Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Religiosität der Indigenen

Details

Feuerritt
Photo: photocase

Der Begriff »Schamanismus« ist schwer zu definieren

Schamanismus hat viele Gesichter. Ob als indianischer Medizinmann, sibirische Udagan oder oder Maya-Priesterin. Doch was ist mit europäischem Hexentum, Vodou und den modernen Workshop-Hoppern, die von einem Trommelseminar zum nächsten hüpfen? Ein Versuch, den Begriff Schamanismus einzugrenzen

Was ist Schamanismus überhaupt, fragte ich mich, als ich das Projekt »Schamanismus extra« im Angriff nahm. Nicht etwa, dass mir der Begriff nichts sagte, aber wie wird er eigentlich definiert? Welche der unzähligen Praktiken und Richtungen in den Naturreligionen zählen nun eigentlich zum Schamanismus? Die Wikipedia schreibt dazu: »Eine allgemein anerkannte Definition von Schamanismus existiert nicht.« Nicht gerade hilfreich, finde ich. Doch weiter steht dort: »Man versteht darunter üblicherweise ein religiös-magisches Phänomen, das europäische Reisende seit Ende des 17. Jahrhunderts bei verschiedenen indigenen Völkern Sibiriens und Innerasiens beobachteten und beschrieben. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff von diesem kulturellen Raum abstrahiert und auf ähnliche Erscheinungen weltweit übertragen.«

Schamanenforschung im Wandel

Die Schamanismusforschung begann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als deutsche Forscher im Auftrag der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften St. Petersburg nach Sibirien gingen. Sie legten dabei die ersten vollständigen Beschreibungen von schamanischen Zeremonien an. Von wissenschaftlicher Neutralität konnte in ihren Schriften allerdings keine Rede sein. Sie gingen mit der damals völlig normalen Arroganz der Kolonialherren gegenüber den »primitiven Kulturen« vor. Gerhard Friedrich Müller beanstandete, dass die Séancen nicht nur alle gleich vonstatten gingen, sondern es passiere auch nichts Unglaubliches. Eine sinnlose Herumhüpferei, während der der Schamane auf eine flache Trommel schlägt, so beschrieb er die Zeremonien. Johann Gotlib Georgi, ebenfalls Forscher in Sibirien, verurteilte die Séance als »magische Trickserei« und »Gauckeleyen wie eines Bessessenen«. Die Techniken der Schamanen wurden von den ersten Forschern also als Aberglaube abgetan.

alt

Ende des 18. Jahrhunderts wurde die westliche Einstellung zum Schamanismus etwas wohlwollender. Immerhin sah man ihn jetzt als eine frühe Form von Religion an. Peter Simon Pallas gestand den Schamanen sogar zu, eine Form von Heilung zu praktizieren. Forscher wie Max Müller versuchten, den Ursprung der Schamanentechniken zu ergründen. Er vermutete, dass sie zuerst in Indien auftauchten und sich dann nach ganz Asien, dann Skandinavien und bis nach Nordamerika ausgebreitet hätten, eine Theorie, von der man mittlerweile abgekommen ist. Trotz dieser Beobachtungen wurden Schamanen von westlichen Forschern oft noch als Scharlatane oder Geisteskranke abgetan.

Die spinnen, die Schamanen?

Der erste Gelehrte, der den Schamanismus aus einer indigenen Sicht zu betrachten versuchte, war der Buriate Dorji Banzarov (1822–1855). Er kritisierte die Haltung früherer Forscher, die den Schamanismus als eine verwilderte Form des tibetischen Buddhismus ansahen, und hob viel mehr die Eigentümlichkeit der Bräuche der Schamanen in der Mongolei hervor. Diesem Ansatz folgten weitere Forscher, die die wichtige Rolle des Schamanen innerhalb ihrer Gemeinschaft betonten. Man stellte fest, dass ihre Darbietungen nicht nur den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärkten, sondern auch den Trotz gegen die Naturgewalten symbolisierten. Willhelm Radloff (1837-1918) publizierte als erster die Übersetzung des Textes einer schamanischen Séance; er stellte den Schamanismus auf die gleiche Stufe wie den Buddhismus, das Christentum und den Islam. Weitgehend herrschte jedoch immer noch die Meinung, dass Schamanismus eine primitivere, und damit minderwertige Form der Religiosität ist als die Hochreligionen (Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus). Eine gewisse Arroganz gegenüber Naturreligionen steckt auch schon in dem Wort Hochreligion.

