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Unsäglicher Schmerz im Namen der Ehre

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Blüte

Die Praxis und Verbreitung der Verstümmelung weiblicher Genitalien

Die am schlimmsten Gepeinigten rebellieren nicht, sagt man. Sie sind zu sehr gedemütigt, unterdrückt, entrechtet oder verarmt. Oft rechtfertigen sie ihr Schicksal sogar noch, denn der Gedanke, dass es auch anders hätte sein können, fügt der Qual und Schmach eine weitere hinzu. Oft sind es Impulse von außen, die den Gequälten ihre Not erst bewusst machen und die Funken des Aufbegehrens in unerträgliche und doch irgendwie ertragene Zustände werfen. So ist es wohl auch mit der schon Jahrtausende lang währenden Grausamkeit der weiblichen Genitalverstümmelung, die noch immer Kontinente übergreifend praktiziert wird, oft oder sogar überwiegend von Frauen selbst durchgeführt. Alle 15 Sekunden kommt irgendwo auf der Welt wieder ein Mädchen unters Messer, um ihre Quelle größter Lust zu verstümmeln

Es war Ende der 1980er Jahre. Das Ausmaß der weiblichen Beschneidung war noch nicht durch die Medien verbreitet, man wusste kaum, dass sowas existierte. Da brachte ein Teilnehmer eines Seminars, von Beruf Arzt, ein Exemplar der Medical Tribune mit, in der sich die Wissenschaft in einem Artikel fragte, ob beschnittene Frauen noch orgasmusfähig wären. Als ich den Artikel vollständig vollständig gelesen hatte, war ich schockiert. Es ging mir durch alle Glieder, und ich bekam vor Schrecken eine Gänsehaut.

Bis dahin hatte ich noch nie gehört, dass es bei Frauen eine genitale Beschneidung gibt und dass diese weit über das hinausgeht, was die männliche Beschneidung ausmacht: das Durchtrennen des Bändchens, das Eichel und Vorhaut verbindet. Bei den Juden als alter Brauch bekannt, in den USA aus medizinischen Gründen flächendeckend ausgeführt, kommt die männliche Beschneidung nicht daher als unnötig und grausam, sondern als vernünftig und hygienisch. Doch auch dieser vergleichsweise geringe Eingriff kann Traumatisierungen hinterlassen, das weiß ich aus der Geschichte männlicher Klienten. Auch bei uns wird dieser Eingriff manchmal bei einer Vorhautverengung durchgeführt.

Verharmlosung

In besagtem Artikel wurde aber nicht die Grausamkeit dieses alten Brauches diskutiert, die mir die Tränen in die Augen getrieben hatte. Stattdessen war dort die Rede davon, dass selbst in diesen Kulturen die Ehefrau noch Möglichkeiten habe, dem angetrauten Gatten mit einem Ritual anzeigen zu dürfen, dass sie Lust habe auf eine eheliche Vereinigung; etwa indem sie sich in ein spezielles Zelt zurückzog, heiliges Räucherwerk verbrannte und mit Gesängen ihm ihre Bereitschaft signalisierte. Dieser Artikel behauptete außerdem, dass Frauen, denen man die äußeren und die inneren Schamlippen entfernt hatte und die Klitoris, und deren Öffnung man außerdem noch bis auf eine winzig kleine Öffnung für Urin und Regelblutung fast völlig zugenäht hatte, dass es durchaus sein könne, dass solche Frauen noch einen Orgasmus haben könnten.

Ich war entsetzt. Und wie kriegt sie dann Kinder? Und wie kann sie Sex haben ohne unerträgliche Schmerzen, wenn doch die Öffnung kleiner ist als ein Penis? Weiter wurde geschildert, wie der Ehemann von den anderen Männern der Familie nach der Hochzeitsnacht beglückwünscht wurde, wenn es ihm gelungen war, seine zugenähte und genital vernarbte Frau in der Hochzeitsnacht mit »Rutenpeitschen« allein, das heißt, nur mit seinem Penis und ohne zusätzliche Hilfe eines Messers zu penetrieren. Das gilt als Hochleistung – ihre Schmerzen wurden in dieser medizinischen Zeitschrift nicht kommentiert. Von ihren Schreien – oder schlimmer: von ihrem eventuell völlig stummem Leiden – kein Wort. Dazu war eine Bleistiftzeichnung abgebildet, die verharmlosend eine zugenähte Vagina zeigte. Mir wurde übel.

