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Wie vermittelt man Spiritualität?

Details

Wie vermittelt man Spiritualität?
A.H. Almaas und Karen Johnson.
Fotos: Ridhwan Foundation

Weisheit vom Podium verkündet

Ist das belehrend? Ist es inspirierend? Ist es ein »offener Raum«? Saleem hat an einem Seminar mit Almaas teilgenommen, in dem Frontalunterricht mit Kleingruppenarbeit abwechselte, und stellt sich dabei erneut die uralte Frage, wie spirituelle Weisheit am besten vermittelt werden kann...

Hameed Ali alias A. H. Almaas gilt als einer der renommiertesten spirituellen Lehrer und Autoren unserer Zeit. Der »Diamond Approach«, der in seiner Ridhwan-Schule gelehrt wird, zieht weltweit tausende Schülerinnen und Schüler an, darunter auch manche Tantralehrer. Da ich schon viel von dieser Schule gehört hatte und Almaas' Bücher zu den tiefgründigsten zum Thema Sein gehören, wollte ich ihn und seine Arbeit direkt kennenlernen. Zusammen mit Karen Johnson, mit der er seine Arbeit in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hat, leitete er im Mai 2015 in Berlin ein »Quasar«-Seminar mit dem Titel »freedom of unity, breaking down the walls«, passend zum Tagungsort inmitten des wiedervereinigten Berlin.

Es wäre unmöglich und vermessen, die Essenz seiner Lehre hier in Kürze wiedergeben zu wollen. Wer sich dafür interessiert, möge sich seine Bücher vornehmen, wobei das selten leicht zugängliche und verdauliche Kost ist. Mir geht es hier um die Frage: Ist seine Form der Vermittlung in einer Art Frontalunterricht noch zeitgemäß? Mehr als 300 Teilnehmer nahmen in einem dicht bestuhlten Saal geduldig die Teachings entgegen, zweimal am Tag unterbrochen durch Übungen verbaler Selbsterforschung in Paaren oder Kleingruppen.

Im Anschluss an die Selbsterforschung konnten wenige per Handzeichen Auserwählte ihre Fragen im Plenum vortragen, auf die Hameed oder Karen vom Podium aus eingingen. Es gab durchaus kritische Stimmen zum Setting, aber die Mehrzahl der Besucher schien damit einverstanden zu sein. Was macht ein solches Setting so attraktiv? Ist die Lehre so bewusstseinserweiternd, dass man äußere Enge dafür gerne in Kauf nimmt? Ist es das Hochgefühl, sich in einer großen Gemeinschaft Gleichgesinnter auf wesentliche Fragen der Existenz auszurichten? Die Meditationen in diesem Feld waren für mich tatsächlich äußerst kraftvoll.

Die Selbsterforschung

Wesentliche Praktik der Ridhwan-School ist möglichst unvoreingenommene Selbsterforschung, genannt »Inquiry«. Dabei gilt stets die Einladung, alles, was im Bewusstsein auftaucht, sei es in Form von Gedanken, Gefühlen, Sinneswahrnehmungen oder in anderer Form, anzuerkennen und in seiner Tiefe zu ergründen, ohne es zu bewerten. Die Offenheit gegenüber dem, was tatsächlich ist, wirkt auch in meiner Erfahrung befreiend und lässt den Forschenden wie von Zauberhand geführt in immer tiefere Schichten seiner Existenz vordringen. Jede Schicht gibt den Blick in die nächsttiefere frei, sobald und soweit sie als das wahrgenommen wird, was sie ist, und welchen Zweck sie erfüllt. Hier trifft sich die Grundmethodik vieler humanistischer Therapieansätze mit einer Weisheit und einem Wissen um die Natur des Seins, die sich in vielfältigen Facetten manifestiert und doch immer eine Einheit bildet.

Wenn Grenzen nicht mehr trennen, sondern zu Phänomenen innerhalb der Einheit werden

Innere Mauern

In den kleinen Selbsterforschungen ging es überwiegend um das Phänomen, dass innere Mauern durch Wahrnehmung und Akzeptanz durchlässiger werden oder sich auflösen lassen. Wahre Freiheit besteht also nicht, wie in unserer Kultur oft missverstanden, im Abwenden von dem, was uns fesselt oder bindet, sondern im Anerkennen unserer Einzigartigkeit mitsamt unserer Grenzen. Letztere trennen dann nicht mehr, sondern werden zu Phänomenen innerhalb der Einheit, im Innen wie im Außen.

