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Auf dem Weg zu sich selbst

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Auf dem Weg zu sich selbst - Meister Eckhart über das Nichts und die Treue zu sich selbst
Foto: Flickr.com/H. Koppdelaney

Meister Eckhart über das Nichts und die Treue zu sich selbst

So wie das Türblatt sich in der Angel dreht, so dreht sich das Äußere um das Innere, schrieb der große mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart. Nur das Allerinnerste, das Seelenfünklein, ist unveränderlich und standhaft fest, deshalb können wir nur diesem treu sein.

Kaum etwas fällt dem Menschen schwerer als sich selbst auszuhalten. In früheren Zeiten war diese Unfähigkeit nur durch den simplen Umstand verdeckt, dass die allermeisten Leute ihr Leben lang damit beschäftigt waren, ums nackte Überleben zu kämpfen. Nachdem dieser Zustand zumindest in den westlichen Industrienationen vorbei ist, kann heute ein ganzer Industriezweig viele Milliarden damit verdienen, den Menschen bei der Flucht vor sich selbst zu unterstützen. Warum fällt es uns nur so schwer, uns selbst zu ertragen? Ist es, weil wir Angst davor haben, dass, wenn wir uns selbst begegnen, uns dort eine große gähnende Leere erwarten könnte, die uns zu verschlingen droht? Oder ist es aus dem genau gegenteiligen Grund, dass wir Angst vor unserer eigenen Größe haben, wie es Nelson Mandela vor Jahren bei seiner Antrittsrede als Präsident von Südafrika sagte? Wobei beide Ängste letztlich nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille sind.

Stell dich!

Ein bewährtes Heilmittel gegen jede Form von Angst besteht darin, sich ihr zu stellen. Das heißt in diesem Falle: nicht vor sich selbst davonzulaufen. Was eh nicht geht, da wir dummerweise immer schon vor uns da sind, so schnell wir auch rennen. Und dann schauen wir mal, was passiert, wenn wir uns selbst begegnen...
Diese Begegnung kann ein langwieriger Prozess sein. Es kann auch sein, dass sie sehr plötzlich über uns hereinbricht. Bezeichnenderweise behaupten mehr oder weniger alle Weisheitstraditionen im Westen wie im Osten, dass das, was wir zunächst erblicken, nämlich unser empirisches Ich, gar nicht das Ursächlichste ist, sondern dass es etwas Anderes, Tieferes gibt, was wir wesenhaft sind, ohne es in unserer alltäglichen Existenz wahrzunehmen.

Das Seelenfünklein

Unser alltägliches Ich ist nicht das, wofür es sich ausgibt: der große Dirigent der Lebenssymphonie

Der große mittelalterliche Philosoph und Mystiker Meister Eckhart bezeichnet dieses Wesenhafte als das Seelenfünklein. Er meint damit die Dimension des Menschen, die unter der Müllhalde des empirischen Ich unverletzbar und unzerstörbar ruht. Das Seelenfünklein existiert unabhängig davon, ob wir es erkennen oder nicht. Erkennbar und erfahrbar wird es in dem Moment, wo wir begreifen, dass unser alltägliches Ich nicht das ist, wofür es sich ausgibt: der große Dirigent der Lebenssymphonie. All die vielen Tätigkeiten, mit denen es uns auf Trab hält, damit wir ja nicht innehalten, dienen letztlich nur dazu, dass wir bloß nicht hinter die Fassade blicken und erkennen, dass das Ich ein Taschenspieler ist.
Weil es nichts Wesenhaftes ist, bezeichnet Eckhart dieses Ich als ein Nichts. "Alle Kreaturen [Kreatur ist das geschaffene Ego] sind ein reines Nichts. Ich sage nicht, daß sie geringwertig oder überhaupt etwas seien: Sie sind ein reines Nichts." Das lehrte auch Buddha, als er das Ich des Menschen als anatta, als wesenlos, bezeichnete. Zunächst mag diese Einsicht vielleicht nicht unbedingt gute Laune verbreiten, verdeutlicht sie uns doch, dass wir in unserem normalen Leben aufs falsche Pferd gesetzt haben. Wir haben etwas für wesentlich gehalten, das veränderlich und vergänglich ist. Doch wenn wir uns radikal genug auf dieses Nichts einlassen, dann begegnen wir urplötzlich einer ganz anderen Dimension - einer Dimension, die immer ist und doch im alltäglichen Dasein in der Regel nicht wahrgenommen wird, weil unser Blick auf das Vergängliche fixiert ist.

