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Editorial 7/8-13

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Die Zeit, das Wachstum, Anfang & Ende

Photo Wolf Schneider

Wie gehen wir mit der Zeit um? Mit der Lebenszeit, die uns gegeben ist, dem Tempo, in dem wir sie durcheilen, der Muße, die uns doch so gut täte? Haben wir genug Zeit? — »Zeit« ist das in der deutschen Sprache meist verwendete Substantiv. Kaum etwas ist uns so wichtig, wie Zeit zu haben und sie gut zu nutzen.

Es muss aufwärts gehen

Zu einem guten Gefühl im Umgang mit der Zeit gehört, dass es aufwärts geht. Abwärts? Bitte nicht. Es muss aufwärts gehen, irgendwie weiter und voran. Wir lechzen nach dem Gefühl Fortschritte zu machen, sonst wäre das Leben allzu trist. Um in den Genuss dieses Gefühls zu bekommen, dass es irgendwie voran geht, sind wir zu allerlei Selbsttäuschungen bereit. Dazu gehört auch das Thema Wachstum. Wenn es irgendwo Zuwachsraten gibt, fühlen wir uns gut. Zuwachs erscheint uns immer besser als Stagnation, fast egal, was da anwächst und was stagniert. Selbst dann, wenn etwas Gutes auf hohem Niveau stagniert, ist das nicht so interessant wie ein Anwachsen von etwas auch noch so Kleinem, denn das Anwachsen verheißt Zukunft.

Furcht vor der Stagnation

Der Wachstumswahnsinn unserer Wirtschaft hat aber nicht nur psychologische Gründe. Es gibt auch ökonomische Gründe hinter dieser Getriebenheit, das sind die die Zins- und Rendite-Erwartungen des Kapitals, die bewirken, dass man als wirtschaftlich Tätiger nicht ruhen kann. Auf etwas Erreichtem sich ausruhen und das gut finden, wo man gerade ist? Unsere Seele würde das schätzen, aber unsere Wirtschaft nicht. Es muss weiter gehen, immer weiter. Schon ein Null-Wachstum wird von Ökonomen als Rückschritt bewertet, der uns in eine Rezession trudeln lässt, sagen die angeblich »Wirtschaftsweisen«, und dann kommt es schlimm, siehe 1929-33. So addieren sich der ökonomische Druck einer zinsgetriebenen Wirtschaft und die Erwartung unserer Psyche, dass es irgendwie immer besser werden muss. Beides zusammen schafft eine Mischung aus Hektik und Unzufriedenheit, und alles bleibt beim Alten: Die Natur wird weiter ausgebeutet, der Mensch ebenso, business as usual. Wirtschaftliche Entwicklung ist »kreative Zerstörung« (Marx, Sombart, Schumpeter). Aha. Die Folgen solch eines Wirtschaftens sieht man auch innen: Die ständige Aufbruchstimmung, die das von uns verlangt, führt zur dauerhaften Alarmierung des Hormonsystems. Das tut dem Körper nicht gut, von der Seele ganz zu schweigen. Wenn dann doch mal etwas ruht, fühlt sich das an wie die Ruhe vor dem Sturm. Tatsächlich sind die Zusammenbrüche des gnadenlos Hochgepushten unausweichlich, das ist so sicher wie der Tod, der auf die Geburt folgt.

Zyklen

Können wir inmitten von alledem glücklich sein? Ja, es geht. Aber dazu braucht es die Fähigkeit, im Unveränderlichen zu ruhen. Von dort aus die Veränderungen zu betrachten, macht dann keine Angst mehr. Es gibt ja nicht nur anwachsende und abnehmende Linien, es gibt auch Zyklen. Jetzt haben wir Sommer, es ist warm, die Wälder, Wiesen und Felder überbieten sich in ihrer Fülle und Pracht. Schon im späten August aber spüren wir das Herankommen des Herbstes: im vergilbten Gras, den immer früher einsetzenden Sonnenuntergängen, den morgendlich taubenetzten Spinnweben. Wenn dann im Oktober die Blätter fallen und uns fröstelt, brauchen wir uns vor dem Winter nicht zu ängstigen, denn wir wissen, dass es ein Frühjahr geben wird mit sich verlängernden Tagen, Narzissen und blühenden Bäumen.

Auf- und Abschwünge

Wir feiern Geburten und Beerdigungen, gut so. Wir feiern Hochzeiten, erweisen uns beim Feiern von Scheidungen aber als deutlich spröder. Obwohl wir doch wissen, dass alles, was angefangen hat, auch ein Ende hat. So ist es auch mit dem Wachstum, in der Wirtschaft ebenso wie in der Natur: Was angestiegen ist, muss wieder absinken, was gewachsen ist, muss schrumpfen, auf den Aufschwung folgt ein Abschwung, auf die Expansion eine Kontraktion, auf dem Boom eine Rezession, auf die Blase der Crash. Die Frage ist jeweils nur: Wann wird das passieren? Dass es passiert, ist sicher.

Für diejenigen, die nur Print lesen und nicht auf connection.de schauen: Unsere gedruckte Ausgabe ist hiermit erschienen, wie ihr seht – und fühlt, mit euren Händen auf dem Papier. Es geht also weiter. Wir haben mehr als 150 Neuabos bekommen – danke für die großartige Unterstützung von allen, die es weitergesagt oder gleich selbst abonniert haben! Ein Aufschwung, ha! .

Mit zeitlosen Grüßen Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection Spirit 7-8-2013

   
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