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Leserbriefe zu »Mega-Genie Ken Wilber«

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Leserbriefe zu »Mega-Genie Ken Wilber«
Artwork: Christine v. Putkamer

Begeisterung und Zweifel

Viele Leserbriefe haben uns zu unserer vergangenen connection spirit Ausgabe 1/2 2013 über das Mega-Genie Ken Wilber erreicht. Wir wollen unseren Lesern diese Kritik, die sowohl Lob als auch Tadel enthält, nicht vorenthalten, zumal unsere nächste connection spirit Ausgabe, die sich mit dem Thema »Bewusstseins-Erheiterung – Humor als spiritueller Weg« befasst, erst am 22. Februar 2013 erscheint...

Das Integrale Modell

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Als ich heute morgen den Briefkasten öffnete und neben Briefen, Tageszeitung und Werbesendungen die neue Ausgabe von Connection Spirit in den Händen hielt, habe ich mich sehr gefreut und fühle mich berührt. Dass Sie den Hauptteil Ihrer Ausgabe Ken Wilber widmen, finde ich angesichts der immer mehr zur Gefahr werdenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Diffusion extrem aktuell. Selbst habe ich mich vor elf Jahren mühsam durch »Eros, Kosmos, Logos« von ihm gearbeitet, aber ich gebe zu, dass ich es auch aus beruflich bedingten Zeitengpässen damals nicht zu Ende schaffte. Umso mehr freue ich mich auf die langen Weihnachtswinterabende, an denen ich durch die Lektüre der acht Beiträge inspiriert, vielleicht wieder einen neuen Zugang zu seinen Werken bekomme. Schon beim ersten Hinsehen hat mich das doppelseitige »Integrale Modell« fasziniert. Große Anerkennung für dieses Heft, aber auch für alle anderen Ausgaben mit denen Sie, Ihr Verlag und die zahlreichen Gastautoren einen ganz wichtigen Beitrag für eine bessere Welt leisten, wenn sie denn von den Menschen endlich auch aus anderen Sichtweisen begriffen wird und nicht permament nur aus der rein materiellen.

Peter Doldi, D-85238 Petershausen, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Begeisterung und Zweifel

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Lieber Wolf, mir ging es mit Ken Wilber ähnlich wie dir. Ich hatte nur den Namen gehört, von weitem, aber nichts gelesen. Erst die Ankündigung, Ken Wilber werde Schwerpunkt der nächsten Ausgabe von Connection Spirit sein, hat mich neugierig gemacht und ich habe mir »Naturwissenschaft und Religion«, »Integrale Spiritualität« und das Heft »Meditation« vom Integralen Forum bestellt und gleich fleißig gelesen. Am Anfang war für mich vieles recht abstrakt und mühsam, aber dann habe ich die Grundidee verstanden und war begeistert, vor allem von »Naturwissenschaft und Religion«, das ich in wenigen Tagen durchgelesen habe. Wichtig war für mich, einen Weg zu erkennen, wie Wissen und Weisheit sich versöhnen lassen und Religion in ihrem kontemplativen Kern Bestand und Würde behält.

Nach diesem Einstieg war ich gespannt, wie ich Ken Wilber und die integrale Bewegung in der Connection Spirit erlebe. Deine Begeisterung, gemischt mit einigen kritischen Tönen, konnte ich nachvollziehen, denn mir war es ja auch so gegangen. Die einführenden Beiträge von Michael Habecker, Katharina Ceming und Torsten Brügge habe ich eher als blass erlebt. Weitaus stärker waren für mich die kritischen Beiträge und ich bin dir dankbar, dass du sie gleich mitgeliefert hast. Im Interview mit Frank Visser haben mich die kritischen Hinweise zum Menschen Ken Wilber und seine Entwicklung nachdenklich gemacht, denn für mich ist in der Regel wichtig zu wissen, wer ist das, der das schreibt, und wie ist er seinen eigenen Weg gegangen. Im Beitrag von Johannes Heinrich haben mich die inhaltlichen Einwände beeindruckt und mich beschäftigt die Frage: Ist die »Theorie von allem«, so brillant sie zunächst erscheint, nicht doch zu einfach? Ist mehr Demut geboten? Zweifel ist also meiner Begeisterung gefolgt und ich bin gespannt, wie ich die von dir angekündigten vertiefenden Beiträge zu den Thesen von Ken Wilber in den nächsten Ausgaben von Connection Spirit erleben werde.

