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Editorial 3/4-2014

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Gleich was anpacken? Oder besser erstmal nach innen schauen?

Photo Wolf Schneider

Müssen wir erstmal nach innen schauen, bevor wir irgendwas anpacken? Erstmal unsere Motive erforschen, eventuell Verdrängtes, Schattenseiten und blinde Flecken entdecken, ehe wir in der Außenwelt tätig werden und dort vielleicht Schlimmes anrichten, weil wir unsere wahren Gefühle und Motive nicht kennen? Das ist die Haltung der meisten psychoanalytisch Gebildeten und spirituell Bewegten: erst innen, dann außen. Was dazu führt, dass die in der Außenwelt Aktiven sie als Träumer oder weltabgewandte Nabelschauer verspotten oder sie sogar als Egoisten beschimpfen: Ihr kümmert euch doch nur um euer eigenes Seelenheil! Wenn vor euren Augen jemand (oder die Umwelt) zugrunde geht, dann sagt ihr doch nur: Das ist Karma, Schicksal, Gottes Wille – tut mir leid, da kann man nichts machen. Oder sollten wir erst nach außen schauen, dorthin, wo Menschen leiden, wo es etwas zu tun gibt und wir gebraucht werden? Erstmal die Umstände schaffen, damit die Menschen sich Introspektion und Meditation überhaupt leisten können. Psychoanalyse, Spiritualität, Esoterik das sind doch nur Freizeitbeschäftigungen der Gesättigten, die sonst keine dringenderen Probleme haben, die nicht drei Kinder durchzubringen haben, kranke Eltern, Schulden, eine Erbkrankheit oder das Pech hatten arm geboren zu sein.

Die Henne und das Ei

Die Frage nach der Priorität von Innen oder Außen ist so alt wie die Welt. Immerhin müssen wir beiden Seiten zugestehen, dass beide eine gewisse Relevanz haben. Ist es hier vielleicht wie mit der Henne und dem Ei? Dass es mal mehr ums Eierlegen geht, mal mehr um die Aufzucht der Küken und die Fruchtbarkeit der Hennen, die dann wieder die Eier legen? Mag sein, dass sich materiell gesättigte Gesellschaften mehr um ihre Innenwelten kümmern sollten, um ihre wirklichen Motive und tieferen Schichten des Daseins, während andere erstmal ums physische Überleben ringen. Doch das eine bedingt das andere. Armut ist meist verschwistert mit Ignoranz und notgedrungen vermiedener Innenschau, was die Chancen vermindert, aus ihr auszubrechen. Wenn andererseits übersättigte Menschen nur nach innen schauen und sich nicht mit der Außenwelt beschäftigen, kann die dabei übliche Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt chronisch werden.

Sogar die Frage, ob für ein Aufblühen der Liebe zuerst die Nächstenliebe oder erst die Selbstliebe da sein muss – eine Frage, die Christen und Esoteriker seit langem entzweit –, lässt sich vielleicht ebenso beantworten: Mal weckt die Liebe zu einem anderen Menschen erst die Liebe zu sich selbst; mal braucht es erst die Liebe und Wertschätzung für sich selbst, um einem anderen Menschen Liebe geben zu können.

Tu was!

Seit es sie gibt, hat diese Zeitschrift den Wert von Meditation und kritischer Introspektion hoch gehalten. Ohne dabei die Außenwelt zu ignorieren, aber tendenziell doch so: Schau erstmal nach innen, bevor du was tust! Das vorliegende Heft von Connection Spirit will nicht das Innere ignorieren, sagt aber doch: Schau mal nach außen, da gibt es was zu tun! Dabei kannst du Einsichten gewinnen. Auch wenn du dir deiner tiefsten Motive und der Reinheit deines Bewusstseins noch nicht ganz sicher bist und deshalb befürchtest, mit deinem Tun Kollateralschäden anzurichten: Tu was! Auch im Tun können Erkenntnis, Weisheit, Glück gedeihen. Tätigkeit kann aus inneren Schlaufen befreien und tiefe Einsichten bringen.

Das Engagement beim Bau von Earthships ist ein gutes Beispiel für ein lohnendes Tun. Die Arbeit daran fordert heraus und macht Freude. Sie ist ein Gemeinschaftswerk, sie beseitigt Abfälle und reduziert den Energieverbrauch. Sie schont unsere Umwelt und erschafft dabei schöne, gesunde, wohnliche Häuser. Und es gibt noch viele andere Initiativen, bei denen spirituell bewegte Menschen trotz oder sogar wegen all der Hindernisse, die dabei auftreten, Freude, Erfüllung und – ja, Weisheit erlangen können.

Connection Spirit wird sich im Jahr 2014 weiterhin mit solchen Initiativen befassen. Ich hoffe, dass wir damit Menschen bewegen können, sich zu engagieren. Dabei dürft ihr weiterhin Abonnenten bleiben – bei all dem Tun alle zwei Monate mal was lesen, das ist nicht zu viel. Und ihr dürft auch weiterhin meditieren. Aber: Tut was! Es macht Freude und bringt euch und anderen fühlenden Wesen – und unserer Erde – Glück.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection Spirit 3-4-2014

   
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