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Spirituelle Irrtümer

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Spirituelle Irrtümer
Foto: pixelio.de Gerd Altmann

Jenseits von gut und böse

Einer der größten und leider auch häufigsten spirituellen Irrtümer ist die Verwechslung des Relativen mit dem Absoluten. Erfahrungen »jenseits von gut und böse« gemacht zu haben enthebt uns nicht davon, im sozialen Alltag das eine dem anderen vorzuziehen, erklärt die Religionsforscherin Katharina Ceming

Einer der größten Irrtümer in der Geschichte der Spiritualität ist der Glaube, dass mit wachsender spiritueller Entwicklung der Mensch automatisch ethischer, universalistischer, besser und netter wird. Offensichtlich ist dies nicht der Fall. Mein Eindruck ist, dass die Anzahl von Arschlöchern in der Gruppe der selbsternannten spirituell Erwachten sogar eher überdurchschnittlich hoch ist. Was auch daran liegen mag, dass sich bei demjenigen, der sich nur um sein spirituelles Wachstum kümmert, die Perspektive auf die Welt ein wenig verzerrt. Die spirituelle Entwicklung ist eben nur eine von vielen im Menschen und nicht die alles entscheidende. Eine tiefe spirituelle Erfahrung führt nicht zwangsläufig zum Gefühl der Verbundenheit aller mit allen, oder wenn doch, dann kann es sein, dass dieses Gefühl ohne soziale Implikationen bleibt. Die Werteebene eines Menschen verändert sich nämlich nicht automatisch, nur weil er tiefe spirituelle Einsichten hat.

Erleuchtung im sozialen Kontext

Ken Wilber betont völlig zu Recht, dass die Bewusstseinsebene, auf der sich ein Mensch befindet, also die Warte, von der aus er sein Dasein wahrnimmt und interpretiert, sein spirituelles Erleben maßgeblich beeinflusst. Wessen Weltsicht z.B. noch patriarchal, hierarchisch, autoritär und ethnozentrisch geprägt ist, weil er in einer patriarchalen Kultur lebt, deren Werte er teilt, wird diese nicht einfach in Frage stellen, nur weil er eine tiefe Einheitserfahrung mit dem Göttlichen gemacht hat. So kann ein spirituell erfahrener und geachteter Lehrer trotzdem davon überzeugt sein, dass Frauen niemals eine tiefe spirituelle Erfahrung machen können, weil die Inkarnation als Frau von Haus aus schon Ausdruck schlechteren Karmas sei, welches diese Erfahrung prinzipiell verunmögliche. Die Geschichte der Spiritualität legt für diese und ähnliche Ansichten reichlich Zeugnis ab. Erleuchtungserfahrungen sind immer in den konkreten historischen und sozialen Kontext eingebunden, der uns prägt. Was wir erfahren, das interpretieren wir von dort aus, wo wir stehen. Nur wenn wir bereit sind, die eigenen Grundlagen kritisch zu reflektieren, kann die spirituelle Erfahrung auch zu einer Weiterentwicklung in anderen Bereichen führen.

Spirituelle Irrtümer

Das Relative und das Absolute

Ebenso fatal wirkt sich das Missverstehen von Non-Dualität aus. In der Wahrnehmung etlicher Spiri-Freaks heißt Non-Dualität, dass alles, was sie tun, so wie es ist, gut ist, da das Bewerten ja schon wieder Ausdruck des dualen und unterscheidenden Bewusstseins ist. Das verkennt, was in den traditionellen Systemen, die den Weg der Non-Dualität lehren, gemeint ist. Ausgangspunkt unserer Wahrnehmung ist unsere Welterfahrung, und die ist für uns im Alltag auch dann glücklicherweise noch dual, wenn wir eine Erleuchtungserfahrung hatten. Es gibt nämlich zwei sehr verschiedene Ebenen: die des Relativen und die des Absoluten, Non-Dualen. Non-dual wird die Welt erst erfahren, wenn die Illusion der Dualität durchbrochen ist. Solange diese Erfahrung nicht (oder nur punktuell) existiert, erscheint uns die Welt als dual aufgebaut. Und hier gelten alle Gesetze der Ethik und Verantwortung.

»Es scheint, dass ein Teil der spirituellen Szene gar kein ernsthaftes Interesse an einer Überwindung der eigenen Schatten hat«

Spiritueller Narzissmus

Die einfache Akzeptanz der dunklen Seiten des eigenen Egos ist nicht Ausdruck der non-dualen Erfahrung, sondern von Bequemlichkeit oder einer Verwechslung der Ebenen. Für die persönliche Weiterentwicklung ist es wenig hilfreich mit den eigenen Schatten zu kokettieren oder sich auf ihnen auszuruhen. Das führt eher zur Vertiefung des spirituellen Narzissmus, denn zu seiner Überwindung. Es scheint allerdings, dass ein gewisser Teil der spirituellen Szene gar kein ernsthaftes Interesse an einer Überwindung der eigenen Schatten hat, da diese ja ganz non-dual einfach sind, was sie sind. Die große Kunst des Anschauens und Zulassens besteht also darin, vor lauter Anzunehmen das Verändern nicht zu vergessen. Wer seine negativen Emotionen wie Wut, Zorn, Hass, Aggression, die immer wieder und wieder auftauchen, nur ansieht, sollte sich bewusst sein, dass sie für die Außenwelt immer noch ganz dual erfahrbar sind.

Der Text ist eine Zusammenstellung aus Katharinas Buch »Spiritualität im 21. Jahrhundert«, das im Frühjahr 2012 im Phänomen-Verlag erscheinen wird.

Katharina Ceming

Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming, Jg. 70, promovierte in Philosophie zu Meister Eckart und Johann Gottlieb Fichte und in Theologie zum Verhältnis von Menschenrechten und Religion. 2008 erhielt sie den Mystikpreis der Theophrastus Stiftung. Sie lebt als freie Seminarleiterin und Publizistin in Augsburg. www.quelle-des-guten-lebens.de

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Aus dem Heft connection spirit 07-08/11

   
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