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Editorial connection spirit 04/09

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Weisheit
… und das Finden der richtigen Mitte

Photo Wolf Schneider

»Weisheit« steht auf dem Titelblatt dieser Zeitschrift seit ein paar Jahren an prominenter Stelle. Ganz schön gewagt, finde ich, denn es gilt doch eher: Wer sich selbst für dumm hält, hat immerhin einen Funken von Weisheit in sich; wer sich hingegen für weise hält, hat in der Regel noch nicht viel verstanden. Immerhin soll hier auch das redliche Streben zählen: Wir bemühen uns drum!

Was uns fehlt

Gerade habe ich vom Dumont-Verlag das Buch »Weisheit – über das, was uns fehlt« zugeschickt bekommen. Der TV-Journalist Gert Scobel hat es geschrieben. Einmal habe ich ihn in seiner Sendung gesehen (»Scobel« am Do auf 3sat; er hat übrigens auch die sehr gute Sendung Kulturzeit jahrelang geleitet). Dort ging es um Gehirnforschung, Sprache, unsere Beeindruckbarkeit durch Sprache, und ich war schwer beeindruckt (von der Sprache…) und freute mich, dass es solche TV-Journalisten gibt – ein Highlight in unserem ansonsten mich nicht so überzeugenden deutschen Fernsehprogramm.

Mit dem Buch bin ich zwar bisher noch nicht weit über das Inhaltsverzeichnis hinaus gekommen, aber schon dieses entzückt mich: Da ist von der psychologischen Weisheitsforschung (Baltes) die Rede, von Weisheit und Komplexität, Weisheit und Gesellschaft, von Meditation, Glück, Flow und der Essenz des Buddhismus. Im Vorwort nennt Scobel anerkennend die Schweizer Zen-Lehrer Nikolaus Brantschen, Enomiya-Lassalle, outet sich selbst als Zenschüler und schreibt: »Eine meiner Hauptthesen ist, dass Weisheit nichts mit Esoterik zu tun hat, aber viel, wenn nicht alles damit, die Komplexität des Lebens zu meistern«. Gut gesagt. Der Anspruch von Esoterik ist zwar ursprünglich wohl, die Essenz von Weisheit in ein nicht-kirchliches, Transzendenz vermittelndes System zu packen, aber das scheitert, wie man allzuoft leider sieht – vielleicht muss es ja scheitern. Scobels Buch liest sich überwiegend eher wie ein Feuilleton oder eine akademische Arbeit, aber es steckt voller Trüffel, wie z.B. das folgende Zitat des Weisen Hui Neng (chin. Zenmeister, 638–713):

Keine Sünde, kein Segen

»Wenn wir plötzlich erwachen, ist das ganze Universum leer. Keine Sünde, kein Segen, kein Verlust und kein Gewinn: Suche solche Dinge nicht inmitten des vollkommenen Friedens. Solange wir Tao suchen und verdienstvolle Werke vollbringen, werden wir Erleuchtung nie erlangen. Ich suche weder Wahrheit noch weise ich Täuschungen ab. Der Geist, in den Gegensätzen gefangen, bringt nur geschickte Lügen hervor. Ein Mond spiegelt sich in allen Wassern. Alle Wasser-Monde haben den einen Mond. Die Hungrigen kommen vor eine königliche Tafel – aber sie können nicht essen! Wenn du klar und deutlich siehst, gibt es nicht ein Ding. Schmälere den unermesslichen Himmel nicht, in dem du ihn durch ein Schilfrohr betrachtest. Gehen ist Es, Sitzen ist Es, Sprechen oder Schweigen. Bewegung oder Ruhe – die wahre Natur ist immer Frieden, selbst das Schwert des Todes vor Augen.«

Skizzen eines Augenblicks

Und er schließt sein Buch mit dem Zitat von Zen-Meister Linji Yixuan (jap. Rinzai Gigen; eine der beiden größten jap. Zenschulen geht auf ihn zurück): »Weggefährten, haltet euch nicht an das, was ich euch sage! Weil das, was ich euch lehre, keine feste Grundlage hat. Es sind nur Skizzen eines Augenblicks im Nichts. Es sind nur Abbildungen, eben nicht die Wirklichkeit, wenn auch mit schönen Farben gemalt. Es sind hohle Lehrgebäude, wie alle anderen Lehrgebäude auch.«

»Weisheit hat nichts mit Esoterik zu tun, aber viel damit, die Komplexität des Lebens zu meistern« — Gert Scobel

Das ist Weisheit. Und es ist das, was uns Bewohnern dieses Planeten fehlt, darin stimme ich mit Scobel überein. Im Titelthema »Buddhismus« dieses Heftes haben wir einige weitere Trüffel versteckt, darunter das Herzsutra und die eine oder andere Weisheit speziell aus dem chinesischen Chan-Buddhimus (Ach, könnte sich diese chinesische Tradition doch mit der heutigen Kultur Tibets verbinden und so dort Frieden stiften!).

Die Ethik

Das sollte jedoch nicht vergessen lassen, dass es auch eine starke buddhistische Ethik gibt, mit Anweisungen für das Verhalten im Diesseits, buddhistisch »Samsara« genannt. Die buddhistische Nonne Pema Chödron spricht bei einer einseitigen Ausrichtung auf das Nirvana (die Befreiung, die Leere) sogar von einer »Nirvana-Neurose« und fordert: »weder die Stille noch das Geschehen vorzuziehen, oder man könnte auch sagen, weder die Geschäftigkeit von Samsara noch die Stille von Nirvana« (aus: Liebende Zuwendung, Freude im Herzen, Aurum Verlag 2000).

Recht hat sie! Lebenskunst besteht darin, zwischen Mystik und Ethik, Nirvana und Samsara, Stille und Geschehen die richtige Mitte zu finden, alles andere wäre neurotisch.

— Wolf Schneider

   
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