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Wie religiös ist Deutschland?

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Wie religiös ist Deutschland?
Foto: fotolia.com Moro

Wer glaubt an was?

Religions- und Religiositätsstatistiken zeigen nicht immer die ehrlichen Bekenntnisse der darin Beschriebenen. Außerdem: Was genau ist schon gemeint mit einem Begriff wie »religiös sein« und ähnlichen? Trotzdem erzählen diese Ziffern etwas von der Vielfalt dessen, woran Menschen glauben und zu welcher Weltanschauung sie sich zugehörig fühlen. Überraschendes Ergebnis einer Umfrage aus dem Jahr 2008: 70 % der Befragten in Deutschland bezeichneten sich als religiös, 18 % sogar als hochreligiös

Christen – weltweit und in Deutschland

Etwas über zwei Milliarden Menschen auf der Welt (von den insgesamt fast sieben Millarden) nennen sich Christen. Das sind circa 30 % der Weltbevölkerung. Für die Zahl der Katholiken wird für das Jahr 2008 1,165 Milliarden weltweit angegeben. Zu den nichtkatholischen Christen gehören alle orthodoxen und evangelischen Kirchen, die sich auf Jesus Christus berufen, sowie unzählige Freikirchen und Sondergemeinschaften.

In Deutschland ist die christliche Landschaft vielfältig. Wer sich als katholisch bezeichnet, das sind die knapp 24.9 Millionen römischen Katholiken und die nur gut 37.000 Mitglieder der Altkatholiken, der Charismatischen Erneuerung und der Freikatholischen Kirche zusammen genommen.

Neben der Evangelischen Landeskirche mit einer Mitgliederzahl von 24.2 Millionen finden wir eine Vielzahl der Gemeinschaften, die teilweise aus dem evangelischen Milieu entstanden sind. Andere verstehen sich als radikale Neugründung einer christlichen Kirche und fühlen sich daher weder der katholischen noch der evangelischen Seite besonders zugehörig. In diesen Gemeinschaften findet man etwa 1.2 Millionen Menschen. Die größte von ihnen ist die Neuapostolische Kirche mit 360.000 Mitgliedern, die zweitgrößte die Zeugen Jehovas mit 165.000. Einige dieser Gemeinschaften werden von den Großkirchen als »Freikirchen« akzeptiert, anderen als »Sekten« diffamiert.

Es gibt in Deutschland auch 24 orthodoxe und orientalische Kirchen mit zusammen etwa 1.4 Millionen Mitgliedern, darunter 450.000 in den Autokephalen oder autonomen Kirchen des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, 300.000 in der rumänisch-orthodoxen, 250.000 in der serbisch-orthodoxen und 150.000 in der russisch-orthodoxen Kirche. (Quellen: Wikipedia und pinselpark.org)

Muslime – weltweit und in Deutschland

Die Anzahl der Muslime Ende 2008 wurde auf einen Näherungswert von 1.280 Milliarden weltweit geschätzt. Bei dieser Zahl unterschied man nicht zwischen den unterschiedlichen Richtungen des Islam. Aktuell leben Deutschland nach der Einschätzung des Bundesamtes für Migration und Forschung von 4 bis 4.5 Mio Muslime; die meisten von ihnen sind türkischer Abstammung. Quelle: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/76744/umfrage/anzahl-der-muslime-in-deutschland-nach-glaubensrichtung/ Und hier die Mitglieder der verschiedenen Richtungen des Islam in Deutschland:
1. Sunniten: 2.640.000
2. Aleviten: 400.000
3. Iranische Imamiten und türkische Schiiten: 225.500
4. Ahmadiyya: 50.000
5. Sufi-Gemeinschaften: 10.000
6. Ismailiten: 1.900

Moscheevereine:

1. Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB): 150.000
2. Islamrat für die BRD: 136.000 3. Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG): 26.500 (»Nationale Sicht«. Ist wegen der islamistischen Tendenzen umstritten. Seit den 70ern aktiv)
4. Verband der Islamischen Kulturzentren: 20.000
5. Nurculuk-Vereinigung: 12.000 (seit den 60er Jahren aktiv)
6. Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD): 12.000
7. Islamische Gemeinschaft Jama't un-Nur: 6.000 (Entstanden in Köln 1979. Ziel: Moderne und Koran zu versöhnen)
8. Türkisch-Islamische Union (ATIB): 1.300
9. Islamische Gemeinschaft in Deutschland: 1.300
10. Kalifatsstaat: 750 (1994 in Köln gegründet, 2001 verboten. Das Ziel: ein Staat auf der Grundlage der Scharia)
11. Tablighi Jama´at (Gemeinschaft der Verkündigung der Mission): 500

