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Heilraum und Wandelkraft

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Am tiefsten Punkt kann Heilung passieren

Die schamanische Weltsicht hält viele Sicht- und Lebensweisen bereit, die mehr denn je wichtig sind, um unsere Gesellschaften nachhaltig zu heilen.

Ein zentraler Punkt zu allen Zeiten und an allen Orten im schamanischen Kontext ist »Kraft«, »Lebensenergie« und wie man sich damit verbindet. Durch Wunden, Versehrtheiten, Traumata wird unser Gleichgewicht gestört, und wir sind nicht mehr mit der universellen Lebenskraft verbunden. Im Umgang mit den aus der Balance gekommenen Energien, den Versehrtheiten, gibt es ein uraltes, weises, schamanisches Prinzip: »Verwandle deine Wunde in Kraft«. Dieses Prinzip bietet keinen Raum für Selbstmitleid und Stagnation. Es anerkennt und ehrt aber zutiefst den Prozess, den Weg des Einzelnen. Wunden, karmische Geschichten, Leid und Trauer, alles kann verwandelt werden, wenn es angenommen, gesehen, geheiligt wird. Wenn die Menschen mit ihrer Geschichte geehrt, in ihrer Ganzheit gesehen werden, wenn sich der Mythos, auch der Schattenmythos ihres Lebens zeigen darf, dann können all ihre Geschichten Initiation sein. Dann ist der Weg zur Heilung offen, dann wandelt sich die Wunde in Kraft.

All unsere Versehrtheiten, unsere Wunden sind der Boden, auf dem Neues wachsen kann

Alle Schamanen, die mir begegneten, forderten mich auf unterschiedliche Art und Weise auf, mich mit meiner Lebenskraft zu verbinden. Mit den Mitteln der Kunst, über schamanische Reisen, durch Träume, wie auch immer. – »Ah, du hast dich geschnitten, mach was damit. Ein Schnupfen, dann tanze ihn. Fieber, gut, damit lässt sich arbeiten. Gib deiner Trauer ein Lied. Singe sie in die Himmel.« So oder ähnlich klangen die Aufforderungen, bei denen es immer darum ging, das, was ist, anzunehmen, es sein zu lassen und es zu wandeln in eine Form, die lebendig, kraftvoll und heilsam ist.

Die verwundeten Heiler

Die »wounded healer«, die verwundeten HeilerInnen sind alle diesen Weg gegangen. Sie wissen, dass die Schattenreiche, die wir durchwandern, uns zu kundigen Reisenden in diesen Ländern machen. Sie haben Landkarten verzeichnet. Sie kennen die Pfade, die Untiefen, die Treibsandgebiete. Es macht Sinn, sich bei Reisen durch diese Länder kundige ReisebegleiterInnen zu wählen, verwundete HeilerInnen also. Denn sie wissen, wie die Reise in die Unterwelt aussieht, sie bekräftigen immer aufs Neue, dass man sie überleben kann, dass am tiefsten Punkt des inneren Weges Heilung passieren kann. Sie wissen es, weil sie selbst durch die Unterwelt gegangen sind auf dem Weg in ihre Kraft.

Das Wissen um die eigene Wirkkraft, das Heiligen des Lebens, die Verbundenheit mit allem, was ist, wird die Verantwortung, den Umgang, die Liebe zu diesem Planeten und den Wesen verändern

Wir alle, die wir Landkarten aufzeichnen von unbekannten Gegenden, von ihren Bewohnern, von den Geistern, den Mooren, den Quellen, den Wüsten und Kraftplätzen machen unsere Reise auch für alle anderen. So wie jede geheiligte, geheilte Geschichte zum Segen für alle werden kann. All unsere Versehrtheiten, unsere Wunden sind der Boden, auf dem Neues wachsen kann. Dort, wo es faulig und modrig ist, wo der Prozess des Todes stattfinden darf, ist der beste und reichste Boden für einen neuen Tanz, für Wiedergeburt, für Kraft. In vielen Mythen wird von diesem uralten schamanischen Initiationsweg erzählt.

