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Portrait eines Unangepassten

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Portrait eines Unangepassten - In Wien lebt der Humortherapeut Alfred Kirchmayr
Alfred Kirchmayr

In Wien lebt der Humortherapeut Alfred Kirchmayr

Der katholische Theologe, Sozialphilosoph und Psychoanalytiker mit freier Praxis in Wien versteht sich als "Humorexperte und Witzlandschaftspfleger in witzloser Zeit". Lebenskunst und gelingendes Leben liegen ihm sehr am Herzen. Rainer Spallek traf Alfred Kirchmayr in Wien und sprach mit ihm über Kindheit und Humor, theologische Kämpfe und seelische Sackgassen.


Ich vermutete Alfred Kirchmayr (von seinen Duz-Freunden lässt er sich Fred nennen) in einem feineren Viertel Wiens, dort, wo die Alrightniks leben, wie es so hübsch im amerikanischen Jiddisch heißt: Menschen, die beruflich erfolgreich und anerkannt sind. Doch bringt mich die Straßenbahn in eine eher graue Gegend des 17. Bezirks, Wien-Hernals - garantiert touristenfreie Zone. Wir nehmen in seinem Praxiszimmer Platz. Hinter Fred steht die Analytikercouch; auf ihr wird nach unserem Interview noch jemand Platz nehmen...

Erziehungsfreie Kindheit

Wichtiger als die Frage "Was macht krank und neurotisch?" ist ihm die Frage "Was fördert die Gesundheit?"

"Zum Schwarzen Adler" - so hieß das Dorfgasthaus, in dem Fred 1942 geboren wurde - in einem "Gesundenhaus", nicht in einem Kranken-Haus, wo die meisten Menschen das Licht der Welt erblicken (müssen): Das Wortspiel ist eine seiner Leidenschaften. So ist ihm auch der Adler wichtig, denn Alfred Adler, ein Schüler Sigmund Freuds, entwickelte eine psychoanalytische Schule in Wien, die sich von Freudscher Orthodoxie entfernte - und als Unorthodoxer ließ sich Fred zum "Adlerianer" ausbilden.
Doch zuvor erlebte Fred eine schöne und lebendige Kindheit im Wirtshaus mit Weinkellerei. Die vielen Gäste - immer war was los. Drumherum Natur und freier, wilder Spielraum. Er spielte viel und arbeitete gelegentlich mit im Elternbetrieb; da reifte sein erster Berufswunsch heran: Gärtner! Heute gärtnert er in Seelenlandschaften. Im Rückblick gesehen, so stellt er heute fest, war es ein Geschenk, dass seine Eltern ("der Vater konnte ohnehin nichts mit mir anfangen") vor lauter Arbeit kaum zum Erziehen kamen. Das hat er dann selbst in die Hand genommen. So begeisterten ihn früh schon Blumen, Bäume, Gräser und Moose, und er legte Herbarien an.
Mit elf begann für Fred eine sehr fromme Phase, die ein paar Jahre anhielt: Franz von Assisi wurde für ihn zur Lichtgestalt - "vielleicht auch ein Vaterersatz", sagt er heute dazu. Äußerlich war der Heilige Franz arm, innerlich aber reich, das hat dem Bub gefallen. Für ihn war Franz von Assisi ein glücklicher Mensch, der intensive Naturbeziehung mit großer Humanität verband. Ihm selbst, sagt Fred, glückte das Leben, weil er "das intensive Zusammenspiel von kultivierter Kindlichkeit und Erwachsenensein als Ideal anstreben konnte".

Aufbruch nach Wien

Nach seiner Matura zog es Fred mit zwanzig nach Wien, das in den sechziger Jahren eher provinziellen Charakter hatte. Österreich war neutral und allein, es gehörte nicht zum Westen und auch nicht zum Osten, sondern inselte nostalgisch-wehmütig (das verlorene Habsburger Reich) vor sich hin. Doch für Gasthausmenschen vom Lande war dieses Wien eine urbane Verführung. Dort studierte Fred katholische Theologie, Psychologie und Soziologie. Schon vorher hatte er viel Freud gelesen, auch Adler, C.G. Jung, Tolstoi und Dostojewski.