Gut zu lesen, dass Raum bleibt für viele andere Themen, denn ich habe den Eindruck, man kann auch leicht Wilber-müde werden. So war es schön für mich, in der letzten Connection Spirit Abstand und Abwechslung zu finden in deinem Interview mit dem bayrischen Sufi Ingo Taleb-Rashid oder im Beitrag von Alfred Kirchmayr zu Johannes XXIII., dem Papst, der wirklich Christ war.

Dr. Norbert Dittrich, D-57078 Siegen, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ken Wilber und die Integrale Bewegung
Abb. 1: Die vier Quadranten als Perspektiven
von und auf Wirklichkeit

»Bitte keine weiteren Wilber-Belehrungen«

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Ein Genie ist ein Mensch mit überragender schöpferischer Geisteskraft. Aber was soll ein Mega-Genie sein? Ken Wilber mag ja vielleicht (oder auch nicht) ein Genie sein auf seinem Gebiet. Aber der Versuch, den eigentlich nicht zu toppenden Geniestatus noch durch die reißerische Erklärung zum Mega-Genie zu übertrumpfen, ist sprachlich schlicht Quatsch. Was soll so was auf dem Titel der Connection?

»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum«, lässt Goethe seinen Mephisto im Faust mit einigem Recht sagen. Natürlich kann auch eine Theorie wunderschön sein, beglückend, etc. – aber auch die großartigste Theorie ist ein Geschöpf des menschlichen Geistes und damit nur ein Teil des Lebens. Sie ist eine Geschichte, mit der wir versuchen, uns die Welt plausibel zu erklären. Das Wesentliche ist die Welt. Wenn wir aber die Geschichte / Theorie für wesentlicher halten, liegen wir schon im Ansatz daneben. Sprich: Ich finde, ein Magazin fürs Wesentliche sollte sich grundsätzlich nicht übermäßig mit einer bloßen Theorie beschäftigen.

Ich lese gerade mit stellenweise großer Faszination Bill Brysons »A Short History of Nearly Everything«. Bryson erzählt darin parallel zwei Geschichten: Einerseits die Entwicklung vom Urknall zum Homo Sapiens nach (seinem) heutigem Kenntnisstand und andererseits die Entwicklung dieser Entwicklungsgeschichte durch immer neue Forschungsergebnisse und daraus resultierende Erkenntnisse. Dabei ist das »Nearly« im Titel wichtig – es zeigt ein klares Bewusstsein für die Begrenztheit des Unternehmens, das zudem auch mit viel angelsächsischem Humor präsentiert wird. Eine »Theorie von allem« ohne einschränkendes »fast« ist dagegen Augenwischerei. Weder ein einzelner Mensch noch die Menschheit insgesamt ist allwissend. Da kann es allenfalls eine Theorie von allem Bekannten geben. Allwissen und eine Theorie für Allverstehen sind dagegen lediglich naive Wunschfantasien. Ernsthaft eine »Theorie von allem« vorzuschlagen, ist weder mutig noch größenwahnsinnig sondern einfach nur dumm - oder eine ziemlich dreiste Marketingstrategie. Auch in unserem komplexen Alltagsleben brauchen wir keine »Theorie von allem« sondern nur viele Rezepte für sehr vieles.

Lieber Wolf, lies zu Hause so viel Wilber wie du magst, aber bitte lass dich von deiner aktuellen persönlichen Wilber-Begeisterung nicht dazu verleiten, Connection zu einem wilberianischen Verkündigungs- und Diskussionsblatt zu machen. Damit wäre Connection vor 20 oder 30 Jahren der Zeit voraus gewesen, aber heute würde sie hoffnungslos hinterherhinken. Wer Wilber studieren möchte, der kann das in seinen Büchern und den Büchern, Zeitschriften, Webseiten und Kongressen seiner Anhänger ausgiebig tun. Dazu braucht es nicht die Connection. Dass du ihn absolut lesenswert findest und seinen Werken lebensverändernde Qualitäten zuschreibst, hast du mit dem aktuellen Schwerpunkt wunderbar deutlich gemacht. Damit sollte es jetzt aber auch genug sein. Bitte kein Wilber-Jahr mit Belehrungen zu seinem Werk in jeder weiteren Ausgabe!

