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Esoterik und Religion funktionieren nach Marktgesetzen

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Esoterik und Religion funktionieren nach Marktgesetzen
Foto: flickr.com Lauro Roger Mcallister

Spiritueller Kapitalismus

Im spirituellen Ökonomismus wird Religion als Handelsbeziehung zwischen dem Menschen und einer kosmischen Macht interpretiert. Wer im Soll ist, muss Ausgleich schaffen; moralisch wie pekuniär müssen wir für alles bezahlen. Wenn dieses Prinzip eskaliert, entsteht der Spirituelle Kapitalismus mit dem Alptraum einer untilgbaren Schuld und Gott als unersättlichem Gläubiger. Der Protestantismus entstand ungefähr zur Zeit des modernen Kapitalismus und etablierte eine Kultur des Reichen- (selbst)lobs und Armen-Bashings. Heute regiert die neoliberale Weltanschauung, in der ein spiritueller Wachstumswahn den ökonomischen widerspiegelt. Das Prinzip »Gott segnet die Reichen« hat sich ausgeweitet auf alle Schichten zu: »Das Gesetz der Anziehung gibt jedem, was er verdient«

Spiritueller Ökonomismus ist die Grundlage für spirituellen Kapitalismus. Folgender Satz aus Gerhard Polts Film »Man spricht deutsch« verdeutlicht beider Prinzipien: »Wenn man brav ist, bekommt man ein Eis, wenn man nicht brav ist, bekommt man kein Eis.« Dem liegt das Machtgefälle zwischen Eltern und Kind zu grunde, spirituell zwischen einer Gottheit und dem »einfachen Gläubigen« , und es findet eine Art Tauschhandel zwischen den kosmischen Mächten und den irdisch Unterworfenen statt. »Do ut des« ist dessen Urprinzip: »Ich gebe, damit du gibst. « Du gibst gute Taten, Gehorsam, Regelkonformität, und es wird dir dafür das Paradies, Vorschonung vor Höllenqualen oder (in der asiatischen Variante ) Erleuchtung gegeben.

Die »Humane Ökonomie« der Urzeit

Diese ökonomistische Grundhaltung (Interaktion als Tausch zum jeweils eigenen Vorteil) ist umso bemerkenswerter, wenn man die Alternative kennt. David Graebers hat ausgezeichnetes Buch »Schulden – die ersten 5000 Jahre« belegt Graeber anhand vieler ethnologischer Untersuchungen, dass es vor den modernen Formen der Marktökonomie eine Urform gab, die er »Humane Ökonomie« nennt. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass wirtschaftliches Handeln immer aus mehreren Motiven erfolgt. Eine hoch gestellte Persönlichkeit in einem Stammeskollektiv verschenkt zum Beispiel Nahrung, Werkzeug oder Waffen an eine sozial weniger angesehene Person. Dies beinhaltet 1. den ehrlichen Wunsch, dieser anderen Person zu nützen, 2. die Absicht, sich gegenüber dem ganzen Stamm als Person von Ehre und Großzügigkeit zu zeigen, 3. im Schenken einen Beweis des eigenen Reichtums zu liefern, eines Überflusses an »Schenkbarem«. 4. schließlich war vielleicht auch ein Stück Berechnung dahinter. Der Beschenkte könnte dem Schenkenden ja später einmal nützlich sein.

Tauschgeschäfte mit den Göttern

Ging es nicht mehr um Geschenke, sondern um Tausch, waren alle vier Motive bei beiden Tauschpartnern im Spiel, so weit ihre materielle Lage ihnen Großzügigkeit erlaubte. In archaischen Gesellschaften, so Graeber, spielte stets das gesellschaftliche Umfeld eine große Rolle, weil es sich beim Stamm um ein Kollektiv persönlich bekannter Menschen handelte. Erst als anonymere ökonomische Beziehungen üblich wurden, Beziehungen zu Fremden, wandelten sich auch die Motive des Handelns. Das Bündel von Gründen reduzierte sich auf einen einzigen, den vierten: Man gab aus Berechnung, um beim Handelspartner möglichst viel für die eigene Person herauszuschlagen. Der historisch lange Zeitraum, in dem sich diese Veränderung vollzog, nennt Graeber Achsenzeit. Die Epoche ist identisch mit den Gründungsphasen der großen Religionen und liegt etwa zwischen 500 vuZ (Buddha, Laotse) und 600 nuZ (Mohammed).

