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Von allen guten Geistern verlassen?

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Alte Frau
Bild: photocase.com

Demenz aus schamanischer Sicht

Demente, so sagt man, verlieren nach und nach den Verstand, der Geist verlässt sie. Stimmt das denn, fragte sich der Altenpfleger und Gestalttherapeut Lorenz Kunze. Und welche Auswirkung hat das Stigma der Demenz für die Betroffenen?

»Irgendwo muss es doch einen Ort geben, an dem alle Schwierigkeiten ein Ende haben« – so lautete der Satz eines Herrn, den laut ärztlicher Aussage sukzessiv der Geist verlassen wird. Denn das ist die gängige Übersetzung des Begriffes »Demenz«: lat. dementia – »ohne Geist«. Was meint die Diagnose »ohne Geist»? Welche Auswirkungen hat das für die Menschen, die davon betroffen sind?

Bei der ersten Frage kommt mir in den Sinn, dass offensichtlich die Vorstellung existiert, dass der Sitz des menschlichen Geistes das Gehirn sein muss. Die Schädigung desselben führt demnach dazu, dass mit dem Gehirngewebe auch der Geist des Menschen unterzugehen scheint. Ich versuche, mir einen Menschen ohne Geist vorzustellen, vergegenwärtige mir wieder den obigen Satz des dementen Herrn und frage mich: Wie kann ein Mensch, dessen Geist doch angeblich im Prozess der Auflösung ist, zu solch hochgeistigen Äußerungen in der Lage sein?

Der Etikettierung »Demenz« haftet ein Stigma an, welches den Betroffenen in ein Abseits stellt

Im Abseits

Wenn ich allerdings vor jede Aussage eines dementen Menschen den Krankheitsfilter setze, dann erkenne ich auch in dieser Aussage keinen Geist. Jegliche sinnvolle Aussage eines Menschen mit der Diagnose Demenz ist dann negiert und im Keim für null und nichtig erklärt. Das lässt für mich den Schluss zu, dass der Etikettierung »Demenz« ein Stigma anhaftet, welches den Betroffenen in ein Abseits stellt. Von diesem Platz aus kann er nichts mehr gewinnen, denn alles, was aus dieser Position heraus geschieht, hat keine Gültigkeit mehr, wie wir es aus dem Fußball kennen. Und – um bei dem Bild des Sports zu bleiben: Im Erleben des an Demenz Erkrankten pfeifen wir Gesunden sein »Spiel« ständig ab, denn die meisten seiner Handlungen ergeben für uns keinen Sinn.

Sicher ist es so, dass wir Gesunden auch kaum anders handeln können. Der »Abpfiff« ereignet sich für uns als diejenigen, die von der Krankheit nicht betroffen sind, nämlich immer an der Stelle, an der unser eigenes Verstehen aufhört. Zunächst einmal sind wir Menschen so angelegt, dass wir nur dem Gültigkeit beimessen, dem wir einen Sinn abgewinnen können. So bewegt sich zum Beispiel eine von Demenz betroffene Frau, die für ihren verstorbenen Mann Bier einkaufen will, auf einem Feld, wo uns das logische Verstehen verlässt. Da finden wir uns nicht mehr zurecht. Und genau da setze ich an und behaupte, dass der Schamanismus Betrachtungsweisen anbietet, die unserem Nichtverstehen und unserer Desorientiertheit in der Welt der Dementen einen Raum eröffnen können.

Alter Mann
Bild: photocase.com

Unterwegs im Niemandsland

Die wesentliche Ursache dafür, dass wir Gesunden die Welt der Dementen für ein geistiges Niemandsland halten, ist, dass wir unsere Realität für die einzig richtige und einzig lebenswerte Daseinsebene halten. Aber vielleicht verbinden wir mit dem »großen Vergessen« ja nur deshalb Angst- und Schreckensvisionen, weil wir nicht wissen, dass unser Geist uns nicht verlässt. Er besitzt nämlich die Fähigkeit, aus einer Not eine Tugend zu machen. Im zuletzt genannten Beispiel der alten Dame finde ich es sowohl als geistreich wie auch als psychologisch gesund und angemessen, dass sie ihren verstorbenen Mann, mit dem sie 60 Jahre verheiratet war, in ihre letzten Lebensjahre mit einbezieht. Der schamanisch Tätige kann im scheinbar »senilen Verhalten« einen realen Wert erkennen, weil er einen geistigen Zugewinn darin entdeckt, wenn ein Mensch mehrere Daseinsebenen (hier das Diesseits und das Jenseits) intuitiv miteinander in Beziehung setzen kann.

Der schamanische Blickwinkel gibt dem an Demenz Erkrankten ein Stück seiner Würde zurück

Aus schamanischer Sicht ist ein Mensch, der mit den Toten lebt, weise und nicht debil oder kindlich-naiv. Der schamanische Blickwinkel schenkt dem an Demenz Erkrankten ein Stück seiner Würde zurück, die wir ihm mit unserer defizitär geprägten Grundhaltung gegenüber der Demenz genommen haben. Einen von Demenz Betroffenen verlässt der Geist nicht, sondern der Geist bleibt und verleiht dem Dasein des Betroffenen nur auf sehr andere Weise Ausdruck.

