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Besuch im Plum Village

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Besuch im Plum Village
Foto: Geoff Livingstone, flickr.com

Glückliche Menschen

Die Sehnsucht nach einem ganz anderen, spirituelleren Leben ließ den 20-jährigen Psychologie-Student Maxim Kormann per Interrail nach Südfrankreich fahren, in das Meditationszentrum des vietnamesischen Mönchs und Pazifisten Thich Nhat Hanh. Dort traf er auf glückliche, gar nicht weltabgewandte Menschen

Ich versuchte es diesmal mit Rumi: »Brich auf, solang du kannst, zum Land des Herzens: Freude wirst du im Land des Körpers niemals finden.« Doch mein Freund blieb dabei: »Unsinn, der Rumi hat wahrscheinlich nie mit einer Frau geschlafen. Bei sowas mache ich nicht mit!«

Eine Woche nachdem ich meinen Freund und Reisepartner zu einem »Selbsterfahrungsaufenthalt in Frankreich« überredet hatte, erfuhr er, dass ich mit »Frankreich« nicht Paris oder Marseille sondern Plum Village und mit »Selbsterfahrungsaufenthalt« nicht eine Kneipentour sondern einen Klosteraufenthalt meinte. Mühelos realisierte er, dass er die Nächte nicht inmitten von schwarzhaarigen, feurig blickenden Französinnen, sondern umgeben von kahlköpfigen, mitfühlend lächelnden Mönchen verbringen würde, dass die Himmelbetten harte Matratzen sein würden und der Rotwein Regenwasser. »Nein, das mache ich nicht mit!«, protestiete er, und anspielend auf den Programmpunkt »Working Meditation«: »Wenn ich achtsam den Boden schrubben will, dann schrubbe ich meinen eigenen Boden. Ich zahle niemandem 350 Euro um ihm beim Saubermachen zu helfen!«

Wie das mit Freunden so ist, saßen wir zwei Wochen später mit gemischten Gefühlen und je 350 Euro im Portemonnaie im Zug Richtung Süden. Ausgestattet mit einem Interrail-Ticket fuhren wir schon Donnerstag los, wobei wir allerdings nicht bedachten, das Frankreich in der Zeit von einem anderen Ereignis in Beschlag genommen wurde: der Tour de France. Da alle weiterführenden Verbindungen ausgebucht waren, kamen wir am ersten Tag nicht sehr weit und strandeten in Reims, genauer gesagt: auf den Straßen von Reims. Alle Hotels ausgebucht, alle Jugendherbergen voll, der Bahnhof geschlossen.

Die Nachtmenschen von Reims wissen nichts über die Allverbundenheit

Spiritualität in der Gosse

Also ab auf die Straße, rein ins Nachtleben. Wenn die Dunkelheit hereinbricht, kommen jene heraus, die das Tageslicht meiden. Eine Gestalt jongliert stundenlang mit Jojos im Park. Menschen sammeln Zigarettenstummel auf und rauchen sie zu Ende. Gemeinschaftlich. Man kennt sich. Auch Fremden gegenüber ist man hier aufgeschlossen: Immer wieder werden wir angesprochen und in ein Gespräch verwickelt. Gegen drei Uhr morgens schleicht ein junger Mann zu der von uns okkupierten Bushaltestelle. In der rechten Hand hält er eine Bierdose, den linken Arm hat er, vor Kälte zitternd, unter seinem T-shirt eingezogen. Was sind Überzeugungen wert, wenn sie nur in einem Kloster Ausdruck finden? Kurzerhand reiche ich ihm meine Jacke. Er stellt sich zu mir und fängt an zu erzählen: Aus einer Zigeunerfamilie stammend, fand er in Frankreich keine Arbeit. Heute war er in der Suppenküche, dann hat er sich betrunken, er sei Alkoholiker. Freunde will er keine, die würden ihn ja doch nur immer beklauen.

Wie Brechreiz steigen in mir die alten Fragen auf. All das Elend, all der Schmerz, warum nur, alles so unnötig. Konfrontiert mit der Realität fallen die feingesponnenen Ideenkonstrukte wie Kartenhäuser in sich zusammen. Die Nachtmenschen von Reims wissen nichts über die Allverbundenheit. Ihre Realität ist selten blumig, ihre ganze Art schrecklich pragmatisch. Der Kontakt zu ihnen macht bodenständig, er konfrontiert einen mit längst verdrängten Sorgen und Ängsten. Am sicheren Ufer lässt es sich leicht in Träumen schwelgen, die aber just in dem Moment zerplatzen, in dem du in kaltes Wasser fällst. Als es hell wird und wir zum Bahnhof gehen, nehme ich meine Jacke wieder mit. Ein großes Herz hätte ich, sagt der Junge. Eine halbe Stunde später fühle ich mich aber überhaupt nicht mehr großherzig, und meine Jacke fühlt sich nicht mehr als 'meine' Jacke an. Mir ist, als hätte ich sie gestohlen, genommen von jemandem, der die nächste Nacht wohl wieder frieren wird. Mit welchem Recht horten wir Privateigentum? Mit welchem Recht halten wir Tür und Herz verschlossen, hängen wir an unserer dritten Jacke, während der Nächste in der Gosse erfriert? Nackt kamen wir zur Welt, und nackt werden wir sie verlassen.

