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Vom Beruf zur Berufung

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Vom Beruf zur Berufung
Foto: flickr.com Crystian Cruz

Den Sinn des Lebens finden – auch im Beruf

Irgendwo verdienst du deinen Lebensunterhalt. Aber stehst du auch zu dem, was da produziert wird? Findest du es gut? Sind deine Ethik, deine Liebe&Leidenschaft, dein Spirit mit dabei, oder reservierst du alles das für deine Freizeit? Viele von uns schlucken ihr Gewissen runter für die Zeit, die sie am Arbeitsplatz absitzen müssen und empfinden ihr Gehalt als Schmerzensgeld für das, was man ihnen dort antut. Da nährt die Sehnsucht, es anders zu machen: eine Berufung zu finden, die man eines nahen oder fernen Tages auch zum Beruf machen kann

Immer mehr Menschen kehren ihren früheren Berufen den Rücken. Eine der möglichen Ursachen offenbaren die vom Beratungsunternehmen Gallup veröffentlichten Umfragen. In einer Pressemitteilung vom Februar ließ das Unternehmen verlauten: »Lediglich 13 Prozent der Beschäftigten verfügen über eine hohe emotionale Bindung und sind bereit, sich freiwillig für ihren Arbeitgeber und dessen Ziele einzusetzen. Die große Mehrheit der Arbeitnehmer, insgesamt 66 Prozent, weist lediglich eine geringe emotionale Bindung auf – und leistet Dienst nach Vorschrift.«

Psychosoziale Erkrankungen, auch verursacht durch die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt, nehmen zu. Dauerhaft fehlende emotionale Bindung fördert den Ruf nach einer sinnvollen Beschäftigung und wahren Berufung. Gleichzeitig ist ein wachsendes Interesse an Einkehr, Pilgerfahrten und Methoden wie Yoga und Meditation zu beobachten. Das Interesse an ganzheitlichen Behandlungs- und Beratungsansätzen löst bei vielen Berufstätigen in der Umbruchsituation das Bedürfnis aus, einen sinnvollen Beitrag für das Menschliche zu leisten.

Begeisterung ist keine Alternative für eine sorgsam durchgeführte Marktanalyse

Wagnis Berufung?

Wer spirituell unterwegs ist, verbindet das oft mit dem Wunsch, den Schritt in die eigene Berufung mit einem Berufs- oder Unternehmensziel zu finden. Coaching-, Yoga- oder Heiler-Institute entwickeln Ausbildungsgänge für einen solchen Neuanfang. Bernhard Kuntz, Marketingberater für Trainer, Berater und Coachs, rät in einem Beitrag für Business-Wissen.de den Neueinsteigern ab, sich ausschließlich als Coachs selbstständig zu machen. Denn mit Coaching alleine könne man nur ein Zubrot verdienen. Scharf ins Gericht geht er mit den Ausbildungsinstituten, die aus seiner Sicht das Thema Coaching puschen: »In drei, vier Jahren wird die 'Coaching-Blase' wie eine Börsenblase platzen«, sagt er. Bruchlandungen auf dem Boden der wirtschaftlichen Tatsachen werden da wohl nicht ausbleiben. Resigniert und manchmal auch finanziell ruiniert, kehrt dann mancher in den Herkunftsberuf zurück. Andere fühlen sich in ihrem Urteil bestätigt, dass spirituelle Berufsbilder mehrheitlich als Liebhaberei einzustufen sind.

Planung ist nötig

Um die Berufung ins Leben zu rufen, braucht es ein Verständnis, das sowohl den Seelenplan, den Herkunftsberuf als auch wirtschaftliche Vernunft sinnvoll verbindet. Mit geduldiger und nachhaltiger Entfaltung schaffen wir einen beruflichen Neuanfang, der sowohl ein ganzheitliches Bewusstsein als auch die sachlichen Aspekte berücksichtigt.

Für die meisten Menschen ist die Berufungsfrage gleichlautend mit der Frage nach einem Berufsziel, das Glück und Erfolg verspricht. Niemand wird bestreiten, dass die Arbeitsergebnisse auf Dauer von der inneren Lebendigkeit und der Erfüllung der gesteckten Wünsche abhängen. Doch wird nicht selten Glück mit gelungener Zielerreichung und weniger mit Erfüllung verbunden. Und so geht es in vielen Coachings zunächst einmal darum, mit Hilfe einer begabungsorientierten Potenzialanalyse die Strategie für den beruflichen Erfolg zu entwerfen.

