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Wenn Liebe und Mitgefühl über das Persönliche hinauswachsen

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Wenn Liebe und Mitgefühl über das Persönliche hinauswachsen
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Je leerer desto voller

Aus unseren privaten Beziehungen ebenso wie in unserem politischen und wirtschaftlichen Handeln kennen wir das Gebot mitfühlend zu sein. Die Art wie wir es befolgen hilft jedoch oft niemandem oder richtet sogar Schaden an, weil wir es auf eigennützige Art umsetzen. Erst ein Durchdringen der Illusion des Persönlichen lässt uns tiefer fallen in einen Raum, in dem echtes Mitfühlen geschehen kann, echte Liebe und echte Freundschaft.

Mitgefühl ist das Zeichen eines offenen Herzens. Wenn wir anderen gegenüber offen sind, fühlen wir ihr Leiden in einer ganz natürlichen Weise, und unser Herz öffnet sich für sie. Mitgefühl ist eines der vielen Gesichter der Liebe. Lasst uns zunächst eine Unterscheidung treffen: die zwischen Mitgefühl und Mitleid. Mitleid wird in der Regel von einem Gefühl der Überlegenheit begleitet: Da schaut man auf die arme Kreatur herunter, der da leidet. Im Englischen ist Mitleid (pity) mit dem Wort für Frömmigkeit (piety) verwandt, bei dem ein Gefühl der moralischen Überlegenheit mitschwingt.

Die armen Hawaiianer

Mitgefühl ist oft geheuchelt worden und hat als solches enorm viel Leider verursacht. Ich bin zur Zeit auf Maui, einer der Hawaii-Inseln, da sind die Wirkungen des »Mitgefühls« der Missionare noch sehr gut sichtbar. Als sie ankamen, trauten diese Christen aus New England ihren Augen nicht: Da sahen sie Menschen, die kein Gefühl für eine reguläre Arbeit hatten, wie sie da Fische fingen und schwammen und mit dem Kanu herumfuhren und so viel Freizeit hatten, dass das Probleme geradezu einlud. Christlich fromm wie sie waren, mussten die Missionare für diese verlorenen Seelen erstmal eine ordentliche Arbeit finden. In ihrer »Güte« und ihrem Dienst an Christus erwarben sie erstmal einen großen Teil der Insel für sich selbst und verwandelten diesen in riesige Zuckerrohr- und Ananas-Plantagen. Nun konnten die Hawaiianer in den Augen dieser Missionare in den Zuckerrohrfeldern eine ehrliche Arbeit finden. Die Einheimischen verweigerten sich der Sicht der Missionare jedoch und setzten ihre Subsistenzwirtschaft und ihre kommunale Lebensweise fort. Dann wurde in Wellen chinesische, japanische und schließlich philippinische Arbeistkräfte auf die Felder gebracht und in die Zuckermühlen und Ananaskonservernfabriken, was die Einheimischen Hawaiianer an den Rand der Gesellschaft drängte. Auch heute noch arbeiten Philippinos auf den Feldern.

Das Bedürfnis, jemandem zu helfen, leistet oft nicht das, was diejenigen, denen wir da helfen wollen, wirklich brauchen

Der Prozess der Zivilisierung

Alexander und Baldwin, die heutigen Besitzer der Ländereien, entschieden sich, im vergangenen Jahrzehnt mit der Ananasproduktion aufzuhören. Die christianisierte und verwestliche Lokalbevölkerung kann nun nur noch auf dem Bau Arbeit finden. Sie helfen nun beim Bau von Häusern auf dem Land, das früher mal der Gemeinbesitz ihrer Vorfahren war. Die neuen Häuser gehören den Reichen, die inzwischen von weit her auf die Insel gekommen sind. Jeden Herbst kleideten sich die Missionare in ihre Wollsachen, so wie sie es aus ihrer kalten Heimat Neu-England gewohnt waren. Sie konnten den Anblick der fast nackten Einheimischen am Strand nicht ertragen und machten ihnen klar, dass gute Christen sich so wie sie kleiden würden. Bald trugen auch die einheimischen Frauen schlichte Kleider mit langen Ärmeln, geschlossenem Kragen und langen Röcken. Auch heute noch kann man sehen wie sich alte Tantchen auch bei Sonnenschein und Hitze auf diese Art kleiden.