Ich kenne viele Gesichter der Demenz, die auf den ersten Blick erschrecken, und ich will auch nicht behaupten, dass eine schamanische Herangehensweise stets der Weisheit letzter Schluss ist. Die schamanische Dimension ist für mich und meine Arbeit in der Altenpflege jedoch eine Brücke zu den Menschen, von denen meist angenommen wird, sie seien von allen guten Geistern verlassen. Der schamanische Hintergrund verbindet, er schafft Zuversicht und Nähe an einer Stelle, wo unser bloß menschliches Auge nur noch eine unüberwindbare Kluft wahrnimmt. Mit anderen Worten: Mit unserem einseitig naturwissenschaftlich geprägten Blick schaffen wir uns eine Realität, in der der Lebensraum des an Demenz Erkrankten nicht existiert.

Nicht von dieser Welt

Dieser Lebensraum existiert jedoch, und er ist auch nicht geistlos. Vielmehr bildet er ein eigenes Bezugssystem. Dort gestaltet sich der Geist in ganz anderer Weise neu und formt sich aus nach Kriterien, die sich unserem Verstehen zunächst entziehen. So betrachtet ist der Verlauf einer Demenz kein Prozess des geistigen Verfalls, sondern ein Prozess einer geistigen Metamorphose. Dieser beinhaltet gravierende und einschneidende Veränderungen für alle Betroffenen. Im Zuge des Krankheitsverlaufes lösen sich nämlich die vertrauten Bezugs- und Orientierungssysteme nach und nach auf. Für die, die es betrifft, ist das meist tragisch und mit schmerzvollem, krisenhaftem Erleben verbunden. Sie fühlen sich hier wie vor einem Abgrund, einem bodenlosen Nichts. Wir Angehörigen, Pfleger, Psychologen und Ärzte fühlen uns hier als ohne Bezug zu der veränderten Lebensweise des Erkrankten, der scheinbar nicht mehr so ganz von dieser Welt ist. Genau so ist es aus meiner Sicht auch: Der demente Mensch ist in vielen Zügen Teil einer anderen Welt, die nach Grundmustern funktioniert, wie sie mir aus meinen schamanischen Erfahrungen vertraut sind. Der schamanisch Tätige fühlt sich in andere Wirklichkeiten nicht lediglich empathisch hinein, sondern er erklärt diese für gleichbedeutend mit anderen Wirklichkeiten.

»Der demente Mensch ist für mein Empfinden in vielen Zügen Teil einer anderen Welt«

Die neue Wirklichkeit, in der sich der aus unserer Sicht »Erkrankte« nun aufhält, ist nicht beliebig und bezugslos. Sie bildet ein in sich logisches Gefüge, das sich aus vielerlei Elementen speist, deren Ursprünge in der Biographie des Betroffenen liegen. Des Weiteren verfolgt die Realität meines Gegenübers zwar einen roten Faden. Dieser bleibt aber unsichtbar, solange ich versuche, ihn nach meinen vertrauten Maßstäben von Kausalität oder den Prinzipien von Zeit und Raum zu ermitteln.

So äußerte eine Dame mit der Diagnose Demenz mir gegenüber einmal die Bitte, ob ich sie nicht auf »die andere Seite der Straße« begleiten könne, denn dort würden sich »auch ihre Eltern aufhalten« und sie »wolle dorthin«. Und – so fügte sie hinzu – sie brauche meine Begleitung, denn die Straße »hat es in sich«. Um dingfest zu machen, was ich in meinen Ausführungen zuvor theoretisch erörtert habe, analysiere ich diese Situation nun mal aus einer schamanisch geprägten Perspektive heraus:

Der Geist dieser Bewohnerin ist zwar nicht auf das Diesseits ausgerichtet, aber keinesfalls »verwirrt«. Die Aussagen der Bewohnerin folgen einer eigenen Logik. Ich kann den Inhalt der Aussage zwar nicht faktisch nachvollziehen, aber das Bild der »Straße« schon, denn auch meine schamanischen Reisen drücken sich viel in Bildern aus. Ich ziehe als schamanisch ausgerichteter Mensch die Möglichkeit in Betracht, dass die Bewohnerin nicht lediglich von einer Erinnerung an ihre Eltern spricht, sondern gehe davon aus, dass für diese Dame die Präsenz ihrer Eltern tatsächlich Teil ihrer Wahrnehmung ist. Gleichzeitig spürt die Bewohnerin, dass da etwas ist, das sie von ihren Eltern trennt. Sie verwendet das vertraute Bild der »Straße«, um etwas zu beschreiben, was sie mit Worten nicht zu benennen vermag. Zudem hat sie ein Gewahrsein für dieses »Dazwischen«, das auch für ihre Wahrnehmung nicht so ohne Weiteres begehbar ist. Damit spreche ich ihr die Fähigkeit zu, verschiedene Daseinsbereiche (Diesseits und Jenseits) gleichzeitig erfassen zu können – und zwar nicht nur »symbolisch«. Ich halte das für möglich, weil ich selber während meiner schamanischen Reisen nichts anderes tue, auch wenn ich im Unterschied zu ihr aktiv eine andere Dimension betrete und das Jenseits dabei eher selten der Ort meiner Wahl ist.

