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Wie kann man heutzutage noch eine unabhängige Zeitschrift machen?

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Wie kann man heutzutage noch eine unabhängige Zeitschrift machen?
Foto: flickr.com C.V. Puttkamer

Das Haus, der Verlag und die redaktionelle Freiheit

Die Zeitschrift connection ist ein Pionier in der spirituellen Landschaft, ein Vorreiter und Fahnenträger der redaktionellen Freiheit. Das haben wir den Lesern zu verdanken, die sich mit »bestellten Wahrheiten« und weichgespülter Redaktion nicht zufrieden geben. Der Gründer des Connection-Verlages Wolf Schneider schätzt, dass mehr als 80 Prozent der spirituellen Periodika überwiegend Inhalte präsentieren, die vom (Werbe-)Kunden diktiert werden.

In unserer Juni-Ausgabe habe ich angekündigt, dass ich das Connectionhaus verkaufen will. Viele, die diesen Platz kennen und mögen, waren erschüttert. Wo sollen denn dann die Connection-Feste stattfinden? Und die Seminare, die es hier immer gab? Und wie geht es mit dem Verlag weiter? Wie es mit dem Verlag weitergeht, habe ich dort ja geschrieben: Der funktioniert übers Internet und ohne Haus vermutlich viel besser, weil ich mich dann nicht mehr um dieses riesig große Haus kümmern muss. Für unsere Produktion brauchen wir das Haus nicht mehr. An euren Reaktionen habe ich aber gemerkt, dass diese Schwerpunktverschiebung, weg von dem »echten Ort« (Hauptstr. 5, D-84494 Niedertaufkirchen), hin zu unseren nur noch virtuellen Adressen (www.connection.de und die E-Mail-Adressen) doch erstmal verdaut werden muss. Zur Beruhigung der Fans, die bei dieser Verschiebung um den Verlag fürchten, noch einmal: Der Hausverkauf bessert die Situation des Verlages! Er befreit den Verlag von etwas, das wirtschaftlich unsicher und vom Aufwand her nicht ohne weiteres nebenbei zu managen ist. Diese Befreiung hilft mir, mich besser auf das zu fokussieren, was ich am liebsten tue: die Zeitschrift machen; und auch: schreiben, Leute treffen und allein sein. Außerdem wird es ein Weilchen dauern, bis das Haus einen passenden Käufer gefunden hat.

Werbebudgets verlagern sich ins Internet

Eine langjährige Leserin, die Gabi Palm (in der Ausgabe 07-08/11 steht ein Text von ihr) hatte nach der Nachricht über den Hausverkauf Sorge, wie es mit dem Verlag weitergehen würde und rief deshalb auf ihrer Facebook-Seite auf, uns durch Abos zu unterstützen. Ich habe ihr geantwortet, dass der Hausverkauf nicht bedeutet, dass wir das Tafelsilber verscherbeln, weil uns finanziell das Wasser bis zum Hals stünde. Der Verlag ist seit sechs Jahren kontinuierlich in den schwarzen Zahlen und hat die Absicht, dort auch zu bleiben. Das Haus ist deutlich mehr Wert als die Schuldenbelastung, die darauf liegt. Nach dem Verkauf soll es eine Ausschüttung an die Aktionäre geben und noch eine Rücklage übrig bleiben. Also: kein Grund zur existenziellen Sorge.

Und doch muss ich natürlich, wie jeder Unternehmer, darauf achten, dass unsere Kostendeckung erhalten bleibt und die Bilanz sich möglichst noch bessert, denn jetzt leben wir, euphemistisch gesprochen, »auf sehr schlankem Kostenniveau« – will sagen: von fast nichts. Ich möchte mir noch ein oder zwei Mitarbeiter in kritischen Bereichen leisten, vor allem im Vertrieb und Marketing (die Vertriebsleitung mache ich zur Zeit nebenbei), und ich möchte eines Tages die Autoren wieder bezahlen können. Für beides fehlt bisher das Geld.

