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Kreative Störungen

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Neuronen

Anne Devillard sprach mit Hans-Peter Dürr über Heilung und die Integration des Fremden

Was sich in uns abspielt, ist viel reicher und kreativer als das, was Wissenschaft und Medizin uns glauben lassen wollen. Wir befinden uns dauernd in einem Zustand, der alle Möglichkeiten offen lässt, auch im Bereich der Heilung, sagt der Kernphysiker Prof. Hans-Peter Dürr, denn Heilung ist ein ständiger Schöpfungsakt. Durch Innenschau können wir in den Raum abtauchen, in dem alle Möglichkeiten einer Heilung gespeichert sind. Anne Devillard, die Chefredakteurin der Zeitschrift »Natur&Heilen«, sprach mit Hans-Peter Dürr anlässlich ihres Buches »Heilung aus der Mitte – Werde der, der du bist«

Prof. Hans-Peter Dürr ist Atom- und Kernphysiker und ehemaliger Schüler, Assistent und Freund von Werner Heisenberg, einem der Begründer der Quantenmechanik. Viele Jahre lang leitete er das Max-Planck-Institut für Physik in München (Werner-Heisenberg-Institut). Zugleich ist er aber auch seit Jahren ökologisch und politisch engagiert hinsichtlich der Erforschung der Überlebenschancen der Menschheit. Seine Denkanstöße und das Aufzeigen von neuen Wegen in der Gestaltung einer lebenswerten, ökologisch nachhaltigen Zukunft und die Gründung des »Global Challenges Network« mit dem Motto »Global denken, vernetzt handeln« brachten ihm weithin großen Respekt ein, darunter 1987 die Verleihung des »Alternativen Nobelpreises«.

Für Hans-Peter Dürr ist die Wirklichkeit ihrem Wesen nach lebendig: Es gibt keine Teilchen, die unzerstörbar sind oder die mit sich selbst identisch bleiben, sondern die Wirklichkeit ist ein »feuriges Brodeln«, ein ständiges Entstehen und Vergehen. In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen. Dies ist aber nicht einfach Entwicklung und Entfaltung, ein »Auswickeln« von schon Bestehendem, von immer währender Materie, die sich nur eine neue Form gibt, sondern es ist echte Kreation: Verwandlung von Potenzialität in lebendige Wirklichkeit. In diesem andauernden Schöpfungsprozess wird ständig ganz Neues, noch nie Dagewesenes geschaffen. (Siehe auch Natur & Heilen 3/2004 »Wir erleben mehr, als wir begreifen«)

Wie würden Sie in diesem Zusammenhang des ständigen Wandels Heilung definieren?

Heilung ist echte Kreativität, ein ständiger Schöpfungsakt

Heilung ist ein ständiger Schöpfungsakt, es ist echte Kreativität. Heilung heißt, »Fremdartiges« aufzunehmen, es nicht rauszuschmeißen, sondern es geeignet zu integrieren. Das heißt, etwas Neues zu erschaffen, das über das Bisherige hinausgeht. Der Heilungsprozess ist eine lernend wachsende Evolution. Es geht darum, das anscheinend Fremdartige nicht als fremd zu erleben, sondern als eine veränderte Artikulation des schon Bekannten und es kooperativ zu integrieren in einem neuen, reicheren Organismus, der mehr Dimensionen hat als der vorherige. Das bedeutet, immer größere Räume zu erobern, die es bisher noch nicht gab. Veränderung, verbunden mit Heilung, ist Fortschritt. Das Andersartige ist gut, um eine Polarität zu schaffen, ein Spannungsfeld für fruchtbare Evolution.

Wie geht man konkret mit etwas um, das von außen kommt, wie zum Beispiel einem Infekt oder einem Fremdkörper?

Ja, wie geht man damit um? Versucht man den Fremdkörper abzuwehren? Oder lässt man ihn als eine mögliche Bereicherung zu? Ist zum Beispiel eine Infektion eine Störung? Oder stellt sie nicht unter Umständen eine neue Eigenschaft dar, die uns vorwärts bringt? Das ist die Frage. Aber diese Überlegungen passen nicht in unser Konzept des Fremdkörpers. Und jetzt kommt die Überlegung: »Kann man diesen Fremdkörper auf eine solche Art und Weise integrieren, dass hinterher ein neues Ganzes, eine neue Fähigkeit entsteht, von der man profitieren kann?«

Das würde heißen, dass eine Krankheit – auch wenn sie infolge eines äußeren Einflusses ausgelöst wird – eine Wachstumsmöglichkeit darstellt.

