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Hirnlos muss nicht dumm sein

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Walnuss
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Anmerkungen zum prä-, meta- und trans-rationalen Bewusstsein

Als Osho-Sannyasin wollte Claus David Grube »nichts als den Kopf verlieren«, kehrte dann aber zurück zu einer Neubewertung des Denkens und der Rationalität. Heute favorisiert er ein u.a. an Ken Wilber orientiertes System von fünf Entwicklungs-Stufen, die Grube allerdings nicht bloß linear versteht, sondern auch oder eher zyklisch: Die fünfte geht wieder der ersten voran

Die Unterscheidung der spirituellen Szene in prä-rationale und trans-rationale Angebote habe ich erstmals bei dem amerikanischen Philosophen und Begründer der Integralen Psychologie, Ken Wilber, gelesen. Wilber war wohl (wie ich) genervt von der Inflation prä-rationaler Angebote in der spirituellen Welt. (Oder war er noch erschüttert von seinen Erlebnissen beim Guru Baba Free John alias »Adi Da«?) Diese Unterscheidung Wilbers machte mir etwas klar und half mir Angebote zu differenzieren. Ich möchte dabei nicht als Verehrer von Wilber verstanden werden, nur weil ich einige seiner Gedanken originell und treffend finde.

»Was meinte Ken Wilber mit ›prä-rational‹? Er meinte wohl, dass die meisten Spirituellen dümmlich oder infantil sind«

»Prä« bedeutet »vorher«. »Prä-rational« heißt also »vor dem Denken«. »Trans« ist soviel wie »jenseits«. »Trans-rational« bedeutet also «jenseits des Denkens«. Was meinte Wilber damit? Er meinte wohl, dass die meisten Spirituellen dümmlich oder infantil sind. Sie waren noch nie in dem Kopf, den sie verlassen zu haben glauben. Wir wollen aber spirituell und dennoch intelligent oder sogar intelligenter sein. Wird dir beim Durchblättern eines Terminmagazins der esoterischen Szene nicht auch bisweilen etwas merkwürdig zumute? Kommt dir die Ansammlung der Aufrufe zum Glauben an nicht Messbares bisweilen auch unangenehm frei von Rationalität vor?

Wie also können wir nun Angebote der spirituellen Szene in brauchbar und unbrauchbar unterscheiden? Welche ironisierenden Schein-Anzeigen in connection sind witzig (weil das karikierte Angebot tatsächlich prä-rational ist), und welche sind eher unverschämt (weil das Angebot trans-rational ist und die Karikatur ernsthafte Sucher abschrecken könnte)?

Intellektuell und linksradikal

Mein bewusstes Leben begann 68: kritisch sein, politisch sein. 1971 ging ich für eine K-Gruppe (mittlerweile stellen diese Politsekten Bundesminister) nach dem Abitur zur Bundeswehr, damit diese unterwandert wird. So war sichergestellt, dass bei der bevorstehenden Revolution die Armee sich auf die Seiten der Arbeitermassen stellt. Kurz: Ich war völlig neben der Realität, »im Kopf« (wie man heute in der Spiri-Szene sagt), intellektuell und linksradikal.

Ich war revolutionär und intellektuell, weil das damals cool war und diese Pose Chancen verhieß, den Mädchen zu gefallen. Das klappte jedoch nicht immer, denn die interessierten sich auch damals schon eher für gesicherte Verhältnisse: Wenn Revolutionär, dann mit Cabrio.

Nach der Unterwanderung der Bundeswehr war ich dem dünnen Angebot an weiblichem Interesse entwöhnt und brauchte dringend Gefühl. Also ging ich (Politologie-Student an der FU Berlin) zu »Sensitivity-Trainings« und landete schließlich in Encounter- und Tantra-Gruppen rot oder orange gekleideter Wandertherapeuten. Und kam so schließlich nach Poona, um dort mal so richtig aus dem Kopf geklopft zu werden.

Student, Disciple, Devotee

Ich saß also vor Bhagwan, der später »Osho« hieß. Er unterschied »Student«, »Disciple« (Schüler/Jünger) und »Devotee« (hingebungsvoller Jünger). Studenten hörten den Vorträgen zu, lernten über die Mystiker aller Zeiten und machten sich schlau. Disciple taten, was der Meister sagte und begaben sich in lebensgefährliche Selbsterfahrungsgruppen oder unter die Fuchtel einer ebenso gefährlichen italienischen Küchenchefin. Devotees waren völlig ergeben und aufgelöst und durften seine Wäsche machen.