Wer dies zum ersten Mal erfährt, erlebt ungeahnte Euphorie: Ich kann in meiner Einzigartigkeit ganz und gar ich selbst sein und bin doch Teil des größeren Ganzen, vollkommen frei und vollkommen verbunden. In jeder Begegnung begegnet das Leben oder das Sein sich selbst, sieht durch andere Augen in die eigenen, sieht sich in seiner inneren Natur reiner Präsenz gespiegelt, immer wieder in jeweils anderem Gewand. Wow! Auf dieser Basis war es möglich, dass viele Menschen auf engsten Raum innerlich bewegt, zuweilen auch aufgewühlt zugleich inneren Frieden fanden. Sie mussten ihre Gefühle nicht ausagieren, und Konflikte hielten sich, trotz zu weniger Toiletten, in engen Grenzen.

Der rosa Elefant

Doch es gab auch Schattenseiten. Eine kritische Frage aus dem Publikum stieß direkt in den blinden Fleck hinein. Ihr Grundtenor lautete etwa so: »Haben die ausführlichen Teachings nicht eine so große Suggestivwirkung, dass der Einladung, in den nachfolgenden Kleingruppen vorbehaltlos nur der eigenen Wahrheit nachzuforschen, nicht wirklich nachgekommen werden kann? Wenn ich immer wieder von einem Rosa Elefanten höre, dann die Augen schließe und einen Rosa Elefanten sehe, ist der nun Teil meiner inneren Wahrheit oder schlicht eine innere Rekonstruktion dessen, was mir vorher im Teaching nahegebracht wurde?«

Der Rosa Elefant stand in dieser Frage sinnbildlich für die wahre Natur oder alles umfassende Einheit, von der immer wieder gesprochen wurde. Ich war elektrisiert. Was für eine scharfsinnige Frage! Der Inhalt der Teachings war oft so subtil und tiefgründig, dass eine Unterscheidung von innerer Wahrheit und einer Übernahme äußerer Informationen oder Glaubenssätze kaum möglich scheint. Jetzt war ich gespannt. Wie würde Karen antworten? Die beiden wechselten sich ab, Hameed Ali saß gerade hinten im Plenum. Ob auch er gespannt auf ihre Antwort war?

Wie vermittelt man Spiritualität?
Fotos: Ridhwan Foundation

Rechtfertigung

Um es vorwegzunehmen: Karens Antwort enttäuschte mich: »Wir haben nie gesagt, dass ihr glauben sollt, was wir lehren! Und außerdem bringen wir hier doch nur einen Bruchteil dessen, was unsere Lehre ausmacht.« Das mag stimmen, geht an der angesprochenen Problematik aber glatt vorbei. Eine Suggestionswirkung unterläuft ja gerade die bewusste Unterscheidungsfähigkeit. Nicht nur der Inhalt, auch der Tonfall verriet Karens Modus der Rechtfertigung. Wann immer ich diesen Modus in mir entdecke, läuten Alarmglocken. Erstens weil es sich bei näherem Hinspüren quälend anfühlt und zweitens, weil sich durch Rechtfertigungsversuche Unverständnis eher verfestigt statt auflöst.

Ungebeten Hilfestellung zu geben, ist in der Therapie- und Spiritszene so weit verbreitet, dass es als selbstverständlich gilt

Das erhobene Podium

Ein blinder Fleck hatte sich offenbart, und ein wie ich finde gewichtiger, der mich zur Ausgangsfrage zurückführt: Ist diese Art der Vermittlung noch zeitgemäß? Damit meine ich nicht nur das Frontalsetting, sondern vor allem die Haltung eines Wissenden (wahlweise zu ersetzen mit Erleuchtetem, Erwachtem, …) auf einem physisch wie symbolisch erhobenen Podium. Per intellektueller, geistiger, energetischer oder sonstwelcher Übertragung lässt er Minderwissende oder Mindererwachte an seiner fortgeschrittenen Bewusstseinsstufe teilhaben und führt sie damit im besten Falle zu ihrem eigenen Erwachen. Solche Formen der Vermittlung spiritueller Weisheit haben eine lange Tradition. Es liegt mir fern, sie zu entwerten oder gar zu verurteilen. Sie haben ihre Wirksamkeit oft genug bewiesen.

