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Einsicht durch Überzeichnung

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Sommer 1980, eine Berliner Sannyas-Kommune auf einem oberbayerischen Dorf
Foto: Christian Hartmann

"Sommer in Orange", ein Culture-Clash Film von Marcus H. Rosenmüller

In seinem Film "Sommer in Orange" lässt Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller zwei Kommunen gegeneinander antreten: die Karikatur eines oberbayerischen Dorfes gegen die Karikatur einer Land-WG von Sannyasins. Gewinner ist dabei das Lachen über beide und die Erkenntnis, dass auch ein Guru keine konkreten Antworten weiß.

Im Herbst vorigen Jahres kam "Guru - Bhagwan" in die Kinos, nun kommt "Sommer in Orange". Fangen die deutschen Medien endlich an mit der Aufarbeitung dieses Themas? Und auch in der Sannyasszene ist einiges aufzuarbeiten. Mich jedenfalls freut es, dass Ursula Gruber und Marcus H. Rosenmüller diesen Film gemacht haben, und ich hoffe, dass zu diesen Themen noch weitere folgen. Nach "Guru - Bhagwan" hieß es nämlich in Insiderkreisen: Ja, das war die schmutzige Wäsche. Und was ist mit dem Guten, das Osho/Bhagwan uns hinterlassen hat? Auch "Sommer in Orange" ist das noch nicht. Es ist kein Film über die so weit reichende und tief gehende Wirkung dieses "Sex-Guru mit den Rolls Royces" (so das Klischee) aus dem indischen Poone. Es ist ein Film über ein paar Aspekte der von ihm ausgelösten Bewegung: über die Kindererziehung, die dort praktiziert wurde, den dortigen Umgang mit Therapie und die oft unkritische Autoritätsverehrung in diesen Kreisen.

Culture-Clash Movie

Soweit zum ernsthaften Teil dieses Films und zur historischen Rolle, die er hoffentlich spielen wird für die Rezeption von Osho und den Sannyasins im deutschen Sprachraum. Der Film ist aber auch ein Kunstwerk. Er zeigt das Leben aus der Sicht eines Mädchens, das als Zwölfjährige zwischen zwei Kulturen lebt, die einander - damals - ziemlich fremd waren. Ein Culture-Clash Movie, der nicht nur über die Sannyasszene und das damalige oberbayerische Milieu etwas aussagt, sondern allgemein über das, wie einander fremde Kulturen miteinander umgehen, wenn sie sich nahekommen. Also mitten rein ins Thema der Globalisierung, die unsere Heimatgefühle und unsere diversen Identitäten so sehr herausfordert und prüft.

Nach "Guru - Bhagwan", nun "Sommer in Orange". Fangen die deutschen Medien endlich an mit der Aufarbeitung dieses Themas?

Für mich hat der Film noch eine dritte, ebenso wichtige Dimension: Er ist ein Komödie, an der ich Marcus Rosenmüllers Umgang mit Humor studieren konnte, und das hat auch nach zweimaligen Ansehen dieses Films noch kein Ende gefunden. "Rosi", wie dieser Kultregisseur (ein bisschen Personenkult darf hier schon sein ...) genannt wird, hat eine ganz eigene Art, Themen zuzuspitzen und Personen zu überzeichnen. Das sind die Mittel eines Satirikers, und er wendet sie auf eigene, märchenhafte Weise an. So sind seine Filme keine einfachen Komödien und auch keine american-style Comedies, sondern sie haben einen Touch von Märchen und sogar das: von einer Oper. Obwohl da gar nicht gesungen wird. Die Art der Verdichtung und Überzeichnung aber hat etwas Opernhaftes - sage ich jetzt mal, ganz laienhaft, denn ich habe bisher von den Rosenmüllerfilmen nur "Wer früher stirbt ist länger tot" und "Sommer in Orange" gesehen.

