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Narrenfreiheit für alle!

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Viele Narren

Ulrich Holbeins Enzyklopädie der Querdenker und Phantasten

»Schluss mit dem ›Wahnsinn der Gewöhnlichkeit‹« fordert Beatrix Langner in ihrer Rezension von Ulrich Holbeins 1000 Seiten starkem Parcours durch 255 Verrückte der Weltgeschichte, in dem »die auffällig gewordenen Hauptvertreter unserer Spezies erfasst sind«. Eine Hymne an den Narren in uns, eine Hymne an die Freiheit

Wenn irgendwann in Zukunft alle Bücher der Erde digitalisiert und als Datenpakete in Megarechnern gestapelt sein werden, reicht ein globaler Stromausfall, um diese irisierenden Katakomben der Menschheitserinnerung zum Einsturz zu bringen. Macht nichts, es genügt, wenn ein einziges Buch die Zeiten übersteht: Ulrich Holbeins »Narratorium«, 255 Lebensbilder aus zweieinhalb Jahrtausenden, in denen die auffällig gewordenen Hauptvertreter unserer Spezies erfasst sind: Traumtänzer und Massenmörder, Priester und Poeten, schöne Seelen und falsche Propheten, Monsterhirne und schräge Vögel, »Normalnarren« und »Extremnarren«, das heißt: eine Arche Noah des kränkelnden Menschenverstandes.

Weltveränderer jeglicher Provenienz

Schluss mit dem »Wahnsinn der Gewöhnlichkeit«! Krieg der Normalität und dem Durchschnittstyp, den »ADAC- und CDU-Mitgliedern, im Vorfeld betongrauer Rentnerberge« –Narrenfreiheit für alle!

Viele Narren

Freien Zugang zu Holbeins Narratorium haben Weltveränderer jeglicher Provenienz und Tendenz – zum Guten wie zum Bösen. Geografisch werden sämtliche Hochgipfel menschlicher Verstiegenheit vom schweizerischen Monte Verità über Ätna, Himalaja und Parnassos bewandert. Phänotypisch dominieren Barfussgeher, Tierfreunde, Bartträger, Sufimeister, Asketen und Apfelesser gegenüber Wollüstlingen und Fleischessern. Ideengeschichtlich sind Religionsstifter und deutsche Kabarettisten überproportional vertreten. Zivilisationsgeschichtlich überwiegen Turmbewohner und Höhlenmenschen. Neurophysiologisch zeichnen sich gehäuft bestimmte neuronale Erregungsmuster ab, die einer relativ homogenen Gruppe von Gottsuchern, Transzendenzjunkies, Melancholikern und »konstitutionell therapieresistenten Wahnsystemkonstrukteuren« zuzuordnen sind. Die dichtesten Narrenpopulationen findet sich im letzten vorchristlichen Halbjahrtausend sowie am Übergang zur europäischen Neuzeit. Ganz oben auf der Trefferliste steht das 20. Jahrhundert, das demnach mit etwa neunzig Einträgen rund 35 Prozent aller Verzückten und Verrückten dieser Erde erzeugt hat.

»Eine Arche Noah des kränkelnden Menschenverstandes«, ein Buch von »Sufi Uly ... Versager, Landkommunarde, Wolkenkuckuck, Zuspätromantiker«