»Auf schlankem Kostenniveau«

Warum ist das so? Einer der Gründe ist die Verschiebung der vorhandenen Anzeigenbudgets vom Print ins Internet. Das betrifft die gesamte gedruckte Presse. Unsere Anzeigeneinnahmen pro Heft sind jetzt nur noch ein Viertel von dem, was in der 90er Jahren der Durchschnitt war. Ich habe das zum Teil durch Heftpreiserhöhungen auffangen können, zum anderen durch Kosteneinsparungen (vor allem im Mitarbeiterbereich). Die höheren Heftpreise wurden von euch Lesern ohne zu murren akzeptiert – danke für diese Anerkennung! – und auch die Autoren hatten und haben Verständnis für unsere Lage. Aber wir haben nichts übrig für Werbung und fast nichts für PR. Neue Leser bekommen wir v.a. dadurch, dass Leser uns weiterempfehlen, so wie Gabi Palm das kürzlich durch ihren Aufruf auf ihrer Facebook-Seite getan hat.

Wie kann man heutzutage noch eine unabhängige Zeitschrift machen?
Foto: pixelio.de Wilhelmine Wulff

Das Grassieren »gekaufter« Redaktion

Die Anzeigenbudgets unserer ehemaligen Inserenten fließen allerdings nicht nur in die Erstellung ihrer zum Teil sehr aufwändigen Webseiten und einiger bezahlter Anzeigen im Internet, sondern der Trend ging auch und geht weiterhin in Richtung PR. Man verspricht sich mehr davon, die Redaktionen mit PR-Meldungen zu bombardieren, als darauf zu hoffen, dass ein Inserat Rücklauf bringt. Oder, wenn man schon ein Inserat schaltet, dann verlangt man von der Redaktion, dass sie das eigene Produkt (auch Seminarleiter, Therapeuten, Gurus und Autoren sind fürs Marketing »Produkte«) redaktionell erwähnen, oft sogar seitenlang featuren und natürlich angemessen loben. Das heißt, für uns Zeitschriftenmacher versiegen einerseits die Anzeigeneinnahmen, andererseits werden wir von Lobbyisten redaktionell bedrängt, so dass wir kaum noch Raum für nicht interessegeleitete Inhalte haben.

Auch die Produktanbieter kann man verstehen. Man schaut eben, wo man durch die Tür kommt, und mit PR gelingt das (in vielen Fällen: leider) oft so. Meine Einschätzung ist, dass weit mehr als 80 % der redaktionellen Fläche der periodisch erscheinenden spirituellen Presse weichgespülte oder gekaufte Redaktion ist. Das heißt, die Texte und Bilder dort dienen einem wirtschaftlichen Interesse und sind nicht das Ergebnis einer unabhängigen Wahrheitssuche (oder gar einer investigativen Recherche) des zuständigen Redakteurs oder Autors.

»Der Geist« sollte sich vor der Macht des Geldes nicht beugen

Geist, Geld und Macht

Es ist hier also so ähnlich wie in der Politik, wo die Parlamentarier von den Lobbyisten der großen Firmen bedrängt werden, doch bitte Verständnis zu zeigen für deren Anliegen und Produkte. Mit dem Ergebnis, dass unsere Politiker sich tendenziell für die Anliegen der Großkonzerne entscheiden (kleine Anbieter haben ja keine Lobby) und dabei die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vergessen. Es sind ja auch nur Menschen, und sie sind beeinflussbar. Wer Geld hat, kann sich Lobbyisten und PR-Menschen kaufen, in gewisser Hinsicht muss man das als Unternehmer sogar, um gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können. Das verzerrt jedoch die Entscheidungen der Parlamentarier ebenso wie die der Redakteure in unserer vermeintlich freien Presse.