Stumme Akzeptanz

Als die Mullahs 1979 die Islamische Republik im Iran ausriefen und der Sturz des Rezah Pahlevi endgültig war – was von vielen Linken bejubelt wurde – brachten die Medien ganz nebenbei die Nachricht, dass jetzt wieder zumindest teilweise die Beschneidung der Klitoris eingeführt werde. Kaum einer nahm davon Notiz.

Ein Ägypter: Beschnittene Frauen sind »besser zu handhaben«

In dieser Zeit sah ich zufällig einen Fernsehbericht, in dem gezeigt wurde, wie ein siebenjähriges Mädchen in Kairo vom Vater zum Barbier geführt wurde. Da wurde es dann beschnitten, umgeben von Männern, die rasiert wurden; sie schenkten dem Vorgang kaum Beachtung, so normal war das dort. Inzwischen ist die Beschneidung der Frauen offiziell in Ägypten verboten, aber noch vor drei Jahren, als ich dort den Urlaub verbrachte, erwähnte der Fremdenführer, ein Mann um die fünfzig, dass seine Frau noch beschnitten sei, und das sei gut so. Ich war die einzige aus der Touristengruppe, die sich darüber zu erregen schien: Ich fragte, was denn daran gut sein könnte, wenn eine Frau genital verstümmelt sei. Da waren die anderen in der Gruppe sauer, dass ich das stumme Lauschen unterbrochen hatte, und der Fremdenführer sagte allen Ernstes, die Frau sei dann besser zu »handhaben«. Das sei auch keine Verstümmelung, sondern eine alte Sitte, die sich schon seit Jahrtausenden bewährt hätte. Dann setzte er noch eins drauf und meinte, seine Töchter, seien »leider« nicht beschnitten, weil das heute illegal sei. Ich musste mich beherrschen, keinen Schreikrampf zu kriegen, atmete gepresst heftig tief durch und vermochte es, ihn halbwegs zivilisiert zu fragen, ob er jetzt denke, seine Töchter hätten weniger Ehre. Darauf schwieg er und machte weiter im Text.

Noch mehr aber regte mich die stumme Akzeptanz der europäischen Mitreisenden auf, denen ich bei unseren Ausflügen auf die Nerven zu gehen pflegte mit meinen Fragen zu Mubarak, dem Terrorismus und der himmelschreienden Armut in den Slums von Kairo. In allen deutschen Dialekten wurde ich aufgefordert, endlich die Klappe zu halten und die Eigenart der besuchten Kultur zu akzeptieren. Man bot mir an, ich könne ja nach Hause schwimmen – wir waren im Boot auf dem Nil unterwegs – und dabei darüber nachzudenken, warum ich ständig andere in ihrem Reisegenuss stören müsse.

Frau

150 Millionen Verstümmelte

Immer wieder stieß ich dann auf Berichte in den Medien zu diesem Thema. Darunter ein Bericht über einen Ort in Schwarzafrika, es könnte Somalia oder Äthiopien gewesen sein, in dem ein vierjähriges Mädchen gezeigt wurde, dem die Beschneiderin mit Glasscherben die Schamlippen und die Klitoris weggeschnitten hatte, um dann die blutende Wunde mit Akaziendornen zusammenzustecken. Daraufhin wurden der Kleinen die Beine zusammengebunden, das Blut lief in den Dreck – ob das Mädchen diese Tortur überlebt hat, weiß keiner.

Seit Anfang der 1990er Jahre wurde immer weiteren Kreisen bekannt, dass weltweit 150 Millionen Frauen genital verstümmelt sind. Das ist fast die doppelte Anzahl der Einwohner der Bundesrepublik Deutschland. Während ich dies schreibe, schreien irgendwo im Tschad, in Somalia, in Ägypten und Äthiopien Mädchen zwischen vier und achtzehn Jahren vor Schmerzen, weil ihnen die Genitalien weggeschnitten werden. Meist unter primitivsten hygienischen Bedingungen und ohne Narkose. Jedes Jahr kommen zwei Millionen dazu, jeden Tag weitere sechstausend, alle 15 Sekunden wird wieder ein Mädchen genital verstümmelt. Während du diesen Text liest, geht die Barbarei weiter, fast ungehindert, im Namen der Ehre, der Keuschheit, der Reinheit, der Würde des weiblichen Geschlechts.