Ihre Schattenseiten sind aber auch hinlänglich bekannt: Selbstüberschätzung, Machtmissbrauch und vor allem die Etablierung von Abhängigkeitsverhältnissen gehören wesentlich dazu. Die Ridhwanschule hat diese Themen meiner Einschätzung nach im Blick. Keiner derer, die kritische Fragen stellten, wurde herabgewürdigt oder ins Abseits gedrängt.

Machtgefälle

Was ich allerdings dennoch beobachten konnte: Wer sich kritisch zu Wort meldete, wurde sehr einfühlsam auf den Aspekt in sich selbst aufmerksam gemacht, der in seinem Erleben zum Ausdruck kam. Auch das könnte man, weil dafür nicht jeweils das Einverständnis eingeholt wurde, als therapeutisch getarnte Etablierung eines Machtgefälles interpretieren. Dazu kommt die regressionsfördernde Wirkung des Settings. Viele Wortmeldungen kreisten um das Thema, gehört und gesehen zu werden, was man als Übertragungssituation von Mama oder Papa verstehen kann. Das kam auch in kindlich klingenden Stimmen zum Ausdruck. Aber all das war den meisten wahrscheinlich sehr willkommen, hatten sie doch dafür bezahlt, mit sich selbst weiterzukommen.

Aber nicht alle Betroffenen schienen damit glücklich oder fühlten sich mit ihrem Anliegen gesehen. Ungebeten Hilfestellung zu geben ist in der Therapie- und Spiritszene so weit verbreitet, dass es als selbstverständlich durchgehen mag. Das ist es aus meiner Sicht aber nicht. Auch als Seminarleiter oder Therapeut muss ich nicht davon ausgehen, dass mein – vermeintlicher oder tatsächlicher – Erfahrungsvorsprung immer das ist, was gefragt oder hilfreich ist.

Sprechen über das nicht Sprechbare

Hameed habe ich auf dem Podium als tief im Sein gegründet wahrgenommen. Ihm zuzuhören war für mich eine Meditation, nach der ich schmunzelnd feststellte: Das hätte er auch in zwei Sätzen sagen können. Aber eben nicht wollen. Es fand etwas schwer Fassbares statt. Manche nennen es Energieübertragung. Etwas in mir blühte auf, und dies wirkte durchaus eine Weile nach. Die subtile Wahrnehmung dessen, was wir auf dem Grund unseres Seins wirklich sind, lässt sich nicht greifen, es entzieht sich jeder Funktionalisierung. Da tut es erstmal gut, von einer Autorität auf diesem Gebiet zu hören, dass es dieses wahre Sein wirklich gibt!

Aber was kommt dann? Wie wirkt das nachhaltig? Vertraue ich mehr dem Lehrer oder mehr meiner eigenen Erfahrung? Was geschieht, wenn sich meine Persönlichkeit dieser Bestätigung von oben bemächtigt? Hameed spricht ex kathedra über »true nature«, natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass sich diese mit Worten gar nicht beschreiben lässt. Ein Schelm, wer daran denkt, wir könnten die Ausrichtung auf die wahre Natur auch zur Flucht vor dem weniger Erhabenen in uns nutzen! Ich spreche nicht von einer vagen Möglichkeit. Ich bin in meinem Leben einigen »Erleuchteten« begegnet, deren Verwirklichung ich für eine groteske Karikatur dessen halte, was sie zu sein vorgaben. Dagegen verblasst sogar das Esokabarett von Wolf Schneider!

Das Frontalunterrichtssetting steht in erheblicher Diskrepanz zur eigentlichen Lehre, es drückt wenig Vertrauen ins Sein aus

Attitüde des Wissens

Das alles habe ich nicht auf dem Seminar gesehen. Ich mochte Hameeds Freude an seinen meditativen Gedankenspielereien – »life entertaining itself«, wie er einmal sagte. Seine Attitüde des Wissenden trägt er mit Authentizität, Charme und Bescheidenheit. Dennoch färbt diese Attitüde ab. Sie wird von Schülern übernommen, ohne dass sie es unbedingt merken, bis hinunter zum Organisator, der mit altväterlichem Gestus eine dilettantisch ausgestellte Rechnung als korrekt verkaufen will. Eine Anekdote, ja, aber vielleicht ein Hinweis auf den Schatten? Die Haltung des »Ich weiß etwas, was du nicht weißt« fördert Täuschung – Selbsttäuschung wie Fremdtäuschung. Die Antwort von Karen auf die Frage nach der suggestiven Wirkung ihrer Teachings war insofern eine Ent-Täuschung im besten Sinne. Selbst wenn sie hundertmal behauptet hätte, wir müssten ihr nichts glauben, hätte mich das nicht so von eben diesem Nicht-glauben-müssen überzeugt wie ihre enttäuschende Antwort, auch wenn diese nicht in dieser Absicht gegeben worden war.

