Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Im Urbuddhismus fehlt den Mönchen das tätige Helfen

Details

Im Urbuddhismus fehlt den Mönchen das tätige Helfen
Foto: www.flickr.com Pagodaphathue

Der gute Samariter und der gute Theravadin

Theravada, Zen und Vajrayana (tibetisch) sind die drei Hauptrichtungen des Buddhismus. Im Theravada, der ältesten von ihnen, dem »Urbuddhismus«, ließ sich der Australier Bhante S. Dhammika vor mehr als 30 Jahren zum Mönch ordinieren und blieb dies bis heute. Bhante ist heute einer der wenigen, die den Theravada von innen heraus kritisieren – und er hat gute Gründe für seinen Aufruf zu einem Neubeginn

Ein Mann fragte einmal Jesus, was er tun solle, um erlöst zu werden, und Jesus fragte ihn, was die Schriften sagten. Der Mann zitierte die beiden Bibelverse: »Liebe deinen Gott aus vollem Herzen, ganzer Seele, mit all deiner Kraft und deinem ganzen Geist«, und: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Jesus stimmte dem zu, und der Mann fragte ihn: »Wer ist mein Nächster?« Daraufhin erzählte Jesus die Geschichte vom guten Samariter. »Einst ging ein Mann auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, als dieser von Räubern angegriffen, ausgeraubt und fast totgeschlagen wurde. Zufällig kam ein Priester vorbei, als er aber den Mann am Boden liegen sah, wechselte er jedoch nur die Straßenseite und ging vorüber. Dann kam ein Levite vorbei, sah den Mann am Boden liegen und ging dann auch auf der anderen Straßenseite vorüber. Aber ein reisender Samariter kam zu der Stelle, wo der Mann lag, und als er ihn sah, war sein Herz mit Mitleid erfüllt. Er ging zu dem am Boden liegenden Mann, goss Öl und Wein auf seine Wunden, verband sie und brachte dann den Mann auf dem Rücken seines Esels in ein Gasthaus, wo er sich um ihn kümmerte. Am nächsten Tag gab er dem Gasthausbesitzer zwei Silbermünzen und bat diesen, sich so lange um den Verletzten zu kümmern, bis er auf seiner Rückreise wieder an diesem Gasthaus vorbeikam. Er versprach dem Wirt, jegliche Aufwendungen bei seiner Rückkehr zu begleichen. Jesus fragte dann den Mann, welcher von den Dreien denn nun wie ein Nächster an dem von den Räubern angegriffenen Mann gehandelt hätte. ›Der Mann, der sich um das Opfer gekümmert hat‹, antwortete der Mann, und Jesus sagte: ›Dann geh und handle so wie dieser Mann.‹« Diese Parabel von Jesus mit seinen Worten »Das Geringste, das ihr für einen meiner Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan« (Matthäus 25, 34-40), hatte einen tiefen und positiven Effekt auf das Christentum.

Symphonie für Taube

Die Geschichte des Buddha, der den kranken Mönch gepflegt hatte, und seine Ermahnung: »Lasst den, der mich pflegen würde, die Kranken pflegen« ist dieser Parabel sehr ähnlich, nur dass sie keinen entsprechenden Einfluss auf das Denken und die Praxis des Theravada hatte. Die Worte des Buddha waren wie eine Symphonie, die für Taube gespielt wurde. Im Theravada könnte eine Version der Parabel vom Samariter etwa so aussehen: Einst ging ein Mann auf der Straße von Bangkok nach Ayudhya, als ihn Räuber angriffen, ausraubten und fast totschlugen. Es geschah also, dass ein Mönch die Straße entlang kam, den Mann am Boden liegen sah und bei sich dachte: »Ich werde lieber gar nichts tun, sonst würde ich am Ende gegen eine Vinaya-Regel verstoßen, und, übrigens, wenn ich mich nicht beeile, komme ich noch zu spät zu meinem Dana« (mit Dana ist hier die Essensgabe gemeint, die Theravada-Mönche traditionell allmörgendlich erhalten, Anm. d. Red.), und würde dann weitergehen. Als Nächstes käme ein in Meditation Erfahrener vorbei und beim Anblick des am Boden liegenden Opfers, die Hände zusammenlegen und lächelnd sagen: »Möge es dir gut ergehen, mögest du glücklich sein«, und achtsam weitergehen. Zuletzt würde eine alte, fromme Frau vorbeikommen, den verletzten Mann am Boden liegen sehen und bei sich denken: »Wenn ich diesem Mann helfe, erwirke ich zehn Punkte an Verdienst, aber wenn ich den Mönchen Essen serviere, bekomme ich das Tausendfache«, und sie würde ins nächste örtliche Kloster eilen.