Die Sannyas-Szene der frühen 80er

Die heutige Sannyas-Szene, die dort in ihrer Ausprägung der frühen 80er Jahre gezeigt und überzeichnet wird, goutiert diese Darstellung nicht durchweg positiv. Das ist verständlich, denn die Überzeichnung ist krass, und sie wird von guten Schauspielern sehr lebhaft und überzeugend gespielt. Am stärksten überspitzt gezeichnet fand ich die Autoritätsverehrung. Die wird im Film insbesondere einem superarroganten Therapeuten entgegengebracht, angeblich "die rechte Hand von Bhagwan". Wie der da auf der Bühne sitzt im Wahn seiner Überlegenheit und von den Groupies angehimmelt wird, ist höchst peinlich und für Kenner der Szene eine Gelegenheit zum Schämen oder Fremdschämen, je nachdem, was da in der eigenen Biografie geschehen sein mag. Ich jedenfalls musste dabei abwechselnd weinen und lachen, beim ersten Ansehen des Films kam ich aus dem Schniefen kaum mehr raus und war, nass im Gesicht, danach ungefähr so gut durchgepulst wie nach Oshos "Mystic Rose" (eine Meditationsanleitung, in der auf Lachen Weinen folgt und dann Stille).

Alle spüren sie die Energie von Prem Bramana, der aus Poona extra zu ihnen gekommen ist
Foto: Christian Hartmann

Aber auch die Mutter-Kind-Szenen haben es in sich. Herzzerreißend, wie die kleine Lili da um Akzeptanz ringt, zerrissen zwischen der Sannyas-Kommune, in der sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder lebt, und dem oberbayerischen Dorf, von dem sie ebenso akzepiert werden will wie von diesen Therapie-Freaks. Und wie sich das ganze dann zuspitzt auf einem Dorffest, das der Bürgermeister grad mit einer selbstherrlichen Rede auf sein Dorf begonnen hatte, in einer Schlägerei zwischen den zugewanderten Orangen und den trachtenseligen Einheimischen, eine Schlägerei, die stellenweise wie ein Tanz wirkt, in dessen Mitte die verwirrte Lili ganz still ruht, perplex, verloren und doch still, und das Ganze auch noch von oben gefilmt (vom Kran) wie von Gott aus gesehen, teils in Zeitlupe, was die Figuren noch mehr zu Tanzenden macht...

Karikatur einer Subkultur

Auch die Esoterik-Satire: Da kommt ein Stein an, angeblich aus Oshos Garten und ist entsprechend mit Energie aufgeladen. Echt??? Die Kommune ist außer sich vor Begeisterung und sucht dann für diesen Heiligen Stein den nach Feng-Shui-Richtlinien ganau passenden Platz. Oder wie der arrogante Therapeut "die Energie spürt", die zwischen ihm und der schönsten Frau unter den Groupies sich entwickelt und er sie sich deshalb kurzerhand für eine besondere Session rauspickt. Was ihren Freund zu Eifersuchtsausbrüchen treibt, auch diese Szenen sehr wahrhaftig in ihrer opernhaften Überspitzung. Die Karikatur einer Subkultur, die freie Liebe übt, und dabei doch an sich selbst scheitert, zum Beispiel als etwa eine der Kommunardinnen sich mit dem Postboten einlässt - da wird sie von denen gerügt, die grad noch freie Liebe gepredigt hatten, dass das doch gewiss unter ihrer Würde sei, denn "da stimmt die Energie doch nicht, das ist unter deinem Niveau".

Die Überzeichnung ist krass, und sie wird von durchweg guten Schauspielern sehr lebhaft und überzeugend gespielt

Auf den Vorwurf, er habe mit seiner Karikatur die Sannyas-Szene unfair krass überzeichnet, antwortet Regisseur Rosi, er sei mit dem bayerischen Dorf auch nicht besser umgegangen. Stimmt, finde ich. Die kommen kein Bisschen besser weg. Mit Ausnahme vielleicht von der Frau des Bürgermeisters, während es in der Gruppe der Sannyasins keine einzige wirklich positive Identifikationsfigur gibt. Oder doch das Kind, die Lili? Die hat in ihrer Wut auf ihre Mutter die ganze Kommune verpfiffen, woraufhin das Haus von Polizisten umstellt, durchsucht, die Betten aufgeschlitzt werden auf der Suche nach Drogen, und dann werden alle in Handschellen abgeführt. Jeder bekommt da sein Fett ab - fast jeder, vielleicht mit Ausnahme der Bürgermeisterfrau und des Postboten.