Yogendra Jens Eckert, D-38102 Braunschweig, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ken Wilber und die Integrale Bewegung
Abb. 2: Vier Menschenbilder

Glückwunsch zum Wilber-Tempel

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Hallo lieber Sugata, schon im laufenden Jahr 2012 hast du der integralen Philosophie mehr Gewicht in Connection gegeben. Und nun diesen Wilber-Tempel mit der letzten Ausgabe: ganz großen Glückwunsch dazu! Am Anfang des Hefts setzt du Wilber auf seinen verdienten intergalen Thron und in den Leserbriefen (zu den letzen Ausgaben) wirst auch du mit Lob und Anerkennung im Connection-Tempel geehrt.

Ich wunderte mich schon und akzeptierte, dass in den letzten zehn Jahren nur tröpfchenweise integrale Berichte in connection zu finden waren. Mit dieser integralen Bereicherung möchte ich wieder die Connection Spirit in unserem Edelsteinladen und Yoga-Zentrum anbieten. Zu der Kritik des Integralen Instituts in Denver möchte ich anmerken, dass auch diese integralen Mitarbeiter ein Leben haben und dieses finanzieren müssen. Die übliche Kritik an Arroganz, Institution und Elite ist meistens nicht integral, also ohne inhaltliche Argumente und eher nur auf persönliche kleine Unzulänglichkeiten in der integralen Bewegung gerichtet.

Kesho Das, D-74575 Schrozberg, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ken Wilber und die Integrale Bewegung
Abb. 3: Quadranten als Erkenntnisperspektiven

Kommt das Herz zu kurz?

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Ich finde diese Ausgabe sehr gelungen: eine kritische Würdigung und erhellende Einführung. Deine Wahrnehmung, Wolf, dass das liebende Herz gegenüber dem Mind v.a. in der integralen Szene manchmal zu kurz kommt, entspricht meinen Erfahrungen im Wiener integralen Feld, mit dem ich ein Jahr lang recht viel zu tun hatte und das ich schätze, aus einer gewissen Distanz heraus.

Michael Nußbaumer, Redakteur des TAU-Magazins, A-1160 Wien, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Theorie und Praxis

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Es gibt immer wieder Artikel, die begeistern. Z.B. der von Torsten Brügge über »Spirituelle Krankheiten«, in dem man vieles von den eigenen spirituellen Erfahrungen beschrieben und erklärt findet. Absolut spannend natürlich auch die Wilber-Kritik von Herrn Heinrichs bzw. das Titelthema insgesamt. Stark fand ich auch den Artikel über Johannes den XXIII., in dem von der »Struktur gewordenen Berührungsangst der katholischen Kirche« gesprochen wird. Nicht nur die dargestellten Thesen und Theorien, sondern die Verbindung zwischen Theorie und Lebenswirklichkeit macht die Connection für mich so lesenswert. Es tut auch gut, dass vermeintliche oder echte »Misstände« in der spirituellen Szene angesprochen werden – aber gesunde Spiritualität in einem unmenschlichen System zu leben, ist eben schwierig. Das würde ich bei all den guten Gründen für eine kritsche Haltung gerne noch hinzufügen. Aber wem sag ich das?

Herzliche Grüsse, Uwe Lüken, D-53117 Bonn, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ken Wilber und die Integrale Bewegung
Abb. 4: Quadranten und Entwicklung

Auf beiden Augen sehen lernen

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Ja, da steht er nun, der »Held des Integralen«, zum Megagenie gekürt, auf einsamen Höhen. Und es gibt auch ein »Fußvolk«: hochbegeisterte Anhänger von ihm, die jede Kritik an ihrem Wissens- und Weisheitsguru zurückweisen und ebenso die anderen, die Kritiker, die am Sockel seines ihm schon zu Lebzeiten errichteten Denkmals herumkratzen, ohne ihn wirklich zu erreichen. Ich möchte mich hier weder zu der einen oder anderen Seite gesellen, geht es mir doch um etwas anderes, nämlich um meine eigene integrale Wahrheit und die integrale Wahrheit für eine neue liebens- und lebenswerten Welt, so wie ich sie verstehen möchte.