Devotee wäre natürlich toll gewesen, weil da die schönsten Frauen waren und man als Co-Devotee bestimmt einige nette Begegnungen mit ihnen haben würde. So weit habe ich es ob meines notorischen Trotzes aber nie gebracht. Vielleicht hatten die weiblichen Devotees ja auch den Sex transzendiert und eh keinen Gefallen an einem männlichen Devotee? Jedenfalls blieb Devotee für mich (glücklicherweise) eine zu saure Traube.

Disciple aber machte eine Zeit lang Spaß. Ich tat weitgehend wie mir geheißen und kam nach und nach aus dem Kopf heraus. Die angenehme Seite dieser Erfahrung beruht darauf, dass der Kopf recht viel Energie verbraucht und diese Energie frei wird, wenn man das Denken ein wenig runterfährt. Bisweilen wurde das Geschnatter in meinem Hirn sogar zu einem langsamen Flüstern.

Dazu kamen die interessanten Spiele der prä-rationalen Esoterik: Divination per Tarotkarten, Astrologie, Pendeln oder Handlesen, das Channeln von Engeln, aufgestiegenen Meistern und anderen Luftikussen, sowie Coaching-Stile, bei denen man die Metaphysik des anderen »liest«. Wenn der so Belehrte das nicht glaubt, ist er oder sie halt noch nicht so weit und mal wieder zu sehr »im Kopf«.

Den Kopf abschalten

Es beginnt also damit, dass man das Denken, den Kopf, den »Mind« nicht ernst nimmt: Gedanken sind Witze. Was irgendwer als intellektuelle Einschätzung einer meditativen oder die eigenen Verhaltensmuster exponierenden Übung von sich gibt, wird kommentiert mit: »Komm mal aus dem Kopf 'raus! Lass dich ein!« Also hört man irgendwann mit kritischen Kommentaren auf. Man hört auch auf, die Übung in den Kontext der jahrhundertealten Tradition der Mystiker aller Zeiten zu stellen und macht einfach.

»Dann, so ohne viel Kopf, wird irgendwie der Sex besser, die Ausstrahlung sinnlicher, und das weibliche Geschlecht mag das«

Dann, so ohne viel Kopf, findet man Gefallen an einfachen Tätigkeiten wie Putzen, Kochen und Blumengießen. Und, oh Wunder, irgendwie wird der Sex besser, die Ausstrahlung wird sinnlicher, und das weibliche Geschlecht mag das. Sie wird zwar wohl eher einen Schlaukopf heiraten wegen der Absicherung des Nachwuchses, aber fürs Bett sucht sie Gelegenheiten der Bekanntschaft mit Entkopften. Nimmt sie lieber die, welche ihren Kopf noch gar nicht eingeschaltet hatten oder die, welche diesen mal gut am Laufen hatten und dann abschalteten? Yeah, you got it!

Nun gab aber dieser Bhagwan recht intelligente Sachen von sich. Er schien echt Ahnung zu haben von Buddhismus und Tantra, Tao und Sufis, sogar Nietzsche wurde klug und differenziert besprochen. Das aktuelle Buch von Rüdiger Safranski über Nietzsche nennt in der Bibliographie sogar das Werk von Osho zu »Also sprach Zarathustra«. Professor Safranski ist ja ein Kumpel von Star-Philosoph Peter Sloterdijk, und der war ja auch einer von uns beim aus-dem-Kopf-kommen; es hat ihm nicht geschadet.

Mir hat es auch nicht geschadet. Osho machte es vor: Wenn der Kopf frei ist von all dem Müll an Gedanken, der einem eingetrichtert wurde und wird, dann kann man recht originelle und fundierte Gedanken durchfließen lassen, und man erinnert sich, dass einige Genies erzählt haben, dass ihnen die Lösung zu hoch komplizierten Problemen in Momenten der Gedankenlosigkeit kam.