Juden

Weltweit: Ende 2008 gab es weltweit 13,3 Millionen Juden. Davon leben in Israel 5,55 Millionen und 120.000 in Deutschland. Unter ihnen
1. in jüdischen Gemeinden 107.330
2. Juden ohne Gemeindezugehörigkeit 90.000
3. in der Union progressiver Juden (UpJ) 5.000

Hinduisten

Weltweit: 900.000.000 Quelle: http://www.goruma.de/Wissen/Gesellschaft/Religionen/hinduismus.html. Für Deutschland gibt es folgende Zahlen:
1. Tamilische Hindus (Sri Lanka) 42.000 - 45.000
2. Indische Hindus 35.000-40.000
3. Westliche Hinduisten (meist Anhänger der »neuen religiösen Bewegungen«) 7.500
4. Afghanische Hindus 5.000

Buddhisten

Weltweit gibt es circa 360 Millionen Buddhisten. Quelle: http://www.buddhist-tourism.com/buddhism/buddhism-statistics.html. Davon in Deutschland:
1. Deutsche Buddhisten 130.000
2. Buddhisten aus Vietnam 60.000
3. aus Thailand 25.000
4. aus weiteren Ländern Asiens 30.000

Die »Neuen Religionsgemeinschaften«

1. Freireligiöse, Freie Humanisten 40.000 (Lehren: geistige Freiheit, uneingeschränkter Vernunftgebrauch, Toleranz und Menschenrechte. Keine Kirche und keine besondere Gottesvorstellung, Monismus – alles ist aus einem Ursprung)
2. Kurdische Yezidi 40.000
3. Freimaurer 13.960
4. Scientology 12.000
5. Christengemeinschaft (Anthroposophen) 10.000, dazu 50.000 Freunde
6. Rosenkreuzer. Darunter im Lectorium Rosicrucianum/Internationale Schule des Goldenen Rosenkreuzes: 2.500. Bei den A.M.O.R.C. und in anderen Rosenkreuzer-Vereinigungen: 3.000
7. Osho-/Neo-Sannyas-Bewegung 5.000-6.000
8. Baha'í 5.000-6.000
9. Sikhs 5.000
10. Soka Gakkai 3.700 (japanische buddhistische Bewegung aus den 30ern)
11. Gralsbewegung 2.500
12. Vereinigungskirche 2.400
13. Christian Science / Christliche Wissenschaft 2.000 (Gründerin: Mary Baker Eddy; ihr Schwerpunkt liegt auf dem geistigen Heilen)
14. Unitarier 1.500
15. ™, Transzendentale Meditation 1.000 (1957 von Maharishi Mahesh Yogi gegründet;)
16. Universelles Leben 2.000-5.000
17. Divine Light Mission 1.500-1.800
18. Holosophische Gesellschaft / Kirpal Ruhani Satsang 500
19. Fiat Lux 500 (von Erika Bertschinger-Eicke, genannt Uriella, 1980 gegründet; Geistheilungen, Weltuntergangprophetien)
20. ISKCON (Hare Krishna) 400
21. Brahma Kumaris 400
22. Sahaja Yoga 300
23. Ananda Marga 300
24. Freie Zone 200 (freie Scientologen)
25. Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung 140
26. Kulturgeister – Dachverband für traditionelle Naturreligion 120-150
27. Zwölf Stämme 50-100
28. Weltloge Tanatra 25
29. Die Familie (Kinder Gottes) 20

Quellen für die Mitgliederzahlen in Deutschland –
REMID: Eigene Erhebungen, validierte Selbstangaben.
EZW: Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.
BAMF: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
VEF: Vereinigung Evangelischer Freikirchen. VS: Verfassungsschutz (Bundesamt, Landesämter)

Wie religiös ist Deutschland?
Foto: Ekart Hartmann, pixelio.de

Wer ist religiös?

