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Eine kurze Geschichte der Heilkunst

Details

Aderlass, historische Darstellung
Der Aderlass war von der Antike bis
ins 18. Jahrhundert gängige Praxis
Bild: Maggie Black: Den medeltida kokboken

Vom Schamanismus der Urzeit über die Spaltung der Medizin zur heutigen Hoffnung auf eine neue Synthese

Stehen sich die heutige, maschinen- und pharma-orientierte Schulmedizin und der naturnahe Schamanismus völlig konträr gegenüber? Sie sind aus denselben Wurzeln entstanden, sie sind miteinander verwandt. Aber auch Verwandte können sich streiten. Und sich wieder einigen! Ein Blick auf die Geschichte der Heilkunst zeigt, wo wir heute stehen

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Bader waren im Mittelalter auch
fürs Zähneziehen zuständig
Bild: József Antall (1981):
Bilder aus der Geschichte der
europäischen Heilkunde und Pharmazie

Auf der einen Seite die Schulmedizin, auf der anderen Seite die Naturheilkunde – so stellt man sich das gerne vor. Doch sind die beiden wirklich so verschieden? Gab es nicht vielleicht so etwas wie einen »gemeinsamen Vorfahren« dieser beiden Verfahren? Und müssen sich die beiden wirklich so feindlich gegenüber stehen?

Am Anfang war der Schamanismus. Der Schamanismus ist nicht nur die älteste Religionsform der Welt, sondern die Medizinmänner und -frauen der Urvölker waren alles in einem: spiritueller Führer, Psychotherapeut, Heiler. Bei Erkrankungen fragten sie die »Spirits« um Rat oder wendeten Heilkräuter an.

In der Antike kam erstmals so etwas wie ein Medizinwesen auf. Um das Jahr 2600 vor unserer Zeitrechnung waren die Ägypter bereits in der Lage, erste chirurgische Messer aus Kupfer herzustellen, wie man aus Funden weiß. Interessant ist auch das Smith-Papyrus, dessen älteste Kopie um 1700 v.u.Z. entstand, dessen Originalfassung aber wahrscheinlich rund 1000 Jahre früher entstanden ist. Darin ist beschrieben, wie man mit feinen Kupfernadeln Wunden nähen und mit Honig desinfizieren kann.

Damals waren die Ärzte meist Priester, so wie auch der Schamane den Priester und den Heiler in sich vereinigt. Auch das Papyrus Ebers aus dem Jahr 1550 v.u.Z. liefert eine Auflistung medizinischer Erkenntnisse, die damals aber hauptsächlich aus magischen Tränken und Zaubersprüchen bestand.

Das Herz als Sitz der Seele

Vermutlich noch aus dem alten Ägypten stammt der Glaube, dass das Herz der Sitz der Seele ist. Die Ägypter hatten zwar noch kein Wissen vom Blutkreislauf, sie erkannten aber, dass ein Mensch ohne Herz nicht leben konnte. Demzufolge sahen sie es als den Sitz der Seele an. Es ist das einzige Organ, das bei der Mumifizierung nicht entnommen wurde.

Im alten Babylon war der Arztstand bereits ein gesonderter Berufsstand, der durch Gesetze reguliert wurde, in denen die Entlohnung für Operationen festgelegt wurde, aber auch Sanktionen gegen Ärzte, die den Tod eines Adeligen verursachten.

Das Alte Testament der Bibel (3. Buch Mose) enthält Gesundheitsvorschriften, die zwischen dem achten und dritten Jahrhundert v.u.Z. aufgeschrieben wurden. Diese Regelungen umfassten Reinlichkeit, die Sauberkeit der Sanitäranlagen und Abfallentsorgung – man wusste also schon irgendwie um die Zusammenhänge. Doch mit den Ursachen lag man daneben: Krankheiten wurden als Strafe Gottes betrachtet, die eben eintrat, wenn man sich nicht an die gottgegebenen Regeln hielt. Orthodoxe Juden befolgen die Gesundheitsvorschriften der Bibel auch heute noch.