Wen wundert es, ist doch auch Ulrich Holbein, der Pflanzherr dieses sprachmächtigen Stammbaums närrischer Abweichlinge, ein Kind jenes Säkulums, das Prachtexemplare wie Pippi Langstrumpf, Glenn Gould, Osama bin Laden oder Rudolf Steiner hervorgebracht hat. Nicht jeder Insasse ist freiwillig dabei; einige sind Opfer der Psychiatrisierung verminderter Anpassungsbereitschaft geworden. Die auffällige Präsenz erfundener Figuren wie Baal, Meretlein, Fürst Myschkin, Anselmus, Papageno und Fitzcarraldo ist übrigens ein deutlicher Hinweis darauf, dass im Narratorenparadies keine bessere, aber wenigstens eine lustigere Welt existiert als jene, in der wir Normalsterbliche wohnen. Obwohl sie ihr andererseits wieder zum Verwechseln ähnlich sieht, wie Ulrich Holbein und Uliversum Unwiederholbein, »auch: Sufi Uly; geb. Heinz-Ulrich Bohnlich, Versager, Landkommunarde, Wolkenkuckuck, Zuspätromantiker, Müsli-Mysticus, Öko-Dandy, Daologe, Waldbold, Knüll-Idylliker, Metachemiker, Metaromancier, Polysoph (1955–2009)«.

Schonungsloses Selbstporträt

Das schonungsloseste Selbstporträt, das die deutsche Literaturgeschichte seit Jean Paul kennt, hat Holbein seinem Alter Ego und literarischen Ziehbruder gewidmet. Als Autor satirischer Zeitungskolumnen, komplett aus Fremdzitaten bestehender Romane und grotesker Erzählungen über »Homunculus, Odradek, Lärm, Isis« arbeitet er in seiner Bücherburg seit Jahren konsequent am eigenen Mythos. Journalisten und Leserinnen pilgern ins hessische Knüllgebirge, um dem halbwilden Bibliomanen beim Weltverbessern zuzusehen. Seine Spezialität: die intelligente Paraphrase als Originalkunstwerk.

Viele Narren

Ausgerechnet an diesem König von Kalau und »Geheimsekretär, Ideenlieferanten und Ghostwriter von Ulrich Holbein« soll nun der immer wieder prophezeite »Tod des Autors« exekutiert werden? Folgerichtig wäre das durchaus. Holbeins ebenfalls gerade erschienene »Weltverschönerung. Das Handbuch der lustvollen Lebensgestaltung« wurde von Verlag und Autor als »vorläufiges Lebenswerk« angekündigt. Auf jeder Seite dieser Montage aus Holbeins kolumnistischen Schaffen der letzten fünfzehn Jahre, erweitert um »Lügenmärchen für Übermenschen« und andere philosophische Ausrutscher, sind mehr und bessere Bonmots, Kalauer, Einfälle und Ausfälligkeiten zu finden als auf einem dreitägigen Kleinkunstfestival. Bei künftigen Narratoriumsforschern dürften diese Zeitgeistparodien im Stil besserer Studentenzeitungen aber höchstens als werkgenealogische Vorstufe Interesse finden.

Lücken und Vorlieben

Obwohl Vollständigkeit von keiner Enzyklopädie der Welt erwartet werden kann, fällt im »Narratorium« die ungleiche Verteilung von Sympathiepunkten über die Weltnationen auf. Holbeins nächste Geistesverwandte sind entweder gar nicht vertreten wie Sebastian Brant, dessen satirisches »Narrenschiff« 1494 von Basel nach »Narratorien« aufbrach, oder sie werden äußerst stiefväterlich abgewatscht wie Till Eulenspiegel. Seinen Lieblingen, den arabischen und chinesischen Dichtern, spendet er umso mehr Beifall und bis zu vier Druckseiten, während zeitnahe Narren wie Arthur Rimbaud oder der noch verrücktere Antonin Artaud gar nicht auftauchen und Peter Handke als »Sensibilitätssimulator« und »aggressive Mimose« eher leidenschaftslos abgehandelt wird. Und warum ist der Portugiese Fernando Pessoa drin und der US-Amerikaner Herman Melville nicht, zweifellos der Obernarr unter all den genialen Trauerklößen?

»›Wissen‹ und ›Gewissen‹ sind wieder etymologische Zwillinge. Schreiben heißt wieder, der eigenen Subjektivität in unendlich vielen Gestalten der Welt innezuwerden«

Vor allem vermissen wir die weibliche Nation, die mit 25 Eso-Närrinnen doch wohl kümmerlich (aber mit Nina Hagen und Uriella immerhin prominent) vertreten ist, und fast die komplette Frankophonie fehlt ebenso. Auch in Skandinavien und in den Wüsten Afrikas scheint eher die Normalität zu Hause zu sein.