Oberbayern gegen Sannyasins 1:1

Auch ich bin beiden Kommunen gegenüber ein Betroffener und versuche dazu ein ausgewogenes Urteil zu finden. Ich kam als sechsjähriges Kind nach Oberbayern. Habe aus innerem Widerstand gegen die bayerische Kultur nie akzentfrei Bayerisch sprechen gelernt, auch als Münchner Taxifahrer nicht, obwohl ich mich damals immerhin innig darum bemühte. Habe hier in Oberbayern auf dem Dorf gelebt, sowohl als Sannyasin wie auch als Normalo. Habe zweimal auf einem bayerischen Dorf eine Gemeinschaft gegründet und drei Mal in einer solchen gelebt, in zweien davon in Signal-Orange, gut abgehoben von den grauen oder graubunten Normalos. Die Drehbuchautorin Ursula Gruber und der Regisseur Marcus Rosenmüller zeigen diesen Culture-Clash fair, finde ich. Wenn dabei die Sannyasins vielleicht etwas härter in die Mangel genommen werden, gut ... sie sind es ja auch, die Transzendenz suchen, Selbstüberwindung, Loslösung von Identifikation. Insofern haben sie dieses Fortgeschrittenen-Trainig in Humorfähigkeit und Ego-Transzendenz, das dieser Film bietet, eher verdient als die bayerischen Dörfler, die ja doch nur ... nein, nicht bloß selbstgewisse Dumpfbacken sind, das ist nur das Vorurteil der Freaks, aber sie haben nicht "Transzendenz" auf ihre Fahnen geschrieben, sondern das Festhalten an einer tradierten Ordnung ("a Ruah is") und ein starkes Heimatgefühl für ihr weißblaues Bayern.

Liebe ist einfach da

Spannend fand ich zu lesen, was die Schauspielerin Daniela Holtz in dem schön gestalteten Presseheft zum Film über ihre Erfahrung am Set schrieb. "Vier Wochen Kommune, und ich bin dabei! Sinke auf's Sofa und schwanke zwischen absoluter Begeisterung und echter Skepsis. Auch wenn es nur für einen Film ist ..." Einen Monat lang waren sie alle, die Schauspieler und die technische Crew, für die Dreharbeiten jeden Tag in Oberbiberg auf dem Hof. Übernachtet wurde in einem Hotel in München, alle in demselben. Und obwohl keiner der Schauspieler je Sannyasin war, fühlen sie sich, unter Anleitung von Ursula Grubers Drehbuch (auch sie war mit am Set) und Regisseur Rosi so gut in diese Szene und die Szenen ein, dass Daniela schießlich schreibt: "Alles ist orange und rosa, weit und weich. In unseren Kostümen schweben wir über die Wiese, erkunden unseren alten Bauernhof, die ganz freien Brüste wippen im Takt zu unseren Begeisterungsschreien. Wir rennen alte Holztreppen rauf und runter, und am Ende fallen wir übereinander, kugeln uns, halten uns die Bäuche vor Lachen. Draußen wird entdeckt und erzählt, alles ist plapprig und aufgeregt und schön. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viele lachende Menschen auf einem Haufen gesehen habe." Als die letzten Drehtage nahen, hat sie "vergessen, dass wir einen Film machen. ... Mehr als ich wahrhaben will, mehr als ich mir hätte vorstellen können, haben sich die verrückten, verdrehten Mitspieler in mein Herz gebrannt." Und als sie, schon in Abschiedsstimmung, in der nun fast leer geräumten Scheune ein Osho-Bild sieht, durchdringt sie sein Blick, und er scheint ihr zu sagen: "Liebe ist einfach da. Liebe nimmt man nicht und gibt man nicht. Liebe ist einfach da."

Bauchentscheidungen

Obertherapeut Bramana hält der überraschten Dorfgemeinde eine euphorische Rede
Foto: Christian Hartmann

Kurz nachdem ich den Film zwei Mal gesehen hatte, habe ich die Drehbuchautorin Ursula Gruber interviewt und den Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Beides sehr sympathische Menschen, mit deinen ich mich künstlerisch wie menschlich wohl fühle und mir gut auch eine Zusammenarbeit in einem Projekt vorstellen kann, was ja durchaus nicht selbstverständlich ist bei Menschen, die man als Kreative bewundert. Rosi ist für mich noch einen Tick faszinierender, vor allem in der Art, wie er Themen "vom Bauch her" umsetzt, ohne "im Kopf" (beides seine Worte) so recht zu wissen, was er da tut, wie er es im Interview mir gegenüber beschrieb. Ergebnis dieser Bauchentscheidungen sind etwa die Schlägerei, bei der einem die Streitenden wie Tanzende vorkommen, oder wie die Hauptfigur Lili auf der Suche nach sich selbst (ein bisschen wie Rotkäppchen) in den Wald flieht und dort eine Vision von einem Bhagwan hat, der nur lacht, anstatt ihr konkreten Rat zu geben, und der dann lachend in Scherben zerfällt, die zugleich Funken sind und schließlich als Schmetterlinge davonfliegen.