Mithilfe der umfangreichen Studie der Bertelsmann Stiftung, dem »Religionsmonitor«, in der die Religiosität der Menschen untersucht wurde, stellte man für das Jahr 2008 überraschend fest, dass es in Deutschland viel mehr religiöse Menschen gibt als vorher angenommen wurde. Demnach sind 70 % aller Deutschen religiös, 28 % sind klar nicht religiös. Die andere Überraschung war, dass 18 % der Deutschen, also jeder fünfte, als hochreligiös einzustufen ist, 52 % als »durchschnittlich« religiös.

Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung gibt es in den beiden Kirchen mehr Religiöse: 79 % bis 82 %. Dennoch kann in beiden Kirchen jedes sechste Mitglied als nicht-religiös bezeichnet werden! Durchschnittlich religiös sind etwa 55 bis 65% der Kirchenmitglieder. Als hochreligiös können in der evangelischen Kirche etwa 14 % gelten, in der katholischen Kirche sind es 28 %.

Nur zwei Drittel der Deutschen, die keiner Kirche oder Konfession angehören, können als tatsächlich nicht religiös eingestuft werden. 31 % dieser Gruppierung ist religiös, 2 % sind sogar hochreligiös. 12 % der Nicht-Religiösen glauben immerhin an »die Existenz Gottes, an ein göttliches Prinzip, ein Leben nach dem Tod, die Unsterblichkeit der Seele oder eine mögliche Wiedergeburt.«

Ein Unterschied bezüglich der Religiosität besteht zwischen Männern und Frauen. Schon Pythagoras von Samos, der Philosoph und Weise des 6 Jhd. vuZ nannte Frömmigkeit als eine für das Weibliche spezifische Tugend. Der Religionsmonitor fand heraus, dass die Zahl der Hochreligiösen unter den Frauen bei 20 % liegt und der Nichtreligiösen bei 23 %. Das Verhältnis bei den Männern beträgt 16 % zu 34 %.

Etwa 30 % der Weltbevölkerung nennen sich Christen. In Deutschland gilt ein Sechstel der Christen als »nicht religiös«

Der Glaube der Jungen

Die junge Generation unterscheidet sich in ihrer Religiosität kaum von den Älteren. Jeden Dritte kann man zu den nichtreligiösen Menschen zählen. 52 % der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren können als religiös, 14 % sogar als hochreligiös bezeichnet werden. Der Religionsmonitor betont, dass diese Zahlen nicht anders sind als in der Generation der 30- bis 60-jährigen. In der Generation über 60 Jahren finden sich dagegen mehr Hochreligiöse und weniger der Nicht-Religiösen. Die Gruppe der Jungen sind weniger kirchenfromm als die Gruppe der über 60-jährigen, sie beteiligt sich trotzdem viel an den öffentlichen religiösen Veranstaltungen.

Was glauben die jungen Erwachsenen? 24 % der 18- bis 29-jährigen glaubt, dass man sich aus verschiedenen Glaubensangeboten eine eigene Gottesvorstellung oder einen eigenen Glauben herausdestillieren oder zusammenkonstruieren kann. Die Zahl solcher Patch-Work-Religion-Befürworter ist bei den anderen Altersgruppen ähnlich.

Der Religionsmonitor stellte zudem fest, dass es in Fragen der Religion keinen großartigen Bruch zwischen der Generation der Eltern und der der Kinder gibt, ebenso wenig kann man von einer dramatischen Intensivierung der religiösen Überzeugungen der Jugend sprechen.

Je religiöser die Menschen sind, desto positiver ist ihr Verhältnis zu Natur

Der Glaube der Senioren

Unter den Senioren sind es vor allem die Frauen, die den Gottesdienst besuchen. Ihr Anteil ist im Vergleich zu den Jungen erheblich größer. Auch beschäftigen sich die Senioren öfter mit religiösen Fragen und nehmen sich mehr Zeit für diese Dimension des Lebens. Der Anteil der Hochreligiösen ist mit 28 % in dieser Altersgruppe deutlich höher als in den anderen. Dennoch sind 68 % der Senioren nur formal kirchenangehörig. 18 % von ihnen geht mindestens einmal pro Woche in den Gottesdienst, 47 % einmal im Jahr oder nie.