Frau

Die Weltgesundheitsorganisation WHO erarbeitete 1995 eine Klassifikation des Eingriffs:

  • Typ I: Teilweises oder vollständiges Entfernen des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut (Klitoridektomie).
  • Typ II: Teilweises oder vollständiges Entfernen des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris und der kleinen Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der großen Schamlippen (Exzision).
  • Typ III: Verengung der Vaginalöffnung mit Bildung eines deckenden Verschlusses, indem die kleinen und/oder die großen Schamlippen beschnitten und zusammengefügt werden, mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris (Infibulation).
  • Typ IV: In dieser Kategorie werden alle Praktiken erfasst, die sich nicht einer der anderen drei Kategorien zuordnen lassen. Die WHO nennt beispielhaft das Einstechen, Durchbohren, Einschneiden (Introzision), Abschaben sowie die Kauterisation weiblichen Genitalgewebes.

Beschnittene afrikanische Mädchen und Frauen, die älter als 15 Jahre sind, sind zu etwa 90 % von Praktiken der Typen I und II sowie Typ IV betroffen, zu 10 % von Praktiken des Typs III.
(Quelle: wikipedia)

Resonanz der Werte

Die historischen Wurzeln der weiblichen Beschneidung gehen weit zurück und sind nicht islamischer Herkunft, obwohl es heute weitgehend islamische Länder in Afrika sind, in denen sie praktiziert wird, und ausschließlich patriarchalische Kulturen. Es gibt dort also, wenn auch vielleicht keine Verursachung, so doch eine gewisse Resonanz der Werte zwischen Islam, Patriarchat und der Kultur der genitalen Verstümmelung der Frauen. Positiv zu bewerten ist, dass die islamischen Autoritäten sich in dieser Sache zu besinnen scheinen: Immerhin beschloss am 23. November 2006 – das ist gerade mal gut zwei Jahre her – eine internationale Konferenz von Islam-Gelehrten in der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo, dass die Beschneidung weiblicher Genitalien mit der Lehre des Islam nicht zu vereinbaren ist. Bis vor kurzem gab es Beschneidungen auch in koptisch-christlichen Familien (in Ägypten), außerdem in Indonesien und vereinzelt in Indien. Ob ein Mädchen beschnitten wird, hängt weniger mit ihrer Zugehörigkeit zu einer Nation zusammen als mit ihrer ethnischen Gruppe. Vom Propheten Mohammed wird gesagt, dass er die schwere Form der Beschneidung vorfand und sie in eine milde wandelte, in der »nur« das Abschnipseln der Klitoris praktiziert wird, wenn sie »zu hoch« stand.

Die »pharaonische Beschneidung« führt bei 30% der so Beschnittenen zum Tod

Die so genannte »pharaonische Beschneidung«, das heißt, Typ drei der oben genannten Klassifikation, führt bei 30% der so Beschnittenen zum Tod. Es wird gesagt, dass von den auf diese Weise verschwundenen Mädchen immer seltener und schließlich gar nicht mehr gesprochen wird. Was geht in einer Mutter oder auch in einem Vater vor, die auf diese Weise den Tod ihrer Tochter selbst verursacht haben und ihn dann leugnen müssen? Davon habe ich nirgendwo eine Schilderung gefunden. Kein Richter, keine Anzeige, keine Verhandlung. Wo ist das Herz einer solchen Mutter? Höchstwahrscheinlich ist sie selbst beschnitten und meint, ihre Tochter findet keinen Ehemann, wenn man ihrer kleinen Yoni die natürliche Form lassen würde.

