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Abschied vom Steak

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Abschied vom Steak - Fleischlos essen ist in

Fleischlos essen ist in - aus gutem Grund

Die Debatte darüber, was wir essen sollen, läuft auf Hochtouren. Voriges Jahr gab ihr das Buch "Tiere essen" des New Yorker Literaten Jonathan Safran Foers einen mächtigen Impuls, heuer greift "Peace Food" von Rüdiger Dahlke ein. Auch wenn wir Menschen historisch vermutlich Allesfresser sind, dürfte die vegetarische Ernährung, mehr noch die vegane, gesünder sein. Jedenfalls ist sie in Zeiten der weltweiten Dominanz eines "Ernährungsindustriellen Komplexes" ethisch besser zu vertreten, denn sie verschont nicht nur Tiere vor einem Leben in Konzentrationslagern und der Schlachtung, sondern sie schützt auch unseren Biotop und rückt eine weltweite Beseitigung des Hungers überhaupt erst in den Bereich des Möglichen.

Peace Food bedeutete für den französischen König Henri IV., dass "jede Familie sonntags ein Huhn im Topf" hatte. Für ihn war das, damals im 16. Jahrhundert, Zeichen für Lebensqualität, religiöse Toleranz und sozialen Frieden. Selbstredend war das Huhn damals bio.
Heute stammt jedes zweite Hähnchen in Deutschland vom PHW-Konzern (Wiesenhof), der mit 200 Millionen Schlachtungen im Jahr knapp 1,2 Milliarden Euro umsetzt. Chef Paul-Heinz Wesjohann betrachtet es als "große soziale Tat", "Menschen mit Fleisch guter Qualität zu einem Preis, den sich jeder leisten kann" zu versorgen, doch gerät PHW öfter in die Schlagzeilen. Im April veröffentlichte der Stern amtliche Dokumente zu einem PHW-Betrieb mit Schimmel an den Wänden und fäkalien-verdreckten Tierkörpern (Stern 18/2011).

"Von guter Qualität"?

Ist es eine "große soziale Tat", Menschen mit Billigfleisch zu versorgen?

Am 31. August folgte die ARD-Doku "Das System Wiesenhof - Wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und Umwelt ausbeutet". Sie zeigte, wie Hühner mit verätzten Füßen im Kot sitzen, tote Hähnchen zwischen traumatisierten Artgenossen vergammeln und Männer beim Transport Puten tottreten. Dazu leiden die Arbeiter, zum Beispiel am Rekordtempo beim Schlachten, und bei Wiesenhof-Nachbarn sinkt der Grundwasserspiegel. Von bio keine Spur.
Wurde wieder mal nur die Spitze des Eisbergs gesichtet? Dass es brutale industrialisierte Tierwaren-Produktion auch bei andern Erzeugern gibt, ist eines der Themen in Ruediger Dahlkes neuem Buch "Peace Food" (Gräfe und Unzer, 2011, 336 S., 19,90 Euro).

Peace Food

Nach indischen Philosophen oder dem Kohlrabiapostel Gusto Gräser sorgten 2010 Jonathan Safran Foer ("Tiere essen") und Karen Duve ("Anständig essen") für Wirbel rund um Fleischtopf und Tierschutz. Den sechs Millionen deutschen Vegetariern, davon ein Zehntel Veganer, liefert nun Dahlke Stoff für die Debatte. Diese Zeitgenossen sind der Stachel im Fleisch aller, welche wie das Yoghurt-Werbekind rufen: "Hauptsache lecker!" Damit wir dieses Motto nicht vergessen, stecken die vier großen Lebensmittelkonzerne Nestlé, Kraft, Unilever und Danone allein in Deutschland 2,8 Milliarden Euro in die Werbung.
Dahlke (60) ist Arzt, Psychotherapeut und spiritueller Lehrer. Er berücksichtigt Psychosomatik, morphogenetische Felder, Karma und Reinkarnation und lebt seit verzig Jahren fleischlos. In "Peace Food" plädiert er für friedliches Essen, um Tiere zu schützen, was zugleich eine Wohltat für Leib, Karma und Seele des Menschen wäre und Mutter Erde vor dem Kollaps bewahrte. Sein Votum für die vegetarische, besser noch vegane Ernährung begründet er auf vielen, miteinander vernetzten Ebenen.

