mensch sich seiner selbst bewusst war und durch sein bildnerisches Tun der Ahnung Ausdruck gab, dass es eine Schöpfungsenergie hinter allen Erscheinungen der Welt gab und es möglich war, mit dieser kreativen Energie in Kontakt zu treten und zu bewirken, dass sie die eigenen Lebensumstände günstig beeinflusste. Jagdglück, Fruchtbarkeit, Gesundheit und die Zugehörigkeit zu einer Welt nach dem Tod werden die wichtigsten Anliegen gewesen sein, mit denen sich die Menschen der Frühzeit den nicht-sichtbaren Schöpferkräften zugewandt haben. Wenn ich die Mäntel der Religionen lüfte und auf ihren Wesenskern schaue, so hat sich an diesen Anliegen nichts geändert, auch wenn das "Jagdglück" heute andere Inhalte hat.

Diese Aspekte gehören sicherlich zu den Geist-Samen, aus denen heraus die Bewusstseinswelt gewachsen ist, die wir heute mit dem Sammelbegriff "Schamanismus" versehen. Aus diesen Samen sind auch die Erscheinungsformen der Schriftreligionen entsprossen. Doch ein Blick auf ihre Religionsgeschichte hinterlässt bei mir immer den bitteren Geschmack von Herrschaft und Knechtschaft. Einer ist "oben" und regelt belohnend und strafend das Schicksal der da "unten". Nicht, dass der noch heute in einigen wenigen indigenen Gesellschaften gelebte Schamanismus nicht auch eine äußerst dunkle Seite hätte. Ja, die hat er, auch wenn diese dunkle Seite auf Schamanismus-Seminaren und in Schamanismus-Tourismus-Zentren nur selten beachtet und angesprochen wird.

Jagdglück, Fruchtbarkeit, Gesundheit und die Zugehörigkeit zu einer Welt nach dem Tod, mit diesen Wünschen haben sich die Menschen der Frühzeit den nicht-sichtbaren Schöpferkräften zugewandt

Dort, wo Schamanismus noch im Alltag gelebt wird, beschäftigen sich Schamaninnen und Schamanen hauptsächlich damit, die durch Verfluchung und Schadenszauber angerichteten Schäden wieder auszugleichen. In den so geprägten Gemeinschaften Amazoniens ist es auch heute noch so, dass ein bei einem Schamanen in Auftrag gegebener Schadenszauber eine häufige Todesursache ist. Schamanische Bewusstseinswelten sind nicht "besser" als die christlichen Bewusstseinswelten. Aber ich habe das Glück, in einer Zeit zu leben, in der ich mich für oder gegen einen spirituellen Weg und eine Bewusstseinswelt entscheiden kann. Und so habe ich mich für den lustvollen, kreativen, lebensbejahenden, intelligenten Weg des Schamanismus entschieden. Weil er meinem ganzen Menschsein gut tut und ich mit allen Sinnen und auch mit meinem Verstand willentlich in die Verbindung mit dem Geist der Erscheinungen allen Lebens treten kann, meinen eigenen Geist nicht durch Denken und Glauben, sondern durch Handeln, also durch Absicht, Ausdruck, Bewegung und Klang erfahren und in die Welt einweben kann.

Schamanische Techniken im Christentum

"Das Werden ist das sich ändernde Sein. Das Wirken ist eigentlich das Grundelement", sagt der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, ein Schüler und Nachfolger von Werner Heisenberg. Ein Priester der Kirche, wenn er die Liturgie singt und dabei bestimmte rituelle Bewegungen ausführt, mit Weihwasser die Gläubigen besprengt oder mit dem Kreuz Dämonen austreibt, handelt er dann nicht auch so wie ein Schamane? Auch er handelt rituell, aber aus einem anderen geistigen Raum, einem anderen geistigen Bezug zur Schöpferkraft heraus.

Die Belegung von Orten und Objekten mit besonderen geistigen Bedeutungen findet sich auch in allen Religionen. Von daher scheint der "Zauberstab" des Schamanen nichts wesentlich anderes zu sein als das rituelle Objekt einer Religion. Wir Menschen verleihen Gegenständen Bedeutung. Das Holzkreuz der Christen ist dann nicht mehr nur ein Stück Holz, ebenso wie der geschnitzte Stab des "Fred-Feuerstein-Schamanen". Der Holzstab wird zu einem geistigen Informationsträger, einem Energieträger, einem Ritualobjekt. Wird nun dieses Objekt vom Schamanen mit bestimmter Absicht in einer rituellen Handlung eingesetzt, so könnte man durchaus sagen, dass der Glaube an die geistige Kraft des Ritualstabs diese Wirkung erzielt hat. Dennoch wäre dieses spirituelle Ritual nicht zwangsläufig Ausdruck einer Religion. Spiritualität ist nicht an eine Religion gebunden, aber jede Religion ist auch spirituell. Und wenn ich mir die oft fantastisch anmutenden Vermutungen von Wissenschaftlern in Bezug auf die Entstehung des Lebens ansehe, ist mir klar: Glauben kann man auch ohne Religion!