alt
Photo: photocase

Im frühen 20. Jahrhundert etablierte sich die Vorstellung, Schamanismus käme nur in Sibirien vor. Das änderte sich mit Mircea Eliade und seinem 1951 erschienen Buch »Le Chamanisme et les techniques archaïques de l'extase« (Der Schamanismus und die archaischen Techniken der Ekstase). Darin definierte er den Schamanismus als eine archaische Ekstasetechnik und den Schamanen als Meister der Ekstase. Laut Eliade unternimmt der Schamane, wenn er in Trance ist, eine Seelenreise in die Himmels- oder die Unterwelt und tritt dabei in Kontakt mit Spirits und Gottheiten. Schamanismus, so Eliade, sei die Urreligion aller Menschen. Er verglich die Praktiken verschiedener Kulturen und schloss auf einen universalen Charakter des Schamanismus. Eliades Buch fiel sowohl in der akademischen als auch in der nichtakademischen Welt auf fruchtbaren Boden und prägt heute noch in weiten Teilen das Bild des Schamanismus.

Sicherlich war Eliades Bild vom Schamanen auch stark romantisiert, aber immerhin war er einer der ersten Wissenschaftler, die der bis dahin vorherrschenden Meinung, dass Schamanen geisteskranke Menschen seien, widersprachen.

Im 20. Jahrhundert erlebte die Schamanismusforschung einen weiteren Aufschwung und wurde in psychoanalytischen und sozialen Ansätzen analysiert. Eine klare Definition, was Schamanismus ist, gibt es trotzdem bis heute nicht. Allerdings wurde der Begriff ausgeweitet vom sibirischen Schamanismus auf schamanische Traditionen weltweit.

Dass die Schamanen mit ihren Zeremonien Heilungserfolge erzielen, verwirrt viele Forscher. Wie kann man das wissenschaftlich erklären? Am beliebtesten – und auch für mich am logischsten – ist der »Placebo-Effekt«, der darauf gründet, dass der Geist den Körper beeinflussen und der Patient durch eine Änderung seines Denkens geheilt werden kann.

Das bestätigen auch viele Schamanen, die sagen, dass es zweitrangig ist, mit welcher Methode geheilt wird; wichtig ist vor allem die Bewusstseinsveränderung.

Neoschamanismus

Seit den 60er Jahren entwickelt sich eine neue Form des Schamanentums: der Neo-Schamanismus oder »moderne westliche Schamanismus«. Menschen wenden sich von der Kirche ab und suchen Erfüllung in außer-christlicher (v.a. außer-abrahamitischer) Spiritualität, etwa dem Buddhismus, Hinduismus, oder eben auch dem Schamanismus. Angesichts des steigenden Umweltbewusstseins ist der naturverbundene Schamanismus besonders attraktiv, und so zieht es viele Westler zu ihm.

alt
Photo: wikipedia

Ein wichtiger Autor des Neoschamanismus war der Anthropologe Carlos Castaneda mit seinen Publikationen über seine Lehrzeit bei dem Schamanen Don Juan Matus. Doch, oh Schreck, die akademischen Welt hat große Zweifel an der Authenzität seiner Berichte und sogar an der Existenz von Don Juan Matus! Gibt es ihn wirklich? Die Schamanismus-Szene ist jedenfalls nicht vor Hochstaplern gefeit. Kann sein, dass Castaneda echtes Wissen in seine Geschichten gepackt hat, dass die aber keine Dokumentationen sind, sondern fiktiv. Das würde dem Wert dieses Wissens aber kaum etwas nehmen.