Vom Beruf zur Berufung
Foto: Peter von Bechen, pixelio.de

Die Krise – und der Ruf

Überraschend klopft der Ruf auch bei den Menschen an, die mit viel Talent und Neigung gesegnet sind. Die Seele ruft sehnsüchtig nach dem Sinn und stellt die Frage: Wer bist du? Ist das ein Wink des Universums? Eine Erinnerung an mein spirituelles Wesen? »Für mich schien die Berufs- und Karrierefrage schon in frühen Jahren geklärt«, erzählte der selbstständige Immobilien-Experte Michael Wilkening. »Meine Arbeit als Mann des Vertriebs hat mir damals wie heute sehr viel Spaß gemacht. Als Geschäftsmann war ich gewohnt, Unternehmensstrategien zu entwickeln, die sich an Marktchancen, betriebswirtschaftlichen Kennziffern und Gewinnstreben orientierten. Der Erfolg gab mir recht. Ich wurde ein Immobilien-Investor, der sich ein ansehnliches Einkommen erarbeitete. Doch zwischen Innen und Außen gab es keine Übereinstimmung. Die plötzliche Wirtschaftskrise beendete diesen guten Lauf. Heute bewerte ich dies als heilsames Scheitern, denn mit Hilfe der grundlegenden Zäsur begann ich die rein egoistischen Gewinnziele zu überdenken.«

Für Michael war der »wirtschaftliche Nackenschlag« (so nennt er seine persönliche Krise) eine Grenzsituation, die wir auch in Biographien bekannter Meister finden. Er wertete ihn als Einladung, den Ruf seiner Seele zu erhören. »Bis zu diesem Zeitpunkt war ich als Geschäftsmann nur im Außen. Jetzt aber erkannte ich, dass diese äußeren Formen sehr vergänglich sind«, sagte Michael.

Nach der Gründungseuphorie sind wir gefragt, wie ernst wir es mit unseren Wünschen meinen

Den Ruf beantworten

Für mich persönlich hatte die Antwort auf den Ruf eine Art Neugeburt zur Folge, denn in der Berufungsfrage geht es in erster Linie darum, die Existenz der eigenen Seele zu bejahen. Der Glaube daran »geführt zu werden« durch einen universellen Geist, war für mich ebenso wie für viele andere Berufene der eigentliche Anlass für den beruflichen Umbruch. Grenzsituationen können Anstoß für den eigenen Heilungsprozess sein. In dem Wunsch, die Berufung zu finden und zu leben, drückt sich das Verlangen aus, in der Praxis liebend tätig zu sein. Wunden heilen nur durch Liebe, und so spüren viele Menschen, dass es kaum eine Handlung gibt, die mehr beglückt, als anderen Menschen zu helfen. Ist das der Grund für die unüberschaubare Anzahl von Heilmethoden? Liegt hier der Grund, warum unzählige Menschen mit der Berufung ein Berufsziel im helfenden Sektor verbinden? »Der Wunsch, fortan aus meinem Inneren heraus zu leben, eröffnete mir eine neue Identität. Mein Gefühl für einen Beitrag in einem allumfassenden Plan und die Intensität meiner zwischenmenschlichen Beziehungen veränderten sich. So ergab sich der Wunsch, Menschen professionell helfen zu wollen. Eine Ausbildung zum Prana-Heiler und das anschließende Wirken als Seminarleiter verstand ich als meine ureigene Mission. Mutig machte ich mich auf diesen neuen beruflichen Weg. Mit organisatorischem Geschick und unternehmerischen Fähigkeiten schaffte ich es wieder, ein Unternehmen zu gründen«, sagte Michael.

Die Erfahrung mit dem Nadelöhr

»Wer über Glaube und die entsprechende Manifestationskraft verfügt, wird seine Wünsche mit Leichtigkeit realisieren.« Mit solch mutigen Aussagen verkaufen einige Autoren des Gesetzes der Anziehung ihre Werke mit großem Erfolg. Sie erachten dabei das Denken als die grundlegende kreative Kraft, die den Einzelnen antreibt und über Erfolg oder Scheitern entscheidet.

Tatsächlich ist schöpferisches Denken für jede berufliche Veränderung hilfreich. Jede geniale Idee ist zwecklos, wenn sie aufgrund übermäßigen Zweifels vermieden wird, sie umzusetzen. Negative Gedanken sind oft die Ursache für mangelnde Energie bei der Führung eines Unternehmens. Dennoch sollten wir das Gesetz der Anziehung in den Startjahren einer Selbstständigkeit nicht überstrapazieren. Begeisterung ist keine Alternative für eine sorgsam durchgeführte Marktanalyse.