Vegan nach der Herz-OP

Wasserverbrauch zur Erzeugung von einem Kilo Nahrung

Tierisches Protein erklärt Dahlke auf der Basis überzeugender wissenschaftlicher Studien generell für ungesund, umso mehr industrielles, das 95 bis 99 Prozent des von uns konsumierten Proteins ausmacht. Ausführlich belegt er, dass Allesesser häufiger erkranken als Veganer, von Herz-Kreislauf-Krankheiten über Alzheimer bis zur Depression. Eine Nigerianerin isst durchschnittlich 20 Gramm Fleisch pro Tag, eine Neuseeländerin 320 Gramm. Von 100.000 Frauen leidet in Nigeria eine an Dickdarmkrebs, in Neuseeland sind es 40. Diabetes-1 haben in Japan 2 von 100.000 Kindern, bei einem Milchkonsum von 40 Litern pro Jahr, bei dem in Finnland üblichen achtfachen Milchkonsum sind es 15 Mal so viele. Fleisch, Fisch, Eier, Milch enthalten alle Hormone, die depressive, gestresste Tiere selbst produzieren. Und sie sind angereichert mit Medikamenten wie Antibiotika, Masthormonen oder Giften wie Dioxin und mit Bakterien verseucht.
Gesundheit und der Wunsch nach langem Leben motivieren. Selbst Bill Clinton, der als Politiker im Stress alles Mögliche mampfte, ernährt sich nach einer Herz-OP vegan (schrieb www.cnn.com). Auf der Ebene lässt sich Dahlke nichts hinzufügen. Fazit: Jede Balkon-Tomate fördert das Wohlbefinden und beschert reinen Genuss.

Fleisch, Rosen, Waffen und Warenterminbörsen

Das Kapitel "Fleischkonsum und Welthunger" skizziert, wie die Allesesser reicher Länder armen Nahrung entziehen: "Während täglich zwischen 4.000 und 40.000 Kinder an Hunger sterben, verfüttern wir 50 Prozent der Getreide- und 90 Prozent der Soja-Ernte an Nutztiere." Dahlke nennt das "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Weitere Zusammenhänge sind anzufügen. Der Blick übern Tellerrand führt aktuell die Hungersnot am Horn von Afrika vor Augen, wo 3,7 Millionen Somalier akut in Lebensgefahr schweben. Mehr Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia oder Dschibuti hungern permanent. Ursache sind menschengemachte Krisen. Die derzeitige Dürre hat wohl mit dem Klimawandel zu tun. Dass man ihrer nicht Herr wird, hat mit Folgen des Kolonialismus, Kriegen, Stammesfehden und Korruption zu tun. Viele Machthaber geben Rüstungsausgaben Vorrang, und Cliquen wirtschaften in die eigene Tasche, indem sie Agrarland ohne Rücksicht auf Kleinbauern ausländischen Investoren überlassen. In Afrika sind 20 Millionen Hektar in der Hand von Indern, Arabern und Chinesen.

Beispiel Äthiopien

Selbst in einem Vorzeigeschlachthof erwachen sechs von dreißig vermeintlich getöteten Tieren während des Zerlegens wieder

Innere Unruhen seit 1974 oder der Einmarsch in Somalia anno 2006 verschlangen Unsummen. Heute verfügen allein in Äthiopien Investoren = Devisenbringer über mindestens 3 Millionen Hektar. China zieht dort Exportware wie Sesam. Saudis legen in Äthiopien Ölmilliarden an und kultivieren dort u.a. Export-Reis. Der Inder Ramakrishna Karaturi produziert in dem Land auf 549.000 Hektar Reis, Weizen, Zucker, Ölpflanzen oder Blumen. Seine Billig-Rosen werden nach Europa geflogen und dort von Rewe oder Aldi verkauft (Milborn, www.format.at). Da überschlägt sich der Kapitalistenwahnsinn.
Der Nahrungssektor ist Teil eines Agrar-Konglomerats, das - ähnlich wie der militärisch-industrielle Komplex - global mit anderen Sektoren verknüpft ist und auch mit den Kapitalmärkten. Akteure wie George Soros mischen vielfach mit. Gerät eine Branche in die Krise, so wie etwa die Immobilien, deren Crashs 2008 in den USA die Bankenkrise auslösten, verlagern Pensionskassen, Hedgefonds und Spekulanten die Geldanlagen auf Rohstoffe, darunter gerne auch Nahrungsmittel (Die Ware Hunger, Spiegel 35/2011). Der Schörghuber-Konzern (Bau, Immobilien, Getränke, Flugverkehr) plant mit Lachs aus Chile Umsätze von 200 Millionen Euro (SZ-Interview am 13.9.2011). So steigen die Nachfrage nach Agrarland und die Lebensmittelpreise. Hungersnöte verursachen weitere Preissteigerungen, denn wo Hilfsorganisationen den Tagespreis zahlen, spenden Hilfswillige indirekt den Warenterminhändlern.
Es wird Zeit, nicht nur den Topf zu checken, sondern auch die Vase und zu überlegen, ob man das Auto nimmt, statt Getreideäcker für Bio-Treibstoff oder Rosen zu opfern. Individueller Verzicht auf Fleisch oder Milch hilft Mitmenschen, weil dann Futterland für Menschennahrung frei wird. Gleichzeitig sind aber auch Demokratisierung, Regionalisierung, Agrar- und Finanzmarkteformen notwendig. Die Balkon-Tomate ist darum kein bisschen spießig, sie ist ein Mikrobeitrag zur Mitmenschlichkeit.