Ein weiteres wichtiges Werk des Neoschamanismus ist Michael Harners »The Way of the Shaman: A Guide of Power and Healing« (siehe unser Interview mit Michael Harner, S. 40). Im Gegensatz zu Castaneda konnte der Anthropologe beweisen, dass er tatsächlich bei verschiedenen Indianergruppen in die schamanische Welt eingeführt wurde. Seitdem versucht Harner, seine Kenntnisse einem westlichen Publikum weiterzugeben. Basierend auf eigenen Erfahrungen sowie vergleichenden Studien versuchte er, den »gemeinsamen Nenner« der verschiedenen schamanischen Traditionen zu finden. Das nennt er Core-Shamanism (Kern- oder Basis-Schamanismus). Die von ihm gegründete Foundation for Shamanic Studies (FSS) gilt als wichtigstes Zentrum des Neo-Schamanismus.

Zu den schamanischen Methoden, die in unterschiedlichster Kombination verwendet werden, zählen Trommeln, Gesang, Schwitzhütten, Fasten, spezielle Atemtechniken. Auch Tabak, Cannabis und psychedelische Pflanzen wie Peyote, Ayahuasca oder Fliegenpilz können den Zugang zu anderen Bewusstseinszuständen ermöglichen. Freilich raten moderne Schamanen ihren Workshopteilnehmern eher von letzteren ab.

Grundgedanke des Neo-Schamanismus ist die Unabhängigkeit von jeglichem kulturellen Hintergrund. Passend zu unserer schnelllebigen Zeit, kann man sich neo-schamanistische Praktiken relativ rasch und unproblematisch bei entsprechenden Instituten und Lehrern aneignen. Darin unterscheidet er sich von »traditionelllem Schamanismus«: Hier dauert die Lehrzeit im allgemeinen viele Jahre, ist mühsam, oft auch gefahrvoll, manchmal mit Ausstoßung und einer Art Wiedergeburt verbunden, die dazu Berufenen freuen sich in der Regel nicht über solch einen »Ruf«. Traditionelle Schamanen sollen dem Wohl der ganzen Gemeinschaft dienen, in der sie agieren, die neo-schamanischen Techniken werden dagegen werden zunächst hauptsächlich zur individuellen Selbstverwirklichung und Selbstheilung verwendet. Die Einsicht der Bedeutung einer liebend dienenden Haltung kommt dort oft er später. Unserer Gesellschaft entsprechend wird eben auch der Schamanismus konsumiert.

Grenzgänger

Doch was zählt nun alles zum Schamanismus? Indianische Traditionen, sibirischer Schamanismus, südamerikanische Praktiken – ganz klar.

Was ist mit Vodou? Eine Praktikantin blickte mich geradezu entsetzt an, als ich ihr erzählte, dass wir im Schamanismus-Heft auch ein Interview über Vodou haben. Natürlich, sagte ich; Vodou ist eine Naturreligion, die Vodousi gehen bei ihren ekstatischen Zeremonien in Trance, die Priester heilen oder weben Schutzzauber. Für mich zählt Vodou eindeutig zu den schamanistischen Praktiken.

alt
Photo: wikipedia

Leider haben wir hier im Westen ein sehr einseitiges, negatives Bild vom Vodou. Vodou kann schwarze Magie sein (Schadenszauber) oder weiße (Glückszauber, Heilung). Am häufigsten werden Vodou-Praktiken in Heil- und Schutzritualen angewendet. Man sollte sich aber auch hüten, vom Vodou, oder auch anderen schamanischen Richtungen, nur die positiven Aspekte sehen zu wollen. Schamanen sind auch nur Menschen, sie sind nicht gefeit vor Fehlern und Schwächen, und nicht jeder Schamane muss unbedingt gute Absichten haben. Das Beispiel der »Geistheiler« in Tansania, die ihren Klienten empfehlen, ein Körperteil eines lebenden Albino-Menschen zu besorgen, als Allheilmittel, ist nur ein besonders schreckliches Beispiel für eine negative schamanisch-magische Praktik.

