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Aufklärung

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Was Mystik mit Aufklärung zu tun hat, und warum die meisten "Aufklärer" keine sind

Nichts hat mich während meines Geschichtsstudiums so sehr begeistert wie die Aufklärung. Immanuel Kants Definition dieses Begriffs, der ja eine ganzes Zeitalter definiert hat - auf Englisch heißt er übrigens "Enlightenment" - fasziniert mich bis heute: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Und schon damals habe ich mich, zusammen mit meinen Mitstudenten im Studiengang "Wissenschaftstheorie und Logik", über Kants Antwort (von 1766) auf Immanuel Swedenborg gefreut: "Träume eines Geistersehers". Der geistersehende esoterische Träumer Swedenborg war damals viel berühmter als Kant; die Aufklärung, als deren mächtigster Definitionsgeber Kant heute gilt, hatte sich noch nicht durchgesetzt.

Das Terrain der Aufklärer

Was ich heute jedoch antreffe, ist die Überzeugung der meisten Menschen im profan denkenden Teil der Weltbevölkerung, dass sie auf Seiten der Aufklärung stünden. Teils glauben sogar Vertreter der großen Religionen, sie stünden auf Seiten der Aufklärung: Christen etwa meinen, ihr Christentum habe mit der Aufklärung eine Wende erlebt, die ihre Religion dem noch unaufgeklärten (dschihadistischen) Islam überlegen mache. Auch die Sozialisten verstehen sich als aufgeklärt, vor allem aber die Naturwissenschaftler - wobei diese mit ihren wahrnehmungskritischen Methoden noch am ehesten damit Recht haben. Was die heutigen Partisanen der Aufklärung eint, ist ihre Exkommunikation der Esoterik und der als Spiritismus missverständenen Spiritualität, und auch beim Wort "Mystik" macht die Suggestionskraft unserer Sprache es ihnen einfach: Man steckt die Mystik kurzerhand mit in die Schublade des "Mystizismus", schon hat man auch sie aus dem Terrain der Aufklärer verbannt.

Verflixte Widersprüche

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Wissenschaft in ihrem Streben nach grenzenloser Aufklärung selbst an Grenzen stößt. Spätestens im 20. Jahrhundert ist das der Fall, und das nicht etwa nur durch Relativitätstheorie und Quantenphysik, sondern schon durch die logischen Antinomien, die Bertrand Russell mit seinen "Principia Mathematica" (1900-1910) nur vermeiden, nicht aufklären konnte, und auch seinem Schüler Ludwig Wittgenstein gelang das nicht. Die Naturwissenschaften, deren "Sprache" die Mathematik ist, enthalten nämlich Widersprüche: Wenn man die Vermeidungsregeln (von Russell oder anderen) nicht beachtet, kann man in ihnen zu jeder Behauptung auch ihr Gegenteil beweisen, so wie in der aus der griechischen Antike überlieferten Paradoxie von dem Menschen aus Kreta, der sagt, dass alle Kreter lügen: Diese Aussage ist genau dann wahr, wenn sie falsch ist.

Mystik ...

Mystik hat aber nichts mit Mystizismus zu tun. Mystizimus ist das Vernebeln das für den Alltagsgebrauch ausreichend Klaren, während Mystik eine Art der Welt- und Selbstwahrnehmung ist, die noch vor der sprachhypnotisch begrenzten, durch Begriffe geprägten Wahrnehmung kommt. Begriffe wirken nämlich wie Bilder, die auf die Welt projiziert werden. Das zu diesen Bildern Passende wird "wahrgenommen", das nicht Passende wird von der Wahrnehmung ausgefiltert - in der Psychologie bekannt als "selektive Wahrnehmung". Die vorbegriffliche Wahrnehmung ist insofern eine vorurteilsfreiere, da mit der Zugehörigkeit zu den projizierten Begriffen fast immer auch Urteile verbunden sind. Die vorbegriffliche Wahrnehmung ist, sofern sie sich ihrer selbst bewusst ist, identisch mit der mystischen Wahrnehmung. Man findet sie etwa bei Nagarjuna (Indien, 2. Jhd.), im 20. Jhd. bei Osho, und natürlich auch bei den anderen, oft weniger beredten Mystikern.

... und Wissenschaft

Wegen dieser Nähe zwischen Mystik und Wissenschaft habe ich in unserem Missionstatement (auf S. 5 unterhalb des Inhaltsverzeichnisses) geschrieben: Connection führt die Aufklärung fort bis zur Ermächtigung des Individuums auch im Bereich des Religiösen. Genau darin sind die Aufklärer des 18. Jhd. gescheitert: Nach der Schreckensherrschaft von Robbespierre & Co. dachten sie, ohne Religion gäbe es keine Ethik, und ohne Ethik "frisst die Revolution ihre Kinder". Damit öffneten sie der Restauration Tür und Tor.

Von dieser Niederlage hat sich die Aufklärung nie ganz erholt. Der Marxismus glaubte ("historisch materialistisch") wissenschaftlich zu sein und ohne Ethik auskommen zu können, was Megakatastrophen wie Stalinismus, Maoismus und Pol Pot den Boden bereitete. Exakt weitergedacht führt die Aufklärung jedoch zur Mystik. Dafür steht diese Zeitschrift. Sie ist nicht esoterisch und auch nicht areligiös. Sie ist vom Anspruch her wissenschaftlich exakt, so exakt, skeptisch und kritisch wie Wissenschaft überhaupt sein kann - und sie ist mystisch. Mystik als das Herz, der Kern, der Ursprung und das Ende aller Religion. Mystik als die vorbegriffliche Wahrnehmung, die die Wirklichkeit nicht in Teile aufspaltet.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 03/12

   
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