Wie beginnt ein Tag im Paradies? Mit einer Morgenmeditation

Thai's surprise

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte. Vielleicht sensationelle Erkenntnisse, bahnbrechende intellektuelle Überlegungen à la Jiddu Krishnamurti? Vielleicht scharfe Kritik und Größenwahn à la Bhagwan Shree Rajneesh oder ausgekügelte Systematik à la Ken Wilber? Von all dem ist Thich Nhat Hanh weit entfernt. Klar, manchmal blitzt Genialität auf, oder man hört leise, kaum vernehmbare Kritik. Doch meistens singt dieser Mann mehr als das er spricht, meistens klingen seine Worte wie ein wunderschönes Lied in den Ohren des Publikums. »Waking up this morning, I smile. Twenty-four brand new hours are before me. I vow to live fully in each moment and to look at all beings with eyes of compassion« und »Das Wunder ist nicht, auf dem Wasser zu gehen oder durch die Luft zu fliegen. Das Wunder ist, dass wir auf dieser grünen Erde gehen.«

Lange versuche ich irgendetwas aufzugreifen an dem sich mein Verstand festbeißen kann, dann gebe ich auf. Aufgabe ist Hingabe: Kurz darauf öffnet sich mein Herz einen Spalt breit, und gebannt lausche ich den Ausführungen über die Samen des Glücks, der Wut und der Traurigkeit. Nach den Dharmalehren bin ich in Gedanken noch lange bei Thich Nhat Hanh. Es ist etwas in diesem Menschen, das ihn von vielen anderen Gurus und Weltenlehrern unterscheidet. Der offenkundigste Unterschied ist der Mangel an Skandalen sowie seine augenscheinlich gute Gesundheit im hohen Alter. Das verwundert nicht: Thich Nhat Hanh strahlt vor Mitgefühl, Bescheidenheit und tiefgreifender Liebe zum Leben. In seinen Augen sieht man keine Bitternis, in seinen Gesichtszügen keine Arroganz. »Schönheit ist ein weit offener Geist und ein Herz, das Liebe erschafft.«

Ohne Schlamm kein Lotus

»Deshalb ist meine Definition des Königreich Gottes nicht ein Platz ohne Leiden. Denn wo kein Leiden ist, da gibt es kein Mitgefühl, kein Verständnis und deshalb auch kein Glück. Ohne Schlamm kein Lotus.« Jedes Lebewesen sucht Leid zu meiden und Glück zu schaffen. In unserer Kultur ist dies dahingehend ausgeufert, das wir positiven Gefühlen um jeden Preis hinterherhecheln. Auf keinen Fall wollen wir allein bleiben, wenn unsere Beziehung in die Brüche geht, auf keinen Fall die Party am Wochenende verpassen oder auf ein neues Auto oder Haus verzichten. In gewisser Hinsicht sind wir alle süchtig: Wir rennen dem nächsten Schuss, der nächsten Portion »positives Gefühl« hinterher ohne innezuhalten und uns zu besinnen. Wir vermeiden, ohne dass uns unser Vermeidungsverhalten bewusst wäre. Ach ja, und natürlich könnten wir auch ohne. Natürlich können wir auf die nächste Portion verzichten, aber warum sollten wir das tun!?

An dieser Stelle setzt Thich Nhat Hanh das längst fällige Stoppschild: ohne Schlamm kein Lotus. Ohne Leiden bleiben wir ohne Verständnis und ohne Mitgefühl und so wird es auch kein Glück geben. Ohne Achtsamkeit wird aus dem unscheinbaren Samen niemals eine prächtig blühende Blume.