Ist der Schamanismus eine Religion?

War also Fred Feuerstein bei seinem anfangs beschriebenem "Wetterzauber-Ritual" ein religiöser Führer, und die Menschen in der Höhle hingen einer Religion an? "Oh nein", höre ich den ehrenwerten Schamanismus-Forscher Mircea Eliade rufen, "das war ein Schamane!". Herr Eliade hat wahrscheinlich nicht geahnt, wie berühmt er mit seinem Werk "Schamanismus und archaische Ekstasetechnik" im 21. Jahrhundert werden würde: Gibt man das Wort "Schamanismus" in eine Suchmaschine ein, so wird man mit einem Universum an neoschamanischen Erzeugnissen überschwemmt. Es gibt Definitionen des Schamanismus ohne Ende, im Allgemeinen im Geiste von Mircea Eliade: Schamanismus als eine alte Ekstasetechnik, die Grundlage aller religiösen Phänomene, aber selbst keine Religion. Schamanismus definiert sich bei Eliade nicht durch den Glauben oder die religiöse Gemeinschaft, sondern durch die spezifische Fähigkeit des Schamanen: die Ekstasetechnik. Laut Eliade ist der Schamane ein Botschafter, der Verbindungen schaffen kann zwischen geistigen Welten und Wesen.

Wir Menschen verleihen Gegenständen Bedeutung. Das Holzkreuz der Christen ist dann nicht mehr nur ein Stück Holz, ebenso wie der geschnitzte Stab des Schamanen

1992 antwortete Lindzja Beldy, eine Schamanin der Nanai, auf die Frage, ob Schamanismus eine Religion ist: "Religion? Das ist etwas, was die Russen haben. Wir haben nur unsere Schamanen." Verbindungsglieder zwischen den Menschen und "Gott" - sind das nicht auch Priester, Pfarrer, Imane? Ja, das sind sie. Doch der kleine, aber entscheidende Unterschied zwischen Religion und Schamanismus als Überbegriff für spirituelle Wege der Naturerfahrung, Naturverehrung, Naturbezogenheit ist der Begriff "Glauben". Die österreichische Schriftstellerin Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach hatte sicherlich nicht den Schamanismus im Sinn, als sie den Ausspruch tat: "Wer nichts weiß, muss alles glauben." Doch genau dieses Zitat drückt für mich die Essenz von Schamanismus aus, und es bezeichnet das, was ihn von den Religionen unterscheidet.

Wandel durch Wirken

Die Weltsicht des Schamanismus beruht auf eigener Erfahrung und dem daraus entsprungenen Wissen, dass alles Lebendige einen Geist hat und ein seinem Wesen entsprechendes Bewusstsein. Der Mensch ist wie alle anderen Erscheinungen der Natur auch ein Anteil vom "Ur-Geist", dem Geist des Ursprungs allen Lebens. Da auch ich Geist vom Geist bin, bin ich auch in der Lage, mit dem Geist anderer Wesen in absichtsvolle Verbindung zu gehen. Aus diesem Wissen heraus wirken heilsam tätige Menschen im Schamanismus.

Die "Fred-Feuerstein-Menschen" vom Anfang dieses Artikels haben sicherlich aus vorherigen Erfahrungen heraus darauf vertraut, dass sie etwas durch aktives Handeln bewirken können: Durch absichtsvollen Klang und Bewegung haben sie ihre individuelle Furcht in gemeinsame Stärkung gewandelt und so dem Geist des Unwetters Einhalt geboten. Sie haben rituell gehandelt und ihre Wirklichkeit gewandelt.

Deshalb trinke ich auf das Wohl der Mutter des Geistes der Schöpfung, die mir dieses wundersame, so vielfältig sich wandelnde und klingende Leben schenkt, die in mir aus der Unbegrenztheit und liebevollen Weite aller Weltenwirklichkeiten heraus die Entscheidungsfähigkeit geweckt hat, mich für meine stimmige geistige Heimat zu entscheiden - für die schamanische Bewusstseinswelt.

Schamanen-Tun statt Schamanen-Tum.
Wandel durch Wirken.
Werden durch Wirken.
Wachsen durch Wirken.
Bewirken von Wirklichkeiten.

Nana Nauwald

Nana Nauwald, Jg. 47, Künstlerin, Buchautorin, Dozentin für schamanische Rituale. Seit 30 Jahren Erfahrung, Erforschung und Leben in schamanischen Bewusstseinswelten mit dem Schwerpunkt Amazonien. Autorin der Bücher "Ekstatische Trance - das Praxisbuch", "Feuerfrau und Windgesang", "Das Lachen der Geister" und "Der Gesang des schwarzen Jaguar". www.visionary-art.de, www.ekstatische-trance.de, www.feuerfrau.com

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Aus dem Heft Schamanismus 9

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