»Dies führte in der Achsenzeit zu einer neuen Art des Denkens über die Beweggründe der Menschen, zu einer radikalen Vereinfachung von Motiven, die es ermöglichen, Begriffe wie 'Gewinn' und 'Vorteil' zu verwenden. Es begünstigte die Vorstellung, dies seien die eigentlichen Beweggründe und Bestrebungen der Menschen, und zwar in sämtlichen Bereichen ihrer Existenz.« Diese Mentalität, nennen wir sie eigennutzorientiert, hinterließ deutliche Spuren auch in den Religionen der Achsenzeit. Es gab natürlich auch schon in den archaischen Kulten »Tauschgeschäfte mit den Göttern«: Opferte der Mensch Lebensmittel, Hausrat oder Tiere, gaben die Götter dafür Schutz, Segen, Verschonung von Katastrophen. Insofern beginnt die spirituelle Händlermentalität nicht mit der Lebenszeit Buddhas, sondern eher mit dem Übergang von Stammesgesellschaften zu den frühen »Hochkulturen«.

In der heutigen Esoterik werden spirituelle »Sachverhalte« oft in eine ökonomische Sprache übersetzt, so z.B. in der Vorstellung des Universmus als Versandhaus (Bärbel Mohr)

Den Karma-Berg abtragen

Ein besonders auffälliges Beispiel von Spirituellem Ökonomismus beschreibt Graeber anhand des chinesischen Buddhismus. Der Buddhismus, so Graeber, sei über die zentralasiatischen Karawanenrouten nach China gekommen und dort zunächst vor allem von Händlern praktiziert worden. Dies habe abgefärbt. Obwohl es im Buddhismus offiziell keinen Gott, also kein Gegenüber für einen Tauschhandel gab, scheint das Prinzip »do ut des« dort die spirituelle Praxis bestimmt zu haben. Menschen gaben ihren ganzen Besitz einem Kloster. Viele von ihnen gaben sogar ihr Leben. Graeber spricht von dutzenden ritueller Selbstmorde in China um die Mitte des 5. Jhd. nuZ, mit dem Ziel, »die Sünden aller Lebewesen zu sühnen«. Die dahinter stehende Logik besagt: Das eigene Leben ist das wertvollste Tauschobjekt, das ein Mensch geben kann, ein entsprechend hoher Gegenwert ist also zu erwarten. Graeber: »Sie verwandelten sich also in ein Objekt von ewigem Wert, in eine Investition, die in alle Ewigkeit Erträge abwerfen würde.« Ein Mönch dieser Epoche schrieb: »Du kaufst Glück und verkaufst deine Sünden, ganz wie in einem Handel.«

Besonders die spirituelle Schule der »Drei Stufen« pflegte ein ökonomisches Spiritualitätsverständnis: Zentral war die Vorstellung einer karmischen Schuld, »wonach sich sämtliche Sünden, die sich ein Mensch in seinem früheren Leben hatte zuschulden kommen lassen, zu einem Schuldenberg anhäuften, der abgetragen werden musste.« Zahlungsunfähige Schuldner würden als Tiere oder Sklaven wiedergeboren. Auch eine Lösung bot die »Drei Stufen«-Schule an: »Man musste nur regelmäßig für den unerschöpflichen Schatz eines Klosters spenden – und augenblicklich waren sämtliche Schulden aus allen früheren Leben getilgt.« (Graeber) Die Selbstbereicherung der spirituellen Dienstleister soll hier aber nicht im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Es ist ja verständlich, dass jemand, der etwa im Bereich des Spirituellen Heilens arbeitet, auch leben muss und für die aufgewendete Zeit Bezahlung verlangen kann.