Die griechische Medizin ähnelte schon in Vielem der heutigen. Die Vorstellung, Krankheit sei eine göttliche Strafe, hatten sie verabschiedet, Medizin wurde nun als Wissenschaft betrachtet. Anders, vielleicht sogar weiser als heute, legte man Wert auf Harmonie. War der Patient krank, hieß es, etwas sei aus dem Gleichgewicht geraten. So entstand die Lehre der vier Temperamente und der dazugehörigen Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. War jemand gesund, so glaubte man, die vier Säfte seien im richtigen Mischungsverhältnis. Die Lehre der vier Körpersäfte mag vielleicht nicht stimmen, doch insgesamt ist es wohl richtig, dass im Krankheitsfall etwas aus der Balance gefallen ist.

Heiler legten Wert auf Reinlichkeit, und sie wussten, dass die Psyche einen großen Einfluss auf die Heilung hat – ein Wissen, das später wieder verloren ging

Heiler waren hochangesehene Männer. Sie legten Wert auf Reinlichkeit und wussten, dass die Psyche einen großen Einfluss auf die Heilung hat – ein Wissen, das später bedauerlicherweise wieder verloren ging.

Dem Gott Asklepios geweihte Tempel dienten als Sanatorien, in denen die Patienten die Nacht verbrachten und in ihren Träumen die Heilung durch Asklepios erbaten – ist das nicht eine Form der schamanischen Geistreise?

Bekannt ist der Stab des Asklepios, der so genannte Äskulapstab, um den sich eine Schlange windet. Er symbolisiert noch heute die Medizin. Die Fähigkeit der Schlange sich zu häuten versinnbildlicht Erneuerung, Wiedergeburt und Heilung.

Die wichtigste Figur, nicht nur in der griechischen Medizin, sondern vielleicht in der ganzen Medizingeschichte, ist Hippokrates. Seine Arbeit und die seiner Schule umfasst die 70 Bände des Corpus Hippocraticum.

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Bekannt ist Hildegard von Bingen
für ihre Kräuterlehre
Miniatur aus dem Rupertsberger
Codex des Liber Scivias.

Rom – in griechischer Hand

Als im Jahre 293 v.u.Z. Rom unter der Pest litt, wurden griechische Ärzte um Hilfe gefragt, die sich daraufhin in Rom niederließen. Nun befand sich das Römische Reich in griechischer Hand – wenn auch nur in medizinischer Hinsicht. Nur circa fünf Prozent der Grabsteine von Ärzten in Rom tragen nichtgriechische Namen.

Roms Ärzte waren in drei Schichten unterteilt: Die einen hatten freie, unabhängige Praxen, die zweite Gruppe arbeitete exklusiv im Dienst reicher Familien, und die dritte Gruppe war von der Stadt angestellt. Übrigens gab es unter den Ärzten Roms auch Frauen; diese waren meist auf Gynäkologie und Geburtshilfe spezialisiert.

Ein Gelehrter namens Marcus Terentius Varro sprach in seinem Werk »Über die Landwirtschaft« von winzigen, unsichtbaren Geschöpfen, die durch die Atemwege und den Verdauungstrakt in den Menschen eindringen und Krankheiten verursachen würden – heute ist seine Theorie von der Mikrobiologie bestätigt worden. Das Textbuch von Aulus Cornelius Celsus wird teilweise sogar noch heute verwendet; so manche Idee der Antike ist noch heute in Gebrauch.

Eine geregelte Ausbildung für Ärzte außerhalb der Klöster gab es nicht; Krankheiten galten als von Gott gesandt, auch Epidemien wie die Pest

Finsteres Mittelalter?

Im Mittelalter gab es zwei Zweige der Medizin: die Klostermedizin und die Volksmedizin. Eine geregelte Ausbildung für Ärzte außerhalb der Klöster gab es nicht. Krankheiten galten als von Gott gesandt, auch Epidemien wie die Pest. Insofern machte es natürlich Sinn, die Heilung den Mönchen und Nonnen zu überlassen, als die Mittler zwischen der irdischen und der himmlischen Sphäre. Heilung ohne die Hilfe Gottes wurde als unmöglich betrachtet.

Etwa 527 n.u.Z. gründete Benedikt von Nursia das erste Kloster und legte fest, dass die Pflege der Kranken die wichtigste Aufgabe der Mönche sei. Jedes Kloster sollte dafür einen Raum eigens einrichten und einen Mönch ausbilden. Papst Gregor dem Großen gefiel diese Idee, und so erklärte er sie für alle katholischen Orden als verbindlich. Die Kloster gründeten auch zahlreiche Spitäler, in denen Kranke ebenso wie Arme und Alte Zuflucht finden konnten. Hauptsächlich wurde durch Gebet und Kräuter geheilt; eine frühe Sammlung des Heilwissens findet sich im Werk Hildegard von Bingens.

