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Interview mit dem bayrischen Sufi Sheikh Ingo Taleb-Rashid

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Interview mit dem bayrischen Sufi Sheikh Ingo Taleb-Rashid
Tanztheater Warrior Soul

Blick in das Große Mysterium

In den christlichen Kulturen wird das Bild eines aggressiven Islam gepflegt als eine Bedrohung für den liberalen Westen. Dieses Bild passt aber nur auf eine kleine Minderheit von Muslimen. Verkannt wird dabei, dass zum Islam auch die Sufis gehören, ein mystischer Zweig dieser großen Weltkultur, der auch in Deutschland durch einige Zentren vertreten ist. Eines davon ist die im Chiemgau ansässige El Haddawi Schule für Tanz, Kampfkunst und Körperarbeit, die von Ingo Taleb-Rashid geleitet wird, einem aus dem Irak stammenden Sufi-Sheikh in ununterbrochener Familienlinie seit etwa 1400 Jahren

Hallo Rashid, du bist in Bayern aufgewachsen als Sohn einer polnischen Mutter und eines aus dem Irak eingewanderten Vaters – was für eine interessante Mischung! Wo ist, mit diesen so diversen Wurzeln, heute deine kulturelle Heimat?

Meine Mutter ist deutsch-polnischer Herkunft, aber in Polen zur Welt gekommen und aufgewachsen. Die Familie meines Vaters hat zum Teil Wurzeln in Zentralasien. Die Stadt Buchara in Usbekistan ist da ein wichtiger Bezugspunkt für uns.

Kulturell fühle ich mich in Bayern zu Hause. Ich bin in München zur Welt gekommen und zu einem großen Teil hier aufgewachsen. Im Rest Deutschlands erkennt man mich anhand meines Dialektes meist als Bayer. Das ist aber nur ein Teil von mir. Auch die Kultur, Spiritualität und Atmosphäre des Nahen Ostens haben für mich eine sehr starke heimatliche Qualität.

Ich habe einen Teil meiner Kindheit in Bagdad verbracht und als junger Erwachsener einige Zeit im Nahen Osten. Darüber hinaus habe ich einige Zeit in Japan und einige Zeit in Brasilien gelebt. Zwei sehr gegensätzliche Orte, die beide für mich ebenso das Gefühl von Heimat beinhalten. Eigentlich fühle ich mich als Weltbürger.

Deine Verortung als Weltbürger ist mir sehr sympathisch, und auch das Spezifische: der Bezug zu Bayern, zum Nahen Osten, zu Japan und zu Brasilien. Und ich weiß, dass du Zen magst und praktizierst, außerdem die brasilianische Art das Leben zu feiern sehr schätzt und ein sehr freiheitlicher Geist bist – wie passt das damit zusammen, dass du Moslem bist? Was bedeutet das für dich?

Warum soll ein Moslem nicht gerne feiern, Zen praktizieren, mit einem Bier am Chinesischen Turm sitzen und vieles mehr? Hier stellt sich die Frage: Was ist ein Moslem? Dazu ein kurzer Ausflug in die arabische Sprache: Diese ist auf Konsonanten aufgebaut. Die Vokale dazu ergeben dann verschiedene Bedeutungen innerhalb einer Wortfamilie. Das Wort Moslem, auf Arabisch Muslim geschrieben, besteht aus den Konsonanten S L M und einer Vorsilbe »Mu«. Die drei Konsonanten kommen auch in dem Wort SaLaM vor, das ist das Wort für Frieden (auf Hebräisch ähnlich »SHaLoM«), oder auch in iSLaM – Hingabe an den Frieden und an das Göttliche. MuSLiM is jemand, der so gut wie möglich versucht, sich dem Frieden hinzugeben und sich zu entwickeln. Das bedeutet in erster Linie, Frieden in sich und für sich selber zu suchen. In diesem Sinne fühle ich mich als MuSLiM.

Im Koran wird in etwa 70 Prozent der Textstellen mit »Muslim« ein Mensch benannt, der nach Entwicklung strebt. Damit ist nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten oder »richtigen« Religion verbunden. In diesem Sinne kann ich auch Buddhisten, Juden, Christen, oder Menschen ohne bestimmte Religion als Muslime verstehen. Ein guter Freund von mir in Japan ist Shinto-Priester. Er hat mir erklärt, dass es im Shinto Millionen von Göttern gibt. Ich habe ihm dann im Scherz geantwortet: Wir haben nur einen Gott! Doch darauf kommt es nicht an ... Das Göttliche liegt wohl jenseits dieser Kategorien.