Die Esoterik ist kommerziell geworden
Foto: flickr.com Sue Peacock

Ausgleich für's Kosmische Konto

Auch in heutigen spirituellen Veröffentlichungen finden wir Varianten der skizzierten Lehre: Auf der Seite astrosophie.briemle.net findet sich zum Stichwort »Karma« die Erklärung: »Karma ist vergleichbar mit einem Bankkonto im Jenseits: Die himmlische Geisterwelt führt die Soll- und Haben-Bewegungen aufs Genaueste.« Bedeutungsgleich auf »puramaryam.de«: »Unter Karma versteht man also eine Art 'Kosmisches Konto', d.h. die Summe aller noch nicht bewältigten Ursachen, die ihre Wirkung in jeder Existenz neu entfalten, um uns mit der Nase darauf zu stoßen, dass wir endlich Lieben und Vergeben lernen sollten.« Vergebung? Es gibt nichts Unbarmherzigeres als ein Geldinstitut, das bei einem ins Minus gefallenen Konto auf Ausgleich bis auf den letzten Cent pocht. Zum körperlichen, psychischen oder sozialen Leid, das Menschen erfahren, manchmal unvermeidlich, kommt dann noch die Opferbeschimpfung durch die Karmaablösungs-Coaches hinzu: »Wir selber haben uns alles eingebrockt und entscheiden, was wir tun können, um unser Konto auszugleichen, mit liebevoller Unterstützung durch das Licht und alle Lichtwesen.« (puramaryam.de)

»Du musst für alles bezahlen« gehört also zu den grundlegenden Maximen des spirituellen Ökonomismus. Das suggeriert einen Erbsenzähler-Gott, der Strafpunkte in einer kosmischen Flensburg-Datei verbucht. Mindestens ebenso absurd ist die Frage, welche Maßnahmen denn zur karmischen Kontobereinigung geeignet wären. Vielfach läuft es auf »spirituelle Austeritätspolitik« hinaus. Der spirituelle Schuldnerberater rät zu eine Phase des Wohlverhaltens, die – wie in einem Privatinsolvenzverfahren – zum vollständigen Schuldenerlass führen kann. Auch in anderen Bereichen der zeitgenössischen Esoterik werden spirituelle »Sachverhalte« in eine ökonomische Sprache übersetzt. Am bekanntesten ist die Vorstellung vom Universum als Versandhaus (Bärbel Mohr). Man bestellt, das Universum liefert, und sogar Reklamationen sind möglich. Generell gehört zum spirituellen Ökonomismus auch die Definition der spirituellen Dienstleistung als Ware, obwohl dies in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft zugegebenermaßen schwer zu vermeiden ist.

Mit ihrem Ablasshandel hat die Katholische Kirche den Klassiker des Spirituellen Kapitalismus erschaffen

Maxima Culpa – die untilgbare Schuld

Was ist nun, vor diesem Hintergrund, »Spiritueller Kapitalismus«? Spiritueller Ökonomismus drückt religiöse Inhalte in Kategorien eines Tauschverhältnisses zwischen dem Menschen und einer kosmischen Macht aus. Er wahrt insofern also noch den Anschein einer gewissen Gerechtigkeit und sinnvollen Ordnung. Demgegenüber stellt der Spirituelle Kapitalismus eine Übertreibung, eine fast karikaturhafte Steigerung ins Maßlose dar. Im Spirituellen Kapitalismus versuchen die kosmischen Mächte (bzw. ihre irdischen Stellvertreter) den Gläubigen zu übervorteilen, indem sie weitaus mehr von ihm verlangen als sie selbst geben. Mittel dazu ist vor allem der Begriff der Schuld, der nicht umsonst an »Schulden« erinnert. Im Spirituellen Kapitalismus wird die Fiktion einer untilgbaren Schuld kreiert. Die »Culpa« (Schuld) in der Liturgie schwillt zur »Maxima Culpa« an, zur übergroßen Schuld. Die Höhere Macht erscheint in einer solchen Konstruktion als schier unersättlicher Großgläubiger, als spirituelles Pendant zum »raffenden Kapital«, das sich durch Schuld(en)dienst die Lebensenergie der Schuldner ad infinitum einverleibt.