Und das verschütt' gegangene Hexentum in Europa? Man kann vermuten, dass die Hexen so etwas wie weise Frauen waren, Schamaninnen, die als »Zaunreiterinnen« mit einem Bein im Diesseits standen, mit dem anderen in geistigen Welten. Sie stellten aus haluzinogenen Pflanzen die sogenannte »Flugsalbe« her, wirkten als Heilerinnen und Hebammen, Hellseherinnen und Beraterinnen. Doch nichts ist gewiss; wenig ist überliefert aus den vorchristlichen Zeiten. Unsere Wurzeln wurden herausgerissen, auf den heiligen Hainen Kirchen gebaut, und die Inquisition verfolgte alle, die noch die alten Traditionen zu wahren suchten. Wenn vorchristliche Bräuche nicht ausgemerzt werden konnten, wurden sie verfälscht und ins Christentum integriert. Der Brauch, an Ostern Eier zu verschenken, hat wohl eher mit dem alten Frühlingsfest Ostara zu tun als mit der Auferstehung Christi, und die Gottesmutter Maria ist eine Verchristlichung der alten Muttergöttin.

Und die modernen Hexen? Sicherlich ist nicht jede Frau (und jeder Mann), der sich mit Räucherungen, Kartenlegen und Zaubersprüchen beschäftigt ein Schamane. Manche Hexen dringen tief in die Spiritualität ein und beschäftigen sich intensiv mit unseren schamanischen Wurzeln. Sind sie deshalb Schamaninnen? Hier scheiden sich die Geister: Die einen meinen, zum Schamanen muss man durch andere Schamanen berufen und initiiert werden, die anderen glauben, man könne sich auch eigenständig auf den Weg begeben. Jedenfalls kann man sich darauf einigen, dass das neue Hexentum an den Neo-Schamanismus angrenzt.

Patchwork-Schamanismus

Puristen rümpfen auch über den Neo-Schamanismus die Nase. Hier eine Schwitzhütte, dort eine Trommelgruppe, das macht noch keinen Schamanen. Solch ein Patchwork-Schamanismus – mit Anleihen mal aus dem Indianischen, mal aus dem Sibirischen, dann wieder ein Stückchen Maya-Wissen – kann das gutgehen? Die Maya-Priesterin Dona Eufemia Cholac Chicol sieht das recht gelassen: »Eure Wurzeln«, sagt sie sinngemäß, »sind so lange verschütt' gegangen, dass ihr euch von alleine nicht daran erinnern könnt. Aber vielleicht können wir euch helfen, euch wieder zu erinnern.« Vielleicht kann die Auseinandersetzung mit anderen Traditionen tatsächlich helfen, die eigenen besser zu verstehen. Man sieht, wo die Parallelen sind und wo man sich gleicht. Man sieht auch die Unterschiede besser und erkennt, hier hebt sich zum Beispiel das Keltentum ab vom Indianischen. Austausch findet statt, Offenheit für die Weisheit anderer Völker zeigt sich. Solange das nicht von der zeitgemäßen Konsumhaltung überdeckt wird, die so gut zu unserem Wirtschaftssystem passt, und die Suchenden nicht nur den nächsten Kick, das nächste »Entertainment«, den aktuellen Trend im Schamanismus suchen.

Vielleicht zeigt sich in dieser Vermischung der Kulturen aber auch die wohl unvermeidliche kulturelle Globalisierung, die von der wirtschaftlichen kaum trennbar ist. Wir leben nicht mehr in der Welt von anno dazumal; unsere Städte sind Megastädte, unser Leben ist hektisch. Aber auch die Vernetzung der Menschen untereinander ist dichter. Ein Mausklick, und ich bin in Guatemala. Einmal auf Senden geklickt, und die email ist nach Australien unterwegs und landet dort in Sekunden. Die Globalisierung hat auch den Schamanismus erfasst, mit ihren negativen ebenso wie ihren positiven Folgen.

Schamanismus bleibt weiterhin ein schwer zu fassendes, schwer zu überblickendes Gebiet und es mag die Unklarheit der Grenzen dieses Gebietes zu seiner heutigen Beliebtheit beitragen. Man diskutiert über die Methoden des Schamanismus, man streitet über seine Weltsicht, und kein Dogma, keine festgeschriebene Regel sagt einem: »So ist es, und nicht anders«.

von Christine Höfig

   
© Connection AG 2015