Das Modell von Clare Graves

Deshalb will ich jetzt auch mal ein bisschen »gereinigten Kopf«, also System und Wissenschaftlichkeit, einbringen. Z.B das Modell der Graves-Ebenen, das Ken Wilber favorisiert. Es wurde von dem US-amerikanischen Psychologen Clare Graves (1914–1986) entwickelt. Gemäß diesem Modell verläuft unsere individuelle Entwicklung analog einer kulturellen gesellschaftlichen Entwicklung. Das ist zwar auch noch nicht das Nonplusultra, aber es beschreibt einige kulturelle Entwicklungsstufen der Menschheit sehr gut. Dabei ist die Stufe der Prä-rationalen, der orthodox Glaubenden die Stufe 4. Davor waren die noch Prä-rationaleren, die an Naturgeister oder pure Gewaltherrschaft glaubten. Nach den Orthodoxen der Stufe 4 kommen die Wirtschaftsgläubigen und die Gutmenschen. Dann kommt ein evolutionärer Sprung, den erst circa 2% (oder wie viele auch immer, keiner hat es gemessen) der Menschheit gemacht haben: Sie haben alle Glaubenssysteme transzendiert, können wählen, welches sie gerade brauchen und stellen alle in einen globalen oder kosmischen Kontext. Mehr dazu auf www.spiraldynamics.com.

Skulptur Kopf ohne Körper
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Meta-Stufen Systeme

Ein anderer Ansatz: Wir können nach Gregory Bateson (1904-1980; »An Ecology of Mind«) als Menschen in maximal fünf Abstraktionsstufen (besser eigentlich: Meta-Stufen) denken. Warum gehen wir überhaupt in eine (übergeordnete) Meta-Position? Weil es sonst Widersprüche ergibt. Die Mathematiker Bertrand Russell und Alfred North Whitehead etwa versuchten (100 Jahre ist das her) mit ihren »Principia Mathematica«, diese Widersprüche zu vermeiden und eine allgemein gültigen Mathematik als Grundlage der Wissenschaften zu erstellen. Andernfalls gibt es durch Selbst-Referenzialität paradoxe Aussagen wie »Diese Aussage ist falsch!«. Der geniale Kurt Gödel bewies später, dass ein mathematisches System nicht gleichzeitig widerspruchsfrei und vollständig sein kann (»Gödels Theorem«). Leider wurde Gödel ein Beispiel dafür, dass zu viel Kopf nicht gut tut.

Paradoxe lassen sich immer nur lösen, indem man eine Ebene höher geht. Eine Aussage über ein logisches System darf nicht im dem System selbst (»selbst-referentiell«) getroffen werden, sonst gibt es Widersprüche. »Ich bin blöd!«, kann ich (der Blöde) beruhigt sagen, denn damit habe ich mich selbst in flagranti widerlegt: Sowas kann nämlich nur der Meta-Blöde sagen, der eine Ebene höher steht und zwischen blöd und unblöd unterscheiden kann.

Fünf Ebenen

Ich habe mir aus diesen drei Ansätzen ein System der fünf Stufen gebastelt, mit welchem ich die Probleme der Prä-, Meta- und Trans-Rationaliät gut lösen kann und welches mich befähigt, die Angebote der Märkte wahrzunehmen oder abzulehnen. Mal spiel ich mit, mal nicht, »aber immer mit Bewusstheit«.

Also: Wir verarbeiten Informationen in fünf Stufen. Diese Struktur unserer Innenwelt ist in meinem Konzept eine flache Hierarchie. Das heißt: Man muss sich die Stufen kreisförmig angeordnet vorstellen. Jede Stufe bestimmt (korrigiert, modifiziert) die vorherige. Die »unterste« Stufe bestimmt auch wieder die »höchste«.

Wenn wir in Meta-Stufen denken, bekommen wir die Möglichkeit des Einstellens unserer Einstellungen. Die Fähigkeit zu lernen und über uns selbst zu lachen verschafft uns einen Vorteil im Kampf ums Überleben gegenüber schnelleren, giftigeren und/oder zahlreicheren Widersachern und Konkurrenten.

Ich benenne diese fünf Stufen nach den fünf Elementen der griechischen oder indischen mystischen Philosophie: Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther (oder besser: Akasha). Wir können die Ebenen auch mit psychologischen Funktionen bezeichnen.