Neben der Klostermedizin gab es auch noch eine Volksmedizin. Diese wurde von Kräuterweiblein und Hebammen tradiert. Diese Frauen wussten durch Erfahrungswerte und Überlieferungen von der Wirksamkeit bestimmter Kräuter. Nicht allzu viel ist bekannt über diese Methoden, da diese Frauen aus dem einfachen Volk zumeist nicht schreiben konnten und deshalb keine Dokumente hinterließen. Gut möglich, dass ihre Mittel sich kaum von der Klostermedizin der Mönche und Nonnen unterschieden. Man vermutet, dass viele dieser Kräuterweiblein in der frühen Neuzeit der Hexenverfolgung zum Opfer fielen.

Die Bader waren eigentlich die Betreiber von Badestuben, aber sie führten auch Heilbehandlungen durch. Oft waren sie die Zielscheibe von Spott, und noch heute spricht man von einer Rosskur, wenn man eine medizinische Behandlung mit drastischen Methoden meint. Das geht darauf zurück, dass der Hufschmied, der auch Tierarzt war, ebenfalls das Handwerk eines Baders ausüben konnte. Dabei bediente er sich zum Beispiel beim Zähneziehen der gleichen Methoden wie bei seinen kranken Pferden. Sicherlich gab es einige Pfuscher unter den Badern, andererseits hätte sich der Berufsstand nicht bis in die Neuzeit gehalten, wenn sie niemandem geholfen hätten.

Gängige Praxis war der Aderlass durch Ärzte und Bader. Man glaubte, Blut könne sich stauen und verderben, also musste »schlechtes Blut« entfernt werden. Außerdem wurden Krankheiten bis in die Neuzeit auf ein Ungleichgewicht der vier Säfte zurückgeführt. Man nahm an, dass man durch Blutabnahme das Gleichgewicht wieder herstellen konnte. Heute sieht man das anders und vermutet, dass viele Patienten erst durch die exzessive Blutabnahme starben.

In Arabien blühte im Mittelalter die Wissenschaft auf. Dort gab es auch die ersten Universitäten, an denen man Medizin (beruhend auf der griechischen Lehre) studieren konnte. Sogar Christen und Juden durften die arabischen Universitäten besuchen, denn Muslime waren damals sehr viel toleranter als die Angehörigen anderer Religionen.

Zum mechanistischen Weltbild

Die frühe Neuzeit brachte nicht nur gesellschaftliche Umwälzungen, sondern auch Änderungen in der Medizin. Sie wurde wissenschaftlicher, was auch einen gewissen Fortschritt beinhaltete. Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Versuche auf, den Ärztestand als Beruf zu organisieren. So konnte er zum Teil die bereits in Zünften organisierten Heilberufe wie die Bader oder die auf traditionelle Weise Heilende wie Hebammen und Kräuterweiblein verdrängen. Weitgehend (Hebammen) oder ganz (Bader) ersetzen konnten die Ärzte diese Berufszweige aber erst im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung.

Die Lehre der Körpersäfte blieb zwar bis ins 19. Jahrhundert bestehen, doch kam eine mechanistische Sichtweise hinzu. Der Körper galt nun, überspitzt formuliert, als Maschine, die repariert werden musste, wenn sie defekt war. Das Jahrhundert brachte enorme Fortschritte in der Diagnose und Therapie von Krankheiten. Schließlich wurde die Lehre der Körpersäfte aufgegeben; Zelltheorie, Genetik und Mikrobiologie fanden ihren Anfang. Innerhalb weniger Jahrzehnte konnten nun die Erreger vieler vorher kaum erfolgreich behandelbarer Krankheiten wie Milzbrand, Diphtherie, Tuberkulose, Lepra, Pest, Syphilis und Gonorrhö gefunden werden. Man führte die Narkose ein, die Hygienemassnahmen wurden verbessert und vieles mehr.

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Dieser mittelalterliche Holzschnitt
zeigt Hexen bei der Arbeit
– oder Kräuterweiber?