Kein Schnitzel von Schweinchen Babe

Zur Grausamkeit der Erzeugung tierischer Produkte zitiert Dahlke Foer, die Veterinärin Elisabeth Haupt oder den Tierschützer Helmut Kaplan: Selbst in einem Vorzeigeschlachthof seien von dreißig binnen einer Stunde mittels Bolzenschuss vermeintlich getöteten Tieren sechs während des Zerlegens wieder erwacht.
Wie tot war mein Steak? Der Mensch entwickelt sich in seiner Humanität erst voll, wenn er andere Lebewesen respektiert. Dabei geht es sowohl um das Einzeltier als auch um die Ausrottung ganzer Arten zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die dann dem komplexen Organismus Erde fehlen. Auch sie haben ein Daseinsrecht. Menschen weltweit freuen sich, wenn die freie Waldkuh Yvonne auf einer Aiderbichl-Filiale das Gnadenheu bekommt. Was ist mit den andern Tieren? Jenseits von Projektion und Schwärmerei für Eisbär Knut oder Pinguin Happy Feet sollten wir die Beziehung von Mensch und Tier neu überdenken.

Klima-Bombe Rind

Heilige Kuh!
Kühe gelten in Indien als heilig. Wer als Schwein
wiedergeboren wurde, hat aber auch dort Pech.

Die Gewinnung von Agrarflächen samt Regenwaldzerstörung, die Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen durch Tiere und Transporte, Gülle-Seen und Mist-Gebirge lastet Dahlke der Agrarwirtschaft und den Fleischessern an. Allein 40 Tonnen Rindermist fallen in den USA pro Sekunde an.
Das Gleichgewicht der Erde könnte tatsächlich durch Reduzierung des Fleischkonsums verbessert werden. Schon die derzeit sieben Milliarden Menschen bedeuten Übervölkerung durch eine Spezies. Bis 2050 sollen es neun Milliarden sein. Und diese Spezies vermehrt künstlich ein Dutzend Gattungen: Knapp 25 Millarden Nutz-Landtiere gibt es, davon 3,4 Milliarden Rinder und andere Wiederkäuer (laut www.fao.org).
Selbst die Zeitschrift "Focus" stellt sich dem Problem, wenn Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung, dort die Frage "Sind wir zu viele für die Erde?" beantwortet: "Alle sieben Milliarden Menschen könnten satt werden, wenn sie sich vegetarisch ernähren, aber nur drei, wenn sie schmausen wie die Menschen in den reichen Nationen." (Focus 13/2010)
1950 wuden weltweit 44 Millionen Tonnen Fleisch produziert; 2010 ist die Menge mehr als sechs mal so groß (Quelle: Pro Regenwald, 2011). Dass man in Schwellenländern wie China westliche Ernährung nachahmt und zunehmend Fleisch speist, freut Lobbys wie den Deutschen Bauernverband. Er prognostiziert einen Anstieg der Weltfleischerzeugung von 284 Millionen (2010) auf 328 Millionen Tonnen anno 2019. Die EU liefert schon jetzt 47 Millionen Tonnen nach China, mehr als die Weltjahresproduktion von 1950.