Erde-Ebene = Inneres Tier
Wasser-Ebene = Inneres Kind
Feuer-Ebene = Innerer Akteur (Ich)
Luft-Ebene = Innerer Meister (Mentor, Über-Ich)
Akasha-Ebene = Inneres Höchstes (Gott)

Diese Ebenen werden in der Literatur auch anders bezeichnet, z.B.: Physischer Körper, Emotionaler Körper, Mentaler Körper, Astraler Körper (bei Klinghardt: Traumkörper), Karmischer Körper (bei Klinghardt: Geistkörper). Diese fünf Stufen können auch mit den fünf Entwicklungsstufen nach Jean Piaget in Korrelation gebracht werden. Ebenso mit den feinstofflichen Körpern, die von den Chakren ausgehen. Dort wird zwar meist mit sieben hauptsächlichen Chakren und Körpern gearbeitet, allerdings sind die höheren drei Körper derart entlegen, dass wir sie in einer Betrachtung der Kognitions-Ebenen vernachlässigen können. Die sechste Ebene wäre so etwas wie Meta-Schweigen – darüber kann man dann eben nicht viel sagen. Workshops in Meta-Schweigen wären auch nicht so spannend (oder gerade doch?).

Von Erde bis Akasha


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Diese fünf Stufen korrelieren weiterhin mit Entwicklungsstufen der menschlichen Gesellschaft und Kultur, basierend auf Entwicklungsstufen der Ökonomie: wie im Individuellen so im Kollektiven. Meta-Marx: Das Sein und das Bewusstsein befinden sich in Wechselwirkung.

Auf der Erde-Stufe nehmen wir nur Reize wahr und reagieren auf diese. Wir glauben, dass alles beseelt ist. Gesellschaftlich entspricht dies der Welt der Horden und Sammler. Wir können diese Stufe sub-rational oder sub-kognitiv nennen (»Sub« bedeutet »unter«).

Auf der Wasser-Stufe können wir die Wahrnehmung der Erde-Ebene wahrnehmen und einstellen. Das geschieht meist unterbewusst und ist erlernt. Wir sind z.B. entweder schmerzempfindlich oder haben eine hohe Frustrationstoleranz. Unser Glauben ist auf dieser Stufe polytheistisch: Wir personifizieren Naturereignisse. Wir glauben an Geister, Engel und Außerirdische. Sozial befinden wir uns hier in der Welt der Stammesgesellschaft. Wir können diese Stufe »prä-rational« oder »prä-kognitiv« nennen.

Auf der Feuer-Stufe können wir unsere Einstellung der Wahrnehmung beeinflussen und verändern. Wir können lernen, uns bewusst zu verändern. Wir vergleichen und beurteilen. Der Glaube ist eher monotheistisch. (Atheismus ist auch eine Form des Monotheismus.) Die Gesellschaftsform ist der Staat mit zentraler Macht und Hierarchie (Feudalstaat, Diktatur). Wir können diese Stufe »rational« nennen, die Stufe der Kognition, der Vernunft.

Auf der Luft-Stufe können wir uns unseres Denkens und Wahrnehmens bewusst werden. Wir wissen, dass unsere Wahrnehmung ein Konstrukt ist und können das Konstrukt verändern. Wir glauben eher nichts, bzw. setzen uns selbst oder den Menschen als Maß der Dinge. Wir können diese Stufe »meta-rational« oder »meta-kognitiv« nennen. Die bürgerliche Gesellschaft freier Eigentümer entspricht dieser Stufe.

Auf der Akasha-Stufe nehmen wir alles als Bewusstsein wahr. Hier ist alles Eins oder Nichts. Die entsprechende Gesellschaftsform gibt es so noch nicht, eine Utopie würde die Möglichkeit der Beteiligung aller an den Unternehmungen aller beinhalten. Die kognitive Ebene ist trans-rational, trans-kognitiv. Die philosophische Weltsicht nennt sich »Pantheismus«. Diese Weltsicht einer impliziten Welt des Bewusstseins auf der unsere explizite wahrnehmbare Welt aufsetzt, setzt sich auch in der wissenschaftlichen Avantgarde zunehmend durch.

Der Wert des Denkens

»Fluch der Aufklärung? Wir wollen nicht wirklich in die Zeit vor Kant und Descartes zurück. Aber wir vermissen auch ein wenig den Zauber der Kinder-Welt. «

Warum nun aber dieses »aus dem Kopf herauskommen« und die ein wenig unglückliche Landung in der Regression? In den Jahrhunderten seit der Aufklärung war der Durchbruch zur Rationalität doch ein Erfolg. Polytheismus und Monotheismus waren mit Aberglauben und Unterdrückung verbunden. Der Mensch strebt nach Wahrheit und Erkenntnis. Die so gewonnene Wissenschaftlichkeit ermöglichte einen großen technischen und medizinischen Fortschritt. Wir wollen nicht wirklich in die Zeit vor Kant und Descartes zurück. Wir wollen nicht wieder zu den Hygiene-Standards des Mittelalters zurück. Aber wir vermissen auch ein wenig den Zauber der Kinder-Welt.