Ich beginne hier mit einer kleinen Geschichte: In der Vorbereitung meiner Auroville-Reise 1986 besuchte ich mit meiner Freundin Anna 1985 einen Mann namens Heinz Kappes, einen hochgelehrten Wegbegleiter von Sri Aurobindo, den Begründer des Integralen Yoga. Er hatte die Bhagavat Gita neu übersetzt und teilte mit uns Weisheiten aus seiner Zeit mit Sri Aurobindo und der Mutter von Auroville. Im Zimmer von Heinz hing das Bild eines Mannes, den ich nicht kannte. Dieses Bild schien zu leben, ich sah dem Mann in die Augen, spürte ein wohliges Rieseln, und es durchfuhr mich dann wie ein Blitz. Wer war dieser Mann, der mich so berührte und den ich noch nie gesehen hatte? Jean Gebser heißt er, sagte Heinz, er sei ein begnadeter Philosoph aus der Schweiz, der stark in Vergessenheit geraten sei. Sein Hauptwerk hieße »Ursprung und Gegenwart«. Es wurde 1949 veröffentlicht, circa 30 Jahre vor der Veröffentlichung von Ken Wilbers »Halbzeit der Evolution«.

Warum schreibe ich dies hier in einer Rezension, bei der es um Ken Wilber geht? Ganz einfach: Jean Gebser war der Spiritus Rector von Ken Wilber. Er hat in den beiden Buchteilen von »Ursprung und Gegenwart« – »Fundamente« und »Manifestationen der aperspektivischen Welt« entscheidende Grundlagen für Ken Wilber's Evolutionstheoreme geliefert, so z.B. die Einteilung in die archaische, magische , mythische, mentale und integrale Struktur und hat dazu in Bd. 2 eine Fülle von synoptischen Übersichten geliefert, die mich inhaltlich sehr an Ken Wilbers Synopsen erinnern. Ich möchte hier nicht Ken Wilber des Plagiats bezichtigen, das steht mir nicht an – Ken Wilber hat diese Modelle auf seine Art bis zur Perfektion weiter entwickelt, doch empfand ich bei Gebser sehr viel mehr Tiefgang und Empathie. Gebser hat mein Herz berührt und meinen Geist, Ken Wilber nicht, mit der Ausnahme eines Buches, doch dazu komme ich später. Die rein intellektuelle Auseinandersetzung um Ken Wilber interessiert mich insofern wenig, da für mich das Neue Zeitalter, wie auch immer es genannt wird, eines der offenen Herzen, der Empathie, der Befreiung und Selbstwerdung des Menschen auf allen Seinsebenen ist und nicht nur des »Mentals« und der integralen Bewusstheit.

Nachdem ich »Halbzeit der Evolution« von Ken Wilber später gelesen hatte, schmökerte ich noch ein wenig in der transpersonalen Philosophie Ken Wilbers herum. »Eros, Logos, Kosmos« habe ich nicht gelesen und werde es wohl, wenn überhaupt, nur in Teilen lesen. Dafür las ich nicht nur Jean Gebser, sondern auch Bücher von anderen Autor/innen wie Riane Eisler, Arjuna Ardagh, Gerda Weiler, Ernst Bloch, Fritjof Capra, Hans Peter Dürr, Christine Kessler et cetera, und natürlich Osho. Auch sie hatten sehr viel zum Thema des Holons, der Integralität, der Theoreme des »Ganzen« zu sagen, wenn auch ein wenig anders als es Ken Wilber tat und tut. Und mittlerweile, nach Jahrzehnten eigener Forschungen und meiner eigenen sehr spezifischen persönlichen Entwicklung in Beziehung auf »Ganzheit«, halte mich für kompetent genug, mich zu diesem Thema und zu Ken Wilber zu äußern. Als Autor der Connection hatte ich dankenswerter Weise auch die Gelegenheit, in Tantra Spezial, Connection Schamanismus und Spirit immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln etwas dazu zu schreiben. Die inteGralen Welten, die ich oft mit groß G schreibe und die holystischen Welten, die ich manchmal mit klein y schreibe, sind für mich persönlich mit die wichtigsten Themen dieser Neuen Zeit. Es geht bei diesen »Themen« nicht nur um integrale Bewusstheit, sondern vor allem um ein inteGrales Neues Bewusst-Sein, das alle Seinsbereiche unseres Lebens durchdringt, transformiert und auf eine Neue Ebene unserer persönlichen, kollektiven und planetarischen Entwicklung transzendiert – für unser Mensch-Sein auf dem Weg in eine neue planetarische Kultur ist dies überlebensnotwendig geworden.