Friedrich Nietzsche hat schon 1887 in »Zur Genealogie der Moral« gegen eine derartige Ideologie protestiert: »Dies ist eine Art Willens-Wahnsinn in der seelischen Grausamkeit, der schlechterdings nicht seinesgleichen hat: der Wille des Menschen, sich schuldig und verwerflich zu finden bis zur Unsühnbarkeit, sein Wille, sich bestraft zu denken, ohne dass die Strafe je der Schuld äquivalent werden könnte, sein Wille den untersten Grund der Dinge mit dem Problem von Strafe und Schuld zu infizieren und giftig zu machen.« Auf der ökonomischen Ebene entspricht die Fiktion einer »untilgbaren Schuld« der Überschuldung. Sie begegnet uns täglich in den Nachrichten im Kontext der Eurokrise. Noch schlimmer ist teilweise die Überschuldung der Länder des globalen Südens. Margrit Kennedy zitiert in ihrem Buch »Occupy Money« den nigerianischen Präsidenten Obasanjo: »Wir haben bis 1985 oder 1986 etwa 5 Milliarden Dollar geliehen: Bis jetzt haben wir 16 Milliarden Dollar zurückgezahlt. Nun wird uns gesagt, dass wir immer noch 28 Milliarden Schulden haben (…) wegen der Zinsraten der ausländischen Kreditgeber.« Eine solche Dynamik ist im Zeitalter des Zinseszinses nicht selten.

Der unerbittliche Gläubiger-Gott

Auf religiöser Ebene entspricht die hoffnungslose Überschuldung der Deutung des Menschseins als prinzipiell schuldhaft – unabhängig von konkreten Taten. Die Parallele zwischen ökonomischem und spirituellem Kapitalismus kann also so beschrieben werden: Eine vom Menschen selbst erschaffene, immaterielle Instanz (Kapital bzw. Gott oder andere kosmische Mächte) unterwirft sich alle Lebensbereiche des Menschen bis in sein innerstes Denken und Fühlen hinein. Besagte Instanz rafft alle Lebensenergie an sich und bewirkt drastische materielle bzw. psychische Verelendung. (Wobei ich Gott nicht schlicht als menschliche Erfindung deuten würde, wohl aber die Figur des unersättlichen Gläubiger-Gottes.) Im zweiten Schritt etabliert sich eine Gruppe von »Finanzexperten« als Mittler zwischen Mensch und Kapital, etabliert sich eine Priesterkaste als Mittlerin zwischen Mensch und Gott. Diese Vermittlergruppe beansprucht erfolgreich die Deutungshoheit über den Umfang und die Art der Schuld und über die Bedingungen, unter denen Schuld(en)erlass gewährt werden kann. Die Katholische Kirche hat mit ihrem Ablasshandel den Klassiker des Spirituellen Kapitalismus erschaffen. Der Bußprediger Johann Tetzel war zu Lebzeiten Luthers für diesen Spruch berühmt: »Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!«

Protestantismus: Gottes Segen für die Reichen

Wie Erich Fromm in seinem grandiosen Buch »Die Furcht vor der Freiheit« aufgezeigt hat, darf der Protestantismus diesbezüglich aber seine Hände nicht in Unschuld waschen. Luther und vor allem Calvin haben ein negatives Menschenbild zur Blüte gebracht, wonach nur äußerste Selbsterniedrigung Gottes Gnade verdienen könne. So schrieb Calvin, nie habe es »ein Werk eines frommen Menschen gegeben, das, wenn es nach Gottes strengem Urteil geprüft wurde, nicht verdammenswert gewesen wäre.«