Wir können das Denken wie einen Virus auffassen, der unser Gehirn infiziert hat. Er vermehrt sich rasant. In keiner Zeit wurde so viel Information vermehrt wie heute. Wir sind denk- und informationssüchtig. Dieses Denken engt unsere Flexibilität in der Wahrnehmung der Welt ein. Es raubt uns Energie, es kann den Zugang zur Meta-Stufe und zur Trans-Stufe des Denkens verhindern. Ein verstopftes Hirn denkt nicht gern über sich selbst nach.

In einer eher spirituellen Weltsicht bewerten wir Handlungen und Einstellungen in Anbetracht ihres Wertes für einen letztendlichen Zustand. Teilhard de Chardin nannte diesen Endzustand »Omega-Punkt«. Wir kennen diesen eher als »Erleuchtung«. In karmischer Sicht nehmen wir dieses als letztes irdische Leben in einer Evolution der Seele auf Erden an. (Dann geht's »heim«. Puh, endlich geschafft.) Ohne diesen Bewertungsrahmen des Omega-Punktes kann der Normalo natürlich sagen: »Wieso hast du was gegen mein Denken? Ich habe zu essen, kann Fussball im Fernsehen schauen, und wenn was wehtut, schneidet der Doktor es raus.« Der an Erleuchtung nicht (oder nur vordergründig) interessierte Spirituelle hingegen wird sagen: »Was willst du mich mit Meta-Kognition nerven? Ich habe Engel, Sterne, und alles ist schön bunt und klingend. Das Leben ist wundervoll!« Dieser Artikel und die Bewertung der Kognition in fünf Stufen ist also eher nur was für elitäre Omegisten (wie dich, der du an dieser Stelle immer noch liest?).

Der Entzug vom Denken ist also hilfreich, um den Zugang zu den höheren Ebenen des Geistes und der Seele frei zu machen, um letztendlich einen Omega-Zustand erreichen zu können. Wir können auch unser Denken in die Meta-Stufe und darüber hinaus entwickeln, indem wir konsequent philosophieren. Das ist aber heutzutage schwieriger denn je. Das vom Fernsehen vollgestopfte Hirn (wobei ich außerordentlich gern »Dr. House« und »Lost« sehe) hat es schwer in eine Meta-Stufe zum Denken zu gehen, von Transzendenz und Meditation ganz zu schweigen.

Prä-rationale Spiritualität

Es hilft also, wieder Kind zu werden und das Weltmodell wieder ein wenig zu chaotisieren. Wir können auch im Inneren Kind ein wenig Heilung vertragen und alte Wunden und Löcher in unserer Seele schließen. Wir lernen wieder zu spielen und Wunder zu ermöglichen. Wir erleben mal wieder das Hier und Jetzt und können andere umarmen.

Dann aber ist es unumgänglich, die weitere Entwicklung anzustreben. Und es ist wichtig, die Rationalität und das Denken nicht zu verdrängen und zu verdammen. Denn wir brauchen Intelligenz in diesem Leben. Mentale Kraft ermöglicht Erfolg. Wir sind keine Wandermönche und wir haben auch nicht alle reich geerbt. Wir müssen unseren Lebensunterhalt verdienen. Da hilft mentale Kraft, zielgerichtete und kritische Vernunft. Die Denksucht, die Überbewertung der Rationalität hatte eventuell den Weg zur Meta-Rationalität versperrt. Nun können wir wieder frei denken und träumen. Die Transzendenz wird nun auch möglich. Die Wahrnehmung der Welt als ein Alles, bzw. als ein Nichts. Und uns selbst als Teil eines Ganzen, welches wiederum in uns ist.

Prä-rationale Spiritualität ist nicht verkehrt. Wir sollten sie als eine Stufe begreifen. Wir sollten sie als etwas nehmen, was wir spaßeshalber mal für einen Moment glauben wollen. Letztendlich ist alles ein Spiel. Ewig und unendlich.