Als Gründungsberater rate ich zur kaufmännischen Vorsicht oft auch dann, wenn z. B. Heiler oder Coachs ihrer Berufung übereilt in Vollzeit nachgehen wollen. Das bestätigen Umfragen, wie die jüngste von Manager-Seminare.de. Hier wurden 500 der derzeit etwa 5000 Coachs in Deutschland befragt. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass man in aller Regel vom Coaching alleine nicht leben kann. Michael Wilkening ist eine der Ausnahmen. Mit enormem zeitlichen Einsatz hatte er es nach einer langen Anlaufphase geschafft: »Die Arbeit als spiritueller Seminaranbieter machte mir viel Freude. Mit großem Engagement schaffte ich es, dass meine Angebote nachgefragt wurden. Doch der Preis für diesen Erfolg war sehr hoch, denn der zeitliche Aufwand ließ kaum noch Freizeitaktivitäten zu.«

Gebe ich an der Stelle den reichlich vorhandenen Kritikern der Berufenen nicht noch extra Nahrung? Die Durststrecken – oder das Nadelöhr, durch das man hindurch muss auf dem Weg ins gelobte Land –, sind tatsächlich bei vielen spirituell motivierten Gründungen Teil des Erfahrungsprozesses. Der kann sich aber als nützlicher Ausbildungskurs im Dienen erweisen. Nach der Gründungseuphorie braucht es nämlich nicht so sehr einen Kurs im Wünschen, sondern nun sind wir gefragt, wie ernst wir es mit unseren Wünschen meinen. Möglicherweise werden wir jetzt ein letztes Mal durch die Spitzengehälter, Ruhestandsgelder und Sicherheiten unserer früheren Kollegen innerlich herausgefordert. Gibt es noch einen Rest von Neid, Habgier oder Trägheit, genährt aus Erinnerungen an bequemere Tage des Geldverdienens im Angestelltenverhältnis? Eine starke Vision, erwachsen aus einer starken Berufung, erlaubt, dass der Statusabstieg von einem Perspektivwechsel begleitet wird, der schließlich zu mehr Erfüllung führt.

Wenn wir unsere Fähigkeiten in den Dienst der Liebe stellen, singt unsere Seele

Verantwortliches Handeln

Es gibt Dienende, die sich mit Herzklopfen und Begeisterung in den Dienst einer Institution stellen lassen. Andere betrachten nach der Berufungskrise ihre Rolle als Vater oder Ehemann neu. Der Sog der Berufung, die Kraft, die sie uns schenkt, orientiert sich weniger an einer lukrativen Geschäftsidee als an einem tiefen Motiv in uns selbst.

Ist es die Liebe, die uns zur Veränderung drängt, oder ist es der Wunsch nach einer Anerkennung, die uns im bisherigen beruflichen Wirken versagt blieb? Ich behaupte, dass es Gott oder dem universellen Geist ziemlich egal ist, wie es um die augenblickliche Erfolgsquote bestellt ist. Deshalb ist es unter diesem Gesichtspunkt unerheblich, ob wir unsere Berufung hauptberuflich, nebenberuflich oder gar ehrenamtlich ausüben. Ob wir als Steuerberater oder Karnevalsjeck unterwegs sind, spielt für den Ur-Sinn kaum eine Rolle. Letztendlich singt unsere Seele, wenn wir unsere Fähigkeiten in den Dienst der Liebe stellen.

Ich selbst hole mir an diesem Punkt manchmal noch eine blutige Nase und werde gelegentlich von Karnevalsjecken belehrt. Als ich mich – damals höchst karrierebewusst und dennoch völlig frustriert – mit der Steuerberaterprüfung abmühte, begegnete ich einem vitalen Steuerberater in meiner Heimat, dem Rheinland. Mit meiner schlechten Laune fragte ich ihn, wie er denn diesen, sicher sehr verhassten Brotjob schon so lange aushalte. Amüsiert antwortete er, dass er seinen Job liebe, und zwar nicht wegen der Arbeit als Steuerexperte. Er liebe sein Steuerfach, weil die Arbeit es ihm ermögliche, seine große Liebe zu finanzieren: den Karneval. Seit seiner Kindheit ist er als Karnevalist unterwegs. Wer den Karneval im Rheinland ein wenig kennt, weiß, dass dies eine fast ganzjährige Passion mit hohem Zeit- und Kostenaufwand bedeutet. Hast du schon mal in die begeisterten Augen eines wirklichen Karnevalisten geschaut? Für unglaublich viele Menschen ist es die Möglichkeit, ihrer Sehnsucht nach Großzügigkeit und Menschlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Gute Taten für die Seele

