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"Moses war ein Schamane"

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José de Ribeiro, »Moses«, 1638

Die große Schlüsselfigur am Übergang zwischen zwei Zeitaltern neu betrachtet

Moses ist eine mythische, vielleicht auch historische Figur, die in allen dreien der abrahamitischen Religionen eine große Rolle spielt. So groß, dass man ihn als Gründer des jüdischen Religion bezeichnen könnte, aus der die anderen beiden Religionen hervorgingen, das Christentum und der Islam. Er lebte vor ungefähr drei bis dreieinhalb tausend Jahren am Übergang der prähistorischen, schamanischen Zeit zu der der monotheistischen Buchreligionen. Er brachte die Tafeln der zehn Gebote vom Berg Sinai herunter, womit die religiöse Tradition von der bisher nur mündlichen Überlieferung zur schriftlichen Fixierung überging und sich außerdem auf den Eingottglauben ausrichtete. Von da an sollte das Gesetz der zehn Gebote herrschen. Der Österreicher Kurt Fenkart sieht in ihm den bedeutendsten Schamanen dieser kritischen Wendezeit

Moses, ein israelitischer Junge, wurde von der Tochter des Pharao aufgezogen und wuchs am Hof des Pharao zum Mann heran. Weil Moses einen Ägypter, der einen Israeliten quälte, erschlagen hatte, floh er. Den regionalen Überlieferungen nach traf er in der Sinai-Wüste auf den Priester von Midian und heiratete dessen Tochter. Mehrere Jahre blieb er bei den Wüstenbewohnern.
Das Land am Sinai ist eine extrem trockene Gebirgswüste. Nur vereinzelt gibt es kleine Oasen mit spärlichem Grün, dort leben heute Beduinen. Die karge Landschaft, der Überlebenskampf, die Einsamkeit formen die Menschen. Wo Wasser gefunden werden kann, wachsen vereinzelt Sträucher, deren Blattwerk von den Beduinen als Ziegenfutter verwendet wird. Die biblischen Überlieferungen sind Legenden. Doch wenn wir diese Legenden mit dem vergleichen, was heute noch an anderen Orten der Welt praktiziert wird, dann ist zu vermuten, dass Moses über schamanische Fähigkeiten verfügte, ja sogar, dass er mit dem Worten von heute, ein hoch eingeweihter Schamane und Magier war. Es ist durchaus anzunehmen, dass Moses am Hof des Pharao eine gute religiöse Ausbildung erhielt. Die ägyptische Religion war sehr magisch. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn er diese Ausbildung bei seinem Schwiegervater, dem Wüstenpriester, fortgesetzt hätte.
In einer Landschaft, in der über viele Kilometer nichts wächst, sammeln die Nomaden trockene Zweige als Feuerholz. Bei jedem Volk hatte das Feuer mystische Bedeutung und Kraft, und es wird verwendet, um Visionen zu erhalten.

Der brennende Dornbusch

Bis in unsere Zeit gehörte es bei nomadisierenden Kulturen zur Aufgabe der Schamanen, den Stamm an die richtigen Plätze zu führen, wo man Nahrung und Lager fand

"Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug" (Ex 3,2), heißt es im Alten Testament der Christen, dem Tanach Juden, für beide Religionen sind das Heilige Bücher. Dort wird von einer Vision erzählt, die Moses durch das Feuer hatte. In dieser Vision erhielt er den Auftrag, die Israeliten aus Ägypten zu befreien. "Wenn du das Volk aus Ägypten heraus geführt hast, werdet ihr Gott an diesem Berg verehren." (Ex 3,12) Bei den Indianern Nordamerikas ist es bis heute üblich, mit Hilfe des Feuers Visionen zu erhalten. Dazu setzen sie sich alleine schweigend vor das Feuer. Sie blicken lange in die Flammen, sinken in Trance und erhalten dann in den Visionen Hinweise aus der anderen, unsichtbaren Welt.
In seiner Vision erhielt Moses auch die Anweisung, wie sein Stab zur Schlange werde. Und: "Ich werde mit deinem Mund sein" (Ex 4,15). An dieser Stelle tauchen tief versteckte Hinweise auf. Die Schlange ist ein bei vielen Kulturen heiliges und mächtiges Krafttier. In Visionen vermischen sich beide Realitäten. So wird der Stab zum Kraftobjekt, Trägerobjekt und Bindeglied zur Schlange.
Die Aussage, "ich werde mit deinem Mund sein", weist auf eine weitere Fähigkeit Mose hin, nämlich, dass er in der Lage war, seinen Körper als Medium für ein Geistwesen zur Verfügung zu stellen. Womit schon die wichtigsten Attribute von schamanischen Fähigkeiten beisammen sind: die Fähigkeit, Visionen zu erhalten, die Fähigkeit, ein Krafttier zu rufen und die Fähigkeit, die geistige Welt durch den eigenen Mund sprechen zu lassen.