Nach der Vernichtung

Diese Ebene bricht durch, wenn das Ich als Illusion wahrgenommen wird. Eckhart bezeichnet das als Ich-Vernichtung. Wichtig ist dabei, dass die Funktionen des Ich aber auch nach seiner "Vernichtung" vorhanden sind, da sie für das Leben unverzichtbar sind. Das Erkennen der Illusion bewirkt keine substantielle Vernichtung, sondern nur die Auflösung einer falschen Sichtweise.
Eckhart gibt hier zur Verdeutlichung ein Beispiel. Es verhält sich damit ähnlich wie mit der Sonne, die wir nicht sehen, wenn der Himmel wolkenverhangen ist. Wir sagen dann, heute gibt es keine Sonne, doch in Wirklichkeit ist die Sonne immer existent. Verschwinden die Wolken, dann sehen wir sie. Wenn die Illusion des Selbstseins des Egos durchschaut ist, erkennen wir die Matrix, auf der das kosmische Spiel der Veränderlichkeit abläuft.

Das Spiel erkennen

Der große bewusstseinsmäßige Unterschied zum normalen Alltagsleben, der beim Erkennen dieser Dimension auftaucht, liegt darin, dass wir uns nun als Spieler auf der Bühne des Lebens begreifen. Wir spielen zwar immer noch das gleiche Spiel, doch nun können wir uns selbst als Schauspieler wahrnehmen, die eine bestimmte Rolle ausfüllen, jedoch nicht wesenhaft sind. Nun dirigiert der Seelenfunken unser Leben, die Ebene, die wesenhaft und unveränderlich ist und doch alle Veränderungen des Lebens mitmachen und zulassen kann.
Meister Eckhart hat ein recht anschauliches Beispiel für das Verhältnis von Ego, das er als äußeren Menschen bezeichnet und Seelenfünklein, das er als inneren Menschen bezeichnet: "Eine Tür geht in einer Angel auf und zu. Nun vergleiche ich das äußere Brett der Tür dem äußeren Menschen, die Angel aber setze ich dem inneren Menschen gleich. Wenn nun die Tür auf- und zugeht, so bewegt sich das äußere Brett hin und her, und doch bleibt die Angel unbeweglich an ihrer Stelle und wird deshalb niemals verändert."

Der innerste Grund

Tür und Türangel sind aufeinander bezogen. Damit sich die Türe bewegen kann, braucht sie etwas, das selbst standhaft ist. Diese Standhaftigkeit ist die Treue zu sich selbst. Dort wo wir uns von unserem inneren Menschen, dem Seelenfünklein, lenken und leiten lassen, sind wir wahrhaft bei uns selbst. Dort können wir uns treu sein, weil wir mit unserem innersten Grund verbunden sind. In der Verbundenheit mit diesem Grund verschwindet letztlich auch die Angst, die Angst vor dem Nichts und die vor der Größe, weil das Sein in diesem Grund einfach Leben bedeutet.

Katharina Ceming

Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming ist außerplanmäßige Professorin an der Uni Augsburg und arbeitet als freiberufliche Seminarleiterin und Publizistin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den spirituellen Weisheitstraditionen der verschiedenen Weltreligionen. www.quelle-des-guten-lebens.de

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