Theologie und Ketzerbekämpfung

Wenn Theologie und Psychologie aufeinander treffen, dann kann man was erleben! Und so schrieb Fred seine Dissertation über "Psychische Gesundheit bei Theologiestudierenden" und später, gemeinsam mit dem österreichischen "Nationalpsychiater" Erwin Ringel, das Buch "Religionsverlust durch religiöse Erziehung". Wer solchermaßen Nestbeschmutzung betreibt und das an der katholischen Fakultät in Wien tut, der lernt schnell "die Hausmittel der Ketzerbekämpfung" kennen, wie er es nennt.

"Wir kommen alle unfertig auf die Welt, dann werden wir fertiggemacht" - aber der Clown in uns protestiert dagegen

Freds Chef war 1968 bis 1982 der Pastoraltheologe Ferdinand Klostermann, der gemeinsam mit Karl Rahner Konzilsberater von Kardinal König war. Klostermann war vom Geist dieses Reformkonzils (1962-65) erfüllt und deshalb der bestgehasste Mann an der Theologischen Fakultät. Deshalb wurde auch Fred im Auftrag des Wissenschaftsministeriums seit 1968 von der Staatspolizei observiert, denn Kloster-Mann und Kirch-Mayr standen unter Kommunismus-Verdacht. Intellektuelle Redlichkeit, christliche Mündigkeit und der Reformgeist des Konzils wurden von der erzkonservativen Fakultät als "Zerstörung der Kirche" angesehen und verfolgt.

Opus Dei - das Irrenhaus Gottes?

Warum, zum Teufel, ist Fred noch in der Katholischen Kirche?! "Weil ich dann nur noch Mayr und nicht mehr Kirchmayr heiße" wortspielert er genüsslich. Er bleibt ihr treu, "weil der Katholizismus vieles in mir angeregt hat", was mit dem Heiligen Franziskus begann. Es gebe weit mehr und auch weit Erfreulicheres in der Kirche als "den weltabgeschiedenen Führungsbunker im Vatikan" - wie z. B. Befreiungstheologen in Südamerika.
Die fundamentalistische katholische Organisation Opus Dei hat großen Einfluss auf die reaktionäre Vatikanpolitik. Aus heiligem Zorn schrieb Fred gemeinsam mit dem ehemaligen Opus-Mitglied Dietmar Scharmitzer das Buch "Opus Dei - das Irrenhaus Gottes?" (2008). Fred hatte so manche Opfer dieser "faschistoid-katholischen Organisation" auf der Couch und so fühlte er sich aufgerufen, über diese "Menschen verachtende, mächtige kirchliche Geheimorganisation" zu schreiben.

Über Gott kann man nichts sagen

"Diktatoren swingen nicht" schrieb Joachim-Ernst Berendt. Anders gesagt: In totalitär-religiösen Bewegungen und Institutionen gibt es nichts zu lachen (über sie, ja, aber nicht in ihnen). Unfehlbarkeit schließt Humor aus. "Da fehlt schlicht die nötige Selbstdistanz", sagt Fred. Wer oder was so gestrickt ist, müsse Bollwerke aufbauen und alles Fremde (= Bedrohliche) abwehren. "Die christliche Frohbotschaft mit einem Lachverbot" zu versehen sei Ausdruck eines fundamentalistischen Machtmissbrauchs.
Und Gott? Das ist für ihn "eine psychologische Frage. Alle Religionen wachsen aus einem tiefen Staunen heraus, aus ehrfürchtiger Bewunderung des Seienden. Und alle Gottesvorstellungen sind Wunschprojektionen, die auch der Angstbewältigung dienen." Gott sei kein wissenschaftliches Thema, meint Fred und zitiert Thomas von Aquin: "Alles, was ich über Gott geschrieben habe, ist gedroschenes Stroh. Über Gott kann man nichts sagen."