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Zu diesem Weg gehört ein zyklisches Weltverständnis. Auch das wird ein Teil der Heilung unserer Gesellschaft sein. Es wird uns von dem patriarchalen Wahn befreien, dass alles linear nach oben zu verlaufen hat. Und es wird uns eine tiefe, heilsame Trauerkultur zurückbringen. In einem zyklischen Weltverständnis haben die Schatten, die Unterweltsfahrt, Trauer und Schmerz ihren Platz. Sie sind Teil des Ganzen, sie bekommen ihre Zeit, sie werden gesehen und so haben sie die Möglichkeit, sich in Kraft zu verwandeln. Große Schamanen wie Kim Keum Hwa aus Korea oder Wai Turoa Morgan aus Neuseeland zum Beispiel lehren und erinnern, wie es möglich ist, Schmerz zu transformieren. Dazu bedarf es besonderer »Räume«. Etwas zutiefst Schamanisches ist das Schaffen dieser Heilräume, die zugleich auch Erinner-Räume sind. Sie sind Räume, in dem sich unsere Seele daran erinnert, wer sie eigentlich ist. In diesen magischen Heilräumen darf alles sein: Emotionen, Geschichten, Wunden, Schatten. Alles hat Platz, darf gesehen werden, hat seine Zeit und wird ausgehalten. Im schamanischen Denken ist es ein gleichwertiger Teil zu allem anderen. Es ist irgendwann der Humus für unsere Kraft und Weisheit. Es ist eine große Herausforderung und bedarf vieler Übung in unseren westlichen Gesellschaften, den Raum zu halten für den Schmerz der anderen. Denn eigentlich sollte es all das nicht geben. Aber genau in diesem Anerkennen und Daseinlassen beginnt die Heilung. Und dann können die alten Wunden tief in die eigene Auf-Gabe führen, dann ist es auch möglich, kundige Reisebegleitung zu sein für andere, die den Weg durch diese Länder vor sich haben.

Alles ist mit allem vernetzt

Es geht nicht darum, den Weg der Schamanen einer bestimmten Kultur zu gehen und uns innerhalb einer von irgendwem festgelegten Form zu bewegen

Ein Teil des schamanischen Weltbildes, der unsere Gesellschaft weiser, heiler, zukunftsfähig machen wird, ist, die eigenen Gaben als Geschenk für die Gemeinschaft einzubringen. Als Zeichen dafür steht das Netz, das tausendfach in den Kulthöhlen der Ile-de-France zu finden ist. Wenn wir wieder lernen, dass alles in diesem Netz miteinander verbunden ist, dass sich unser Tun, unsere Worte, unser Handeln und Denken in dieses Netz weben, es mitgestalten, werden wir ein anderes Bewusstsein von Verantwortlichkeit entwickeln. Die Schamanen erinnern daran, dass wir die Welt erschaffen mit jeder Lebensäußerung, dass wir diese mächtige Schöpfungskraft haben. Dieses Wissen um die eigene Wirkkraft, das Heiligen des Lebens, die Verbundenheit mit allem, was ist, wird die Verantwortung, den Umgang, die Liebe zu diesem Planeten und den Wesen verändern. Auf den Erinner-Wegen, wurzelnd in der Uraltkraft, wird die Weisheit des Heilens, die schamanische Kraft, eine zu uns passende Form finden. Es geht nicht darum, den Weg der Schamanen einer bestimmten Kultur zu gehen und uns innerhalb einer von irgendwem festgelegten Form zu bewegen oder zurück zu einer archaischen schamanischen Lebensweise zu wollen. Die Urschamanin selbst, die älteste Heilerin, ist zeitlos. Diese Kraft kann heute, hier, in unserer ureigensten Form umgesetzt werden. Die Urschamanin erinnert uns an unsere schamanischen Menschheitswurzeln, daran, wie wir uns an den Orten, an denen wir leben, mit Pflanzen, Tieren, Plätzen und Wesenheiten verbinden können. Letztendlich mit dem Leben selbst. Sie erinnert uns daran, dass wir, unseren Spirits, unserer Seelenabsicht folgend, eine ganz eigene, den Anforderungen der Zeit entsprechende Form der schamanischen Heilweise, genährt aus altem Wissen, in die Welt bringen können. »Gemeinsam werden wir den Weg des Erinnerns gehen und neue Traumpfade schaffen«, sagt sie. Die Urschamanin ist getragen im All-Einen. Sie hat viele Gesichter, je nach Zeit und Ort und Menschenwesen. Uns ihr zu öffnen heißt, in unser einzigartiges, wunderbares, mächtiges HeilerInnengesicht zu blicken.

von Cambra Maria Skadé

Cambra Skadé, Jg 1961, Dipl.-Desigerin (FH), Künstlerin, Dozentin, Autorin (Am Feuer der Schamanin, Töchter der Mondin, verwurzelt fliegen); weibliche Lebenskunst als roter Faden.
www.cambra-skade.de
 


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