Schamanische Kämpfe

In den erfolglosen Verhandlungen mit dem Pharao ließen auch die Priester des Pharao ihre Stäbe zu Schlangen werden. Doch die Priester unterlagen. In schamanischen Kulturen war es durchaus üblich, dass Schamanen ihre magischen Kräfte gegeneinander einsetzten. Vieles deutet an dieser Stelle darauf hin, dass Moses zusammen mit seinem Bruder Aaron sich mit den Kräften der ägyptischen Priester maß und als Sieger aus diesem andersweltlichen Kampf hervorging. Die "Stäbe" der Priester wurden von Aarons "Stab" verschlungen. Das heißt, die Priester wurden ihrer Krafttiere beraubt, was eine extreme Schwächung für sie bedeutete.
Auf Anraten von Moses flüchteten die Israeliten aus Ägypten. In den Sumpfgebieten des Roten Meeres kam es zum Untergang der ägyptischen Verfolger, und Moses führte die Israeliten auf den Sinai. Dort zogen sie nomadisierend umher, und Moses lehrte das Volk, in der Wüste zu überleben.


Was Moses damals auf dem Berg Sinai widerfuhr,
ähnelt dem, was (auch andere) Schamanen sonst
auf ihrem »Heiligen Berg« erleben. (Foto:Fenkart)

Auffallend ist, dass Moses während der ganzen Jahre immer auf die Worte des "Herrn" hörte und die Aufträge, die er vom "Herrn" erhielt, durchführte und auf diese Weise das Überleben des Volkes sicherte. Das lässt vermuten, dass Moses über eine weitere schamanische Fähigkeit verfügte, nämlich bewussten Kontakt zu Wesenheiten der anderen Welt (dem "Herrn") herzustellen. Bis in unsere Zeit gehörte es bei nomadisierenden Kulturen zur Aufgabe der Schamanen, den Stamm an die richtigen Plätze zu führen, wo man Nahrung und Lager findet. Um die richtigen Orte zu finden, ließen sich die Schamanen von ihren Visionen leiten.
Als Moses mit dem Volk am Fuße des Berges lagerte, rief ihn der "Herr" auf den Berg. Der Berg hüllte sich in Wolken, und aus den Wolken sprach der Herr und übergab Moses die zehn Gebote.

Botschaften vom Herrn

Hier kommen wieder viele Elemente zusammen, die uns aus schamanischen Kulturen bekannt sind. Das Wichtigste wohl: der Berg als Sitz der Götter.

In allen Kulturen sprachen die Götter zu den Menschen in Form von Visionen und traumähnlichen Eindrücken, die in Momenten der Stille empfangen werden

In Peru werden die Spirits der Berge als mächtige Gottheiten heute noch verehrt. Die Bezeichnung für diese Spirits lautet in der Inka-Sprache "Apu", was übersetzt "Herr" bedeutet. Viele Schamanen haben einen speziellen Apu, von dem sie schamanische Kraft beziehen. Wenn sie diesen anrufen, empfangen sie Botschaften vom "Herrn".
In allen Kulturen sprachen die Götter zu den Menschen in Form von Visionen und traumähnlichen Eindrücken, die in Momenten der Stille empfangen werden. So können wir annehmen, dass auch Moses damals etwas Ähnliches tat. Er zog sich auf den Berg zurück, um in der Stille von Gott Visionen zu erhalten. Die Bibel ist voll von solchen Überlieferungen. Ein wichtiges Element, um zu Visionen zu gelangen, ist in vielen Traditionen das Fasten. Und so überliefert auch die Bibel, dass Moses fastend viele Tage am Berg verbrachte.
Bei den Indianern ist es heute noch üblich, dass sie sich zur Visionssuche auf einen Berg zurückziehen. Dort bleiben sie vier Tage und Nächte ohne zu essen und zu trinken. In den Visionen erhalten sie von den Spirits Rat und Hilfe. Die Legenden um Crazy Horse, den Häuptling der nordamerikanischen Oglala-Indianer, erzählen, er habe auf diese Art einen speziellen Schutz erhalten, der ihn unverwundbar gegen Kugeln machte. So habe er alle Kämpfe überstanden und sei unverwundet durch den Kugelhagel zwischen den Fronten geritten.
Seit urdenklichen Zeiten waren die Berge der Sitz der Götter. So verwundert es nicht, dass auch die Bibel von der Visionssuche eines ihrer Propheten - Moses, berichtet. Der Überlieferung nach wird dieser Berg Mosesberg genannt. Es ist einer der höchsten Berge im Sinai-Gebiet. Heute wurde dieser Berg zur Pilgerstätte, auf die täglich Tausende von Menschen pilgern um den Sonnenaufgang zu erleben, wie vielleicht Moses vor Tausenden von Jahren es auch einmal erlebte.