1. Zweitwährung

Alle Länder, für die das sinnvoll ist, führen parallel zum Euro eine Zweitwährung ein. Diese wird für den internen Handel und Zahlungsvorgänge benutzt, während der Euro weiterhin für den externen Zahlungsverkehr und die internationalen und globalen Handelbeziehungen zur Verfügung steht. Damit ist das Problem unterschiedlicher Wirtschaftsleistungen und damit der Bewertung der Währungen am einfachsten und elegantesten in den Griff zu bekommen. Ähnlich wie zwei Jahre vor der Einführung des Euro bestehen die nationalen und die europäische Währung nebeneinander. Während die nationale Währung im Wert dem Euro gegenüber schwankt kann der Euro stabil und unbeeinflusst von den wirtschaftlichen Unterschieden bleiben.

Das Unwohlsein der Missionare

Als Schafe auf die Insel gebracht wurden, brauchte man Zäune. Die einfallsreichen Missionare brauchten daraufhin einen in Schottland einheimischen Dornbusch mit, der als undurchdringliche Dornenhecke die Funktion eines Zauns erfüllte, in dem er Schafe und andere Lebewesen von einem Grundstück fernhielt. In seiner Heimat ist dieser Busch eine einjährige Pflanze, die im Winter eingeht und dann im Frühjahr wiederkommt. Hier, im sonnigen Maui aber, ist der Busch nun nicht mehr einzudämmen und breitet sich mit seinen Dornen überall aus, während es die Schafe längst nicht mehr gibt.

Die Baldwins und andere Missionarsfamilien wurden unermesslich reich. Die einheimischen Hawaiianer, denen sie »geholfen« haben, lernten sich richtig anzuziehen und zur Kirche zu gehen, wurden dabei jedoch in die Armut getrieben.

Was wir daraus lernen könnten ist, dass das Bedürfnis, jemandem zu helfen, oft nicht das leistet, was diejenigen, denen wir da helfen wollen, wirklich brauchen. Stattdessen kommt es von unserem Bedürfnis, uns besser zu fühlen. Es war das Unwohlsein der Missionare mit ihrem eigenen Körper, dass dazu führte, dass sie denen, die sie da für unzivilisiert hielten, helfen wollten.

Wenn Liebe und Mitgefühl über das Persönliche hinauswachsen
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Eigennützige Hilfe

Das ist der wirkliche Unterschied zwischen dem Versuch mitfühlend und hilfreich zu sein und wirklichem Mitgefühl: Wirkliches Mitgefühl ist ein Ausdruck von Liebe. Liebe versucht nicht, etwas zurecht zu machen oder zu kontrollieren oder es so hinzukriegen, wie man denkt, dass es sein sollte. Mitgefühl sucht nicht nach Anerkennung oder sonst einer Belohnung und hat auch kein Patent für das, was passieren sollte. Manchmal ist der mitfühlendste Akt der, gar nichts zu tun; ein ander Mal ist es, dass du dich vor einen Zug wirfst.

Einige Jahre ist es her, da leitete ich zusammen mit einem jungen Mann, der ein Abkömmling der Baldwins ist, eine Gruppe und hatte dort eine CD aufgelegt mit einem Lied von Israel Kamakawiwoʻole. Es war ein sehr bewegendes Lied, ein Ausdruck der Trauer über das, was hier in Hawaii alles verlorengen gegangen war. Es berührte den Mann so sehr, dass er weinte. Für ihn war das ein sehr bedeutsamer Moment.

Die Frau, die neben ihm saß, spürte sein Unwohlsein. Sie fühlte dabei ihr eigenes Unwohlsein, legte ihren Arm auf seinen und bot ihm ein Taschentuch an. Es sah aus wie eine sehr mitfühlende Geste, aber eigentlich war es egoistisch. Es ging ihr darum, ihren eigenen Schmerz zu lindern, nicht darum, ihm zu helfen. Mit ihrer Aktion brachte sie ihn aus aus seinem Prozess der Herzöffnung heraus, und er kehrte zu einem »normalen Bewusstsein« zurück. Zu einem Verhalten, das in unserer Kultur für angemessen gehalten wird, während ihr Akt der Zuwendung als mitfühlend gilt und als sozial höchst korrekt. In Wirklichkeit verhinderte sie damit jedoch, um ihr eigenes Unwohlsein wegschieben zu können, seinen Prozess der Entdeckung und Heilung. Er verlor diesen Moment. Als er ihr für das Taschentuch dankte, erschien ihm sein Weinen nur noch als Sentimentalität. Was er damit verloren hatte, das hatte er wenige Minuten später schon vergessen.

Manchmal ist der mitfühlendste Akt der, gar nichts zu tun; ein ander Mal ist es, dass du dich vor einen Zug wirfst

Wer will da mitfühlend sein?