Mystik contra Macht

"Man soll sich auch von sich selber nicht alles gefallen lassen"
Viktor Frankl

Viel näher liegt Fred die Mystik: "Für mich ist die Basis aller Religionen das Mysterium des Lebens, das wir nie begreifen werden, von dem wir aber ergriffen werden können. Das kommt auch in den Künsten, vor allem in der Musik, zum Ausdruck. Wenn aber eine Religion Absolutheitsansprüche erhebt - immer mit Macht und Herrschaftsansprüchen verbunden -, dann wird Mystik gefährlich und verketzert. Die interessanteste Geschichte ist immer die der Ketzer und Mystiker, der an den Rand Gedrängten... sie stören die Vereinfachungen, die alle Machthaber und Gewohnheitsvertreter zwecks Machtausübung benötigen."
Die Mystik bedürfe keiner absolut gesetzten, anthropomorphen Gottesvorstellung, aber ein irgendwie göttliches Wesen begleite unsere Vorstellungen immer, verbunden mit kulturell gefärbten Bildern und Gleichnissen, sagt Fred. Paulus meinte einmal: "Stückwerk ist unser Erkennen... was bleibt ist die Liebe." Liebe zu mir, zu dir, zu uns, zum Leben, zur Welt - trotz alledem! Fred: "Und das wird auch Gottesliebe genannt. Echte Mystik ist das Allverbindende." Sie mache bescheiden und aufgeschlossen für alles Fremde, sie ist "das Gegenteil von Fertigteil-Ideologien". Der katholische Historiker Friedrich Heer brachte es auf den Punkt: "Alleinseligmachende Institutionen verhalten sich praktisch als geschlossene Anstalten - wie Kerker und Irrenhäuser."

Die Psychoanalyse

Für Fred ist die Aufgabe eines Psychoanalytikers, Klienten zu helfen, eigenverantwortlich ihre Lebensgestaltung in die Hand zu nehmen. Er hat sich mit allen modernen psychotherapeutischen Schulen befasst und sie auch an der Uni gelehrt. Sein Weg führte über die orthodoxe Psychoanalyse Freuds hinaus, die ist ihm zu problemorientiert. Ihm sinnvoll erscheinende Elemente moderner Schulen integriert Fred in seine therapeutische Praxis, die insgesamt stärker lösungsorientiert ist. Therapiepraxis und Persönlichkeit des Analytikers müssen stimmig sein - so verdankt er Freud zwar viele Anregungen, doch im Mainstream der Psychoanalyse dominiere "die Pathologie und nicht die Salutogenese. Im Vordergrund steht die Frage: Was macht krank und neurotisch? Und nicht die Frage: Was fördert die Gesundheit?" Freds Mentalität entspricht mehr das Intuitive und Humorvolle, wie er es etwa bei Alfred Adler findet. [...]

Rainer Spallek

So weit diesmal unser Schnuppertext. Wer den Rest des Beitrags lesen möchte, kann im Shop die Ausgabe 11/2011 von connection spirit als Heft bestellen (Der Artikel befindet sich darin auf den Seiten 28 bis 31.):

connection spirit 11/11 bestellen

Bücher von Alfred Kirchmayr:
"Witz und Humor - Vitamine einer erotischen Kultur" - Wien-Klosterneuburg 2006 (3. Auflage 2009)
"Rettet die Purzelbäume - Kinderwitz und Lebenskunst" - Wien-Klosterburg 2009

Rainer Spallek, Jg. 56, Sozialwissenschaftler,Entspannungspädagoge, Betriebswirt, Seminarleiter (Wege zum Selbst, berufliche Erfüllung, Buddhismus), Referent (Reisen, Burnout, Meditation), Dozent und Autor. www.lernen-und-leben, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Aus dem Heft connection spirit 11/11

   
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