Auch die Skepsis gegenüber religiösen Fragen nimmt mit dem Alter zu. 37 % glaubt nicht an eine Existenz nach dem Tode. Im Vergleich dazu glauben nur 20 % der unter 30-jährigen nicht an ein Leben nach dem Tod. Fast jeder Fünfte der über 60-jährigen glaubt, dass das Leben wenig Sinn hat.

Die Gottesbilder der Deutschen

Zu gleichen Teilen ist unter den Deutschen die Vorstellung präsent, dass Gott

  • eine Person ist oder aber
  • eine höhere Macht oder die göttliche Natur selbst.
40 % glauben, dass Gott sich mit jedem Menschen persönlich befasst. Viele (leider liegen mir hierfür keine Zahlen vor) glauben, dass Gott eine Energie, ein ewiges, unverbrüchliches Gesetz oder ein höchster Wert ist. Jeder Dritte glaubt, dass das Göttliche in ihm selbst einen Ausdruck findet. Eine kleine Minderheit der religiösen Menschen meint, Gott sei ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft ohne eine eigene Existenz. Das Gottesbild der Mehrheit der Deutschen ist das eines gütigen und liebenden Wesens. Die Gefühle und die Gedanken, die mit so einem Gottesbild einhergehen, sind Geborgenheit, Dankbarkeit, Sicherheit, weniger Angst, Zorn und Schuld.

Auswirkungen der Religiosität auf unterschiedliche Lebensbereiche

Bei den Fragen des Todes, der Geburt und der Heirat spielt die persönliche Religiosität die größte Rolle. Auf dem zweiten Platz steht der Glauben im Verhältnis zu Natur. Je religiöser die Menschen sind, desto positiver ist ihr Verhältnis zu Natur. An dritter Stelle befindet sich die Korrelation der Religiosität mit dem jeweiligen Umgang mit Lebenskrisen, Sinnfragen und Krankheiten. Auch Fragen der Gestaltung von Partnerschaft und Kindererziehung hängen mit der Religiosität zusammen. Einige Bereiche des Lebens sind wiederum nicht von der Frage des persönlichen Glaubens bestimmt: die Gestaltung der Freizeit, das Arbeitsleben, die politische Einstellung. Am geringsten beeinflusst die Religiosität die Fragen der Sexualität. Hier noch ein Rating der Länder (auszugsweise) bezüglich der religiösen Ausprägung ihrer Bewohner:
1. Im schwarzafrikanische Nigeria sind 92 % hochreligiös.
2. In Indien gilt nur 1 % als nicht-religiös.
3. In den USA gelten 89 % als religiös, 62 % als hochreligiös – eindeutig die Spitze in der westlichen Welt
4. In Europa stehen Polen und Italien an der Spitze, da gelten 87-89 % als religiös und über 40 % als hochreligiös
5. Deutschland, Österreich, Schweiz sind in der Hinsicht nahezu identisch: circa 70 % religiös, 18 % hochreligiös.
6. In Russland sind nur etwa 50 % religiös und 7 % hochreligiös

Die Quelle für den Abschnitt ab »Wer ist religiös«: http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-0A000F14-79AC0749/bst/xcms_bst_dms_23405_23406_2.pdf

Umsätze mit Esoterik

Den jährlichen Umsatz mit Esoterikprodukten in Deutschland schätzte der Wirtschaftsredakteur des Hamburger Abendblatts Nico Spätz in der »Welt am Sonntag« 2004 auf 10 Milliarden Euro. Der Umsatz der Ratgeber zu den Themen der Spiritualität und Esoterik (Yoga, Esoterik, Psychologie, Anthroposophie) macht zehn Prozent des Gesamtumsatzes des Deutschen Buchhandels aus. Spiegel und Zeit schätzen, dass mehr als 20% aller Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt Esoterika sind.

Julia Koloda

Julia Koloda, Jg. 80, Magistra der Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaften, beschäftigt sich seit Jahren theoretisch und praktisch mit spirituellen Dimension des Lebens aus philosophischer und psychologischer Perspektive. Zur Zeit macht sie bei connection ein Redaktionspraktikum. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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