Aufklärung

Sicherlich bin ich geprägt von meinen westlichen und auch noch tantrischen Wertvorstellungen, und dieses Thema wird durchaus kontrovers diskutiert. Immerhin fand man königliche Mumien in Ägypten, die beschnitten sind – alles, was aus der Pharaonenkultur kommt, wird ja gerne kritiklos glorifiziert. Da die Beschneidung fast immer von Frauen ausgeführt wird, dieser Beruf auch noch ehrenhaft ist und eine gesicherte Existenz bedeutet, ist die Aufklärung über die unnötigen Qualen und Folgen für die Frauen eine notwendige Arbeit, die viel Geduld erfordert. Darum bemüht sich das »Interafrikanische Komitee gegen traditionelle Praktiken« in Zusammenarbeit mit der Unicef.

Bei jeder Geburt wiederholt sich das Martyrium. Bei jedem Toilettengang, bei jeder Regel, bei jedem Sex mit dem Mann

Die Beschneiderinnen verfügen im Allgemeinen nicht über gute anatomische Erkenntnisse, was die Konsequenzen für die Frauen verschlimmert. Manche der beschnittenen Frauen brauchen bis zu 30 Minuten, um Urin abzulassen; ihre Regelblutung staut sich oft und führt zu entsetzlichen Infektionen; der Vollzug der Ehe wird zur Dauerfolter; eine Geburt, die schon unter normalen Umständen mit Schmerzen verbunden ist, wird unter diesen Bedingungen zum unerträglichen Trauma. Wenn die vaginale Öffnung fast ganz verschlossen war, muss die Frau für die Geburt vorher aufgeschnitten werden – und wird dann hinterher wieder zugenäht! Bei der nächsten Geburt wiederholt sich das Martyrium. Bei jedem Toilettengang, bei jeder Regel, bei jedem Sex mit ihrem Mann.

Kein Entrinnen …

Ich zitiere Waris Dirie, die »Wüstenblume«, die 1996 mit ihrem Buch zum Thema weltweit Aufsehen erregte und heute für die Uno arbeitet: »Dann spürte ich wie mein Fleisch, meine Geschlechtsteile, fortgeschnitten wurden. Ich hörte den Klang der stumpfen Klinge, die durch meine Haut fuhr. Es gibt keine Worte, die den Schmerz beschreiben könnten. Es ist als ob dir jemand ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel reißt oder dir den Arm abschneidet, nur dass es sich dabei um die empfindsamsten Teile deines Körpers handelt. Ich rührte mich keinen Zentimeter, denn ich wusste, dass es kein Entrinnen gab. ?Herr im Himmel lass es rasch vorüber sein,? betete ich, dann verlor ich das Bewusstsein. Als ich aufwachte, dachte ich, ich hätte es hinter mir, doch da begann erst der schlimmste Teil. Meine Augenbinde war weggerutscht, und ich sah, dass die Mörderin eine Sammlung Dornen des Akazienbaums neben sich aufgehäuft hatte. Mit den Dornen stach sie Löcher in die Haut, durch die sie einen festen, weißen Zwirn schob, um mich zuzunähen. Meine Beine waren mittlerweile völlig taub, doch der Schmerz in meiner Scheide war so furchtbar, dass ich nur noch sterben wollte. An diesem Punkt bricht meine Erinnerung ab.«

Beschneidung auch in Deutschland

Was ich vor der Recherche für diesen Artikel nicht wusste, ließ mir den Schreck noch ein Mal in die Glieder fahren: zehn- bis zwanzigtausend Mädchen, Kinder von Einwanderern aus den Gebieten, wo die Beschneidung üblich ist, sind auch in Deutschland hoch gefährdet. Bei uns darf kein Arzt eine solche Operation ausführen, sie erfüllt den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung. Unter Umständen wird ein Mädchen deshalb für die OP von der Mutter rückgeführt in ihr Heimatland. Wenn das in irgendeinem Land der EU den Behörden bekannt wird, dann wird die Ausreise verboten – aber vielleicht passiert es dann stattdessen in einem dreckigen Hinterhof bei uns. Terre des Femmes führt die enorm hohe Müttersterblichkeit in Afrika auf diese Verstümmelungen zurück.

