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Editorial 9-10/12

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Aussteigen, einsteigent

Photo Wolf Schneider

»Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein«. Das sagte Jiddu Krishnamurti, der selbst ein Aussteiger war – aus der Theosophischen Gesellschaft, die ihn zu ihrem Weltlehrer machen wollte. So hat dieses Aussteiger-Motto auch viele andere von uns Pionieren einer besseren Welt begleitet. Inzwischen dringen die Gedanken der Aussteiger von damals bis in höchste Kreise vor. Dort werden sie teils noch verschämt ausgesprochen, während sie sich, meist in verkitscher und massentauglicher Form, zu den Kerngedanken des inzwischen längst nicht mehr monolithischen Mainstreams gesellen.

Die Zeiten ändern sich

Vor 21 Jahren bin ich mit ungefähr 14 anderen Erwachsenen und vier Kindern auf ein kleines oberbayerisches Dorf gezogen, das diese in ihren Augen »wilde« Kommune überraschend gut aufnahm, und doch blieben wir viele Jahre lang ein Fremdkörper. Wir wurden bestaunt, denn wir lebten vegetarisch, kommunal, meditierten und machten eine Zeitschrift »für eine bessere Welt«. Die Befürchtung, dass wir die konventionellen Lebensformen würden erschüttern können, übrschätzte uns jedoch grandios. Die Welt, die uns damals bestaunte, ist inzwischen aufgrund ihrer eigenen inneren Widersprüche zutiefst erschüttert: Ihr Finanzsystem lässt sich nicht mehr halten. Die Naturzerstörung hält weiterhin an, keine Rio- oder Klima-Konferenz kann auch nur das Geringste daran ändern. Es werden weiterhin Kriege geführt, nationale wie Bürgerkriege. Die Atomwaffen breiten sich aus und lebenswichtige Ressourcen werden vernichtet, darunter die Artenvielfalt, die Fischbestände und Agrarflächen, meist Monokulturen, die zur Wüste werden. Viel zu langsam dringt das Wissen in die Poren dieser Gesellschaft, dass das mit dem zu tun hat, wie wir denken und fühlen, was wir essen und wie wir die Tieren behandeln, das Land und die Städte, wie wir Transportmittel nutzen und miteinander umgehen, nicht nur in der »großen Politik«, sondern auch im Privaten.

Inzwischen bin ich hier im Dorf nicht mehr bloß der merkwürdige Aussteiger, der keine abgeschlossene Berufsausbildung hat, kein Fleisch isst, nicht verheiratet ist und kein Mitglied einer religiösen Gemeinschaft, sondern werde gefragt, wie man es schafft, so gesund zu leben und »sich selbst zu verwirklichen«. Unser Haus ist inzwischen eine Art Gemeindezentrum geworden (was es als Dorfwirtschaft früher ja einmal war), etwa, wenn sich hier der Bruno Gröning Heilkreis trifft, der von der Kirche nicht akzeptiert wird, die Jugendgruppe der bayerischen Grünen bei ihrer Programmplanung, oder Gruppen, Seminare und Feste der regionalen Bevölkerung, nicht nur »alternativer Kreise«.

Gemeinschaft

In den 70er Jahren war ich ein »Aussteiger«. Der Gesellschaft, die den ersten und zweiten Weltkrieg produziert hatte, den Krieg gegen die Natur, den Kolonialismus, das Patriarchat und die religiöse Arroganz der herrschenden Kirchen, dieser Gesellschaft wollte ich nicht angehören. »Gemeinschaft« bedeutete für mich damals eine Kommune, die außerhalb dieser Gesellschaft friedlicher, nachhaltiger, liebevoller lebte oder das zumindest versuchte. Heute empfinde ich auch unser Dorf in gewisser Hinsicht als Gemeinschaft (heißt es doch im Politdeutsch sogar »Kommune«), und vieles andere um mich: Deutschland, Europa, die spirituelle Szene mit ihren Subkulturen, und die vielen Menschen und Szenen, mit denen ich per Internet kommuniziere.

Mein Aussteigen war für mich eigentlich immer mehr ein Einsteigen in etwas, dass ich als die bessere Alternative zum Bestehenden empfand. Merkwürdiges Gefühl, dass ich damit nun offenbar irgendwo nahe der Mitte einer Gesellschaft angekommen bin, die sich selbst nicht versteht, und in der immer mehr zugeben, dass sie nicht weiter wissen.

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Wolf Schneider

Heft

Aus dem Heft connection spirit 9-10/12

   
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