Alles gut?

Natürlich bin ich froh über den enormen medizinischen Fortschritt. Viele Krankheiten, die früher als unheilbar galten, sind heute nahezu ausgerottet. Und ja, als ich neulich Schmerzen im Bereich des Herzens hatte, war ich doch recht froh, dass mir ein Kardiologe nach dem Ultraschall versichern konnte, dass die Schmerzen nicht vom Herzen selber kamen, sondern von Verspannungen der Brustmuskulatur. Bevor er mir allerdings sagen konnte, was man gegen die Verspannungen tun kann, war er schon zur Tür raus… So viel zum Thema sensibler Umgang mit Patienten, da haben wohl die Schamanen den meisten Ärzten etwas voraus.

Mit der Aufklärung hat sich die Spaltung zwischen Körper und Geist gefestigt. Nur noch das Sichtbare wurde als existent angesehen. Immerhin galt auch das unterm Mikroskop Gesehene als »sichtbar«. Doch das Unsichtbare, wozu auch die Psyche gehört, wurde lange Zeit von den Ärzten ignoriert. Dabei wusste man schon in der Antike um den Einfluss der Psyche.

Erst in den letzten zehn, zwanzig Jahren kommt dieser Aspekt langsam wieder auf. 1992 wurde in der Bundesrepublik neben dem Nervenarzt und dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie die Gebietsbezeichnung »Arzt für Psychotherapeutische Medizin« eingeführt. Der Deutsche Ärztetag änderte diese Bezeichnung 2003 in »Facharzt/Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie«.

Alternative Heilmethoden, noch vor zwanzig Jahren eher als »Hokuspokus« belächelt, liegen im Trend

Alternative Heilmethoden, noch vor zwanzig Jahren eher als »Hokuspokus« belächelt, liegen im Trend: Ganz normale Zeitungen und Magazine berichten heute wie selbstverständlich über Homöopathie oder Akupunktur, und in Deutschland ist mittlerweile jedes dritte freiverkäufliche Medikament, das über den Apothekentisch geht, pflanzlicher Natur.

Bei meinen Recherchen fand ich auch einen Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1997, der mit dem Titel »Rückfall ins Mittelalter« tituliert war. Dabei ging es um Alternativmedizin und darum, dass damals eine Gesetzesänderung bewirken sollte, dass auch alternative Heilmethoden von den Krankenkassen abgerechnet werden sollten. Der Spiegel sah damals unsere Zivilisation schon ins Mittelalter zurückfallen und befürchtete, dass Kurpfuschern und Scharlatanen Tür und Tor geöffnet würden.

Im Jahr 2007 berichtet der Spiegel, dass Homöopathie und Akupunktur tatsächlich wirken, »weil Glaube Schmerzen lindern kann und Hoffnung heilen«

Zehn Jahre später (2007) berichtet das deutsche Nachrichten-Medium und »Flaggschiff der Aufklärung« Spiegel, dass Homöopathie und Akupunktur tatsächlich wirken, »weil Glaube Schmerzen lindern kann und Hoffnung heilen« und gibt damit immerhin zu, dass die Alternativmediziner doch etwas bewirken können.

Und die Zukunft?

Wird sich dieser Trend fortsetzen? Wird die Naturheilkunde in Zukunft noch mehr Anerkennung erlangen? Werden Ärzte vermehrt mit »Schamanen« zusammenarbeiten und sich vielleicht sogar Zusatzausbildungen in Naturheilkunde oder Schamanismus gönnen? Ich wünsche es mir.

Rein auf das Materielle ausgerichtet, ist unsere Welt, auch unsere Medizin, zu einseitig. Das Materielle und das Spirituelle müssen wieder zusammen kommen, aber ohne dass, wie früher, die Kirche die absolute Macht erhält. Vielleicht kann der doch etwas undogmatischere Schamanismus dabei helfen, wieder zusammen zu bringen, was zusammen gehört.

Quellen: wikipedia, humannews, Spiegel

Von Christine Höfig

Christine Höfig, Jg 1977, Redakteurin des connection Schamanismus extra, arbeitet als Freie Journalistin und Lektorin. Studium, Praktika und drei Jahre Vollzeit in der connection waren Stationen auf ihrem Weg.


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Aus dem Heft connection Schamanismus extra 3

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