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Editorial 11/11

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Auf der Suche nach dem Ewigen

Photo Wolf Schneider
Foto: Aniela Adams

Je mehr sich in der Außenwelt bewegt, umso wichtiger wird innere Stärke. Und auch das: Treue.

Aber was ist Treue? Wem oder was dürfen, wem müssen wir da treu sein? Mit dem platten Verbot eines ehelichen oder sonstwelchen Seitensprungs ist die Tiefe unseres Bedürfnisses nach Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit – nach einer Geborgenheit im Strom der Ereignisse – ja noch nicht gestillt. Zeit für eine Neubestimmung.

»Alles fließt«

Eine Freundin von mir erzählte, wie sie schon als Kind bei dem Wort »Ewigkeit« ein heiliger Schauer überlief. Weil alles vergeht. Wirklich alles? Das können wir nicht akzeptieren. An irgendetwas muss sich der Mensch doch halten können! Deshalb suchen wir nach dem Ewigen, dem Zeitlosen und wenden uns der Philosophie zu, den Religionen, dem Religiösen und der Spiritualität. »Alles fließt« (pantha rei), das war das Fazit des weisen Heraklit. »Alles ändert sich« (anicca), so nannte es Buddha. Hat unsere Suche nach dem Ewigen angesichts solch gewichtiger Aussagen der Weisen überhaupt eine Chance mehr als nur tröstend zu sein?

Bindungen – im Fluss

Wir Menschen brauchen Bindungen. Sie können Gewächshäuser sein, Inseln im Strom der Zeit, Schutzräume vor dem Zuviel auf dem Markt der Möglichkeiten. Für Kinder sind sie unentbehrlich, für Erwachsene fast ebenso und sogar auch für Suchende nach Ungebundenheit sind Bindungen unendlich wertvoll. Wem oder was wir dabei treu sein wollen, sollen und überhaupt können, diese Frage lässt sich nicht in einem Gelübde versiegeln. Nicht bloß weil Gelübde brüchig sind, sondern auch deshalb, weil eine solche Fixierung der Form unserer Suche nach dem Ewigen vom Standpunkt des Absoluten aus widernatürlich ist. Deshalb sollten wir unsere weltlichen Versprechen halten so gut es geht und so lange es sinnvoll ist, sie aber immer wieder überprüfen vor dem, was noch viel größer ist.

Treue versus Flexibilität

Und das Große spielt wieder hinein ins Kleine: die Loyalität zu Freunden; die Disziplin, mit der eine Diät oder eine spirituelle Praxis durchgezogen wird; die Standfestigkeit, mit der wir bei einer einmal getroffenen Entscheidung bleiben. Alles das hat mit Treue zu tun. Und mit unserer Fähigkeit, den Wert ihres Gegenteils richtig einzuschätzen: Flexibilität. Wann soll ich standfest sein, wann flexibel? Im Alltag, und auch in der Politik: Konservative können nicht immer nur bewahren, sonst versteift alles; Progressive können nicht mit allem »fortschreiten«, sonst werden sie ihren Prinzipien untreu. Zu welchem weltanschaulichen Lager du dich auch gerade zählst: Für die einzelnen Entscheidungen braucht es Weisheit.

Das vermeintlich Andere

Die Lemniskate, die liegende Acht, die wir hier auf dem Titel abgebildet haben, symbolisiert das Schwingen zwischen den Polaritäten. Treue und Flexibilität ist ein solches Paar polar einander gegenüber stehender Gegensätze. Ebenso Stille und Bewegung. Bindung und Ungebundenheit. Wenn wir nur den einen Pol dieser Gegensätze für wahr, tief oder überhaupt beachtenswert halten, schwingen wir dort hinüber, und jemand anders (und meist parallel dazu unser Unbewusstes) stellt den Gegenpart dar. Oder wir selbst schwingen irgendwann von hier nach dort hinüber: von der Festigkeit zur Flexibilität, von der Bewegung wieder zum Stillstand, von der Treue zum Abenteuer, von der Erregung zur Entspannung, und so weiter. Ein tieferes Ruhen in uns selbst erreichen wir nur, wenn wir dieses Schwingen akzeptieren – oder, dass wir beides in uns haben.

Dann staunen wir auch nicht mehr so, wenn sich um uns Fronten bilden, von Menschen oder Konstellationen, die »ganz anders sind«. Sie sind nicht ganz anders. Sie bilden nur etwas ab, was wir in uns noch nicht erkannt haben. Sobald wir das vermeintlich Andere erkannt haben, schwingt es auch in uns.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 11/11

   
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