Das erleben wir mit den Kinderkrankheiten. Es heißt ja, dass Kinder, die Kinderkrankheiten wie zum Beispiel Masern oder Röteln durchleben, einen Entwicklungssprung machen. Sie werden immun, das heißt, ihr Immunsystem hat sich gestärkt. Durch die Krankheit haben sie also ein besseres Kommunikationssystem entwickelt, um mit Fremdankömmlingen leichter umgehen zu können, so dass sie durch diese nicht mehr gestört werden.

Differenziert, aber verbunden

Das würde bedeuten, dass unser (Immun)System sich zunehmend verfeinert. Eigentlich seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte!

Ja, aber nicht nur seit Beginn der Menschheitsgeschichte, sondern seit dem Beginn des Biosystems auf unserer Erde oder noch früher. Wir sehen an unserem Körper, dass wir eigentlich voller Widersprüche oder besser gesagt: voller Unverträglichkeiten sind. Wir müssen beispielsweise einerseits verhindern, dass das Blut ins Gehirn gelangt, andererseits kann das Gehirn nicht ohne den Sauerstoff auskommen, den das Blut transportiert. Die Widersprüche müssen also miteinander kooperieren und dürfen gleichzeitig nie direkt in Berührung kommen. Sie sind Gegensätze, doch keine Feinde, im Gegenteil: Sie ermöglichen eine Balance, indem sie sich wechselseitig unterstützen. Und das Miteinander wird immer raffinierter, immer differenzierter. Das ist das Paradigma des Lebendigen, ein Ablauf, der auf einer Kombination zweier kreativer Prozesse beruht, einem ersten, der nach Differenzierung strebt, und einem zweiten, der in einem kooperativen Zusammenspiel das Verschiedenartige auf einer höheren Ebene zu einem neuen organisierten Ganzen vereint. Es ist dann ein geglücktes Spiel, wenn alle Teilhabenden daraus Vorteile erzielen, also das neue Ganze qualitativ reicher wird als die Summe seiner Partizipanten. Die ganze Evolution des Lebendigen ist eigentlich darauf aus, dass es diese beiden Bezüge hat: die Differenzierung und die kooperative Integration. In beiden Fällen ist Kreativität notwendig. Wie wir es auch von der Physik her verstehen, ist es eine Kreativität, die im Hintergrund angelegt ist. Alles, was an Differenzierungen stattfindet, ist im Hintergrund gespeichert. Aus diesem Zusammenhang heraus wird sozusagen der nächste Schöpfungsschritt gemacht.

Das geschieht auch in jedem Dialog, denn jeder Dialog führt letztlich doch dazu, dass sich diejenigen, die sich unterhalten, dabei verändern. Im Dialog entsteht etwas, das in der Welt vorher so noch nicht da war. Ein Dialog ist also ein wahrhaft kreativer Prozess, aus dem eine Differenzierung entsteht. Dieses Prinzip erkennen wir bei allem Lebendigen. Beim Kind zum Beispiel nennen wir es Emanzipation. Jeder Mensch versucht seine Eigenständigkeit zu entfalten, ein Individuum zu werden, also eine eigene Identität zu entwickeln. Aber diese Sprache ist gefährlich, weil das Wort »Individuum« suggeriert, es würde sich abtrennen. In Wirklichkeit ist es nur eine Differenzierung, denn wir verlassen nie den großen Zusammenhang.

Erde und Schmetterling

Wie die Welle nie getrennt vom Ozean existieren kann.

So ist es. Eine Differenzierung findet statt, aber Differenzierung heißt nicht Trennung. Der Mensch hat also eine eigene Persönlichkeit, einen eigenen Charakter, verliert aber die Verbindung zum Hintergrund nicht. Dies ist ganz wichtig. Wenn nämlich das Lebendige nur Differenzierung bedeuten würde, dann würde eine immer größere Vielheit entstehen. Viele sagen: »Natur heißt Vielheit!« Das stimmt, aber sie ist weit mehr als Vielheit, denn diese Vielheit erinnert sich an ihren gemeinsamen Ursprung. Diese Anbindung hilft dem Menschen zu sagen: »Wir sind viele, aber wir sind immer noch miteinander verbunden.« Jetzt wird Kreativität nochmals gebraucht, um das Differenzierte und das als getrennt Erscheinende in einem Spiel zu vereinen, so dass man sich nicht wechselseitig behindert oder vernichtet, sondern die Vorzüge, die die Differenzierung gebracht hat, gewissermaßen in ein neues größeres Ganzes einbringt.