Ich stelle das Setting und die darin ausgedrückte »Attitüde der Wissens« in Frage. Allerdings: Gibt es überhaupt sinnvolle Alternativen? Wie sonst soll denn der Bewusstseinsvorsprung eines Menschen auf andere übertragen werden? Eine Verleugnung von Bewusstseinsstufen und daraus entstehenden Rangordnungen schiene mir ein Rückschritt. Nicht nur mir graut vor basisdemokratischen Strukturen, wo jede Dummheit die gleiche Wirkung erzielen kann wie echte Brillanz. Das ist sicher einer der Gründe, welcher althergebrachte ordnende Strukturen attraktiv macht.

Vertrauen ins Nicht-Wissen

Aber es gibt eine Alternative. Sie ist so naheliegend, dass wir nicht so schnell darauf kommen. Wir suchen mit dem Scheinwerfer unserer Erfahrung und unseres Wissens, aber genau damit werden wir nicht fündig. Denn was wir brauchen, um wirklich neue Formen der Vermittlung zu entwickeln, ist Vertrauen ins Nichtwissen. Damit ist nicht plumpe Ignoranz gemeint, sondern eine höchst präsente Form von Anwesenheit, von Offenheit für das, was noch nie da war. Für das Jetzt. Wir können sogar auf wissende Weise mit dem Nichtwissen arbeiten. Das klingt paradox und ist es auch. Der mehr oder weniger Erwachte kann Methoden einsetzen, die aus seinem tiefen Vertrauen ins Sein resultieren. Sie geben einer Bewusstseinsentwicklung bei seinen Schülern Raum, beruhen aber nicht auf Übertragung oder Suggestion, sondern auf dem Vertrauen in die evolutionäre Eigendynamik des Seins.

Das Vertrauen in diese Dynamik ist eine der Stärken des Diamond Approach: Indem wir das da sein lassen, was ist, und es vorbehaltlos erforschen, tauchen wir tiefer in seine essenzielle Natur ein. Wir brauchen nicht vorher zu wissen, wohin das führt. Eine solche Art der Erforschung wird selbst zum Wegweiser. In den Übungsteilen der Kleingruppen wurde diese Haltung konsequent ermutigt, auch wenn sie auf die verbale Ebene beschränkt blieb.

Das Frontalunterrichtssetting steht jedoch in erheblicher Diskrepanz zur eigentlichen Lehre, es drückt wenig Vertrauen ins Sein aus. Wie sähe ein solches Seminar aus, wenn die ganze Gruppe, 320 Menschen, sich und ihr Sein selbst erforschte? Was wäre dann die Rolle der Seminarleiter? Dafür bräuchten sie – bräuchten wir – ziemlich sicher neue Strukturen. Aber welche?

Dieser Frage nachzugehen und neue Formen zu entdecken und zu erforschen schiene mir wahrhaft zukunftsweisend. Eine große Hilfe wären dabei Mut zum und Vertrauen ins Nichtwissen. Oder sind diese gar wesentliche Merkmale echter spiritueller Weisheit?

Saleem Matthias Riek

Lektüre zum Thema:
A.H. Almaas, In die Tiefe des Seins, SC 260 S., Kamphausen 2010, 19,50 €
A.H. Almaas, Runaway Realization – Living a Life of Ceaseless Discovery, Shambala 2014, als E-Book oder SC.
Saleem Matthias Riek, das Kapitel Leiten durch Nicht-Wissen in Leben, Lieben und Nicht Wissen, SC, BoD 2006, 12,90 €.

Saleem Matthias Riek arbeitet seit mehr als 25 Jahren mit Gruppen, mit Schwerpunkt Liebe, Eros, Bewusstsein; seit 2010 im Rahmen seiner »Schule des Seins«. Seit 2000 bildet er Gruppenleiter aus, um auf der Basis der »Kunst des Seins« Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen. www.schule-des-seins.de, Diskussion auf der FB-Seite (Datum 9. Mai)

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Aus dem Heft Spirit 7/8-2015 Ankommen im richtigen Leben

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