Potenzängste

Osho sagte in seinen Vorträgen über Tantra, dass die sexuelle Unterdrückung der Frau in den Potenzängsten der Männer ihren Ursprung hätte, und der weiße Mann sei voller Potenzängste gegenüber dem potenten schwarzen Mann. Da ist was dran, meine ich. Der weiße Mann hat weiß Gott eine schreckliche Geschichte, was die sexuelle Unterdrückung der Frau betrifft. Wenn aber der weiße Mann schon solche Potenzängste hat, wie groß muss dann die Angst der Männer in diesen afrikanischen Ländern sein vor der Lust ihrer Frauen?

»Die Realität ist ein Fehler. Wir müssen sie korrigieren«

Scheich Dr. Wahdan: »Eine Beschneidung macht die Mädchen, bei denen sie erforderlich ist, keusch, würdig und rein«

Hier nun Auszüge aus einem Gespräch zwischen Dr. Malika Zarrar, Universitätsdozentin für islamisches Recht und Scheich Dr. Muhammad Wahdan, Dozent an der Kairoer Al-Azhar-Universität, gesendet auf dem kuwaitischen Fernsehsender AlraiTV.

Dr. Wahdan: Wie Ibn Al-Qayyem berichtet, war (Abrahams erste Frau) Sara sehr eifersüchtig auf Hagar, als diese Abraham heiratete und schwanger wurde. Sie schwor bei Gott, dass sie Hagar drei Körperteile abschneiden würde. Weil Abraham fürchtete, dass sie Hagar Nase und Augen ausschneiden würde, befahl er ihr, Hagars Ohren zu durchstechen und sie zu beschneiden. So begann die Beschneidung von Frauen in der Geschichte.
Dr. Zarrar: Ich rede mit Ihnen über die Realität – die Realität, in der ich selbst aufgewachsen bin. Ich rede über das, was in Südägypten passiert, über die Nubier, über die kleinen Bauern und so weiter. Ich spreche über eine Wirklichkeit, die ich gemeinsam mit jeder Frau erlebe. Die Beschneidung ist ein Verbrechen, religiös wie rechtlich.
Wahdan: Die Beschneidung existierte bei den alten Arabern und sogar bei den rechtgeleiteten Kalifen. Dafür gibt es sehr viele Hinweise. Wenn die Beschneidung also heute für so viel Aufregung sorgt, dann liegt das daran, dass falsch damit umgegangen wird.
Moderatorin: Was ist ein falscher Umgang?
Wahdan: Nun, wenn zum Beispiel jemand seine Tochter zu einer lokalen Beschneiderin bringt, die keine Expertin ist. Ich bin gegen die pharaonische Beschneidung, die in Ägypten immer noch praktiziert wird. Ich bin absolut gegen das komplette Entfernen der Klitoris, weil das verboten ist und Gott nicht gefällt. Der Kalif Omar sagte zur Beschneidung: »Wenn du die Khifadh-Beschneidung (übersetzt: das Kappen der Klitoris) durchführst, lasse immer einen Teil übrig.« Sie ist aber nicht für alle Mädchen gedacht, sondern nur für einige.
Moderatorin: Welche Mädchen?
Wahdan: Einmal rief mich ein Mädchen an – es ist ja kein Grund sich zu schämen, wenn man Fragen zur Religion hat – ein Mädchen rief mich also an und sagte: »Wenn ich mit der U-Bahn fahre und enge Jeans trage … die U-Bahn rüttelt ja so stark. Das erregt mich dann sehr, was soll ich tun?« Ich habe einen Arzt gefragt, der mir sagte, dass die Klitoris dieses Mädchens wohl sehr hoch sitze und ein kleiner Teil abgeschnitten werden müsse. Wenn ein Mädchen eine Beschneidung benötigt, sollten wir sie durchführen.
Zarrar: Der Prophet Muhammed hatte vier Töchter. Haben Sie je davon gehört, dass er eine von ihnen beschneiden ließ?
Wahdan: Das islamische Forschungszentrum der Al-Azhar-Universität veranstaltete am 14. November 1994 eine Tagung zur Beschneidung von Frauen – und ich habe den Beschluss hier bei mir, falls jemand eine Kopie haben will. Das war nachdem CNN einen Bericht über ein Mädchen in Ägypten ausgestrahlt hatte, das auf brutalste Art beschnitten wurde.
Zarrar: Beschneidung ist immer brutal. Wahdan: Das Forschungszentrum, also die höchste religiöse Autorität der islamischen Welt, kam zu dem Schluss, dass die Beschneidung von Frauen, die Khifadh-Beschneidung, im Islam legal ist und nicht verboten werden darf.
Moderatorin: Haben Sie Töchter?
Wahdan: Ich habe keine Töchter. Ich wünschte, ich hätte welche.
Zarrar: Gut, dass Sie keine haben!
Wahdan: Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich sie beschneiden lassen.
Moderatorin: Haben Sie Schwestern?
Wahdan: Ja, habe ich.
Moderatorin: Wurden sie beschnitten?
Wahdan: Wir brachten meine jüngeren Schwestern zu einem Spezialisten. Der sagte, dass die eine eine Beschneidung brauchte, die andere aber nicht. Also führten wir die Khifadh-Beschneidung bei der durch, die sie benötigte, und ließen es bei der, wo es nicht erforderlich war. Im Jahr 2001 führte das Zentrum für Bevölkerungsforschung der Al-Azhar-Universität eine Untersuchung über die Keuschheit ägyptischer Mädchen und den Zusammenhalt der ägyptischen Familie durch. Das erste Kriterium war die Khifadh-Beschneidung der Mädchen, das zweite ihre Sittsamkeit. Beim dritten Kriterium ging es darum, wie Mütter das Verhalten ihrer Töchter bewerten. Und als letztes um die Einhaltung der Gebete.
Moderatorin: Wird denn das Mädchen gefragt, ob es beschnitten werden möchte oder nicht?
Wahdan: Nein. Wir fragen den Arzt, und der entscheidet.
Zarrar: Gott steh uns bei!
Moderatorin: Was ist also mit dem Willen des Mädchens?
Wahdan: Was meinen Sie?
Moderatorin: Was ist, wenn sie sagt: Ich möchte nicht beschnitten werden?
Wahdan: Sie ist frei, das ist kein Problem.
Moderatorin: Aber ist das wirklich so?
Wahdan: Mir geht es nicht um die Realität. Ich spreche davon, wie die Dinge sein sollten. Die Realität ist ein Fehler. Wir müssen sie korrigieren. Sehen Sie, in Ägypten gibt es viereinhalb Millionen alte Jungfern. Das sind Frauen, die das dreißigste Lebensjahr erreicht haben, ohne jemals einen Heiratsantrag erhalten zu haben. Wir haben in der arabischen Welt also ein Jungfernproblem. Und das Letzte, was wir wollen, ist, dass sie sexuell erregt sind. Eine Beschneidung macht die Mädchen, bei denen sie erforderlich ist, keusch, würdig und rein.