Nach Calvin hat Gott die Menschen schon vor der Geburt zu Paradies oder ewiger Verdammnis bestimmt. Durch keine noch so gute Tat könne der Mensch der Prädestination entrinnen. Der Arme, Entrechtete hat im Calvinismus zwar nicht »schlechtes Karma«, wohl aber »schlechte Prädestination«, so dass Mitgefühl unnötig erscheint. Erich Fromm versteht diese Wertehaltung als kompatibel mit sozialer Härte und teilweise ursächlich für die Heraufkunft der modernen Industriesysteme. Im Calvinismus ging es nach Fromm »hauptsächlich um berufliche Tüchtigkeit und deren Ergebnis, das heißt um den geschäftlichen Erfolg oder Misserfolg. Erfolg wurde zum Zeichen von Gottes Gnade, Misserfolg deutete auf ewige Verdammnis.« Der Protestantismus habe den Menschen auf seine Rolle vorbereitet, »die eigene Person außermenschlichen Zwecken unterzuordnen« und somit »die Rolle des Dieners einer Wirtschaftsmaschinerie zu akzeptieren«.

»Durch die Geburt wird jedes Wesen als eine Schuld gegenüber den Göttern, den Heiligen, den Vätern und den Menschen geboren« (aus den Veden)

Von Geburt an sündig und verschuldet

Die Idee hoffnungsloser spiritueller Überschuldung bzw. ererbter, zum Wesen des Menschen gehörender Schuld ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der auf Paulus und Augustinus zurückgehenden Lehre von der Erbsünde. In der vedischen Schrift »Satapatha Brahmana«, die mindestens 2500 Jahre alt ist, hießt es: »Durch die Geburt wird jedes Wesen als eine Schuld gegenüber den Göttern, den Heiligen, den Vätern und den Menschen geboren. Wenn man ein Opfer bringt, dann weil man den Göttern von Geburt an etwas schuldet.« In den vedischen Hymnen gibt es auch die Vorstellung, Yama, dem Gott des Todes, sein Leben zu schulden. Durch die Geburt rutscht der Mensch automatisch ins Soll, und erst der Tod führt zum Ausgleich des Kontos. David Graeber fasst diese Philosophie so zusammen: »Die menschliche Existenz an sich ist eine Form von Schuld.« Als Beleg zitiert er einen Ausschnitt aus der Satapatha Brahmana: »Ein Mensch ist, wenn er geboren wird, eine Schuld; durch sein eigenes Selbst wird er zum Tod geboren, und nur wenn er opfert, erlöst er sich vom Tod.« Opfer (Sach- oder Tieropfer) sind demnach »Tributzahlungen an den Tod« (Graeber). »In diesem Sinn ist der 'Tribut' des Opfers eine Art Zinszahlung; das Leben des Opfertiers ersetzt vorübergehend das, was wirklich geschuldet wird, nämlich unser eigenes Leben.«

Götter als Energie-Vampire

Eine eingeschüchterte Menschheit denkt sich die Götter (oder Gott) als kleinliche Wesen, die jede Wohltat nur unter dem Vorbehalt genau quantifizierbarer Gegenleistungen gewähren. Schlimmer noch: Sie erwarten von den Menschen einen Zins in Form eines Opfers an Lebensenergie. Es scheint, als würden die Himmlischen menschliche Selbstentwürdigung wie einen giftig gewordenen schwarzen Rauch als Nahrung genießen können.

Auch der Buddhismus hat seine eigene Variante der Idee einer untilgbaren Schuld entwickelt. So leitet eine Schule des chinesischen Buddhismus die Schuldhaftigkeit der menschlichen Existenz von der so genannten Milchschuld ab. Gegenüber dem Quantum der als Säugling verzehrten Muttermilch und anderer Vorleistungen der Mütter stehen wir ausweglos im Soll. Eine als unendlich gedachte Schuld kann logischerweise nur durch ebenso unendliche Tilgungsanstrengungen beglichen werden. In den Schulen des Mahayana-Buddhismus stellten die »unerschöpflichen Verdienste des Bodhisattvas« diesen (gedachten) Ausgleich her. »Seine unendliche karmische Schuld oder seine unendliche Milchschuld konnte man nur begleichen, indem man aus diesem ebenfalls unendlichen Reservoir der Erlösung schöpfte, das wiederum zur Grundlage für die tatsächlichen materiellen Mittel der Klöster wurde.« (Graeber)