»Lasst den, der mich pflegen würde, die Kranken pflegen« Gautama Buddha (5. Jhd. vuZ)

Oh, Ehrwürdiger!

Manchmal traf ich junge Mönche in Sri Lanka, die aufrichtig dazu bereit waren, Metta und Karuna durch Taten auszudrücken, aber sie fanden es extrem schwierig. Laienanhänger beobachten die Mönche ständig, um sicher zu sein, dass sie die traditionellen Verhaltensmuster einhalten, und die Laien zeigen schnell Missbilligung, wenn die Mönche das nicht tun. Die Annahme, Mönche seien kostbare, ehrwürdige Individuen, bedeutet für Bemühungen dieser Art ein weiteres Hindernis. Würde ein singhalesischer Mönch versuchen, einen Kranken zu waschen, würden sofort ein halbes Dutzend entsetzte Menschen angerannt kommen und sagen: »Ich werde das für Sie tun, Ehrwürdiger«, oder: »Nein, Ehrwürdiger, überlassen Sie das mir.« Sie würden ihm die Seife und das Handtuch aus der Hand nehmen, ihn zu einem bequemen Stuhl führen, während ein anderer losrennen würde, um ihm ein Glas Wasser zu holen. Wieder ein anderer würde ihm Luft zufächeln und ihn fragen, ob er schon sein Dana hatte.

Im Urbuddhismus fehlt den Mönchen das tätige Helfen
Foto: www.flickr.com Pagodaphathue

Fremdgehen

Man kann auf ein extensiv ausgeübtes Hobby oder auf die Freundinnen der Frau eifersüchtig sein, doch wie jeder weiß, ist die Vermutung, der Partner könne Sex noch mit anderen haben, extrem eifersuchtsfördernd. Wir haben fast alle die Meinung, Sex dürfe in einer festen Partnerschaft nur noch mit dem festen Partner gelebt werden, und Kirche und Staat unterstützen uns sehr in dieser Meinung. Ein gar nicht so kleiner Prozentsatz aller in festen Beziehungen Lebenden verhält sich jedoch anders als es der offizielle Wertkanon vorsieht: Sie gehen »fremd« – und das Fremdgehen gibt ihnen offensichtlich so viel an Lebensqualität, dass sie es dennoch machen, trotz Missbilligung von offizieller Seite, trotz Zwang zur Verheimlichung und trotz dem Wissen, dass die Entdeckung in den meisten Fällen eine Katastrophe nach sich zieht: Man ist treu, solange man nicht erfährt, wie schön Untreue ist.

Wer sich erbarmt, wird zum Außenseiter

Wäre ein thailändischer oder burmesischer Mönch jemals so töricht, so etwas zu tun, würde er als »schlechter Mönch« gebrandmarkt, den Ausschluss aus dem Orden riskieren oder mindestens seinen Bezirk verlassen müssen. Die Vorstellung, dass ein Mönch gar eine kranke Frau pflegt, auch wenn es sich dabei um seine eigene Schwester, einen weiblichen Säugling oder eine alte Frau handeln würde, selbst in einem Notfall, ist schier unvorstellbar. Der bekannte burmesische Mönch U Thittila, seit jeher ein Außenseiter, der sich während des zweiten Weltkrieges in London aufhielt, zog sich während der Bombenangriffe einen Trenchcoat und einen Helm über und half, Verletzte aus den zerstörten Häusern zu bergen. Dies brachte ihm bei den britischen Buddhisten viel Respekt ein, er wurde jedoch von den Burmesen heftig verurteilt.

Es brauchte Jahre, um seinen lädierten Ruf wieder herzustellen. Kurz vor seinem Tod lernte ich diesen Mann noch kennen und befragte ihn zu dem Vorfall. Mit einem Schmunzeln sagte er in etwa: »Wir Burmesen würden Mitgefühl noch nicht einmal sehen, wenn wir darüber stolperten.« Der Theravada scheint die einzige Religion in der Welt zu sein, bei der für einen Ordinierten ein spontaner Akt des Mitgefühls ein grober Verstoß bedeutet.