…also einen neuen Raum kreiert.

Solange Menschen nur nebeneinander stehen, ist der eine die Störung des anderen. Erst durch die Integration der Störung schaffen wir Neues – ein Schritt in der Evolution

Und das wird ein wahrhaft neuer Raum, der mehr Eigenschaften besitzt als die Räume der einzelnen Teile. Wenn die Einzelteile sich nun nicht einfach nur ansammeln, sondern, um eine neue Bedeutung zu integrieren, wieder die Verbundenheit auswählen, dann erweitert sich dieser Raum durch diesen harmonischen Zusammenschluss, und es bildet sich auf einer höheren Stufe ein neuer Organismus. Das ist, was wir unter einem Evolutionsschritt verstehen. Solange Menschen nur nebeneinander stehen, ist der eine die Störung des anderen. Erst der geglückte Versuch, dieses Spiel auf eine neue Art und Weise zu spielen, so dass der Vorteil des Einen auf das Ganze übergeht, ist der wesentliche Evolutionsschritt.

Evolution ist fortwährende Heilung

Dieser Evolutionsschritt vollzieht sich ununterbrochen. In unserem Organismus zum Beispiel geschehen jede Sekunde biochemische Prozesse, die ihn veranlassen, ständig das optimale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Aber schon in der nächsten Sekunde…

… wird es gestört…

… und wieder neu vermischt. Könnte man nicht sagen, dass die Geschichte der Evolution bzw. die Geschichte der Menschheit ein ewiges Hinsteuern auf diesen Punkt des vollkommenen Gleichgewichts ist?

Die Evolution ist im Grunde genommen eine fortwährende Heilung nach der ständigen Störung durch die kreative Differenzierung

Ja, aber diese Formulierung des vollkommenen Gleichgewichts ist missverständlich. Die Evolution ist im Grunde genommen eine fortwährende Heilung nach der ständigen Störung durch die kreative Differenzierung. Die Menschheitsgeschichte, oder allgemeiner die Geschichte des Lebendigen, ist eine Heilungsgeschichte des sich ewig Wandelnden. In unserer Begrifflichkeit müsste man sagen: »Das Kreative ist der Störenfried und damit eigentlich das so genannte Böse«. Denn, wenn es nicht das Kreative gäbe, das nach Anderssein und Einzigartigkeit strebt, dann würde alles ständig in der Balance bleiben und das, was einmal als Ganzes funktioniert, würde ewig weiter funktionieren. Es wäre verständlich, bei jeder winzigen Abweichung zu fordern: »Das muss verhindert werden!« Doch der Weg der lebendigen Evolution verlangt notwendig diese Abweichungen und diese lassen uns erkennen, dass das Kreative letztlich doch das so genannte »Gute« ist, wenn es ein gewisses Maß nicht übersteigt. Denn es führt nur dann zur gewünschten lebendigen Evolution, wenn diese Veränderung einen Heilungsprozess in Gang setzt, in dem eine kooperative Integration gelingt und damit die Heilung letztlich glückt.

Die meisten von uns sind aber geneigt, das Unerwartete, Fremdartige als das »Böse« aufzufassen. Man will es nicht haben, will es wegschicken. Aber in dem Augenblick, in dem man dieses vermeintlich Böse annimmt, schafft die Polarität ein Kraftfeld, das notwendig ist, damit etwas vorwärts geht.

Genau! Wenn ein Störenfried von außen kommt, ist unser erster Reflex zu sagen: »Lass uns in Ruhe! Wir wollen keinen Ausländer! Wir haben hier alle denselben Glauben, und nun kommst du mit deiner anderen Religion!« Uns scheint es als natürlich und legitim ihn abzuwehren. Aber diese Reaktion liegt nur daran, dass wir die Differenzierung als eine Trennung betrachten und die Menschheit nicht als Ganzes wahrnehmen. Wenn wir in dem anderen einen Bruder erkennen könnten, der lange Zeit weg war und nun wieder in unsere Nähe gerückt ist, würden wir ihm sagen: »Du bist jetzt ganz anders, aber ich erinnere mich noch daran, dass wir einmal zusammen waren und gut miteinander gespielt haben.« Dann würde unsere heutige Welt anders aussehen. Stattdessen aber sagen wir: »Du bist das Böse. Du bringst etwas Fremdes, und das stört uns.« Es ist allerdings wichtig, dass diese Störung innerhalb eines gewissen Maßes bleibt. Dass der Neuankömmling zum Beispiel nicht eine Familie völlig durcheinander bringt, indem er sagt: »Ich will jetzt alles ganz anders machen! Ihr müsst das Kreuz abhängen, weil es mich stört.« Nein, wenn er in die Familie kommt, sollte er sagen: »Ich bin jetzt da, ich bin ein Gast.« So lernen beide voneinander, und am Schluss finden sie einige Eigenschaften, die allen zugute kommen. Der andere ist für mich dann kein Fremdling mehr. Seine Sprache ist vielleicht für mich fremd, aber hinter der Sprache tanze ich mit ihm oder singe mit ihm, und dann merke ich auf einmal, dass wir Partner sind und Freunde werden können.

