Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Editorial 01/02-13

Details

Der Fluch der Freiheit und die Suche nach einer Theorie von allem

Photo Wolf Schneider

Die »Work-Life Balance« finden, so nennen die Coaches von heute den Anspruch, die Anforderungen der Arbeit mit den Ansprüchen der Familie, des Privatlebens, der Freizeit zu vereinbaren. Aber das ist noch lange nicht alles. Wir müssen auch mit unseren Krankheiten zurecht kommen, mit dem Tod, der Suche nach dem Sinn im Leben, vielleicht auch einer täglichen spirituellen Praxis – und währenddessen einkaufen gehen, die Wohnung sauber halten, fürs Alter vorsorgen, für die eigenen Eltern und die Kinder, dann braucht das Auto Winterreifen, und bald muss es auch durch den TÜV, außerdem war heute morgen der Duschabfluss verstopft, und der WLAN-Router, nein, nicht auch das noch …

Entscheiden müssen

Für alles das brauchen wir, wenn wir in die hierfür erforderlichen Entscheidungen nicht einfach hineinstolpern, sondern sie tatsächlich treffen wollen, eine »Theorie von allem«. Jeder von uns hat eine solche, normalerweise entscheidet ja irgendetwas in uns alle diese kleinen oder großen Dinge, meist sind uns die Kriterien dabei jedoch nicht ausreichend bewusst. Es muss ja oft schnell gehen, und nie reicht unser Wissen aus für alles das. Wie soll ich finanzielle und spirituelle Ziele unter einen Hut bringen? Wie gewichte ich mein privates Beziehungsleben gegenüber dem Beruf? Hilft mir dabei die Wissenschaft, die Religion, meine beste Freundin oder eher ein Astrologe?

Waaaas??? Der spinnt doch!

Als ich zum ersten Mal von Ken Wilbers Anspruch hörte, eine »Theorie von allem« zu erschaffen, musste ich lachen. Noch nicht einmal den Physikern gelingt es, eine Theorie zu finden, die alle physikalischen Phänomene erklärt, den Linguisten nicht, eine zu finden, die auf alle Sprachen zutrifft, vom Seelischen und der Kunst und der Spiritualität mal ganz zu schweigen, und dann will dieser Kerl …. ? Nein, das geht nicht, der spinnt. Aber irgendwie sympathisch fand ich es doch, dass er sich traut, überhaupt nur daran zu denken, dass das möglich sein könnte. Und jetzt, nach Fertigstellung dieses Heftes, das sich diese größenwahnsinnige Theorie als Schwerpunkt gesetzt hat, schickte mir Dennis Wittrock vom Integralen Forum ein Zitat von diesem Wilber, das zeigt, dass er ja selbst über den Wahnwitz dieses Anspruchs schmunzelt:

Ein bisschen Ganzheit ist besser als gar keine

»Alle diese Versuche sind natürlich durch die vielen Arten gekennzeichnet, in denen sie scheitern. Die vielen Arten, wie sie zu kurz greifen, unvertretbare Verallgemeinerungen machen, Spezialisten in den Wahnsinn treiben und ganz allgemein dabei versagen, ihr proklamiertes Ziel der ganzheitlichen Umarmung zu erreichen. Nicht nur, weil diese Aufgabe jeden menschlichen Verstand überfordert, sondern auch, weil sie implizit unmöglich ist: Das Wissen explodiert schneller als die Arten, es zu kategorisieren. Die Suche nach der Ganzheit ist ein ewig unerreichbarer Traum, ein Horizont, der sich in dem Maße entzieht, wie wir uns ihm nähern, eine Schale Gold am Ende des Regenbogens, den wir nie erreichen werden. Warum das Unmögliche dann überhaupt versuchen? Weil ich denke, dass ein bisschen Ganzheit besser ist als gar keine, und eine integrale Sicht beträchtlich mehr Ganzheit bietet als die zerstückelnden Alternativen.«

Die Überforderung

Versuchen wir's also. Und vergessen wir dabei nicht, dass die moderne Gesellschaft mit ihren nie da gewesenen Freiheiten und Optionen für uns Menschen sowieso schon längst eine permante Überforderung darstellt – in den Jahrzehntausenden, in denen homo sapiens wurde, was er heute ist, hat er es einfacher gehabt. Dass wir heute neben allem anderen auch noch unser Smartphone selbst einrichten müssen, die richtige Krankenversicherung wählen und wissen sollten, ob die Riesterrente sich für uns lohnt, ist ja bereits System: das Prinzip, den Bürger durch Überforderung kapitulieren zu lassen und auf diese Weise fügsam zu machen – nun kann man ihm selbst die Schuld geben, wenn er bei so viel Freiheit nicht für sich das Beste herausholt. Ja, wir brauchen eine Theorie von allem!

Wolf Schneider

Heft
bestellen

Aus dem Heft connection spirit 01/02-13

   
© Connection AG 2015