Jean Gebser schreibt dazu: ..»entweder überwindet wir die Krise, oder sie überwindet uns. Doch es überwindet nur, wer sich selber überwand. Entweder werden wir aufgelöst und ausgeteilt, oder wir lösen auf und erwirken die Ganzheit. Mit anderen Worten: Entweder erfüllt sich die Zeit an uns, dann heißt das Ende und Tod für unsere heutige Erde und ihren Menschen, oder es gelingt uns, die Zeit zu erfüllen –, dann heißt das Ganzheit und Gegenwart, dann heißt das Erwirken und Wirklichkeit der Ganzheit von Ursprung und Gegenwart.« Ich finde es ein wenig schade, dass dieser großartige Philosoph so wenig bekannt ist. Wenn überhaupt jemand dann hat er das Prädikat verdient, dann ist er der »Einstein der Bewusstseins- und Evolutionsforschung« zu sein. Vor allem für Ken-Wilber-Fans und -Gegner ist die Beschäftigung mit ihm ein Muss, war er doch einer der wichtigsten Gründerväter für Ken Wilber, neben Jürgen Habermas, Sri Aurobindo und anderen.

Jean Gebser war ein sehr bescheidener und zurückhaltender Mensch, bei all seinem hoch entwickelten Bewusstseinsstand, was, wie mir öfters zu Ohren kommt, von Ken Wilber, nicht gesagt werden kann. Ken Wilber ist dafür bekannt, oft sehr barsch, manche sagen größenwahnsinnig, mit seinen Kritikern umzuspringen, die ja nach seiner Auffassung eh keine Ahnung von seinen höchsten, supramentalen Welten haben, von denen nur er weiß, und die nur er in all ihren Dimensionen erfassen kann. Vor allem Frauen aus der feministischen Anthropologie und Matriarchatsforschung werden und wurden von ihm manchmal belächelt und ihre Theoreme und Forschungen spöttisch abgetan.

Jürgen Habermas, den Wilber für einen der größten Philosophen hält, fordert aber im Sinne von Aletheia, der Wahrheitsfindung, den »kritischen Diskurs«, um mit dem »Strukturwandel der Öffentlichkeit« und dem Übergang in eine neue Zeit bewusst und achtsam im Sinne von Mit-Menschlichkeit umzugehen. Ken Wilber kommt, aus irgendwelchen Gründen auch immer, diesem Postulat der Verständigung nicht oder nur unzureichend nach. Badet er hier, um es mit den Worten eines seines ehemaligen Anhängers und mittlerweile Kritikers, nämlich Frank Visser, zu beschreiben, nicht in einer Art Solipsismus, einer »Badewanne« seiner Selbstbespiegelung inmitten eines von ihm selbst erschaffenen Spiegelkabinetts? Und was soll hier die ganze Überheblichkeit und Spöttelei gegenüber Matriarchatsforscherinnen und Anthropologinnen, zeitgenössischen Archaikern, Magiern, Tantrikas und Schamanen, mythologischen Geschichtenerzählern, die alle, glaubt man Ken Wilber, auf einer niedrigeren Stufe ihrer inneren Menschheitsentwicklung steckengeblieben sind? Jean Gebser hätte sich zu einer solchen Überheblichkeit nie versteigen können, war er doch der Überzeugung, dass alle Stufen der Menschheitsentwicklung im Hier und Jetzt in einer Hochinterpretation des integralen Menschen sich im synergetischen Zusammenspiel zur höchsten Blüte entfalten können. Dazu ist schlicht und ergreifend zu bemerken: Wilber ist weder Frau, noch Schamane, noch Tantriker, noch Mystiker, woher sollte er es auch besser wissen?

Er ist Denker und NeuMystiker, und was er als solcher leistet, ist phänomenal. Gebser war dies alles auch nicht, Schamane, Tantriker, etc., auch er war Denker und Philosoph, doch war er ein empathischer Denker im Sinne einer von Wohlwollen getragenen epistemologischen Grundbefindlichkeit (Bateson), und diese seine Empathie ermöglichte es ihm, sich in alle »Welten« hineinzufühlen, d.h. er hatte die Fähigkeit zur »intermundanen Kommunikation«, der Kommunikation zwischen verschiedenen Wahrnehmungswelten, wie es der Phänomenologe Heinrich Rombach in seiner Hermetischen Philosophie beschreibt: Welten und »Gegenwelten« bedürfen der sich wohlwollend einfühlenden Verständigung, wenn kein »Verstehen« von sich aus möglich ist, und nicht der Arroganz des «Über allem Stehen Wollens«. Ken Wilber kommt zweifelsohne das Verdienst zu, das Thema »Integrale Welten« bekannt gemacht und genial weiterentwickelt zu haben. Und es soll ihm auch beschieden sein, als Megagenie mit all den anderen apollinischen (Begriff aus der Phänomenologie) patriarchalischen Megagenies des vergangenen Zeitalters auf höchsten geistig-spirituellen Bergspitzen zu stehen.