Mein Fazit ist, dass die Äußerungen der Dame nicht etwa Halluzinationen sind. Ich würde ihrem Neurologen deshalb keine entsprechende medikamentöse Behandlung ans Herz legen, sondern lasse sie mit ihrem buchstäblich erweiterten Horizont einfach so sein. Das ist mir aber nur deshalb möglich, weil ich selber an einem Menschen- und Weltbild partizipiere, nämlich dem schamanischen, das eine solche Sicht der Dinge für möglich hält.

Von der Erschaffung der Realität

Abschließend ein kurzer Vergleich der medizinischen mit der schamanischen Herangehensweise im Umgang mit Demenz.

Zunächst die medizinische: Der normale Mediziner ist gemäß dem aktuellen Stand seiner Forschung mit der guten Absicht unterwegs, den Patienten mit Medikamenten zu versorgen, die das Fortschreiten der Erkrankung drosseln – derzeit mit dem Hintergrundwissen, dass es keine Hoffnung auf Heilung gibt. Er ist mit der Mission »Rettet das Gehirn« unterwegs. Jedes Voranschreiten der Krankheit bedeutet für ihn einen Verlust der Einflussmöglichkeit auf seinem Gebiet. Irgendwann einmal erreicht dann die Erkrankung des Patienten den Punkt, an dem der Arzt, ähnlich wie in der Palliativmedizin, den Betroffenen »nur noch« ein möglichst beschwerdefreies Leben ermöglichen kann. Da geht es dann um die Linderung von Leit- oder Begleitsymptomen wie Angst, innerer Unruhe oder depressiven Zuständen, die im Verlauf der Erkrankung häufig auftreten. Dann ist der Erkrankte aber bereits in seiner »eigenen Welt«.

Die schamanische Herangehensweise wäre nun die, ihn dort, in dieser »eigenen Welt« mit einem schamanisch geprägten Gewahrsein gewissermaßen in Empfang zu nehmen. Das Ziel ist hier nicht, den betroffenen Menschen wieder in die »gute, alte Realität« zurückzuholen, sondern der Therapeut oder Pfleger schaut bei dieser Vorgehensweise darauf, welche Impulse der an Demenz Erkrankte aus sich selbst heraus setzt und welche Art von Realität er damit, vielleicht nicht bewusst, aber doch aktiv und wirksam, erschafft. Diese Realitäten sind sehr vielfältig und zutiefst individuell. Ich kannte zum Beispiel eine an Alzheimer erkrankte Dame, die zeitlebens mit ihrem Sohn in Konflikt lebte. Erst nach der Erkrankung entwickelte sie Humor und eine Milde, die zwischen ihr und ihrem Sohn wieder Frieden schaffte, bevor sie dann einige Jahre später verstarb. So wurde – und diese Sichtweise vertrat auch der Angehörige – die Alzheimer-Demenz zu einem Segen für die Mutter-Sohn-Beziehung.

Mir geht es aber nicht darum, Demenz schön zu reden oder zu romantisieren, sondern darum, dass mich meine schamanische Ausrichtung darin unterstützt, den Lebensfluss zu erkennen, der in den Adern dieser Menschen weiterhin pulsiert. Wir alle erschaffen in unserem Leben mit Hilfe unseres Geistes ständig unsere Realitäten neu. Den einschüchternden Chef, den Genuss eines schönen Musikstücks, die Angst vorm Fliegen, die nervende Nachbarin – all das sind Alltagserscheinungen, die nur so sind, wie sie sind, weil wir ihnen diese oder jene Attribute einhauchen. Wir sind alle kleine Schöpfer. Das ist eine grandiose und einzigartige Fähigkeit des Menschen. Der von einer Demenz Betroffene macht das Gleiche, nur dass er dabei Werke erschafft, die wir erst einmal lernen müssen zu verstehen. So betrachtet, halte ich die Demenz für eine Phase, in der sich der Geist nach und nach umorganisiert, sich rüstet für einen Weg, der noch vor ihm liegt. Der Demente ist nicht Opfer eines sinnlosen, geistigen Verfalls. Er ist noch nicht am Ende seines Lebens angekommen, er ist nur eine Tür weiter gegangen. Ist der Pfleger an die schamanische Daseinsebene angebunden ist, kann er ihn dort begleiten.

Von Lorenz Kunze

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Lorenz Kunze ist Dipl.-Religionspädagoge, examinierter Altenpfleger und Gestalttherapeut. Er ist in der Pflege von dementiell Erkrankten tätig und arbeitet freiberuflich als Dozent und Seminarleiter für Gerontopsychiatrie. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich auch mit Schamanismus. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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Aus dem Heft connection Schamanismus extra 3

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