Peter Sloterdijk, der »Neonietzsche«

Dafür finden sich in der Abteilung Philosophen interessante Aufschlüsse darüber, welche Auswahlkriterien und menschlichen Vorlieben (oder Kränkungen) des Enzyklopädisten für die Einweisung ins »Narratorium« maßgeblich gewesen sein mögen. Es gibt da nämlich nur einen Insassen: Peter Sloterdijk, der »Neonietzsche« und »Deutobold Mystifizinsky«, der seine Jugendideale verraten habe. Stattdessen generiere dessen jüngeres »autohypnotisches Schaumwerk« eine »Kreuzung von Journalismus und Metaphysik«, die weit davon entfernt sei, sich noch für den Zustand der Welt oder des Gemeinwesens verantwortlich zu fühlen. So spricht ein enttäuschter Adept des lustvollen Querdenkens, der mit bitter-komischer Wut seinem einst verehrten Meister den Abbruch der kynischen Revolte vorwirft, die in den 1970er und 1980er Jahren das kritisch-philosophische Denken in der Bundesrepublik erst ironiefähig gemacht hat.

Genialischer Wiederkäuer

Ulrich Holbein hat mit diesem Opus magnum allen herkömmlichen – und zunehmend in Verruf geratenen – Vorstellungen vom Schreiben als weltentwerfender und -schaffender Arbeit feierlich entsagt. Dafür wird der totgesagte Autor – degradiert zum Kleinunternehmer im Infotainment-Geschäft, von Hirnforschern und Literaturwissenschaftlern seiner romantischen Subjektposition beraubt, brutal herabgestoßen vom Sockel des auktorialen Alleswissers und Demiurgen à la Thomas Mann – wiedergeboren als sprachschöpferischer Kompilator und genialischer Wiederkäuer.

Wild entschlossen, sich der Google-förmigen Auflösung des humanistischen Wissenskodexes entgegenzustellen, erklärt er den Eklektizismus zum System und die Enzyklopädie zum neuen Glaubensbekenntnis. Großartig! »Wissen« und »Gewissen« sind wieder etymologische Zwillinge. Schreiben heißt wieder, der eigenen Subjektivität in unendlich vielen Gestalten der Welt innezuwerden. Der Narrator/Erzähler bekennt sich als Blutsbruder aller Narren dieser Welt. Und so ist dieses närrische »Narratorium« vor allem eines: das coole, egomanische, respektlose, maßlose, ungerechte, verzweifelt komische Kollektivselbstporträt seines Autors.

— Beatrix Langner

Der Text erschien erstmals in der Neuen Züricher Zeitung vom Montag, 13. Oktober 2008. Die vorliegende Fassung wurde von W. Schneider leicht gekürzt.

Ausschnitte aus Holbeins Narratorium brachten wir in connection 6/08 (der 6. Dalai Lama), 10/08 (Jesus) und 11/08 (Osho), was zu erregten Leserdiskussionen führte. Weitere Ausschnitte werden folgen.

Beatrix Langner, geb. 1950, lebt als freie Autorin und Rezensentin (für NZZ, FA u.a.) in Berlin. Ihr neuestes Buch, eine Biografie des Naturforschers Adelbert von Chamisso (1781-1838), erschien im Oktober bei Matthes und Seitz, Berlin.

Neuerscheinungen von Ulrich Holbein:
  • Narratorium. 255 Lebensbilder. Ammann-Verlag, Zürich 2008. 1008 S., 39.90 € (erhältlich auch im connection-Shop).
  • Weltverschönerung. Umwege zum Scheinglück. Das Handbuch der lustvollen Lebensgestaltung. Haffmans-Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2008. 634 S., 14,90€

Titelseite connection spirit 04/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit April 2009

   
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