Gerade für die spirituelle Literatur wünscht man sich doch ein bisschen mehr Unabhängigkeit von Geld und Macht. »Der Geist« sollte sich vor der Macht des Geldes nicht beugen. Aber auch folgt die »Erkenntnis« gerne dem »Interesse« (Habermas). Für die pharmazeutische Publizistik wurde oft genannt, dass dort über die Hälfte der wissenschaftlichen Studien gar nicht veröffentlicht wird, weil sie keinem Pharma-Konzern nützen (die sind meist die Auftraggeber der Studien). Leider ist es auch in der spirituellen Literatur, jedenfalls bei den Periodika so, dass mehr als vier Fünftel des veröffentlichten Materials »bestellte Wahrheiten« (Riehl-Heyse) sind. Die sind dann ungefähr so verlässlich wie die Werbebotschaften, die uns von allen Seiten bedrängen. Wenn ich das Radio einschalte, braucht es ein, zwei Sekunden, bis ich an der Stimme des Sprechers merke, ob das Werbung ist oder »echte Redaktion«. Erstaunlich, wie schnell eine »gekaufte Information« als solche erkennbar ist! Bei den spirituellen Zeitschriften geht es mir ähnlich: Meist erkenne ich nach ein paar Sätzen oder Absätzen das Interesse und bin verstimmt. Ich will doch die Wahrheit wissen, und nicht schon wieder ein Produkt aufgedrängt bekommen!

Die die Fahne hochhalten!

Nun doch noch ein bisschen was Positives. In der Schweiz gibt es die Zeitschriften Spuren und Zeitpunkt, die die Fahne der redaktionellen Unabhängigkeit hochhalten, in Österreich Ursache&Wirkung, ein bisschen auch Wege. In Deutschland muss man unter den spirituellen Periodika nach solchen standfesten Redaktionen schon suchen. Das PublikForum gehört dazu, ebenso die noch sehr junge Zeitschrift Oya, hoffentlich auch die Neugründung Wir – Menschen im Wandel. Die anderen versuchen, sich mit Kompromissen durchzulavieren oder haben fast ganz aufgegeben, Texte zu bringen, die nicht irgendein Anzeigenkundeninteresse bedienen oder sich vorauseilend mit einem solchen anzufreunden versuchen. (Wenn ich die eine oder andere Ausnahme übersehen haben sollte, liebe Kollegen, verzeiht mir – und rührt euch!)

Aufruf

Zurück zur connection: Liebe Leser, bitte empfiehlt uns weiter! Abonniert! Verschenkt die Hefte, die ihr gelesen habt, gebt sie weiter! (Wer sie bei sich archivieren will – viele wollen das – kann sich bei uns Hefte zum Verschenken bestellen). Weist auf eurer Facebookseite und in euren Rundschreiben auf uns hin! Damit wir weiterhin unabhängige Nachrichten bringen können, Texte und Bilder, die nicht vor einem Anzeigenkundeninteresse in die Knie gehen – und wir wollen auch nicht jeder Mode nachjagen, wie etwa, wenn gerade mal wieder russische Heiler versprechen, die dritten Zähne nachwachsen zu lassen.

Danke!

Unsere Abonnentenzahlen steigen – danke. In Zeiten der kostenlosen Infos im Internet und in all den verteilten Broschüren werten wir das als Zeichen der Anerkennung. Wir wissen ja: Connection ist nicht für Anfänger. Wer auf seinem spirituellen Weg noch ganz am Anfang ist, noch in der euphorischen Phase, wird diese Zeitschrift kaum lesen wollen, und wenn doch, dann nicht dabei bleiben. Die anderen bleiben. Die durchschnittliche Bleibedauer unserer Abonnenten liegt bei über zehn Jahren – für ein Periodikum in diesen bewegten Zeiten ist das phänomenal hoch. Wer einmal einen Narren an uns gefressen hat, der bleibt eben in der Regel dabei. Diese Wertschätzung hat uns über die Jahre ermutigt und schon so manche wirtschaftliche Krise überstehen lassen. Wir werden weitermachen – mit eurer Unterstützung!

Wolf Schneider

Ist die Pressefreiheit durch PR-Artikel in Gefahr? Gibt es die freie, unabhängige, neutrale und kritische Presse nur noch als Absichtserklärung im Impressum? Bitte schreib uns deine Meinung gleich hier unten ins Kommentarfeld

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. Blog: www.schreibkunst.com

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Aus dem Heft connection spirit 07-08/11

   
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