Sozialarbeit von Mönchen

Im Gegensatz zu Burma wird in Sri Lanka und Thailand Sozialarbeit von Mönchen etwas mehr akzeptiert, solange sie sich auf administrative Arbeit, auf Spendensammeln und das Organisieren der Laien beschränkt und die Mönche sich nicht körperlicher Arbeit aussetzen oder gar ihre Hände schmutzig machen. Aber sogar dann muss ein Mönch kämpfen, um von der Gemeinschaft akzeptiert und unterstützt zu werden. Spiro kommentiert die Situation in Burma wie folgt: »Eine Gruppe von Mönchen hat als karitatives Projekt ein Waisenhaus in ihrem Kloster errichten können … Bis 1962 wurden daraus 77 Waisenhäuser mit insgesamt 600 männlichen Waisen, die ihrem Kloster angegliedert und in ganz Burma und den Shan-Ländern verteilt waren. Wie erwartet … wurde ihrer Arbeit jedoch weder von anderen Mönchen noch von den Laien Interesse entgegengebracht. Finanzielle Unterstützung für ihre Aktivitäten erhielten sie hauptsächlich von der (amerikanischen) Asien-Stiftung, bis diese 1962 aus Burma ausgewiesen wurde.

Einer der bewegendsten Aktiven der Arbeit dieser Mönche und bei der Gründung der Vereinigung war ein burmesischer Angestellter dieser Stiftung, ein westlich ausgebildeter Buddhist, der christlichem Einfluss und Missionsarbeit ausgesetzt und davon beeinflusst war. Er wollte offensichtlich die buddhistischen Mönche auf ähnliche Weise beeinflussen und brachte sie zur Gründung dieser Waisenhäuser.«

»Der Theravada scheint die einzige Religion in der Welt zu sein, bei der für einen Ordinierten ein spontaner Akt des Mitgefühls ein grober Verstoß bedeutet« Bhante S. Dhammika

Die Freundlichkeit der Theravadins

Dies ist eine scharfsinnige Beobachtung. Die Fonds der wenigen sozialen Aktivitäten des Theravada, die existieren, kommen oft von außerhalb der Gemeinde, und die Sozialarbeit wird gewöhnlich von Westlern oder von Einzelnen, die vom Christentum beeinflusst sind, getan als Nachahmung der christlichen Sozialarbeit oder um der Sozialarbeit, die Christen tun, entgegenzuwirken. Dies ist besser als gar nichts, ist aber auch ein weiterer Beleg dafür, dass praktisches Mitgefühl nicht wirklich zum Theravada gehört.

Das soll nicht heißen, dass Theravadins nicht freundlich und großzügig wären. Sie sind es und manchmal sogar auf eine bemerkenswerte Art. Ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit erstreckt sich aber nur unsystematisch und vereinzelt auf die Hilfsbedürftigen. Sie werfen einem Obdachlosen ein paar Münzen hin, unternehmen aber selten etwas gegen die Obdachlosigkeit selbst. Eine sichere und effektive Unterstützung ist fast ausschließlich für den Sangha (die Gemeinschaft der Mönche) reserviert. Mönche ihrerseits können ebenfalls freundlich sein, jedoch halten sie der Vinaya und die öffentlichen Erwartungen davon ab, mehr als nur mitzufühlen. Mendelsons Kommentar über Burma lässt sich auch auf andere Theravada-Länder übertragen:

Verdienstvolle Taten in Burma

»Obwohl gelegentliche soziale Aktivitäten in Klöstern des königlichen Burma üblich waren, gab es immer in diesem Land das Gefühl, dass das Hauptziel der Mönche die eigene Suche nach Erleuchtung sein sollte und dass sie von diesem Ziel nicht durch irgendwelche weltlichen Beschäftigungen, seien es auch aufrichtige karitative und soziale Aktivitäten, abgelenkt werden sollten.

So wird soziale Hilfe traditionell nicht aus Selbstverständlichkeit oder im Einklang mit einer bestimmten buddhistischen Theorie über das Thema geleistet, sondern sie ist eher das natürliche Ergebnis der ihrem Wesen nach gewöhnlich guten und ethisch gesinnten Burmesen … Bevor ich nach Burma ging, war mir bereits klar, dass sich die Natur der burmesischen Gesellschaft ändern könnte, wenn die Burmesen ihre Ansichten über das Erwirken verdienstvoller Taten revidieren würden. Diese bestanden hauptsächlich aus Geschenken an den Sangha, vornehmlich Essen, aber auch Gebäude, verschiedene Einrichtungen und die Erfüllung der Grundbedürfnisse der Mönche.«

Sozial oder kontemplativ?

