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Editorial 06/11

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Ankommen

Photo Wolf Schneider

Das Ego ist das Problem, darin sind sich alle Religionen und spirituellen Wege einig. Das Ego müssen wir überwinden, sonst stellen sich Mitgefühl, Erleuchtung, Weisheit und Glückseligkeit nicht ein. Wenn nun aber auf eben diesen Wegen, die da zu Gott oder zur Erleuchtung führen sollen, sich eine neue Art von Ego zeigt, eine vielleicht sogar noch tückischere, dann sind wir vom Regen in die Traufe gekommen. Was wir so sehr weghaben wollten, das hat sich durch die Hintertür wieder ins Haus geschlichen. Zu diesem Zweck hat es sich verkleidet: Es trägt nun das Gewand einer Religion oder spirituellen Richtung. Es beansprucht besser zu sein, reiner, heiliger, »weiter« als das alte Ego. Aber es ist immer noch eine Ausprägung der Arroganz: »Ich hab's, du nicht. Du musst noch ganz schön wachsen, um dahin zu kommen, wo ich schon bin.«

Widerstand unnötig

Dieser Hochmut ist eine ganz normale Stufe auf dem Weg. Er ist kein Verrat, er braucht nicht mit dem Tod bestraft zu werden, so wie in den alten theistischen Kulturen die Anmaßung Gott zu sein. Er braucht überhaupt nicht bestraft zu werden, er vergeht einfach, wenn die Zeit dafür reif ist, denn er ist für den Träger kein Vergnügen. Hochmut bringt einem vielleicht ein paar Bewunderer, aber keine Freunde. Es kostet Energie, die Pose aufrechtzuerhalten, wie bei jeder Lüge und Illusion. In die Wahrheit fällt man hinein, nur die Unwahrheit ist anstrengend. Es ist nicht nötig, gegen Scharlatane, falsche Gurus, Aufschneider, Dampfplauderer und spirituelle Möchtegerns zu kämpfen, diese Egos werden von allein in sich zusammenfallen, wenn die Zeit dafür reif ist. Aufklärung ja, aber bitte ohne zu eifern, denn der Eifer gegen die Eiferer schafft neue Fronten.

Heiterkeit

Wenn der Stolz auf die eigenen spirituellen Fortschritte – die ja, zyklisch betrachtet, genauso wenig Fortschritte sind, wie das Altsein besser ist als das Jungsein – erloschen ist, dann tritt eine Heiterkeit ein, eine neue Art der Bescheidenheit. Die ist kein Verzicht auf Weisheit, Schönheit, Einsicht, Glück, aber sie beansprucht auch nicht, dass ich weise, schön, klug oder glücklich sei, sondern freut sich, wenn diese Tugenden oder Geschenke da sind, bei wem auch immer. Ich nenne dieses dritte Stadium in der spirituellen Entwicklung Selbstherrlichkeit.

Drei Stufen

Das erste Stadium ist das weltliche Ego. Es sagt: Ich bin wer, weil ich reich, mächtig, groß, schön oder klug bin. Weil ich die richtige Hautfarbe habe, der richtigen Partei angehöre oder das gerade favorisierte Geschlecht oder Lebensalter habe. Das zweite Stadium ist das der spirituellen Arroganz: Ich habe schon drei Jahre meditiert, du erst zwei. Ich habe so viele Rosenkränze gebetet, ein dreijähriges Schweigeretreat gemacht, mein Guru ist weiser als deiner, meine Kundalini ist schon viel höher aufgestiegen als deine, außerdem habe ich einen Schwarzgürtel im Auralesen. Auch diese Einbildungen braucht man nicht zu bekämpfen, so wenig wie die des weltlichen Ego. Reichtum oberhalb eines gewissen Wohlstands macht einen nicht noch glücklicher; ebenso bringt einem das Verehrtwerden durch andere oberhalb eines gewissen sozialen Respekts auch nicht noch mehr Erfüllung –das Hochgefühl hält jedenfalls nicht lange an. Das Verflixte an diesem dritten Stadium ist, dass die Gewissheit, die man dort erreicht, für Menschen, die keine eigenen mystischen Erfahrungen haben, aussieht wie Besserwisserei. Das ist sie aber nicht, sondern sie ist echte Gewissheit. Wenn du das hast, bist du dir so sicher wie ein Kind, das einmal entdeckt hat, dass es nicht das Christkind ist, was an Weihnachten die Geschenke bringt. Es ist nun »durch« mit diesem Glauben; er wird sich in diesem Kind nie wieder einnisten können.

Gewissheit

Diese Gewissheit gibt es auch auf dem spirituellen Weg. Wenn eine Illusion mal von einem abgefallen ist, dann ist sie weg und kehrt nie wieder. Es bleibt ein Gefühl der Freiheit, sowas wie das Aufwachen nach einem schlechten Traum. Diese Gewissheit muss sich nicht verteidigen. Sie ist nicht arrogant, sie kennt keinen Missionseifer, und sie hat nicht das Bedürfnis Streitgespräche zu gewinnen. Sie wartet einfach, bis die anderen auch aus ihrem Traum aufwachen. Manchmal hilft ein kleines Schubsen, meistens aber würde das von den Schlummernden als Angriff empfunden, deshalb: besser nicht schubsen. Die Zeit lässt Einsichten reifen. Wer zu seiner eigenen Herrlichkeit erwacht, wird sie anderen nicht mehr übelnehmen. Das ist es dann, das Ankommen.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 06/11

   
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