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Editorial 11/12-12

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Wahrheit & Schönheit

Photo Wolf Schneider

Wenn ich bei meiner Bank die Kontoauszüge ausdrucke, dauert das immer eine geraume Weile, aber ich darf in der Zeit den »Fortschrittsbalken« beobachten, der mir Hoffnung macht, dass der Ausdruck bald erledigt ist. Dieser Balken hat jedoch die Eigenschaft, nach links zurückzuspringen, wenn er rechts angekommen ist. Es gibt andere Fortschrittsbalken, die werden langsamer, wenn sie sich dem rechten Rand nähern, mit dem man doch hofft angekommen zu sein. Es müssen Zyniker sein, die diese Fortschrittsbalken programmieren, ich kann ihr schallendes Gelächter schier hören, wenn sie sich vorstellen, wie wir Fortschrittsgläubige da auf die Bildschirme starren und darauf warten, dass wir endlich dort ankommen, wo wir hinwollen. So wie wir Menschen seit Jahrhunderten auf das Ende der »selbstverschuldeten Unmündigkeit« hoffen – so hatte Immanuel Kant einst (1784) die Aufklärung definiert. Auch heute noch hoffen wir auf das Ende der Irrtümer, die Befreiung aus der Ignoranz, die Erleuchtung oder Erlösung, oder wenigstens auf ein bisschen mehr Glück im Diesseits. Doch, wir dürfen hoffen: Es gibt eine Annäherung zwischen Religion und Wissenschaft! Das meiste, was so aussieht, ist aber keine – mehr dazu hier im Heft.

Wissenschaft ist eine Methode

Die Wissenschaften, speziell die Naturwissenschaften haben in den vergangenen zwei, drei Jahrhunderten so große Fortschritte gemacht, dass sie zur vorherrschenden Weltanschauung geworden sind und manchmal den Eindruck erwecken, als sei mit ihnen eine neue Glaubensrichtung verbunden, die auch wieder rechthaberisch auftritt, Anhänger sucht und Andersgläubige verurteilt, so wie die Glaubensrichtungen der vorangehenden Jahrtausende es fast alle getan haben. Die Naturwissenschaft ist aber eigentlich eher eine Methode des Wissenserwerbs als eine Weltanschauung, eine Art, wie man zu Erkenntnissen gelangt (und in der Hinsicht übrigens dem Buddhismus ähnlich, der da sagt: Probier's aus! Meditiere! Sei dir selbst ein Licht!). Sie kann nichts beweisen, sie kann nur widerlegen. Alles, was die Naturwissenschaften behaupten, steht jederzeit sozusagen zum Abschuss bereit. Ein einziges Gegenbeispiel genügt, und die Theorie oder These ist widerlegt.

Wissenschaftler sind Menschen

Natürlich sind auch Naturwissenschaftler nur Menschen. Viele von ihnen sind ehrgeizig, rechthaberisch oder beneiden die Arrivierteren unter ihren Kollegen, ganz wie wir anderen Sterblichen auch. Die Methode aber ist phänomenal gut. Im Grunde ist sie einfach eine trial and error (Versuch und Irrtum) Methode: Stell eine These auf und warte, ob irgendjemand imstande ist, sie zu widerlegen. Und intersubjektiv muss es sein: Auch andere müssen das beobachten können – was ja die Basis ist von jeder zwischenmenschlichen Kommunikation.

Zutiefst subjektiv

Was bleibt dann von den Religionen noch übrig? Die Mystik. Sie ist die zutiefst subjektive Betrachtung der Welt. Niemand ist genau so wie ich, niemand außer mir selbst kann durch meine Augen auf die Welt schauen, und wenn ich dann von allem absehe, was nur spekulativ ist, was nur eine These ist und keine Erfahrung, dann lande ich bei der Mystik. Dann weiß ich nicht mehr, ob es dich und euch überhaupt gibt, Steine, Häuser, Berge, die Hände vor mir … ich höre Töne, sehe ein Flimmern oder Glitzern, fühle ein Jucken auf der Haut, habe Gedanken, die vorüberziehen und Gefühle, die kommen und gehen und weiß nicht mal, ob ich morgen noch existiere und ob das Gestern vielleicht nur in meiner Erinnerung lebt und nie wirklich war. Da bin ich im ewigen Jetzt gelandet, und nur was hier ist, ist wirklich, alles andere ist Spekulation. Religionen? Ich habe Vorstellungen von Gott oder Göttern, Engeln oder Elfen, nicht anders als von Harry Potter, Superman und Pippi Langstrumpf. Diese Mythen kann ich beobachten, ihr Kommen und Gehen und ihre soziale Wirkung, aber ich falle dann nicht mehr darauf rein, dass sie »wirklich sind«. Allerdings sind auch Steine und erst recht Atome nur »relativ wirklich«.

Annäherungen

Was unter uns Menschen – in den Medien, in der spirituellen Szene, in unseren täglichen Gesprächen und Selbstgesprächen über Religion, Wissenschaft, Esoterik und Spiritualität – so alles gesagt wird, das sind Versuche der Annäherung an eine schwer verständliche und noch viel schwerer kommunizierbare Wirklichkeit. Einige dieser Aussagen sind sehr schön, auch wenn sie nicht wahr sind! Dann dürfen wir dankbar sein für diese Schönheit und sollten nicht auch noch Wahrheit verlangen. Andere sind wahr, aber nicht schön – auch das ist wertvoll. Dass beides zusammenkommt, so wie in Einsteins Formel E = mc2, das ist nur sehr selten der Fall.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 11/12-12

   
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