Wie können wir erkennen, ob wir wirklich mitfühlend handeln oder nur eigennützig? So lange es da jemand gibt, der »versucht« mitfühlend zu sein oder Mitgefühl zu praktizieren, haben wir damit Probleme und schaffen auch welche für andere. Dieser Jemand ist die Verzerrung eines echten Mitgefühls gegenüber einem frei ausgedrückten. In Augenblicken einer echten Krise verschwindet der Gedanke des »Ich«, und es geschieht etwas Spontanes. Wenn da niemand damit identifiziert ist, etwas zu tun, fließt das Mitgefühl. Sobald jemand versucht mitfühlend zu sein, ist diese Idee des Mitgefühls ein Hindernis.

Das erstaunliche Paradox des Mitgefühls ist, dass es umso voller ist, je leerer es ist. Je weniger jemand damit etwas Persönliches will, wie tief oder oberflächlich auch immer, umso mehr Liebe und Glückseligkeit gibt er damit.

Wir alle beginnen mit einer eigennützigen Motivation. Das ist einfach die Art, wie wir ins Leben treten. An einem bestimmten Punkt aber realisieren wir, dass all die Strategien, mit denen wir versucht haben, glücklich zu werden, nicht funktioniert haben. Sogar der Versuch mitfühlend zu sein, obwohl er viel besser ist als kaltherzig zu sein, hilft letztlich uns selbst nicht und auch denen nicht, denen wir unsere Hilfe geben wollten.

Wenn alle diese Beweggründe, wie selbstlos auch immer sie der Welt erscheinen mögen, in einem persönlichen Interesse begründet sind, dann werden wir nie erfüllt und unsere Akte des Mitgefühls sind nie genug. Irgendwann dann kommt der Punkt, wo wir aufgeben. Wo wir alles niederlegen und mit allem aufhören. In diesem Aufhören fallen wir durch das, was wir als Realität wahrgenommen haben, hindurch und in das hinein, was darunter liegt. Von dort aus entsteht dann echtes Mitgefühl ohne Anstrengung.

Ein Raum offener Akzeptanz zu sein, ohne dem etwas hinzuzufügen, ist vielleicht das größte Geschenk, das wir einander machen können

Echte Freundschaft

Als ich in der Vergangenheit Therapeuten ausbildete, ebenso jetzt in den Retreats mit Wahrheitssuchern, waren das das Gelegenheiten zu entdecken, wie wir echte Freunde sein können. Ein echter Freund zu sein bedeutet, einen offenen Geist und ein offenes Herz zu haben. Als echter Freund entdecken wir die Möglichkeit nichts persönlich zu nehmen. Denn solange wir die Geschichten unseres Partners persönlich nehmen, dienen wir nicht ihm, sondern in gewisser Weise uns selbst.

Da ist zum Beispiel ein normales Gespräch zwischen Freunden oder das Streitgespräch eines Liebespaares. Jeder nimmt die Geschichte persönlich, und jeder bezieht sich auf seine eigene Erfahrung. Wenn die beiden miteinander befreundet sind, versuchen sie einander zu helfen, indem sie Rat oder Unterstützung geben. Im Falle eines Streits zwischen Geliebten verteidigen sie ihre Position, die sie für richtig halten. Es fällt ihnen schwer zu hören, was der andere sagt, weil es durch die eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit gefiltert wird.

Was man bei der Erfahrung echter Freundschaft hingegen entdeckt, ist, dass Offenheit die beste Unterstützung ist, und dass es manchmal gut ist, gar nichts zu sagen. Ein Raum offener Akzeptanz zu sein, ohne dem etwas hinzuzufügen, ist vielleicht das größte Geschenk, das wir einander machen können.

Empfangen ohne zu urteilen

Als echter Freund versuchst du nicht, etwas geradezubiegen oder Rat zu geben oder jemanden in irgendeiner Weise zu ändern. Als echter Freund versuchst du nicht zu trösten oder ein Taschentuch zu reichen. Ein echter Freund ist ein klarer, offener Raum, der empfängt ohne zu urteilen oder zu tadeln und ohne Bezug auf das, was er »persönlich« erfahren hat. Dieser einfache Akt mitfühlender Freundschaft ist für uns alle jederzeit möglich.

