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Editorial connection spirit 02/09

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Wolf Schneider
Photo: Aniela Adams

Esoterisches Geschwätz

Was ich mit dieser Zeitschrift zu beweisen versuche, seit nun mehr fast 24 Jahren, ist: Man muss nicht dumm sein, um esoterisch, religiös, spirituell oder mystisch zu sein. Hilft es wenigstens ein bisschen? Nein, im Gegenteil. Wer dumm ist, kapiert es nicht, sondern wird auf Kitsch hereinfallen. Denn so wie es in der Musik und den bildenden Künsten Kitsch gibt, so gibt es Kitsch auch im Religiösen – dort vielleicht sogar noch mehr.

Gedudel und

Ich gehe an der kleinen Pizzeria vorbei, bevor wir zum Bahnhof kommen. »Hier setzen wir uns nicht hin, ich mag das Gedudel nicht«, sagt meine Mutter. Gedudel? Das ist doch Musik! Nein, es ist nur ein Abklatsch von echter Musik. Es ist wie die Kaufhausmusik, die einen anregen soll, mehr zu kaufen oder wie die Schlager im Radio, die nur ein Abklatsch von echter Liebeslyrik sind. Schon als 14jähriger habe ich Schlager gehasst, während meine Mitschüler untereinander die aktuellen Scheiben austauschten. Ich wusste nicht, warum ich sie nicht mochte, aber ich habe sie verabscheut. Solche Phrasen über Liebe zu hören war für mich schlimmer als gar nichts von Liebe zu hören, kein Wort darüber. Für mich waren diese Schlager eine Entweihung des Heiligtums der Liebe. Auch wenn ich damals nicht imstande war, Worte wie »Heiligtum« und »Entweihung« dafür zu finden.

Muss man dumm sein, um esoterisch zu sein? Hilft es wenigstens ein bisschen?

… Geblubber

So geht es mir auch manchmal noch mit dem Religiösen. Ich bin zwar reifer geworden, kühler, gleichmütiger, aber ein esoterisches, spirituelles oder religiöses Geblubber über Liebe und Energie, den Himmel und die Vergänglichkeit, unser tiefes Spüren und Empfinden und die Schwingungen des Herzen, das geht mir nach wie vor unsäglich auf den Sack. So daher zu reden empfinde ich als viel, viel schlimmer als gar nichts zu sagen. Schweigende, nüchterne, diesseitige Menschen, die nie ein Wort über Religion, Liebe oder das Ewige verlieren sind mir lieber als diese pop-esoterischen Phrasendrescher und Prediger des »Alles ist Energie«, »Es gibt keine Zufälle«, »Wir haben uns schon mal getroffen«, »Spürst du es auch?« und so weiter.

Ja, das Religiöse ist das Wichtigste. Den Sinn zu finden, das Mysterium, die Lebensaufgabe, das ist wichtiger als alles andere. Aber bitte kein Geschwätz darüber! Es geht auch ohne.

Bewusst sein

Denn das Tao, über das man nicht sprechen kann, ist das wahre Tao. »Bewusstsein« als Ziel und Fokus spirituellen Strebens ist eine Möglichkeit, Konsens zu finden über die Abgründe des Jargons und biografischer Verschiedenheit hinweg. Ja, auch über Bewusstsein kann man blubbern. Sogar über das Schweigen kann man schwätzen.

Aber hier liegt das Echte näher, das Ziel ist sichtbarer, spürbarer und nicht so leicht durch ein blasiertes Dahergerede zu vernebeln: Bewusst zu sein, darum geht es. Wenn du etwas tust, denkst, fühlst, sei dir dessen bewusst. Dann wird es, wenn es falsch ist, im Lauf der Zeit von allein aufhören. Wenn es richtig ist, wird es bleiben.

— Wolf Schneider

Titelseite connection spirit 02/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit Februar 2009

   
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