Was ihm fehlt ist die »Junialität«, s.u., die weibliche Seite der »Genialität«, die anders ist als die männliche. Und diese meint »Leben inmitten von Leben, das Leben will«, wie es Albert Schweitzer treffend beschrieben hat, und sie meint die Fähigkeit zur Menschenliebe und zur Verständigung. Ken Wilber ist dazu in der Lage. Das hat er bewiesen und gelebt, als er seine krebskranke Freundin begleitet hat und eines seiner besten und einfühlsamsten Bücher dazu schrieb. Aber er scheint dies immer wieder zu vergessen. Dieses holystische InteGralität will gelebt werden, aus der vollen Fülle heraus, aus dem Füllhorn des Heiligen Grals und nicht nur als abstrakte Integralität gedacht werden. Leben in Fülle wird eben eher von feministischen Anthropologinnen und Martiarchatsforscherinnen wie Scilla Elworthy, Barbara Walker und Riane Eisler vertreten als von reinen Denkern. Hermann Hesses »Narziss und Goldmund« lässt hier grüßen. Auch er hatte diese Fähigkeit zur Empathie. Nicht nur Frauen haben diese und nicht alle Frauen haben diese – und vor allem jene nicht, die sich an die männlichen Seite der kulturellen Evolution überangepasst haben.

Dies »Junialität« bezieht sich auf alles, was Leben meint: Sie schließt alle Chakraebenen ein, bezieht sich auf Existenz, Geburt, Leben und Tod, Sexualität, Kreativität, Identität, »Ich bin«, Herzensbildung, Empathie, Liebe in all ihren Facetten, Verständigung von Herz zu Herz, Intuition, Vision und last not least die Verbindung von Himmel und Erde. Dazu gehört auch das kämpferische Eintreten für die »Kinder dieser Erde«, wenn diese in Gefahr sind, so wie eine Schwänin ihre Jungen verteidigt, wenn diese angegriffen werden – im Unterschied zur destruktiven egomanischen Aggression des Patriarchats oder dem sich aus der Haltung scheinbar geistig »non-dualen Darüberstehes« Heraushalten-Wollens.

»Jede römische Frau verkörperte einen Teil des Wesens dieser Göttin, trug ihre Juno in sich wie der Mann seinen Genius. Im patriarchalen Sprachgebrauch ging das Wort Juno verloren. Genius hingegen nicht, wodurch die Frauen ihre Seele beraubt wurden – was womöglich erklärt, warum mittelalterliche Kirchenkonzile Frauen mitunter als seelenlos anschauen.« (aus Barbara Walker »Das Geheime Wissen der Frauen«) Der Mond hat zwei Seiten, und die eine, nämlich der weibliche Aspekt, ist bei Ken Wilber stark unterrepräsentiert, ob er es wahr haben will oder nicht. Und die Streits mit Anthropologinnen, welche die Evolutionsforschung aus ihrem ureigenen Fühlen und Denken heraus interpretieren, machen seine Theoreme auch nicht wahrer und richtiger. Im Gegenteil. Hier offenbart sich wohl seine allergrößte Schwäche, und er und seine Anhänger vergeben sich damit die Chance, auf beiden Augen und darüber hinaus auch noch mit dem Herzen sehen zu lernen. Es heißt ja, unter den Blinden sei der Einäugige König und Ken Wilber sieht ja wirklich auf dem rechten Auge brillant. Käme das linke Auge dazu, und nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Anhängern, und käme das rechte Auge bei machen Feministinnen dazu, dann gelänge es uns wirklich, gemeinsam als neue Männer und Frauen in eine Neue, sowohl weiblich-männlich ausgewogen balancierte Welt als auch in eine jenseits aller Geschlechtlichkeit »Göttliche Welt auf Erden« (Sri Aurobindo) einherzugehen.