Wachstum ist im Kapitalismus wie im spirituellen Kontext das verzweifelte Ankämpfen gegen einen gefühlten Abwärtssog

Spiritueller Wachstumsdruck

Wenn wir also von der Idee eines durch menschliche Anstrengung nicht ausgleichbaren Defizits ausgehen, wird auch verständlich, warum der Begriff des Wachstums sowohl im neoliberalen Kapitalismus als auch in der zeitgenössischen Spiritualität hoch im Kurs steht. Nach Graeber gehört »unablässige Expansion« z.B. zur Lehre des chinesischen Buddhimus. »Denn das Dharma musste wachsen, bis es irgendwann jeden und jedes Ding einschloss, um Erlösung für alle Lebewesen zu bewirken.« Wachstum ist im Kapitalismus wie im spirituellen Kontext das verzweifelte Ankämpfen gegen einen gefühlten Abwärtssog. Wirtschaftlich kann Wachstum den durch eskalierende Zinszahlung verursachten Abfluss von Geldmitteln ausgleichen. Spirituell kämpft der Mensch mit seinem Wachstumsstreben gegen einen gefühlten permanenten Wertverlust an, der durch »Sünde« oder spirituelle Unkorrektheiten aller Art verursacht wird. Wer wachsen will, hält sich für zu klein.

Ein sehr negatives Menschenbild muss dem zugrunde liegen – vergleichbar dem des Protestantismus zu Lebezeiten Luthers und Calvins. Ich meine hier nicht die Hingabe an ein natürliches, sich spontan vollziehendes Wachstum, sondern eine eskalierende Kultur der spirituellen Wachstumsbeschleunigung. In vielen Lebenshilferatgeber sind Beruf, Partnerschaft, Gesundheit und spirituelles Wachstum die vier Säulen eines erfüllten Lebens. Kein Lebensbereich – außer Geldanlagen – unterliegt einem so starken Wachstumsdruck wie das Feld der spirituell-therapeutischen Selbstoptimierung. Das Hinzufügen von immer mehr gilt als gleichbedeutend mit dem Guten schlechthin. Mit Sicherheit kommt dies auch daher, dass ein negatives Selbstbild ökonomisch verwertbar ist, die Einstellung »Ich bin gut so wie ich bin« dagegen nicht.

Manche Anbieter von spirituellen Dienstleistungen verweisen uns in einer imaginären spirituellen Hierarchie auf einen Platz ganz unten, um uns die Leiter nach oben verkaufen zu können. Im Verlangen, spirituelle Offiziers- und Unteroffiziersränge zu erklimmen, scheuen viele Klienten keine Kosten und Mühen. Sie nehmen selbst im Grunde beleidigende Entwertungen des Status Quo klaglos hin (der Mensch schlafe nur, sei unbewusst, befinde sich permanent in einem verdunkelten Dämmerzustand und andere).

Das Evangelium der Reichen

Im Himmel, in den Buddhaparadiesen und Nirvanas der Religionen dürften sich nur frühere Angehörige der Ober- und Mittelschicht aufhalten. Die anderen können sich die Kosten für erleuchtungsbeschleunigende Seminare schlicht nicht leisten. So erobern sich die Reichen, denen längst die Erde gehört, auch noch den Himmel. Das Lukas-Evangelium wurde oft als das »Evangelium der Armen« bezeichnet, speziell von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Von den USA her kommend und unter dem Einfluss calvinistischer Lehren, hat sich in der Esoterik-Szene aber mittlerweile ein Evangelium der Reichen etabliert. Reichen(selbst)lob und Armen-Bashing sind en vogue. Das Scharnier zwischen traditionellen prostestantischen Vorstellungen und modischen Eso-Trends à la »The Secret« bilden Persönlichkeiten wie Dr. Joseph Murphy (1898-1981), langjähriger Vorstand der »Church of Divine Science«. Von Murphy stammt u.a. der Satz »Armut ist eine Krankheit des Geistes«. Der als »Vater des Positiven Denkens« verehrte Murphy benutzte die Bibel als Zitate-Steinbruch (»Glaube versetzt Berge«), um seine populärpsychologischen Behauptungen zu begründen.