Möglichkeiten

Krankmachende Faktoren sind eigentlich nicht das Problem. Es hängt, wie Sie sagen, von der Dosis ab. Jeden Tag werden wir mit Fremdenergien jeder Art konfrontiert, womit der Organismus sich gut arrangieren kann. Wenn die Fremdeinflüsse aber mit der Zeit zu stark werden oder zu lange auf uns einwirken, dann entwickelt sich die Erkrankung. Es ist das gleiche Phänomen mit den Kräften: Wie lange kann ich mit diesen Fremdkräften jonglieren, und wann muss ich sagen: »Stopp! Jetzt ist es zu viel!« Ich glaube, da braucht man ein Gespür für sich selbst.

Zweifellos. Das liegt einfach daran, dass wir alle ein gewisses Referenzsystem zur Verfügung haben. Die Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind, bestimmt die Grundlage unseres Denkens. Zum Beispiel stehen hinter Worten wie »Liebe«, »Gott« oder »Vertrauen« für jeden von uns gewisse Erfahrungen. Unsere Unsicherheit führt uns dazu, uns nicht auf unser Vertrauen zu verlassen. Unsere Angst hält uns immer wieder davon ab, in schwierigen Zeiten aus der inneren Quelle zu schöpfen und zu sagen: »Ich brauche nur an meine innere Quelle zu gehen.« Aber viele sagen: »Diese Quelle ist für mich nicht so verlässlich« …

…und denken dann: »Ich bin ja krank geworden! Das ist der offenkundige Beweis, dass ich mich nicht auf diese Quelle verlassen kann!«

Ja, sie sind krank geworden, und das macht sie unsicher: »Warum werde ich denn im Stich gelassen? Warum lässt Gott das zu?« Aber aus meiner Sicht ist da niemand, der das so persönlich tut, sondern wir sind Teil der einen großen Wirklichkeit, und Er wirkt nur durch uns.

Wunsch nach Öffnung

Könnte man sagen, dass es im Menschen einen angeborenen Drang nach Wachstum und Heilung gibt, und dass es dieser Impuls nach, sagen wir: Vervollkommnung ist, der die Evolution vorantreibt?

Man spricht immer von der Vervollkommnung. Ich weiß nicht, ob das der richtige Ausdruck ist. Der Begriff bezieht sich für mich auf eine altmodische Vorstellung, die an etwas Abgeschlossenes denken lässt. Ich würde den Wunsch nach Vollkommenheit eher als Wunsch nach Öffnung bezeichnen, d. h. als den Wunsch, in etwas zu blicken, das keine Grenze hat. Es ist, als würde ich eine Landschaft betrachten: Ich schaue hinein und sehe bis zum Horizont. Aber einmal dort angekommen merke ich, dass der Horizont gar keine Grenze ist, denn, wenn ich an diese Grenze gelangen will, verschiebt sie sich immer weiter. Das heißt, der Horizont hängt von meiner Sichtweise ab. Mit meiner Sensibilität kann ich ihn vor und zurückschieben.

Was wir momentan in unserer Welt erleben, bringt deutlich zum Ausdruck, dass wir Menschen Gewalten entfesselt haben, die überhaupt nicht in die Planung der auf unserer Erde stetig gewachsenen Biosphäre passen, in die wir als Menschen eingebettet sind.

Die Krise und der nächste Schritt

Meinen Sie wirklich, dass es überhaupt ein Einplanen gab? War nicht eher alles offen, und wir Menschen hatten den freien Willen, aus dieser Welt eine Hölle oder ein Paradies zu machen?