Die Landschaft des Sinai lädt auch heute noch
zu »andersweltlichen« Erfahrungen ein. (Foto:Fenkart)

Zu Lebzeiten von Moses war der Sinai immerhin so fruchtbar, dass Hirten dort nomadisierend durch die Steppe zogen. Auch am Mosesberg oben gibt es heute noch Überreste einer Oase mit spärlichem Grün am Fuß des Gipfels. So ist es leicht vorstellbar, dass Moses hier genügend Wasser fand, um die Tage fastend und betend verbringen zu können und vom Herrn die Visionen zu erhalten. Das Ergebnis seiner Visionen waren die zehn Gebote. Diese waren lebensbestimmend für das Volk damals - und bis heute haben sie Einfluss auch auf unser Leben.
Am Fuß des Berges befindet sich seit dem 6. Jahrhundert n.u.Z. das Katharinenkloster, das nun schon Jahrhunderte lang von Mönchen bewohnt wird. Diese Mönche haben sich hierher zurückgezogen um in Stille ihr leben mit Gott zu verbringen. Um das Kloster herum siedeln Beduinen. Teilweise leben sie noch so, wie sie immer gelebt haben. Mit ihrem Vieh ziehen sie von Oase zu Oase. Als Brennmaterial für ihre Feuer verwenden sie vertrocknete Büsche. Wenn man in stillen Abendstunden vor einem Feuer sitzt und in die Flammen starrt, gelangt man leicht in einen tranceähnlichen Zustand. Vermutlich saß auch Moses eines Nachts vor dem Lagerfeuer und starrte in "den" brennenden Dornbusch.

Das goldene Krafttier

Während Moses am Berg mit Gott Zwiesprache hielt, opferten die Israeliten am Fuße des Berges dem goldenen Kalb. Die Verehrung von Tieren wurde bei vielen Völkern praktiziert. Den Nachbarvölkern der Israeliten war damals der Stier heilig. Der spirituelle Hintergrund von heiligen Tieren sind die Krafttiere - oft waren das Stiere.

Wenn man in stillen Abendstunden vor dem Feuer sitzt und in die Flammen starrt, gelangt man leicht in einen tranceähnlichen Zustand

Während Moses also am Berg in seinen Visionen die Gebote des Herrn erhielt, suchten die Israeliten unwissend über den Verbleib von Moses den Kontakt zu den ihnen bekannten, spirituellen Kräften und fertigten das goldene Kalb an, das ihnen den Kontakt zu den Krafttieren erleichtern und den Weg weisen sollte. Dann kam es zum Kampf, aus dem Moses unter Anleitung seines "Herrn" siegreich hervorging. Die Bibel spricht von über 3000 toten Männern! Der spirituelle Machtkampf zwischen Moses und den Verehrern der altbewährten Krafttiere wurde wohl auf irdische Art ausgefochten. Die weitere Tätigkeit von Moses ging dann vom "Offenbarungszelt" aus. Auch zum Offenbarungszelt gibt es ein Äquivalent bei den nordamerikanischen Indianern. Es ist die geheimnisvollste Zeremonie der Prärieindianer. Bei dieser Zeremonie werden die Spirits gerufen, die sich den Anwesenden physisch bemerkbar mitteilen. Heute beherrschen nur mehr ganz wenige Medizinmänner diese Zeremonie.
Die Art und Weise, in der Moses für sein Volk wirkte, war voller schamanischer Techniken. Ob Moses ein Schamane war, das kann nun jeder sich beantworten.

Kurt Fenkart

Kurt J. Fenkart wurde in Peru zum Inka-Schamanen initiiert und gründete die Schamanismus-Akademie. In den Ausbildungslehrgängen zum Shaman-Practitioner in Deutschland und Österreich lehrt er uraltes Wissen der Schamanen in moderner Form. Autor von "Auch du bist ein Schamane". www.schamanismus-akademie.com

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Aus dem Heft Schamanismus 9

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