Theravadins könnten mir vorhalten, dass ich sie nach christlichen Gesichtspunkten beurteile und dass Mönche eben nicht sozial, sondern kontemplativ tätig werden sollten. Das stimmt, und ich habe kein Gegenargument. Hinter dieser Aussage stehen jedoch zwei falsche Annahmen. Erstens ist die große Mehrheit der Theravada-Mönche in Theravada-Ländern nicht kontemplativ. Bestenfalls sind sie Gelehrte und Spezialisten bei Ritualen, schlimmstenfalls … nun, wir wollen nicht wieder darauf eingehen! Zweitens ist die Behauptung, dass soziale Aktivitäten irgendwie nicht mit Meditation vereinbar seien oder dieser sogar schaden würden, nicht haltbar.

Sozial aktiv zu sein kann eine Kontemplation sein – es kann eine Übung im Loslassen sein, eine Methode, das Ego klar wahrzunehmen und zu verkleinern, ein Mittel zum Entwickeln von Metta und Karuna. Nehmen wir als Beispiel die Praxis der Achtsamkeit. Im Satipatthana-Sutta sagt der Buddha: »Weiterhin handelt ein Mönch achtsam, während er kommt und geht, während er nach vorn und hinter sich blickt, während er seinen Arm ausstreckt oder zurückzieht, während er seine Robe anzieht oder seine Robe und seine Almosenschale trägt, während er isst und trinkt, kostet und schmeckt, beim Lassen von Kot und Urin, beim Gehen oder Stehen, beim Einschlafen oder Aufwachen, während er spricht oder schweigt« (Majjhima Nikaya). Der Punkt, um den es hier geht, ist, dass jede Aktivität von Achtsamkeit begleitet werden kann und sollte. Statt sich an sterile und überflüssige Regeln zu klammern, die Thanissaro und anderen Fundamentalisten zufolge zur Entwicklung von Achtsamkeit aufgestellt wurden, könnte man auch Hilfsbereitschaft für andere praktizieren. Wenn jemand während eines Meditationskurses achtsam essen kann, warum kann er dann nicht achtsam Essen für Hungernde zubereiten?

»Bei der Arbeit im Heim für die mittellosen Sterbenden, bemerkte ich, dass mein Geist klar und fast völlig von den Hindernissen befreit war« Bhante S. Dhammika

Läuterung durch Helfen

Dann ist da noch die alte Lieblingskontemplation des Theravada über die Widerlichkeit des Körpers. Wenn jemand sich lösen und innere Ruhe entwickeln kann, wenn er an die unangenehmen Aspekte des Körpers denkt, wieso kann er dann nicht dasselbe tun, während er einen sterbenden Menschen pflegt? Die pedantische und konservative Haltung des Theravada hat die Entwicklung kreativer spiritueller Herangehensweisen wie diese verhindert. Fügt man dem die narzisstische Beschäftigung mit sich selbst im Theravada und seine Orientierung auf die Ordinierten hinzu, wird einem klar, warum solche Möglichkeiten niemals in Erwägung gezogen wurden.

Im Jahr 2000 verbrachte ich einige Zeit als freiwilliger Helfer in Kalkutta in Mutter Teresas Heim für die mittellosen Sterbenden. Diese Erfahrung öffnete mir die Augen. Als Erstes bemerkte ich dort viele Schwestern und andere freiwillige Helfer, die trotz Mühsal, Elend und großem Druck die Qualitäten besaßen, die wir Buddhisten mithilfe der Meditation zu entwickeln versuchen – Akzeptanz, Loslösung, Zufriedenheit, genauso wie Mitgefühl und Liebe. Ihre Arbeit bestand darin, anderen zu helfen, und diente zugleich dem Zweck der persönlichen Transformation und der Hingabe an ihren Gott. Ich glaube, dass dies die eigentliche Botschaft des Mahaparinibbana-Sutta ist.

Liebe körperlich ausdrücken

In den Stunden vor dem Hinscheiden des Buddha ging Ananda zu seiner Unterkunft, lehnte sich an einen Türpfosten und schluchzte bei dem Gedanken, seinen geliebten Freund und Lehrer nun bald zu verlieren. Der Buddha bemerkte die Abwesenheit seines treuen Begleiters, fragte einen anderen Mönch, wo dieser sei, und bat diesen, Ananda zu holen. Ananda kam wie verlangt und setzte sich neben den liegenden Buddha. »Genug, Ananda, weine nicht«, sagte der Buddha. »Habe ich euch nicht schon so oft gesagt, dass alle angenehmen und lieben Dinge auch flüchtig, dem Wandel ausgesetzt und vergänglich sind? Über eine lange Zeit hinweg, Ananda, hieltest du dich in der Gegenwart des Tathagata auf und hast Liebe durch Taten, Sprache und Geist zum Ausdruck gebracht, wohltätig, segensreich, großherzig und freigebig. Du hast viel Gutes erreicht, Ananda. Strenge dich ein letztes Mal an und schon bald wirst du befreit sein von den geistigen Verunreinigungen.« (Digha Nikaya) Was bedeutet hier der Ausdruck »Liebe durch den Körper zum Ausdruck bringen«? Sicher will der Buddha damit sagen, dass Anandas jahrelanges selbstloses Geben, seine ständige Hilfsbereitschaft, das Hintanstellen der eigenen Bedürfnisse ihn in die Nähe des Tors zum Erwachens gebracht haben. Und diese liebevollen Taten Anandas waren seine Meditation.

