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Pakistan: Land des Terrors – und einer Massenbewegung friedlicher Mystiker

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Pakistan: Land des Terrors – und einer Massenbewegung friedlicher Mystiker
Foto: Aly Bossin

Bedrohte Sufis und Pilger

Dieser Tage ist Pakistan viel in den Medien, weil dort Osama bin Laden, der meist gesuchte Terrorist der Welt, aufgespürt und getötet wurde, und man vermutet, das er im diesem Land Unterstützer hatte bis in höchste Kreise von Militär und Politik. Wegen des Krieges im benachbarten Afghanistan, der auch Teile von Pakistan mit erfasst hat, aber auch wegen seines Atombombenarsenals und seiner Korruption gilt dieses Land vielen als gefährlichstes der Welt. Pakistan hat aber auch eine friedliche, tief religiöse Seite: Es ist das Kernland des Sufismus in der islamischen Welt. Dort ist der Sufismus nicht nur eine Sache von wenigen Gottestrunkenen, sondern eine Massenbewegung

In Pakistan häufen sich Selbstmordattentate und Bombenangriffe auf die Schreine von Sufi-Heiligen, zuletzt wieder am 3. April 2011 am Grabmal des Mystikers Sakhi Sarwar, als 41 Pilger getötet und mehr als 80 Menschen verletzt wurden. Im Oktober letzten Jahres detonierte ebenfalls im pakistanischen Fünfstromland (Punjab) eine Bombe am Schrein des Heiligen Baba Farid, und zwei Selbstmordattentäter sprengten sich am bedeutendsten Heiligenschrein der Millionenmetropole Karachi in die Luft. Im Sommer 2010 hatten zwei Selbstmörder fromme Wallfahrer am größten Schrein des Landes, dem berühmten Data Darbar in Lahore, attackiert; damals starben mindestens 47 Menschen. Angriffe auf sakrale Orte und Mordkampagnen gegen Vertreter religiöser Minderheiten sind im heutigen Pakistan an der Tagesordnung.

Attentate gegen Mystiker

Wer sind die Attentäter und wer die Opfer? Geplant und durchgeführt wurden diese grauenvollen Attentate von Taliban und anderen extremistischen und militanten Netzwerken des politischen Islam; eine Anstiftung durch Geheimdienste zur weiteren Destabilisierung des Landes kann dabei nicht immer ausgeschlossen werden. Bei den unschuldigen Opfern handelt es sich um Mystiker verschiedener Sufi-Orden, vor allem aber um Pilger aus der Masse der Laienanhänger eines Sufi-Heiligen, also um Männer, Frauen und Kinder, die den Heiligen an seinem Grab um Heil und Segenskraft anflehen.

Kernland des Sufismus

Nun stellen die in Bruder- und Schwesternschaften organisierten Sufis und die in der Sufi-Tradition verwurzelten Muslime, deren Familien oft seit Generationen eng mit einem mystischen Heiligen verbunden sind, keineswegs eine Minderheit innerhalb des Islam dar, wie dies etwa BBC News suggeriert. Ganz im Gegenteil: Pakistan, das von westlichen Medien mit den Labeln »gefährlichstes Land der Welt« und »Epizentrum des globalen Terrors« versehen wurde, ist vielmehr das Kernland des Sufismus innerhalb der muslimischen Welt. Die Muslime des indo-pakistanischen Subkontinents praktizieren seit Jahrhunderten im Alltag die mystische »Religion der Liebe« mit ihrer reichen Spiritualität und nuancierten Weisheit als eine Art mainstream Islam, ohne sich dabei dezidiert »Sufis« zu nennen, was einen hohen Anspruch bedeuten würde.

Pakistan: Land des Terrors – und einer Massenbewegung friedlicher Mystiker
Foto: J.W. Frembgen

Macho-Islam

Warum geschehen diese Attentate? Der menschenverachtende Macho-Islam der Taliban stellt eine Ausgeburt des puristischen Schrift-Islam der Theologen dar, der religiöse Unterschiede und Grenzen betont, religiösen Pluralismus ablehnt und schlicht vorschreibt, wie Religion zu sein hat. Diesen rigiden, angeblichen »Wahrheitsbesitzern« stehen die Sufis als »Wahrheitssucher« gegenüber, an deren Heiligenschreinen nicht nur Muslime, sondern auch Hindus, Sikhs und selbst Christen zusammenkommen, um sich Gebet und Gottgedenken zu widmen, mystische Poesie zu rezitieren, spirituelle Musik zu hören und auch im Sufi-Tanz Trancezustände zu erfahren.

Unsere Medien ignorieren den in Pakistan von der Masse des Volkes getragenen toleranten Islam mit seinen dionysischen Festen

»Aberglaube«

Dieser Geist der Toleranz, Liberalität und des Miteinanders einer Frauen-freundlichen, sufisch geprägten und lebenszugewandten Volksreligion ist den Radikalen ein Dorn im Auge; sie diffamieren ihn als »Aberglaube«. Der Zorn der Taliban richtet sich gegen die tief verwurzelte Vielfalt der religiösen Traditionen mit ihrem nicht auf Ausschließlichkeit gerichteten »sowohl als auch« und attackiert damit die kulturellen Werte Pakistans. Leider werden dieser von der Masse des Volkes getragene Schrein-Islam mit seinen dionysischen Festen und die religiöse Alltagspraxis in unseren Medien ignoriert. »Sufis« sind dagegen heute in Mode gekommen, und so sollte auch der institutionalisierte Sufismus mit einem kritischen, differenzierenden Blick betrachtet werden, denn sein Charakter ist durchaus autoritär und seine Weltsicht keineswegs immer offen und tolerant; es wäre daher verfälschend ihn einseitig als den »weichen« und damit einzig »richtigen« Islam zu idealisieren. Letztlich müssen die Menschen in Pakistan selbst entscheiden – der Islam hat viele Gesichter!

Prof. Dr. Jürgen Wasim Frembgen (Professor für Religions- & Kulturgeschichte des Islam an der LMU München)

Kürzlich ist zu diesem Thema ein neuer ethnographischer Erzählbericht erschienen, in dem die klassische indische Musik und die Sufi-Musik im Vordergrund stehen: Jürgen Wasim Frembgen, »Nachtmusik im Land der Sufis. Unerhörtes Pakistan«, Waldgut-Verlag 2010, SC, 180 S., 16 €

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Aus dem Heft connection spirit 06/11

   
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