Besuch in Plum Village
Foto: Geoff Livingstone, flickr.com

Kalter Entzug

Neben Wärme und Sonnenschein brauchen Blumen auch Kälte und Regen. »Wenn du nie Schmerzen auf deinem spirituellen Weg hast, dann vergiss es, du bist auf einem Ego-Trip.« (Abdi Assadi) Bevor ich nach Plum Village kam, befürchtete ich, auf weltfremde Mönche zu treffen, die in ihrer sicheren Umgebung dahinschwelgen wie klischeemäßige Hippies. Ich traf auf gereifte Mönche, die voll im Leben stehen, auf Menschen die meditieren und Basketball spielen, die Dharmalehren besuchen und kochen, die Bäume umarmen und Spaziergänge machen. Ich traf auf Menschen die sich ihrem Leiden stellen und vielleicht gerade deshalb aus voller Seele lachen können. »In der Achtsamkeit ruht man nicht nur und ist glücklich, sondern auch wach. Meditation ist kein Vermeiden, es ist eine heitere Begegnung mit der Realität.« Dass diese Aussage von Thich Nhat Hanh in Plum Village tatsächlich gelebt wird, überzeugte mich wohl am meisten von diesem hoffentlich zukunftsweisenden Projekt. Bezeichnend ist auch der Dialog des Oberhaupts mit einem kleinen Mädchen im Rahmen der Frage&Antwort-Stunden.

Sie: How are you? (Publikum lacht)
Er (nach einigem Überlegen): I am happy enough.
Sie: Happy enough for what?
Er: I am happy enough to be with you in the here and in the now.
Es kommt nicht darauf an, sich zurückzuziehen, vor der Welt zu fliehen, abgeschieden zu leben. Das Ziel muss sein, so viel Frieden, Stille und Glück in sich zu kultivieren, dass man diese auch in der Konfrontation mit dem Alltag und der Welt beibehalten kann. Um ein Licht für diese Welt zu sein, muss das Feuer stark genug brennen.

Guter Guru, schlechter Guru

In seinem Rundumschlag »Gurus – zwischen Sex, Gewalt und Erleuchtung« rechnet Geoffrey D. Falk gnadenlos mit den meisten bekannten »Weltenlehrern« und »Heiligen« ab. Gegen Ende seines Buchs stellt er die Frage, was denn nun übrig bleibt, was einen guten spirituellen Lehrer ausmacht. Seine Antwort könnte eine Beschreibung Thich Nhat Hanhs sein: »Von dieser Warte aus besehen besteht das Äußerste, was ein spiritueller Lehrer bieten kann, darin, ein anständiger, ehrlicher, bescheidener, ausgeglichener und liebevoller Mensch zu sein, und niemals ein 'menschgewordener Gott'.« Es gibt kaum Lehrer und Gemeinden die ich bedenkenlos und von Herzen empfehlen kann. Eine Woche in Plum Village ist da die Ausnahme.

Um ein Licht für diese Welt zu sein, muss das Feuer stark genug brennen

Leben&Erde-Festival

Am Abend des vorletzten Tages unseres Aufenthalts findet das life&earth-festival statt, ein Ereignis, bei dem es vor allem darum geht, ein weiteres Mal alle zusammenzubringen: Ein Kurzfilm über die Erde wird gezeigt, Kinder singen einstudierte Lieder, Erwachsene freuen sich und singen mit. Abgerundet wird das Spektakel durch eine Lichterprozession um den Teich herum, bei der jeder Teilnehmer behutsam ein Kerzenlicht in Lotusform vor sich herträgt.

Zurück im Alltag

Bleibt noch die abschließende Frage: Was bleibt hängen? Darauf eine allgemeingültige Antwort zu geben ist unmöglich. Der eine krempelt sein Leben komplett um, der Nächste ist ein wenig achtsamer im Alltag, und der Dritte ist zwei Tage nach seinem Aufenthalt wieder im gewohnten Trott. Für mich war mein Aufenthalt in Plum Village in erster Linie eine inspirierende Erfarung, geprägt von diversen neuen Eindrücken. Es ist schön zu sehen, in welch herzlicher Art und Weise Menschen miteinander leben und kommunizieren können. Faszinierend, wie nahezu jeder Besucher sich dieser Offenheit nach nur wenigen Tagen anschließt, sei er Künstler oder Fleischer (der am letzten Tag bekannt gab, seinen Beruf an den Nagel hängen zu wollen). Abgesehen von all den Eindrücken war es eine Woche Urlaub in einer Idylle, umgeben von interessanten Menschen und wunderschöner Natur. Zurück in der Großstadt erinnere ich mich mit Wehmut an ein Gespräch aus Plum Village: »Das Leben ist zu kurz, um nicht an einem Platz wie diesem hier zu leben«.

Maxim Korman

Maxim Korman, geb. 1992 in Lviv (Ukraine), wuchs in Deutschland dreisprachig auf (russisch, ukrainisch, deutsch). Schachspielmeisterschaften. Autodidakt. Lebt in Trier. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Heft

Aus dem Heft connection spirit 9-10/12

   
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