Grafik: Anteil beschnitter Frauen an der Gesamtpopulation in afrikanischen Ländern

Das Interview spricht für sich, meine ich. Was würden eigentlich diese Männer sagen, wenn ein Hoden höher hängt als der andere und deshalb ein wenig geschnippelt wird? Oder wenn in einem Matriarchat die Frauen über die älteren alleinstehenden Männer mit ihrer Erregung sagen würden: Das ist das Letzte, was wir wollen! Meines Wissens ist die sexuelle Erregung von älteren Männern weltweit sehr viel mehr ein Problem, da gehe man nur mal auf den Kinderstrich in Bangkok.

Aber inzwischen gibt es die vaginale Schönheitsoperation auch hier im Westen, natürlich erst Mal in Amerika: vaginal surgery! Zum Verschönern, für die Symmetrie und so weiter. Aber natürlich unter modernsten, klinischen Bedingungen – man tut ja alles für die Schönheit. Und da muss keine fürchten, aus Versehen zugenäht zu werden…

— Advaita Maria Bach

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Jg. 1949, Stud. der Phil. Polit. und Soz. 1982-87. Ausbildung bei Margo Naslednikow im Skydancing Tantra. Seit 1987 eigener tantrischer Weg auf der Grundlage von Wilhelm Reich und den modernen Körpertherapien. Seit 1998 bietet Advaita eine fünfjährige Tantra-Lehrer-Ausbildung an. www.advaita-tantra.de


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Aus dem Heft connection spirit Februar 2009

   
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