Wir werden sehen. Und nicht nur das: Wir dürfen es neu leben und erleben. Wir, das sind alle Menschen – transluzent nennt sie Arjuna Ardagh, auch kulturkreativ werden sie genannt – die sich in den Neuen Lebensgärten der Menschheit zu neuen Ufern einer lebens- und liebenswerten Zukunft aufgemacht haben, so auch wir hier auf La Palma und in Deutschland in unseren »kleinen und feinen« Retreat- und Transformationsorten und Netzwerken. Wir alle sind der »Neue InteGrale Mensch« mit all unserer Liebe und Hingabe an ein Neues Sein und mit all unseren Macken und Schatten, die wir gemeinsam heilen dürfen. Und dazu dürfen wir uns alle die heilenden Hände reichen, wir wirklich alle, gemeinsam mit Ken Wilber, sowie seinen »Anhängern« und »Gegnern«. Wir müssen es nur wollen und tun. Welcome New Holy Integral World! Namasté. Ich unterschreibe hier bewusst diesen Leserbrief mit meinem matriarchalen Namen aus den 90er Jahren:

Gerd June Soballa, E-38750 El Paso (La Palma), D-79102 Freiburg, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

»Jeder hat seine eigene Wahrheit«

(zu Connection Spirit 1-2/2013, »Mega-Genie Ken Wilber«)

Lieber Wolf, »die Theorie bestimmt, was wir beobachten können«, sagte Albert Einstein. Das vorweg. Nun hat die Connection das Thema Ken Wilber und seine Philosophie zum längeren Thema gewählt. Und da gibt es in der Tat einiges Lesens- und Überlegenswertes. Ich hoffe allerdings, dass auch weiterhin kritische und besonnene Artikel als gleichwertige platziert werden, d.h. ich bin mir sicher, dass das so sein wird! Einige Zeit lang habe ich auch die Hauszeitung von Andrew Cohen »Was ist Erleuchtung« gelesen (der Titel wechselte, mal englisch, dann deutsch, wieder englisch). Die fand ich eine Weile auch sehr interessant, sie wurde mir aber irgendwann überwiegend zu kirchlich. Wie ja auch schon in der Connection beschrieben, betreiben sie »Salons«. Das nannte man früher Tempel. Und diese lächelnde angebliche Weisheit und Erleuchtung…, na gut, ich weiß, ich bin halt noch nicht so weit.

Nun, deine starke Begeisterung erstaunt mich ein wenig. Zwar kenne ich das auch oftmals, wenn ich philosophische Texte (wieder)lese. Manche Erkenntnisse dieser Denker können eine wahrlich fast umhauen. Aber wir Menschen sind vom Ganzen ein winziger vorübergehender Partikel, wir werden aussterben wie die Saurier und auch unser System (Sonne etc) wird wieder eingeschmolzen. Ob da noch mehr ist, so Seelen und anderes »Feinstoffliches« (auch so ein Esowort, das auf die schwarze Liste gehört)? Bestimmt, ganz bestimmt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt! Das viel beschworene und anzustrebende Nichts. Tja, das gibt's nicht mehr! Da war mal eins, dann gab's 'nen Knall und dann war was, nämlich Energie, und ein klitzekleiner Zweig entwickelte Wasserstoff, Eukaryonten und so weiter. Aber es entstand sehr wahrscheinlich so vieles mehr, dass man annehmen darf, dass die Erde und das Gekrauche darauf nicht so bedeutend sind.

Dann der Artikel von dem blonden Strahlemann. Wieder ein Beweis, wie aus guten Überlegungen Wurst und Sülze gemacht wird. Die Steigerung kommt mit der Beschreibung der »Medaille«, die eine nonduale Seite habe. Ah ja! Geht's noch? Zum Schluss zitiert er angeblich K.W., aber das klingt so süßlich. Nee, wird mir komisch von. Und dann diese Grafik! Warum denn einfach, wenn es auch kompliziert geht. Bestimmt kommt demnächst noch Don Becks Farbkasten dazu und dann wird sich positioniert. Zur Versöhnung: All diese Spielereien mit Kästchen und Quadranten sind schon auch anschaulich und leisten Hilfe sich (mich) zu orientieren. Prinzipiell finde ich alle diese Denker beachtenswert. Es sind aber nur Überlegungen. Jeder hat seine eigene Wahrheit (siehe P. Watzlawick) Und ob es eine, wie hoch auch immer angesiedelte, generelle Wahrheit gibt? Nö!

Rolf (Heiliger mit Schein der persischen Tradition nach Schah l'A Than) Bennecke, D-28870 Ottersberg, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

   
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