Überzeichnung

Noch stark beeindruckt von der extremen Überzeichnung des Therapeutenarschs Bramana fragte ich Rosi nach seinem eigenen Verhältnis zur Autoritätsverehrung, und er antwortete nach einigem Rumgedruckse ("also das ist jetzt subjektiv bei mir, das mag bei anderen anders sein, zu recht, von mir aus, aber bei mir ist das so"), dass er in seinem Leben "niemand als Heilsfigur sehen" könne. Na prima, da ist er also ein Befreiter, ein bei sich selbst Angekommener. Oder eher ein in der Hinsicht Übervorsichtiger?

"Mehr als ich wahrhaben will, mehr als ich mir hätte vorstellen können, haben sich die verrückten, verdrehten Mitspieler in mein Herz gebrannt"

Mal angenommen, man würde als Regisseur (oder auch schon Drehbuchschreiber) beim Grad der Überzeichnung Gerechtigkeit walten lassen wollen, und dann passiert es, dass man eine Figur besonders stark überzeichnet, mehr als die anderen. Dann könnte es ja sein, dass man an dem Thema biografisch mehr zu beißen hat, als an den anderen. Oder ist das gerade nur mir besonders aufgefallen, weil gerade ich an dem Thema (biografisch) einiges zu knacken habe?

Autoritätsgläubigkeit

Mir jedenfalls erscheint der Therapeut Bramana als die am stärksten in ihren negativen Aspekten überzeichnet Figur in dem Film, und die Szenen, in denen ihn die Groupies anglotzen, waren für mich die peinlichsten. Was mich wieder daran erinnert, dass das für mich das Peinlichste war unter allem, was ich als orange gekleideter Sannyasin in Deutschland erlebt habe: für einen Mitläufer gehalten zu werden, einen gurugläubigen, folgsamen Zombie. Anhänger des Sexguru, das ging ja noch. Da schlug einem Neid entgegen, manchmal auch Bewunderung. Aber diese Kette um den Hals mit dem Gurubildchen .... "Hast du das nötig?!?"

Jedenfalls haben wir Menschen es nötig, uns von Autoritätsgläubigkeit zu befreien. Und genau das als Anspruch war für mich eines der Motive, die mich am stärksten dazu brachten, damals (1977) Sannyas zu nehmen und mir diese Kette um den Hals zu hängen. Denn einen Splitter in der Haut kann man nur durch einen Dorn entfernen, hieß es dazu im alten Indien: Autoritätsgläubigkeit durch eine Autorität austreiben zu lassen, durch eine Autorität, die einen dann, wenn man so weit ist, frei gibt oder von der man sich dann ganz allein löst. Den Teufel durch Beelzebub austreiben zu lassen, so mögen es andere gesehen haben. Für mich aber war Osho selbst ein Unbezwingbarer und Anarchist des Herzens und als solcher niemals Gefolgschaft fordernd. Dieser begnadete Vermittler einer transkulturellen Mystik - wenn ich konkret etwas von ihm wollte, ließ er mich allein, so wie Lili in dem Film mit ihrer konkreten Frage, was sie denn nun tun solle. Da löste er sich auf in Scherben, Funken, Schmetterlinge.

Osho wirkt

Marcus Rosenmüller hat diese Autoritätshörigkeit transzendierende Funktion in dem scheinbar so personenkultig Verehrten vielleicht nicht bewusst erfasst, in den märchenhaften Episoden aber dann doch - "aus dem Bauch heraus". Und in seiner künstlerischen Besessenheit scheint er ein unbeirrbar zielstrebiger, am Set aber doch sehr warmherziger Chef zu sein. Was man ja nicht von jedem Regisseur so sagen kann. Also dann, auch hier: Osho wirkt. Mal durch seine Anhänger und Mitläufer, mal durch seine Verächter und Feinde. Und mal durch eine Drehbuchautorin, die sich als Kind von Freaks wünschte, wenn sie selbst erwachsen ist "ganz normal" zu sein und einen Regisseur, der so gerne Figuren und Themen überzeichnet und dabei aus dem Bauch raus zu tiefen Weisheiten gelangt.

Wolf Schneider

Auf connection.de sind die Interviews mit der Drehbuchautorin Ursula Gruber und dem Regisseur Marcus H. Rosenmüller zu lesen. Der Film startete in Deutschland am 18. August.

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