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Editorial 07-08/11

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Wem schenken wir Glauben?

Photo Wolf Schneider

Glaube ist mächtig, und das nicht nur im religiösen Bereich. Durch den Glauben an die richtigen Menschen, Projekte und Eigenschaften in uns selbst und anderen können wir die Welt positiv verändern. Um das tun zu können, sollten wir nicht wider besseres Wissen glauben, sondern so wie das lateinische Wort credere es ursprünglich meinte: Wortgeschichtlich rührt es nämlich von cor dare he– das Herz (cor) geben (dare). Also von sowas wie: Vertrauen geben, jemandem etwas zutrauen, einem Projekt die Möglichkeit des Gelingens zutrauen. Aber ehe ich zu diesem »guten«, Vertrauen schenkenden Glauben komme, möchte ich zwei Irrwege dieser wertvollen Ressource nennen. Zwei Arten »schlechten« Glaubens, die, wiewohl millionenfach praktiziert, die Fähigkeit, jemanden oder etwas zu unterstützen, missbrauchen.

Die fundamentalistische Verirrung

Die erste ist der religiöse Fundamentalismus. Der Glaube, die Bibel oder der Koran oder die Veden oder das Buch Mormon oder sonst irgendein Buch sei »Die Heilige Schrift«. Und der dort gefeierte Herrscher der Welt (oder die Herrscher, wenn es mehrere sind) seien zu verehren, und bitte niemand anders. Das zu glauben ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich und extrem schädlich – es führt in der Regel zu einem engherzigen Kulturklima voller Verdächtigungen, zu Ausgrenzungen und Fremdenhass bis hin zu Krieg, Mord und Totschlag. Glücklicherweise wird diese Art des Glaubens nur noch von Minderheiten als »das wahre Herz der Religionen« verstanden.

Die Kitsch-Verirrung

Es gibt aber eine zweite Verirrung, die sich nicht so spektakulär als solche zeigt. Von toleranten, gutmeinenden Menschen wird sie meist für harmlos gehalten. Verglichen mit dem Fundamentalismus ist sie das gewiss. Und doch ist auch diese Verirrung – etwas schärfer formuliert: dieser Missbrauch – nicht ohne. Es ist die Verkitschung des Glaubens. Die fängt schon an da, wo vom »lieben Gott« die Rede ist, vom Christkind und den Engeln. Sie setzt sich dort fort, wo ein Universum nur auf unsere Bestellungen wartet, um sie zu erfüllen, und geht über die tausend Varianten der Religionen, Religiönchen und des Eso-Marktes weiter bis zu einem Naturverständnis, wo Pachamama uns aufnimmt wie eine Mutter und uns mit ihrer unendlichen Fülle beschenkt. Die meisten Phänomene der sogenannten Volksfrömmigkeit und ebenso der massenkompatiblen Esoterik sind eine Verkitschung von Religion.

Wo der Glaube gebraucht wird

Wenn in Brasilien Umweltschützer sich für den Erhalt des Regenwaldes einsetzen, obwohl die Soyabauern ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt haben, dann brauchen diese Leute unseren Glauben, dass sie gegen diese Übermacht zerstörerischer Wirtschaftsinteressen eine Chance haben. Wir müssen daran glauben, dass wir einen Atomkrieg verhindern können, die völlige Ausplünderung der Naturschätze, die weitere Zunahme des Hungers und der Unterernährung (zur Zeit hungern 940 Millionen Menschen – und es werden mehr). Wie könnten Survival International, Amnesty, Greenpeace und all die anderen NGOs ihre Arbeit machen, ohne dass ihre Organisatoren, Spender und ehrenamtlichen Helfer an die Möglichkeit glauben würden, damit etwas Positives zu erreichen? Ohne den Glauben, dass sie eine Chance haben, hätten sie längst aufgegeben. Und auch in unserem privaten Wirkungsfeldern brauchen wir den Glauben an unsere Projekte, um ihnen eine Chance zu geben.

Unsere wertvollste Ressource

Dies ist vielleicht die wertvollste unserer menschlichen Ressourcen: die Fähigkeit, jemandem unserer Vertrauen zu schenken – nicht zuletzt auch uns selbst. Diese Fähigkeit sollten wir nicht im Glauben an falsche Führer oder Heilige Schriften vergeuden. Und bitte auch nicht an religiösen Kitsch. Nach dem soundundsovielten Kauf eines Amuletts, Aurasomafläschchens oder der jeweils gerade angesagten neuen Heilmethode (»Wirkt sofort, und jeder kann es lernen«) muss es doch auch mal genug sein. Dann können wir die hier freigewordene Energie einem Projekt geben, das auch bei Licht besehen eine Chance hat. Das den Glauben an seine Verwirklichung tatsächlich verdient.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 07-08/11

   
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