Auch Michael Wilkening erkannte, dass es die guten Taten waren, die seine Seele braucht: »Ich hatte nicht mehr das Gefühl, die frühere Unternehmerbrille zu tragen. Durch meine Umkehr habe ich gelernt, die Dinge von innen zu sehen. Eine Aufspaltung in den ungeliebten Brotjob hier und die freudvolle Herzensberufung dort gehört nicht mehr zu meinem Weltbild. Meine Lebensrollen ordnete ich neu und sah mein Leben nun als Ganzes. Ich erkannte, dass es von Nutzen ist, wenn ich meine Kompetenz als Immobilien-Makler für mehr menschliches und ethisches Wohnen einbringe.« Die Frage nach dem Wozu, die Frage nach der Motivation, ist der zentrale Kern unserer gefundenen Berufung. So können wir Überbrückungsjobs als Werkzeuge betrachten, mit denen wir unsere Bestimmung besser leben können. Langfristiges Denken förderte die innere Bereitschaft, uns der Welt der Ökonomie mit ihren Spezialisierungsstrategien zu öffnen. Denn letztendlich gibt es in jeder Branche Unternehmer, die bereits tragfähige Konzepte umsetzen.

Enttäuschungen

Für manche Gründer überwiegt jedoch die Enttäuschung. Ihnen ist es nicht gelungen, ihre Berufung erfolgreich auf den Markt zu bringen. Sie klagen dann über Hindernisse wie die fehlende Unterstützung eines Partners oder das überkritische Verhalten der Banken. Häufig bleibt Resignation und das Gefühl, dass die unternehmerischen Möglichkeiten überschätzt wurden. Eine gescheiterte Praxisgründung hinterlässt mitunter Schulden und Versagensängste.

Tatsächlich gleicht der Berufungsweg eher dem Bild eines Labyrinths. Im Außen treten wir nicht nur auf der Stelle, sondern gehen sogar einige Schritte zurück. Jeder von uns kennt spirituelle Meister oder vorbildliche Pioniere, die diese Erfahrung gemacht haben. Auch wenn nicht alle bettelarm blieben, brauchten die meisten von ihnen doch ein gehöriges Maß an Durchhaltevermögen, Geduld und Dankbarkeit. Auch sie waren nicht in der Lage, gleich das richtige Los zu ziehen und die für den Markt passende Geschäftsidee zum Erfolg zu führen. Warum gaben sie nicht auf?

Die Pilgerreise

Begeben sich vielleicht deshalb heute wieder so viele Menschen auf Pilgerfahrt, weil sie verstehen wollen, dass es bei der Berufungsfrage um das Wesentliche geht? Erst viele Jahre nach meinem eigenen Pilgern auf dem Jakobsweg erkenne ich, warum ich mich danach immer mehr der Berufungsthematik verschrieb. Zuerst suchte ich diesen Weg, um mich zu ergründen und mein Berufs- und Geschäftsziel neu zu definieren. Doch dann nahm ich diesen Weg sozusagen mit nach Hause und erlebe heute bewusster die Widrigkeiten des Pilgerweges: Der Schmerz meiner Füße erinnert mich an das Durchhaltevermögen und den Entwicklungswillen, der uns abverlangt wird, um zum Sinn durchzudringen.

Wenn wir dort sind, dann ist der Sinn des Lebens dasselbe wie meine Berufung. Meine Berufung drückt dann meine Innenwelt aus und spiegelt sie in Äußeren wider. Als ich Michael Wilkening das erste Mal begegnete, gründete er gerade ein spirituelles Netzwerk für Unternehmer und Berufstätige und sagte: »Egal, ob wir im gerade im Berufsleben aktiv sind, ob wir ein Unternehmen aufbauen, eine Familie gründen oder über den Verlust eines geliebten Menschen trauern: Wir alle sind spirituelle Wesen! Es existiert mehr als das Sichtbare und Wahrnehmbare. Mit Bewusstseinsarbeit haben wir die Chance aus den Verstrickungen unseres Egos und der Emotionen heraus zu kommen. Das Bewusstsein der Einheit bringt uns im beruflichen Leben mit unserem Inneren in Übereinstimmung.«

Guido Ernst Hannig

Guido Ernst Hannig, Jg. 63, ist ganzheitlicher Berufscoach und Existenzgründungsberater. Als Diplom-Betriebswirt arbeitete er viele Jahre als Fachmanager in Unternehmen der Finanzbranche. Er absolvierte ein Fernstudium in Theologie und Ausbildungen im Coaching und in der Seelsorge. Anfang 2010 erschien sein Buch: "Lebe Deine wirkliche Berufung!" www.berufungs-sog.de

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Aus dem Heft connection spirit 07-08/11

   
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