Wer arm ist, hat Reichtum nur nicht intensiv genug visualisiert. Diese Philosophie kommt auch einer (Selbst-)Entlastung der Systemgewinner gleich. Nach dem »Gesetz der Anziehung« erschafft sich jeder sein Schicksal selbst. Der deutsche Murphy-Schüler Erhard F. Freitag fasst zusammen: »Es gibt kein Problem, keine Krankheit auf dieser Erde, deren Ursache wir nicht in uns selbst erfahren könnten.« Die Banker, Spekulanten und Konzernlenker können sich über solche spirituelle Schützenhilfe nur freuen. Sie müssen dann nicht mehr die Verantwortung für Probleme übernehmen, nur weil sie diese verursacht haben.

Die esoterisch verbrämte Gnadenlosigkeit gegenüber menschlichem Leid, die damit einhergeht, erinnert nicht nur an neoliberale Vorstellungen, sondern verweist noch weiter nach rechts. Der »natürliche Ausleseprozess« zwischen ökonomischen Selektionsgewinnern und -verlierern wird von Positivdenkern prinzipiell bejaht. Er wird nur, im Vergleich zum politischen Sozialdarwinismus, auf eine geistige Ebene »gehoben«. Mental optimal trainierte Eliten können sich ihre Privilegien »herbei imaginieren« und sich so aus der Verantwortung für sozial Schwächere billig selbst entlassen.

»Das Resonanzprinzip besagt, dass jeder das erhält, was er verdient« (Thorwald Dethlefsen)

Resonanzgesetz: Jeder bekommt, was er verdient

Von Thorwald Dethlefsen stammt ein Zitat, das alle Formen des spirituellen Kapitalismus schlüssig zusammenfasst: »Das Resonanzprinzip besagt, dass jeder das erhält, was er verdient.« Hier wurde die »Handelsbeziehung mit himmlischen Mächten« in ein anonymes »kosmisches Gesetz« umgewandelt, das nicht bewiesen, allenfalls durch erfundene oder vorselektierte Fallbeispiele illustriert werden muss.

Spiritueller Kapitalismus hebt die Unvereinbarkeitsklausel zwischen Gott und Mammon, auf die Jesus Wert legte, auf. Die Definition des Geldes als »Energie« ist so verführerisch wie tückisch. Geld erscheint so als vom Bewusstsein her manipulierbar, nicht durch politische und ökonomische Strukturen, die regeln, wer sich Geld unter welchen Bedingungen aneignen kann. Spiritueller Kapitalismus rechtfertigt auch die fortschreitende Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich oder – spirituell ausgedrückt – Himmel und Hölle. Wohlhabende Karmagläubige meinen vielleicht, dass sie reich sind, weil sie gut waren; in Wahrheit sind sie gut, weil sie reich waren. Denn wer ein wohlhabendes, bemühtes Elternhaus und eine gute Ausbildung genossen hat, tut sich leichter, eine sensible, achtsame und gewaltfreie Persönlichkeit zu entwickeln.

In ihrer übertriebenen Eigenverantwortungsideologie ist Reichen-Spiritualität tatsächlich nur Überbau des den Zeitgeist dominierenden Neoliberalismus. Dieser gefährlichen und herzlosen Philosophie sollte der vernünftigere Teil der spirituellen Szene künftig eine klare Absage erteilen: Make spiritual capitalism history!

Roland Rottenfußer

Roland Rottenfußer, Jg. 63, war von 2001 bis 2004 in der Redaktion von Connection Spirit und dort für seine bissigen Satiren bekannt. Heute arbeitet er u.a. für Konstantin Weckers Webseite www.hinter-den-schlagzeilen.de und als Autorenscout für den Goldmann Verlag. Er lebt als freier Autor und Lektor in Peißenberg bei München. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Aus dem Heft Spirit 9/10-13 Unterwegs zu einer neuen Geldanschauung

   
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