Bei euch hat Gott immerhin 99 Namen! Die Facetten des Göttlichen, denen in der antiken griechischen oder heutigen indischen Götterwelt eigene Figuren gegeben wurden. Und: 70 Prozent, dass ist immerhin schon ganz schön viel! Ich weiß nicht, wie gut das alte Testament der Bibel dabei abschneiden würde. Aber jetzt mal wieder zurück zu dir: Du leitest als Naqshbandi Sufi-Sheik die El-Haddawi-Schule im Chiemgau, die nicht nur sufische Atem- und Ekstase-Techniken anbietet, sondern auch Körperarbeit, Tanz und Martial Arts. Warum so viel Körper?

»Im Koran wird in etwa 70 Prozent der Textstellen mit ›Muslim‹ ein Mensch benannt, der nach Entwicklung strebt«

Die 99 Namen sind ein Symbol für unendlich weitere Eigenschaften des Göttlichen. Den Vergleich mit der griechischen und indischen Götterwelt finde ich sehr treffend.

Nun zur Frage nach dem Körper: Ich stamme aus der Naqshbandi-Rashidiya Sufi-Tradition. Diese ist eine Linie innerhalb der weitläufigen Naqshbandi-Tradition. Die technische Eigenart der Naqshbandi ist die Meditation und Atemarbeit in der Stille. Dazu kommt die spezielle Ausprägung unserer Linie, die Körperarbeit, oder etwas poetischer gesagt: die Körperkunst. Wir sprechen in unserer Tradition von drei Toren zur Heilung oder Ganzwerdung: Körper, Energie und Geist. Alle diese drei Komponenten sind mit dem Atem verbunden.

Unser Körper ist das Eintrittstor, über das jede Form von Entwicklung geschieht. Es gibt keinen Vorgang in uns, der nicht auch ein körperlicher Vorgang ist. Über Jahrtausende hat der Sufismus Techniken entwickelt, die uns helfen das Potential unseres Körpers auszuschöpfen und mit diesem »Tempel«, der er ja eigentlich ist, heilsam und kreativ umzugehen. So sind auch die Atem- und Meditationstechniken Körperübungen.

Darüber hinaus gibt es eine große Zahl von so genannten »magischen Schritten und heiligen Tänzen«, die in unserem Training geübt werden. Diese Bewegungsformen werden wie eine Art von Medizin zur Heilungsunterstützung bei verschiedenen körperlichen und seelischen Problemen benutzt. Sie spiegeln die Eigenschaften des Göttlichen wieder und manifestieren deren Kraft im Übenden.

Schließlich nutzen wir unser Training und machen professionelles Tanztheater. Damit schaffen mit den Aufführungen gemäß sufischer Tradition ein Werkstück, das die Arbeit nach außen sichtbar macht. Jede unserer Tanztheater-Produktionen ist für die Aufführenden eine spirituelle Reise und macht Aspekte dieser Reise für das Publikum zugänglich.

Noch ein Wort zu den Ekstase-Techniken. Vielleicht ist dieser Ausdruck etwas ungenau. Im Sufismus sprechen wir von verschiedenen Bewusstseins- oder Präsenzzuständen, die im Arabischen »Hal« genannt werden. Die Bandbreite geht von stiller Versenkung bis zu freudiger Erregung. Gerade mit unserer Tanztheaterarbeit versuchen wir, die Zuschauer an diesen »Hal« teilnehmen zu lassen.

Interview mit dem bayrischen Sufi Sheikh Ingo Taleb-Rashid
Gassan-Festival in Japan 2005

Tanz, Theater und freudige Ekstase, das grenzt für mich an ein anderes Thema, das in den vergangenen Jahren für mich zu einem zentralen Lebensinhalt geworden ist: Humor. Ich weiß, dass Humor auch für dich eine bedeutende Rolle spielt. Ich glaube, wir haben dazu einen ähnlichen Bezug und sind ja damit auch schon ein paar Mal zusammen auf der Bühne gestanden, zum Beispiel im Herbst 2011 in dem durch Doris Dörries Film »Ob's stürmt oder schneit« berühmt gewordenen »Marias Kino« in Bad Endorf.

Der Islam ist nun weithin als humorfeindlich bekannt, insbesondere was Darstellungen von Mohammed anbelangt, im Gegensatz etwa zum Buddhismus, der generell kaum ein Problem damit hat, Witze über Buddha zu machen und ihn auch visuell zu karikieren. Auf der anderen Seite stehen die Sufis mit ihren witzigen Sufi-Geschichten und Figuren wie Mullah Nasruddin, das ist ein so ein abgründig tiefer Humor, so paradox und urkomisch, ähnlich wie Geschichten und Figuren aus dem Zen und dem Taoismus –  wie stehst du als Muslim und aktiver Sufi-Sheik dazu?