Beispiel Brasilien

Rund ums Rind

Während im Norden Brasiliens Weiden dem "nachwachsenden Rohstoff" Zuckerrohr weichen, wandelt man Regenwald in Agrarland um. Die dabei angewandte Brandrodung setzt ungeheure Mengen an CO2 frei, dünnt die Artenvielfalt aus, missachtet die Anwohner, bis hin zum Mord. Brasilien hält 200 Millionen Rinder und produziert 69 Millionen Tonnen Soja pro Jahr, rund drei Viertel davon werden verschifft. Frachtschiffe gelten als die schlimmsten Dreckschleudern unter den Verkehrsmitteln.
Die Landwirtschaft der Welt verantwortet bis zu 18 Prozent der Klimaschadstoffe wie CO2 oder Methan. Eine Kuh, die artgemäß grast, emittiert 25 bis 35 kg Methan pro Jahr, eine Hochleistungsmilchkuh, die Soja und Mais erhält, bringt es auf 150 kg des Treibhausgases, das 23 Mal schädlicher wirkt als CO2 (www.vegan.de). Jedes Rind sei eine Klima-Bombe, urteilt Thilo Bode von Foodwatch (Spiegel 35/2008).
Was Dahlke nicht aufgreift: Auch Reisanbau setzt Methan frei. Wer Kirschen aus Kanada oder Wein aus Australien kauft, verschuldet Transportemissionen. Selbst Bio-Tofu wird in Plastik eingeschweißt. Die Folgen der Plastikverpackungen für Land und Meer sind verheerend. Jeder Schrebergarten, jede Balkon-Tomate ist ein Mikrobeitrag zur Schadensreduktion. Von dem, was mit Höchstaufwand produziert wurde, landen bis zu 50 Prozent im Müll, wie zuletzt der Doku-Film "Taste the Waste" vorführte. In Deutschland sind das 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Ein umweltfreundlicher Konsument hätte viele Faktoren zu bedenken, doch letztlich gilt: Umweltschutz ist Menschenschutz. Es hilft sich selbst, wer unseren Biotop bewahrt.

Hauptsache lecker!

Wir sind erst dann wirklich human, wenn wir andere Lebewesen respektieren

Wie emotional das Thema Essen behandelt wird, erlebte ich, als ich mit einem Bekannten, Redakteur einer Wochenzeitung, über "Peace Food" sprach, und er meinte: "Wo der Chefredakteur Fleischesser ist, steht das nicht gerade auf der Prioritätenliste." Viele Medien informieren jedoch den Verbraucher.
Fleisch gilt als ein Stück Lebenskraft, als Status- und Männlichkeitssymbol. Die Grillwerbung nutzt dieses Image. Meist ist der Mensch gerne Allesfresser und Leckermäulchen, und wir sind Individuen, in denen Verbote Trotz wecken. Die kleine Raupe Nimmersatt gerät in Panik, wenn sie hört: Lebe vegetarisch, besser noch vegan! Hilfe! Was isst man da überhaupt?
Kritiker werden Dahlke vorwerfen, er schwinge die Moralkeule. Zweifellos ist er ein unbequemer Mahner, aber er verkennt nicht die menschlichen Bedürfnisse und fügt, psychologisch geschickt, dem Veganer-Buch einen Wohlfühl-Teil bei. Dort zeigen die Rezepte der Salzburger 3-Hauben-Köchin Dorothea Neumayr, was alles Genuss bereitet. Hauptsache lecker!
Man wünscht sich ein Fach Ernährungskunde von der Kita an und preiswerte regionale Bio-Alternativen zur plastikverpackten Industrieware. Trotzdem bleibt die Frage, ob die Menschen auch dann liebe Gewohnheiten wie das Spanferkel aufgeben würden. Vielleicht werden immer mehr auf Qualität achten und sich im Einklang mit Empfehlungen von Ärzten, Naturschützern, Presse, Bundesregierung, UN-Experten und Weltagrarbericht zu Teilzeit-Vegetariern oder Festtags-Fleischessern entwickeln. Da wären wir dann wieder bei dem Sonntagshuhn von Henri IV. Und bei der leckeren Balkon-Tomate, die ich mir gerade ganz frisch gepflückt habe.

Angelika Koller

Dr. Angelika Koller, Jg. 55, hat Germanistik und Katholische Theologie studiert. Seit ihrer Promotion befasst sie sich mit allen Religionen. Sie lebt in München und arbeitet im Verlagswesen, in der Erwachsenenbildung und im Tourismussektor. 2004 publizierte sie "Thorwald Dethlefsen, die Reinkarnationstherapie und Kawwana". Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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