Richtig. Es war offen, es ist offen in dem Sinne, dass es überhaupt nichts ausmacht, wenn wir Menschen das ganze Leben hier auf dieser Erde ruinieren. Unser Verhalten gefährdet letztlich nicht die Biosphäre in ihrer dynamischen, selbst-heilenden Entwicklung, sondern es gefährdet die Zukunftsfähigkeit des Menschen, der sich als die Krönung der Biosphäre betrachtet. Der Mensch fliegt dann letztlich raus, weil er dem Ganzen nicht mehr dient. Er stirbt, und der Evolutionsprozess geht anders weiter. Es muss uns klar werden, dass wir mit diesen gewaltsamen Störungen uns selbst den Garaus machen!

Wenn Menschen glauben, Kriege gegeneinander führen zu müssen, um wesentliche Änderungen zu erzwingen, dann erscheint mir dieses Vorhaben angesichts unseres Massenvernichtungspotentials hoffnungslos. Denn in der Rücken-zur-Wand-Stellung kämpft der Mann mit allen Mitteln, um aus seiner Zwangslage herauszukommen. Eine Frau reagiert eher anders: An erster Stelle denkt sie mehr an die Zukunft, konkret: an ihre Kinder. Sie trägt in sich die Verantwortung für das, was wächst. Diesen Instinkt oder besser, diese Fähigkeit zur Empathie haben die Männer auch, aber sie müssen daran erinnert werden.

Die gefährlichen Eskalationen, die in unserer heutigen Welt geschehen, führen zum Absägen des Astes, auf dem wir sitzen. Sie sind nicht erfolgreich, weil die differenzierenden Infektionen zu stark, zu häufig, zu vielfältig sind – was umgekehrt gerade die Erfolgsziele »größer, schneller, mehr« unserer heutigen Wirtschaft widerspiegeln –, um dem Organismus oder den Kulturen genügend Zeit zur Heilung und Integration zu lassen. Es ist eben nicht die schnelle Infektion, die letztlich den Evolutionsschritt bestimmt, obwohl sie sehr wohl der Auslöser ist –, sondern der anschließende, viel langsamere konstruktive Heilungsprozess.

Man muss in gewisser Weise einfach aussteigen, etwas ganz Neues wagen.

Ganz bewusst!

Es gibt heute schon so viel Weisheit in der Welt. Wir müssen sie überall aussäen, immer wieder aussäen, nicht nur auf fruchtbarem Boden, sondern auch auf Asphalt und auf Trümmern!

Und ganz bewusst sagen: »Mit den jetzigen Instrumenten geht es nicht!« Zum Glück haben wir tiefere Einsichten und genügend Kräfte, die zeigen, dass im Hintergrund noch andere Fähigkeiten schlummern. Es gibt heute schon so viel Weisheit in der Welt, aber es reicht nicht aus, sie nur an wenigen Stellen anzusammeln, sondern wir müssen sie überall aussäen, immer wieder aussäen, nicht nur auf fruchtbarem Boden, sondern auch auf Asphalt, auf Trümmern und an anderen unwirtlichen Plätzen. Irgendwo wird der Samen wachsen. Und wenn er überall wächst, dann kann niemand mehr etwas dagegen machen.

Und das ist unsere Aufgabe!

Das ist unsere Aufgabe! Wir müssen aussäen, wir haben alles!

Photo

Hans-Peter Dürr, geb. 1929, arbeitete als Kernphysiker von 1958 bis 1976 zusammen mit Werner Heisenberg (einem der Begründer der Quanten- mechanik; auf ihn geht die »Unschärferelation« zurück) am Max Planck-Institut für Physik. Nach Heisenbergs Emeritierung war Dürr dort Direktor von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1997. 1987 grün- dete er in Starnberg das »Global Challenges Network« (GCN), das ein Netz aus Projekten und Gruppen knüpft, die »an der Bewältigung der Probleme arbeiten, die unsere natürliche Mitwelt und damit uns bedrohen.« Im glei- chen Jahr (1987) wurde ihm der Alternative Nobelpreis verliehen. 2004 erhielt er den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Weitere Infos: www.gcn.de

Das vollständige Interview mit Hans-Peter Dürr »Die Menschheitsgeschichte ist eine Heilungsgeschichte« ist nachzulesen in dem Buch »Heilung aus der Mitte – Werde der, der du bist« von Anne Devillard. Mit Gesprächen mit u. a. Rupert Sheldrake, Christina Kessler, Ken Wilber, Wolf Büntig, Ruediger Dahlke, Anne Schadde, Frédérick Leboyer, Masaru Emoto, Neale Donald Walsch, Maria-Gabriele Wosien, Willigis Jäger. Verlag Driediger, Hagen a. T. W., 2009. 19,80 €.


Titelseite connection spirit 04/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit April 2009

   
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