Vielleicht willst du es mal für dich selbst ausprobieren. Wenn du das nächste Mal mit jemand, der dir nahe ist, zusammen bist, versuch' einfach mal, diesen Menschen ohne deinen Input sprechen zu lassen. Was wäre, wenn du dieses Kommunikation einfach empfangen und nichts damit machen würdest? Kannst du das in dich aufnehmen und einfach da sein lassen ohne zu intervenieren? Mach es als ein Experiment und schau, was dabei passiert.

Trennung aus Liebe

Vor sieben Jahren geschah der selbstloseste Akt in meinem Leben. Ich hatte mit meiner Partnerin die Liebesbande zerschnitten. Ich hatte sie verraten, indem ich eine Affaire hatte. Als ich ihr die Wahrheit erzählte, konnte ich sehen, was für einen Schaden das angerichtet hatte. Ich sah, dass meine Anwesenheit in ihrem Leben sie unnötig leiden ließ. Sie trennte sich von mir und verließ das Land. Unsere Verbindung war aber so tief, dass sie nicht von einem von uns beendet werden konnte. Dazu waren beide nötig.

Es erstaunt mich, dass ich, der ich ohne Einsicht in seelische Vorgänge aufgewachsen bin und den größten Teil meines Lebens die Dynamik von Beziehungen ignoriert habe, nun ein eifriger Student der Wechselwirkungen emotionaler Verbindungen geworden und damit inzwischen tief vertraut bin.

Indem ich mit meiner Geliebten brach, versuchte ich die romantischen Verbindung zu beenden, dabei aber die tiefe Liebe beizubehalten, die es zwischen uns gab. Das war für mich ein neues Terrain. Ich machte Fehler und lernte viel. Nun aber war ich mit etwas konfrontiert, das viel tiefer war.

Mein Partner war auf einen anderen Kontinent geflogen, und ich war allein zuhause. Ich liebte sie tief und wahrhaftig und wollte die Trennung nicht. Trotzdem konnte ich sehen, dass ich die Ursache ihres Leidens war, und ich wollte sie nicht runterziehen. Ihr zuliebe musste ich die Bande zwischen uns ausfindig machen und sie zerschneiden. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass wir wieder versöhnt sein würden, wenn ich nur lange genug an dem inneren Band festhalten würde, aber das wäre meinerseits egoistisch. So sehr ich sie wollte und brauchte, ich musste sie freigeben. Vielleicht geschah das alles auch nur in meinem Kopf und sie hat den Unterschied nie so empfunden, aber für mich war das die schwierigste Tat meines Lebens. Es war wirklich selbstlos. Es setzte uns beide frei.

Mitgefühl ist unsere wahre Natur

Sobald wir beide frei und miteinander fertig waren, brachte uns die Liebe in mysteriöser Weise wieder zusammen. Wir sind nun fürs ganze Leben frisch wiederverheiratet.

Wer das liest denkt nun vielleicht: »Wenn ich einfach mitfühlend handle, werde ich bekommen, was ich will.« Wahres Mitgefühl funktioniert aber nicht so. Wahres Mitgefühl ist größer als jede persönliche Story. In mysteriöser Weise arbeitet es durch uns und dabei auch mit uns und gestaltet uns endlos gnadenvoll, während es unser Leben formt. Das Ergebnis ist dabei immer unerhört und nicht voraussehbar in seiner Wirkung.

In ihrer eigenen Weise retteten die Missionare Maui vor übermäßiger Entwicklung, denn dort sehen wir immer noch tausende Hektar von Zuckerrohrplantagen anstatt von Wolkenkratzern wie in Honolulu. Meine Partnerin und ich hätten vielleicht nie wieder geheiratet, und es wäre doch der wahren Liebe gedient worden. Wenn wir uns der Liebe ergeben ist unser Leben in natürlicher Weise von Mitgefühl und Güte erfüllt, und wir erweisen uns als Diener der Liebe. Das Ergebnis ist dann immer überraschend und entfaltet sich weiter ohne Ende. Nie können wir wissen, worauf es hinaus läuft.

Dankbarkeit und Mitgefühl sind dann der Ausdruck unserer Natur, während wir dem Befehl der Liebe willig folgen. Mitgefühl ist unsere wahre Natur, während wir einander von Herz zu Herz hingegeben treffen als Liebende.

Eli Jaxon-Bear

Eli Jaxon-Bear, geb. 1947 in Brooklyn, New York, Enneagrammlehrer, Autor, spiritueller Lehrer. Er lebt mit seiner Frau Gangaji in Ashland, Oregon. Seine Arbeit wird von der Leela Foundation unterstützt, www.leela.org.

Heft

Aus dem Heft connection spirit 05-06/12

   
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