Loslösung und Klarheit

Als Weiteres bemerkte ich bei der Arbeit im Heim für die mittellosen Sterbenden, dass mein Geist klar und fast völlig von den Hindernissen befreit war, besonders von Kamacchanda (Begierde nach sinnlicher Befriedigung), wenn ich abends in mein Zimmer zurückkehrte. Obwohl ich körperlich müde war, fühlte ich eine Klarheit in meinem Geist, die ich sonst nur nach Perioden langen und einsamen Meditierens kannte. Das war so bemerkenswert, dass ich nach der Ursache zu suchen begann. Da ich einen Großteil des Tages damit verbrachte, infizierte Wunden zu reinigen und Fäkalien abzuwischen, bin ich mir sicher, dass dies den Effekt einer Kontemplation über die Widerwärtigkeit des Körpers hatte.

Einst praktizierte ich diese Kontemplation formell über einen Zeitraum von zwölf Monaten einmal wöchentlich in der Leichenhalle des Kandy General Hospitals und bemerkte, dass es eine tiefe und stabile Loslösung zur Folge hatte. Aber die Loslösung und innere Klarheit, die ich in Kalkutta erfuhr, waren mit der Freude und Wärme des Wissens erfüllt, dass ich wenigstens einen kleinen positiven Unterschied im Leben eines Mitmenschen erreicht hatte. Ich habe oft versucht, das scheinbare Paradox von innerer Loslösung und des Sich-um-andere-Kümmerns logisch herauszuarbeiten. In Kalkutta löste ich es nicht mithilfe der Logik, aber durch meine Erfahrungen lernte ich, dass beide gleichzeitig auftreten können.

Ein westlicher Mönch der tibetischen Tradition, der ein Hospiz leitet, berichtete mir von den gleichen Erfahrungen. Nebenbei lernte ich bei meiner Arbeit in Kalkutta den Unterschied zwischen dem Lebensstil der dort ansässigen Nonnen und dem meinen kennen. Während wir »technisch« gesehen nur über wenig Besitztümer verfügen, besitzen oder verwenden ich und andere Theravada-Mönche eigentlich eine Fülle von Dingen. Die Schwestern der Nächstenliebe besitzen nichts außer zwei Saris und einem Eimer. Sie verbringen ihre ganze Zeit mit Geben, während wir Theravada-Mönche die meiste Zeit mit Empfangen verbringen. Und ich glaube, dass wir deshalb auch die Ärmeren sind.

Bhante S. Dhammika

Verklebt und unglaubwürdig

Ich bin selbst 1976 in Thailand als Samanera ordiniert gewesen und habe die 227 Regeln der Bhikkhus eingehalten. Bin dann gegangen, weil mir das System dort als zu verklebt und unglaubwürdig erschien. Die Klarheit der Sutren des Theravada, der ja in seiner Urform noch kaum Beimischungen von regionaler Glaubensfolklore enthält (vielleicht mit Ausnahme der Wiedergeburtslehre), schätze ich jedoch nach wie vor sehr: Ehipassika, komm und sieh selbst! Mein Widerwille beginnt dann allerdings bei den Mönchsregeln des Vinaya, die vor 2500 Jahren Sinn gemacht haben mochten, heute aber zum größten Teil nur noch fürs Museum sind – und eben allzu oft missbraucht werden für das genaue Gegenteil von dem, was die buddhistische Lehre eigentlich will. Bhante stellt das in seinem Buch »Broken Buddha« exzellent dar, und den Aufruf seiner Verlegerin Ursula Richard zu einer Erneuerung des Buddhismus, vor allem (oder eben: auch) in den Theravada-Ländern, kann ich nur unterstützen. Das Buch ist keine Netzbeschmutzung eines Insiders, sondern ein Aufruf zu überfälligen Reformen. Wolf Schneider (ehemals Samanera Tom)

Heft
bestellen

Aus dem Heft connection spirit 05/11

   
© Connection AG 2015