»Unser Körper ist das Eintrittstor, über das jede Form von Entwicklung geschieht«

Für mich gehören Humor und Spiritualität zusammen. Um dem Islam etwas die Stange zu halten, möchte ich erwähnen, dass ich denke, der Islam per se ist nicht humorfeindlicher als andere Hochreligionen. In den Medien werden aber leider immer diejenigen wahrgenommen, die am lautesten schreien. Dazu kommt, dass sich tatsächlich in der Islamischen Welt eine Radikalisierung vollzieht, die aber eher kulturelle, historische und machtpolitische Gründe hat, deren Wurzen in der Kolonialzeit liegen.

Wie du mit dem Beispiel von Mullah Nasruddin erwähnt hast, ist Humor im Sufismus ein sehr integrierter Teil des menschlichen Daseins. Das gilt übrigens auch für die jüdisch-chassidische Mystik.

Der Sufismus fordert den Übenden heraus, einen unüblichen Standpunkt einzunehmen und sich selber mit gesunder Distanz zu sehen. Humor ist hier das Mittel der Wahl. Wir beide haben ja schon öfters auf der Bühne gezeigt, dass wir über uns selber lachen können. Selbstironie scheint mir eine Grundlage für Entwicklung zu sein. In unserem Training in unserer Schule mache ich auch immer wieder allerlei Unfug. Manchmal verstöre ich damit die Trainierenden, aber häufiger erfreue ich die Menschen, die mit uns üben. Mir selber tut es auch gut. Im Übrigen ist Lachen erwiesenermaßen einfach gesund.

Nun noch eine Frage zu der Veranstaltung, die du alle Jahre wieder auf der Fraueninsel im Chiemsee abhältst: die »El Haddawi Winterschool«. Sie findet im kommenden Februar nun zum 13. Mal statt – und zur magischen Zahl 13 passend hast du das Thema gewählt: »Mystik und Aberglaube – Spirituelle Führung oder Verführung«. Diesmal bin ja auch ich dort dabei, als Co-Referent und Mitorganisator, und werde mich mit dir zusammen von der Zahl 13 verführen lassen, von unseren Gastdozenten Willigis Jäger, Gisela Drescher und Katja Held ebenso wie vom Charme der weiteren Teilnehmer an dieser Winterschool – Führung und Verführung, das ist ja immer so eine verflixte Sache: Wenn es gut ausgeht, wohin wir mit einem Wegweiser gelangen, nennen wir es Führung, andernfalls – und auch, wenn es schillert – Verführung. Und so ähnlich ist es mit dem Glauben: Den Glauben der anderen, der mir nicht passt, nenne ich »Aberglaube«.

»Humor ist im Sufismus ein sehr integrierter Teil des menschlichen Daseins. Das gilt übrigens auch für die jüdisch-chassidische Mystik«

Mit dem Glauben ist das so eine Sache: Mir begegnet Aberglaube häufig in der Bühnenarbeit. Man sagt gerne, die zweite Vorstellung am Tag nach der Premiere wird immer besonders schlecht, oder vor der Premiere soll man sich nicht viel Glück wünschen und vieles mehr in der Richtung.

Die Praxis bestätigt das nicht. Mit Religionen und Spiritualität verhält es sich wohl ähnlich. Die einen Glauben an die Geburt von Jesus aus der Jungfrau Maria, der Islam übrigens auch, die anderen halten das für Aberglauben. Die einen trinken das Wasser, in dem die Füße des Meisters gebadet worden sind, die anderen finden diese Vorstellung ekelig. Viele Glaubenssätze und Aberglaubenssätze sind Jahrhunderte alt. Die schöne Vorstellung vom gütigen und strafenden Himmelsvater mit langem weißem Bart ist in Europa fast schon genetisch verankert.

Vielleicht brauchen wir alle den Mut, einen Schritt in den Raum der Erfahrung zu tun. Der Sufismus, wie auch andere Wege der Mystik bieten dazu Techniken und Methoden an.

Trotzdem sind wir alle nicht gegen Aberglauben gefeit. Was bedeutet zum Beispiel Erwachen oder Erleuchtung? Da sind große Fallen aufgestellt. Die kann der/die Suchende nur mit gesundem Menschenverstand, Übung, Humor und einer gewissen Demut umgehen.

In der Winterschool versuchen wir, diese Problematik zu thematisieren und sowohl Erfahrungen als auch Glaubenssätze auszutauschen. Vielleicht gelingt es uns, unsere Positionen zu relativieren und gemeinsam einen Blick in das große Mysterium zu werfen, das da draußen und auch in uns existiert.

Das Interview führte Wolf Schneider

Ingo Taleb-Rashid, Jg. 63, ist ein aus dem Irak stammender Sufi-Sheikh und Tanztheater-Regisseur. Connection Spirit 3/2009 enthielt einen Bericht über seine Winterschool. www.elhaddawi.de

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Aus dem Heft connection spirit 01/02-13

   
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