Also: Wenn du an etwas glaubst und es für bare Münze nimmst, bist du prä-rational oder kindlich. Wo fängt das an, wo hört das auf? Gibt es Engel? Gibt es Chakren? Das eine, was wir nicht wahrnehmen können, existiert, Elektro-Smog zum Beispiel. Das andere ist nicht wahrnehmbar und ein Konstrukt, individuell oder kollektiv. Es existiert, weil es geglaubt wird. Besser, sich eines solchen Glaubens bewusst zu sein. Manchmal hilft es mir, an den »lieben Gott des Christentums« zu glauben. Mit seiner Hilfe mobilisiere ich Kräfte, die ich sonst nicht habe. Dann schalte ich diesen Glauben wieder ab, weil ich weiß, dass diese Welt nicht in sieben Tagen erschaffen wurde, sondern bei einem Urknall begann und seitdem per natürlicher Auslese à la Charlie Darwin sich evolutionär entwickelte.

Transzendieren

»Wenn ich zu dir sage: ›Chakren gibt es nicht!‹ und du wirst wütend und verteidigst deinen Glauben, dann bist du prä-rational«

Wenn ich zu dir sage: »Chakren gibt es nicht!« und du wirst wütend und verteidigst deinen Glauben, dann bist du prä-rational. Wenn du indes antwortest: »Das mag sein, aber es ist ein nützliches Konstrukt. Ich kann damit Heilerfolge erzielen, auch wenn diese Chakren nicht wissenschaftlich nachweisbar sind und andere Glaubenssysteme der Heilkunst des Ostens, wie das chinesische, diese erstaunlicherweise nicht kennen«, dann bist meta-rational.

Trans-rational ist noch etwas anderes, aber auch sehr schön. Transzendieren tun wir, wenn wir eine Bewertung in einem Kontext von Ewigkeit und Unendlichkeit machen. Ist es gut oder schlecht angesichts der Ewigkeit? Hier gelangen wir in eine Denk-Dimension, der es völlig egal ist, ob etwas schwarz oder weiß, gut oder schlecht ist. Rationales Denken braucht Unterschiede. In der Ewigkeit verwischt sich der Unterschied. Spiritualität sollte unser Leben im Rahmen der Ewigkeit betrachten. Das bringt uns raus aus dem Kopf und in nicht-wertende Bewusstheit, Awareness, Vivek, das, wo uns die trans-rationalen Erleuchteten hinführen, die als Disciples und Devotees keine Glaubenden wollen, sondern Aufwachende.

Also: Wie gelangen wir zur trans-rationalen Spiritualität, der rechten, der guten, der ins Nirvana führenden Spiritualität? Voraussetzung für dieses Transzendieren ist, dass wir unsere Erziehung zur Rationalität loslassen konnten und wieder prä-rational wie die Kinder wurden. (Als Stufe ist der Glaube an etwas ein unumgänglicher Schritt. In meiner überheblichen Wahrnehmung sind 5% der Angebote in körper-geist-seeligen Terminmagazinen prä-rational. Als Stufe ist diese Regression unbedingt unterstützenswert!)

Wenn wir dann den Kopf mal losgelassen haben, stellen wir unsere Wahrnehmung und unsere Konzepte in den Rahmen: Ewigkeit und Unendlichkeit. Da wird alles Eins oder Nichts. Da ist alles »sowohl als auch« und »weder noch«. In dieser trans-rationalen Weltsicht vergleichen wir nicht, werten nicht und beurteilen nicht. Wir sind eins mit Allem, und Alles ist eins mit uns. Oder als eher am Nichts orientierte (was eventuell noch fundamentaler ist als Alles): Wir sind wieder eins mit dem Nichts, dem Urgrund, und das Nichts ist eins mit uns.

Es hängt immer vom Kontext ab. Wir sollten Erkenntnisse nicht verkürzen und auf alle Kontexte anwenden wollen. Also: Geh raus aus dem Kopf, wenn du ein rationaler »kopfiger« Mensch bist und suche das einfache Leben. Um dann deine Intelligenz zu schulen und deine Wahrnehmung zu nicht-wertender Bewusstheit (Awareness) zu entwickeln, mit welcher du die kosmische Intelligenz durch dich fließen lässt, so dass du in Kontexten, die rationales Denken erfordern, echt schlau herüberkommst. Ansonsten sei glücklich!

— Claus David Grube

Claus David Grube, Jg. 52, Börsenmakler, Coach, Autor, lebt in Berlin und der Schweiz (Arbeit in Bern, Wohnen in Thun). Autor von »Das Zen der ersten Million« und »Gewinnen beginnt innen«, www.grube-trainings.de


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Aus dem Heft connection spirit Februar 2009

   
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